Dienstag, 16. September 2014

Inventing Afro-Punk? Osekre & The Lucky Bastards


Afropunk, was soll das sein? Der Dokumentarfilm gleich Namens widmet sich ja eher der afro-amerikanischen Minderheit in der von Weißen dominierten Punkszene in den USA. Die Bad Brains waren auch eher Afro-American Punks (mit karibischer Vision), ebenso wie die Detroiter Pioniere Death oder später der Rap-Poet Mike Ladd. Aber Punk aus Afrika? Von Ausnahmen wie den (weißen) Kalahari-Surfers aus der Industrienation Südafrika oder einem Nomaden wie dem Rai-Sänger Rachid Taha ist Punk in der afrikanischen Musik seltsamerweise nie eine Referenz gewesen. Vielleicht ist es, historisch, ästhetisch, konzeptuell, einfach mal ... zu weiß? Das sind so die Fragen die mir durch den Kopf schwirren, bevor sich die Skype-Verbindung mit Ishmael Osekre aufbaut.

In Zeiten der Globalisierung war es nur eine Frage der Zeit, bis jemand auftaucht, der die losen Enden aufnimmt, verknüpft und Afrofunk - der ist ja derzeit durchaus populär - auf Afropunk reimt. Und irgendwie ist es auch kein Wunder, dass dieser Ishmael Osekre, der den Begriff im Wortsinne für sich reklamiert, in Brooklyn residiert, denn da kommen solche Dinge eben auf engstem Raum zusammen.

Das Coole an der Geschichte ist jedoch, dass die physische Manifestation dieses historischen Moments bei uns in Berlin das Licht der Welt erblickt: Waren die Songs von Osekre & The Lucky Bastards bisher ausschließlich live oder im Internet zu erleben, erscheint nun eine schicke 45er mit den beiden größten Hits der jungen Band - "Why Are You Here" und "Mama Said" - auf John Steam Records ... und das ist ja nur ein kleiner Teil des Imperiums, zu dem auch das Magazin gehört, das nun in eurem Gästeklo ausliegt. Ihr lest also gerade so eine Art unbezahlte, als redaktionellen Beitrag getarnte Anzeige - so sind wir, korrupt wie eine afrikanische Verwaltungsbehörde, aber alles für die gute Sache.

Ishmael Osekre ist ein lustiger Interviewpartner. Zunächst mal hat er eine Menge Fragen: Woher kenne ich Gary Flanell? Wie finde ich die Platte? Gibt es in Berlin viel DIY-Kultur? Nach einer Weile beantwortenden Vorgeplänkels erinnere ich ihn daran, dass ich hier die Fragen stelle.

Sun Ra Bullock (SRB): Ishmael, wie bist du an die Musik geraten ... und an deine Band?

Ishmael(I.): Ich komme ursprünglich aus Ghana und studiere an der Columbia State University. Als ich damit angefangen habe, war ich eigentlich eher vor allem Dichter: Ich machte spoken word poetry und schrieb für die Uni-Zeitung. Das hat sich rumgesprochen, und während meines zweiten Studienjahres wurde ich eingeladen, bei einer Veranstaltung an der Uni etwas vorzutragen.

Ein Freund von mir spielte dort mit seiner Band, die aber keinen Sänger hatte. Also taten wir uns zusammen, und ich trug nach meiner Performance ein Gedicht zu einem ihrer Beats vor. Das klappte richtig gut! Ich dachte: Wow, das ist richtig cool, ich sollte drüber nachdenken, so etwas zu machen. Wir haben uns also zusammengetan und ein paar Campus- Gigs gespielt. Erst als einige von ihnen den Abschluss machten, konnten nicht weitermachen. Ich kehrte zur Poetry zurück, aber nachdem ich einmal das Gefühl kennengelernt hatte, in einer Band zu spielen, wusste ich, dass ich das weitermachen wollte. Also gründete ich mit anderen Leuten meine eigene Band. Der Schlüssel dazu war natürlich, meine Gedichte in Musik zu übertragen, also mehr Musik daraus zu machen, als "nur" Poetry.


Reine Poetry kann in New York sehr limitierend sein, denn erstens gibt es eine Menge Leute, die das schon machen, und die bekommen auch nicht viel Aufmerksamkeit. Um diese Zeit war K'Naan aus Somalia sehr angesagt. Er ist ja eigentlich Rapper, aber im Grunde ist es auch Poetry, was er macht. Und er brachte diesen kulturellen Aspekt mit rein, seinen somalischen Vibe. Also dachte ich, ich sollte meinen ghanaischen Vibe mit reinbringen, denn die ghanaische Musik macht Spaß! Und im Westen sind gerade nicht so viele ghanaische Musiker bekannt, also dachte ich, es wäre wirklich cool, Ghana so auf die Karte zu setzen. Also nahm ich mir die ghanaischen Songs meiner Kindheit vor: Songs, die wir beim Fußball gesungen haben, um unsere Teams anzufeuern oder im Bus, wenn wir zu Spielen gefahren sind. Das war die Idee hinter dem, was ich kreieren wollte.
Und ich habe mir ghanaische Bands angehört. Eine Band, die mich umgehauen hat, war OSIBISIA. Denn die haben etwas gemacht, was ich machen wollte: Ghanaische Elemente mit Elementen zu verbinden, die sie selbst im Westen mitbekommen hat. Sie, OSIBISIA, selbst hatten karibische Musiker in der Band, das war also das eine. Das andere waren Sachen wie Jazz, und sogar ein bisschen Funk. Das war sehr aufregend! Also hörte ich viel OSIBISIA, und auch Bands wie KOO NIMO, WOLAMEI, E.T. MENSAH, und Ebo Taylor und ein paar Sachen, die heute populär sind. Ich fand in dieser Musik sehr kulturelle Sachen, Dinge, die essentiell sind für Ghana. Viele Afrikaner im Westen nehmen westliche Kultur in sich auf, aber alle machen das, das ist nichts Besonderes. Ich wollte aber etwas finden, was noch nicht gemacht wurde, aber das die Leute lieben würden. Und weil ich wusste, dass ghanaische Musik so einen Spaß macht und uns so glücklich machen kann - jedenfalls die, die ich aus meiner Kindheit kenne - begann ich, meine Songs um diesen Rhythmus herum aufbauen (er klatscht einen Highlife*-Beat). Das war das eine...

(Völlig, richtig, ich habe bis zu diesem Zeitpunkt nur ab und zu zustimmend gegrunzt oder aufmunternd geschmunzelt. So einfach kann das sein mit den Interviews. - Sun Ra Bullock)

I.: Ich bin in der Zwischenzeit von der Columbia-Universität nach Brooklyn gezogen. Um die Zeit haben wir viel in Kellern, Lofts und Hausparties gespielt, und das ganze Punkrock-Ding kam gerade zu der Zeit wieder. Für mich war das eine aufregende Zeit, denn ich hatte gerade angefangen, Gitarre zu lernen und die ghanaischen Rhythmen auf der Gitarre zu spielen. Aber gleichzeitig hörte ich den Punk, den meine Freunde im Keller spielten. Und ich fragte mich: Wie kann ich meinen Kram von zuhause so spielen, dass DIESE Jungs das cool finden und die Leute nicht sagen: Oh, das ist "Weltmusik" und mich damit in einer bestimmten Ecke isolieren. Ich wollte meine Kultur durch meine Linse in ihre Sprache überführen, so dass sie das würdigen können. "Why are You here" ist ja der Song, der uns ein bisschen bekannt gemacht hat. Moment, ich spiel dir was vor, ich hoffe, du kannst das hören, ich hab meine Akustische nicht dabei ... (Und nun singt er zur unverstärkten elektrischen, zu Highlife-Pattern "Why are you here" und wechselt dabei, allmählich das Tempo anziehend, vom Highlife-Geschrammel zum Punkrock-Geschrubbel.)



So kam das, es war ein simples Highlife-Pattern, aber ich dachte: Mann, alle meine Songs haben dieses Tempo: Dafür bin ich zu jung! (lacht) Also hab ich's ein bisschen beschleunigt ... und so ist das entstanden, ich wollte ein bisschen mehr Energie, ein bisschen mehr Spaß, so wie die Jungs im Keller, und je schneller ich wurde, desto mehr Punk wurde es. Und mein Drummer sagte: "Puh, also ich versuch hier, einen anderen Beat zu spielen, aber das klappt nicht. Also, ich glaub ich mach was anderes, denn ich glaube, das wird Punkrock." Und ich sagte (gedehnt): "Genau." Und so entschieden wir, das so zu machen, denn keiner hatte es zuvor gemacht. Und um diese Idee herum entstanden Osekre and the Lucky Bastards.

SRB: Gibt es denn eine afrikanische Community in Brooklyn? Gibt es Essen, Musik, Bands?

I.: Das Ding an der afrikanischen Community in Musik ist jedenfalls, dass es keine besonders große Community afrikanischer Musiker gibt. Die meisten, die in Brooklyn afrikanische Musik machen, sind weiße Amerikaner. Es gibt eine New Wave von Afrobeatbands in Brooklyn, das hat auch mit dem Revival von Fela Kuti zu tun. Das Broadway Musical "Fela" war sehr erfolgreich und hat, glaube ich, viele junge Leute inspiriert, damit anzufangen. Afrikaner im Westen, in Europa vielleicht weniger, aber speziell in Amerika, sind meistens an der Uni! Sie wollen zur Wall Street oder Arzt werden (lacht) ... denn sobald du hierher kommst, ist da eine Menge Druck! Als ich angefangen habe, in einer Band zu spielen, wurde mir gesagt: "Du bist entweder verrückt... oder sehr, sehr reich" (lacht). "Was sagen deine Eltern dazu!" ... "Was ist mit dir nicht in Ordnung?" (lacht sich kaputt)...

Ich habe hier ein paar Afrikaner getroffen, die ihr eigenes Ding machen. Aber es sind nicht viele von uns. Und die meisten von ihnen machen entweder Afrobeat oder Afropop. Deswegen sind sie auch ausgeflippt, als ich als ich Punk mit reinbrachte habe, weil's halt noch keiner gemacht hat. Alle versuchen, zu tun, was Fela schon gemacht hat, sie versuchen, es zu imitieren oder etwas darum herum zu machen. Aber keiner hat versucht, innovativ zu sein oder etwas Neues darum herum zu bauen. Klar, wenn da was Neues macht, braucht es immer etwas länger, bis es populär ist, denn es ist der weniger ausgetretene Pfad. Dafür bezahlst du einen Preis. Aber nach einer Weile gewöhnen sich die Leute daran, dann mögen sie es, und das gibt dir eine Plattform, dein eigenes Ding zu machen.

SRB: Wie ist deine Band denn so ethnisch zusammengesetzt?

I.: In meiner Band herrscht ein gewisses Kommen und Gehen. Da wäre mein erster Gitarrist und Keyboarder, der ist Nigerianer, aber nach der Uni musste er weiterziehen. Mein Drummer ist jüdischer Amerikaner, und der wechselt sich ab mit einem anderen, der Kolumbianer ist, und früher viel mit uns gespielt hat. Aber der ist professioneller Musiker und braucht die ganze Zeit bezahlte Gigs (seufzt). Aber manchmal, wenn ich ihn brauche, kann ich ihn anrufen, und dann ist er dabei. Mein Gitarrist ist Amerikaner, aber sein Vater ist aus dem Iran. Er ist tatsächlich eine tolle Mischung: iranisch mit vietnamesisch-amerikanisch (lacht).

SRB: Mehr New York geht nicht...

I.:(Lacht) Genau! Dann gibt es noch einen Keyboarder aus New Hamsphire. Er ist auch das konsistenteste Badmitglied. Ud bei den Bläser wechselt sich viel ab: Das ist ein Deutscher (lacht), der ist gerade fertig mit der Uni und ist jetzt auch Profimusiker. Dann noch einer aus New Jersey und ein nigerianischer Zweite-Generation-Immigrant aus Washington D.C.. Eine schöne Mischung. Drei Bläser, Schlagzeug, Bass und zwei Gitarren.


SRB: Und was hast du an der Uni gemacht? Hast du als Poet Literatur studiert oder wolltest du auch zur Wall Street?
I.: Am Anfang wollte ich zur Wall Street und hatte ein paar Kurse in Wirtschaft. Ich mochte die Theorien, aber ich konnte mir nicht vorstellen, so viel Zeit mit Zahlen zu verbringen. Ich wollte etwas freieres, kreativeres, also begann ich mit Soziologie. Das war faszinierend und hat mir wirklich geholfen, die Kultur und die Gesellschaft, in der ich lebe, zu analysieren und zu verstehen: die Weise, wie Leute interagieren. Als ich nach Williamsburg gezogen bin, war das besonders interessant: Es waren dort vor allem Weiße, einige wenige Schwarze, aber überwiegend Weiße. Die Soziologie hat mir wirklich geholfen, zwischen diesen Kulturen zu navigieren, mich in die Szene zu integrieren und mir über die Dynamik dort bewusst zu werden, während ich meine Musik dort vorstelle und Teil der Community werde.


SRB: Das heißt, du bist nun erst einmal Vollzeitmusiker? I.: Ich war die letzten zwei Jahre Vollzeitmusiker. Ich habe nicht davon gelebt, aber das dauert eben. Wir haben viele Shows gespielt, eine pro Woche, manchmal drei. Unser Name ist da draußen, wir wollen mehr touren, ein bisschen im Voraus planen, aus den Kellern herauskommen, weniger Lofts, mehr Bühnen, auf denen wir uns auch hören können, und wo es Soundchecks gibt und größeres Publikum. Wir wollen weiter in Lofts spielen, aber eben auch mehr für tanzende Leute, auf Festivals, das passt besser zu uns. Und nebenbei schreibe ich Codes, mache viel Tech-stuff... und das ist ganz cool.



SRB: Nun hat Gary aus Berlin die Traute, deine Songs auf 45er zu veröffentlichen, und keiner aus New York?

I.: Ja, nun, es gab ein paar Labels, die sich mit uns in Verbindung gesetzte haben, aber die Szene ist aufgeheizt, und die Konkurrenz groß, sie warten ab mit den Entscheidungen. Thomas Gobena von Gogol Bordello zum Beispiel hat sich gemeldet. Er mochte unser Zeug, weil es ihn an das erinnerte, was Gogol Bordello machten, nur eben aus einer afrikanischen Perspektive. Er wollte wirklich helfen, etwas zu produzieren, und so mussten wir ein Label finden. Nun müssen wir schauen, ob wir das Geld auftreiben, über Kickstarter oder so und dann das Album shoppen, oder ob wir erst ein Label finden und dann das Album machen. Das ist der Punkt, an dem wir uns gerade befinden. Wir sprechen mit einem Label namens Side One Dummy Records. Gogol Bordello haben dort angefangen, und Amadou & Mariam. Allerdings kam von denen noch keiner zu unseren Shows.

SRB: Und deine Familie ist in Ghana?

I.: Der größte Teil ist dort, aber meine Mutter und meine Schwester sind hier.

SRB: Warst du in der Zwischenzeit mal dort?

I.: Ich bin vor allem in den USA herumgereist, aber nächstes Jahr will ich auf jeden Fall nach Europa und auch Teile von Afrika, und dann auch mal wieder nach Ghana, ganz klar. Es gibt dort gerade eine große Szene, und sie wächst. Es gibt mehr Veranstaltungsorte und Konzerte und mit dem was sie haben, machen sie eine Menge.

Highlife ist dort aber heute Musik der alten Leute, und in der Popularität bei den Jungen von Hiplife* abgelöst worden. Das ist sehr wahr, und das ist Teil der Entscheidungen, die du fällen musst, wenn du relevant sein willst. Wenn du zu deiner Generation, aber auch zur älteren Generation sprechen willst, musst du herausfinden, wie du sie in der Mitte zusammenbringst. Das Ding ist auch, dass die jungen Leute heute nicht mehr so viele Instrumente spielen, wie es sein sollte. Es ist leichter und ökonomischer, zu rappen, wo du nur ins Studio gehen musst und auf ein Instrumental rappst, oder einen Computer kaufen, um Beats zu machen. Das ist eine gravierende Differenz zwischen den Generationen, denn heute gibt es so viel Technologie. Die Leute kommen zusammen, basteln einen Beat und texten einen Rap, das ist Hiplife.

Wenn du eine Gitarre hast, musst du erst lernen, sie zu spielen, und dann andere finden, die mit dir spielen können, bevor du etwas erreichen kannst, das ist eine komplett andere Sache. Ich versuche herauszufinden, wie ich meine Musik relevant machen kann für meine Generation, für die davor, und die, die danach kommt. Rockmusik mag jeder, jeder mag Reggae, und jeder mag Ska. Jeder kann Highlife und Afrobeat verstehen ... also hoffe ich, wenn ich alles zusammenpacke, werde ich damit ein größeres Publikum erreichen.

SRB: Du kennst Punk aus Brooklyn. Kannst du dich erinnern, ob es in Ghana - immerhin eine britische Ex-Kolonie - jemals irgendwelche Spuren von Punk gab?

I.: Nein, gar nichts, überhaupt nichts. Kein Punk-Movement hatte in Ghana jemals irgendeine Wirkung, nicht so weit ich weiß. Meine Mutter hörte zu ihrer Zeit Rock'n'Roll, ja, die frühen Sachen, Rolling Stones und so was, das war bei uns populär. Aber als ich aufwuchs, war Country populär, Hip-Hop, Rhythm & Blues, alles das, aber kein Punkrock.

SRB: Vielleicht ist es auch eine soziale Frage: In New York, London, Berlin gab es eine Schicht von bürgerlichen Jugendlichen, die die Zeit und die Bildung hatten, ein Konzept für ihre Frustration zu entwickeln...

I.: Genau. Als ich jung war, durchlebte Ghana eine schwierige Zeit der Veränderungen. Als ich jung war, litt Ghana immer noch unter den Folgen des Staatsstreiches. Es gab einen Bann für Livemusik und eine Ausgangssperre: nach 18.00 durfte keiner mehr raus, solche Sachen. Punk wäre da nirgends durchgedrungen. Die Musik war einfach anders damals: Staatsfernsehen, Staatsradio, da wurde mehr traditionelle Musik für ältere Leute gespielt, oder Importe, die eher harmlos waren. Rhythm & Blues und Country Music.



SRB: Dennoch, in Zeiten des Internet ... Könntest du dir vorstellen, dass jemand in Lagos, Accra, oder Burkina Faso jetzt gerade auch so etwas ausprobiert wie du?

I.: Es gibt keinen Punk in Westafrika. Rock vielleicht, aber bestimmt nicht Punk. Ich kann mich mal umhören, und ich werde dir Bescheid sagen, aber ich bin ziemlich sicher. Eine Band zu gründen und eine wenig populäre Musik zu spielen, für die es keine Szene gibt, das ist sehr unwahrscheinlich.

SRB: Du musst entweder sehr reich sein oder verrückt.

I.: Nun, es gibt Metalbands in Angola und anderen Ländern, es geht also schon etwas vor sich auf dem Kontinent. Aber die Fusion in meiner Band ist schon einzigartig, weil es die Fusion von Vibes aus ganz verschiedenen Kulturen ist. Andere imitieren, aber ich bringe verschiedene Aspekte zusammen, indem ich gemeinsame Muster und Verbindungen zwischen den Genres - finde und sie miteinander verbinde.

Ishmael, vielen Dank für das Interview!


http://osekre.com/

Freitag, 5. September 2014

Weite, Wildnis, Whitman

Sean Rowe – Madman
Für den dauergestressten Großstädter eignet sich einer wie Sean Rowe schon sehr gut als Projektionsfläche für verborgene “Zurück zur Natur“-Sehnsüchte und Landflucht-Träumereien, wie sie seit Eddie Vedders "Into the Wild"-Soundtrack jeder Metropolenbewohner kennt: Bärtiger Typ, bekennender Naturalist, einer, der sich schon seit geraumer Zeit sicher auf dem wilden Gelände von Americana, Folk und Country bewegt. Im Vergleich zum Vorgängeralbum „The salesman and the shark“ bietet das dritte Album "Madman" allerdings einige neue Ansätze.


Hatte der Mann aus Troy, New York, bisher noch einen Hang zu sehr düsteren und ausladenden Soundkonstruktionen, kommt „Madman“ um einiges kompakter daher. Rowes Bariton erinnert immer noch stark an Bruce Springsteen, wäre der nach seinem Nebraska-Album in einer Zeitschleife hängengeblieben und auch eine gewisser kauziger Duktus, wie man ihn von Tom Waits kennt, ist nicht ganz verschwunden. Die Songs selber wirken aber jetzt viel direkter und flotter. Mit „Downwind“ hatte Rowe schon auf der letzten Platte einen Song, den man sofort mitpfeifen wollte. Diese Leichtigkeit zieht sich immer öfter durch die neuen Tracks. Ruhige Folksongs wie „The drive“ oder „Razor of love“ durfte man auch schon früher auf einem Sean-Rowe-Album erwarten.
Überraschender ist dagegen, dass er auf „Done calling you“ oder „The real thing“ nun mit ZZ Top-artigen Riffs daherkommt und mit „Desiree“ ganz leichtfüßig in frühe Disco-Sphären eintaucht. Woher die plötzliche Leichtigkeit des Sean Rowe kommt, bleibt zu vermuten. Vielleicht liegt es an seiner Gewohnheit der letzten Jahre, nur mit der Gitarre in den Wohnungen von wildfremden Menschen spontan, aber extrem fokussiert aufzutreten. Möglicherweise hat auch die Geburt seiner Tochter dem zuweilen etwas eigenbrötlerisch daherkommenden Rowe gezeigt, dass das Leben nicht nur aus Schuld und Sühne besteht. Wäre beides nicht so ganz schlecht (C, Gary Flanell, Anti Records)

Sonntag, 27. Juli 2014

Die Rache der Heranwachsenden: The Adolescents - La Vendetta

Es gibt viele Wege, sich den Ruf als legendäre Punkband zu ruinieren:

1. Ruhe dich auf dem Ruhm aus, den du dir mit deinen beiden Platten Ende der 70er zustande gebracht hast (Sex Pistols)
2. Bring 10 Platten raus, die komplett gleich klingen (Bad Religion)
3. Bring 10 Platten raus, die komplett gleich klingen und snge auch immer die gleichen Texte (Exploited)
4. Trage alle deine Streitereien zwischen den Bandmitgliedern in einer peinlichen Schlammschlacht in aller Öffentlichkeit aus(Dead Kennedys, Black Flag, Flag, Cro-Mags)
5. Wechsle fortlaufend das Line-Up aus, bis nach 10 Jahren eh keiner weiß, wer die Band eigentlich mal gegründet hat (Social Distortion, Misfits)
6. Funktioniere die Band zu einem gut laufenden Merchandise-Imperium mit Disneyhaften Ausmaßen um (Misfits)
7. Nähere dich musikalisch behutsam immer mehr belangloser Mainstreamrockmusik an und proklamiere, dass das jetzt Punk ist, weil ihr eben eine Punkband seid (Social Distortion, Green Day).
Würde sich dieser Text nur mit den Möglichkeiten der Dekonstruktion von liebgewonnenen Punkbands widmen, müsste ich bei den ADOLESCENTS leider sagen: Pech gehabt, Jungs. Auftrag verfehlt.
Dabei haben sie zumindest zwei der oben genannten Punkte erfüllt:

1. Unglaublich viele Besetzungswechsel, die einzig Sänger Tony "Reflex" Cadena und Bassist Steve Soto überstanden haben...
sowie

2. Zwei Frühwerke, die ihren Status als Cali-Punk-Legende quasi begründet haben (Besonders "Amoeba" von der Debut-EP dürfte in jeder Punkrockbar dieses Planeten mindestens einmal am Abend gespielt werden).

AAber der Rest des Legendenzerstörungsratgebers wird glücklicherweise einigermaßen ignoriert. Vielmehr scheint bei den Adolescents die Devise angesagt zu sein: Willst du was gelten, mach dich selten.
Das war zumindest in den 90ern der Fall. Da war lange Zeit Pause, erst ab 2003 kamen wieder recht regelmäßig neue Veröffentlichungen raus, seit 2012 sogar jedes Jahr ein Tonträger.
Mit Concrete Jungle scheint man auch ein Label gefunden haben, dass seine Job für alle Seiten zufriedenstellend erledigt, sonst würde nach "Presumed Insolent" (2013) auch "La Vendetta" nicht dort erschienen.
Musikalisch findet man auf dem 2014er-Album guten und souveränen Punkrock, der stellenweise an die Kollegen von SCREAM und bei manchem Riff und Gitarrenlick gar an TURBONEGRO erinnert, wenn auch ohne den ganzen Leder-Schwuchtel-Käppi-Klimbim. Viel länger als zwei Minuten ist keiner der Songs, und das ist auch trotz eingebauter Soli und ordentlichem Tempo auch ein ganz klares Plus von "La Vendetta": Cadena, Soto und ihre Mitstreiter kommen immer noch auf den Punkt.
Ob bei schnellen Songs wie "Talking to myself" oder dem hübsch groovenden Schunkler "Silent Water" - diese ewig adoleszenten Herren wissen, wann Schluß sein muss. Auch das eine Qualität, die manche Punkband auch nach 20 Jahren nicht drauf hat.
Natürlich ist "La Vendetta" immer noch Punkrock, nicht mehr, aber auch nicht weniger. Eine Art von stürmischem Punkrock, dem man einfach anhört, dass diese Band schon 16 Platten rausgebracht hat und mit Reflex und Soto über zwei wirklich tragende Konstanten im Bandgefüge verfügt, die nicht einfach bei den Adolescents spielen, sondern die Adolescents SIND. Und immer waren.
Ein Fehler, den gestandene Punkbands immer gern machen, ist jener, dass sie auch mit Mitte 50 immer noch glauben, sie wären die absolut rebellischen Jungspunde, die sie schon vor 30 Jahren waren. Das wirkt oft ähnlich peinlich, wie Erwachsene, die sich mit einem explizit juvenilen Verhalten bei ihren Kindern ankumpeln wollen.
Und die Adolescents? Klar ist man mittlerweile näher an der 50 dran als an der 20, aber trotzdem gibt es immer noch genug Energie, um die eigene Unzufriedenheit altersgemäß glaubhaft rüberzubringen. Aber anstelle irgendwelcher hohlen Rebellionsphrasen werden auf "La Vendetta" ganz konkret Mißstände thematisiert, die Tony Reflex regelrecht in Rage bringen. Zum Beispiel der Tod von Kelly Thomas, einem psychisch kranken Obdachlosen, der nach seiner Festnahme durch drei Polizeibeamte verprügelt wurde und kurz darauf an den Verletzungen starb. Das anschliessende Gerichstverfahren gegen die beteiligten Polizisten endete letztendlich mit einem Freispruch aller Angeklagten und sorgte für einiegn Aufruhr in Fullerton.
Wut ist also nicht nur eine exklusive Sache der Jugend, Punkrock ebensowenig. Auch kalifornische Punklegenden können ihr Mißfallen über die Zustände der Welt ausdrücken, ohne in in einen peinlichen Jugendwahn zu verfallen. Hübsche Ironie, dass das ausgerechnet eine Band, die sich seit über 30 Jahren selber als Die Heranwachsenden bezeichnet, auf ihrer 16. Platte überzeugend beweist. (D)

Noch was: Ob das live auch alles noch so stimmt mit der Energie bei den Adolescents im fortgeschrittenen Punkrockalter, in neuen wie auch alten Songs, kann man Anfang August antesten. Zum Beispiel am 13.08. im Berliner Cassiopeia. Oder in Kiel. Oder Hamburg. Oder Weinheim. Oder Wiesbaden. Mal sehen, wie das so wird.

Freitag, 25. Juli 2014

WASTELAND, TRENDONIX and THE LAST TAPE ON EARTH - new reviews on the Blog

CON MOTO feat. PRINZESSIN HALT'S MAUL - TRENDONIX – 12inch
Gibt’s TREND eigentlich noch? Die Band, bei der ich vor einigen Jahren wirklich dachte: Mann, es kann doch noch jemand was richtig Gutes im Bereich deutschsprachiger Punk machen. Das war gut, eckig, kantig, nicht zu bollerig, eigentlich fernab von Szene und Klischees. Ok, die zweite Platte war etwas vorhersehbar, der ersten schon ähnlich, aber immer noch gut zu hören. Wird ja auch mal Zeit, dass denen mal einer ein Denkmal setzt, klappert der Rabe auf dem kahlen Baum neben mir. Und Recht hat er, der doofe Vogel. CON MOTO und PRINZESSIN HALT’S MAUL haben sich dem ganzen angenommen. Beim „Auftrag” von Con Moto hängt man sich noch Trendsänger Fezer mit rein. Man hört schon das Original raus, aber diese Split-EP (2 Songs von jeder Band) ist so hübsch, dass man sie eigentlich an die Wand hängen könnte: Schickes Robotercover, einseitig bespielte 12 Inch, Poster dazu, alles schick, schick schick. Und wohl schon wegverkauft wie Konopkes Currywurst an einem Samstagabend. (C) (Kidnap Music, Matula Records)

WASTELAND #01/2013
Nichts geht so gut zusammen wie Sex und die erste Ausgabe 2013 von WASTELAND. Penthouse vs. Playboy verdientermaßen 1:0. Photoshopepiliert alleine macht halt beim wiederholten Durchblättern nicht mehr wirklich glücklich. Das nämliche Haar gehört nicht zwingend in die Suppe, macht‘s aber letzten Endes. WASTELAND #1/2013 ist ein wertiges Ding. DIN A4, dickeres, fein umweltunsensibel beschichtetes Papier und in so gutem Schwarzweiß, dass man meint, es sei in Farbe. Gute Photographien von den unterschiedlichsten Orten, irgendwie jeweils neben der Örtlichkeit an sich, gute Texte eben dazu oder zu Leuten wie Andy Ortmann, gute CD-Beilage von den Minimalstelektronikern DACHSHUND OF LOVE, gute, weil kurzweilige Insgesamtaufbereitung. Alles gut. Wirkt ein wenig in den 80ern hängengeblieben, gestylt und etwas toupiert beizeiten, dies aber jeweils nicht bis zur Gelecktheit, sondern rechtzeitig gebrochen und schräg. Das ist eher angenehm als schädlich. Die nun an den Ecken ausgefransten Penthouse-Ausgaben tun‘s schließlich auch noch. (Philipp Nussbaum) (A4, ca. 36 S.)

H. C. ROTH – Das letzte Tape der Erde
Nichts geht so gut zusammen wie Sex und das Tape des geschätzten Kollegen H. C. ROTH. Mut zur Hässlichkeit, Koiti sind nicht immer schön und blumig. Da baumelts und tropfts auch beizeiten, da wird an den falschen Stellen geschrubbt („Scheißdreckck …”) oder der Fusel aus dem Bauchnabel aus Versehen inhaliert. Aber: Musste wieder sein, es juckte schon, da ist keine falsche Schamhaftigkeit vor-zuschützen. H. C. kommt ungeschönt und auf sinnvoll limitierter Kassette in libidozerbröselndem Ätzgrün. Das Zeug muss raus aus den Leuten! Und Herr Honorarkonsul Professor Roth lässt‘s raus. Dafür ist ihm gefälligst mal gepflegt zu danken, verdammt! Verbreitet den Downloadcode (!) des Bandes und kauft den Pinguin! Gewiss ist, dass ihr kurzweilige Freude haben werdet. Das klassische Nachfilmrissgefühl von Washabichdadennwiedergemacht ist es jeweils unbedingt wert. http://hcroth.blogsport.de(Philipp Nussbaum)

Donnerstag, 19. Juni 2014

Stuntman unter Wasser - Release

Liebe Freunde,
ab dem 23.06. 2014 ist Gary Flanells erstes Buch "Stuntman unter Wasser" im Buchhandel erhältlich. Darauf einen Toast mit Frischkäse und Honig und ein Schlückchen Sekt zum Frühstück!
Live präsentiert wird diese Sammlung von Geschichten aus dem Kopf und dem Leben des Herrn Flanell zum ersten Mal am 26.06.2014 ab 21 Uhr im Franken, Oranienstraße 19, 10999 Berlin Mit dabei als musikalische Begleitung ist der großartige FREDDY FUDD PUCKER, a one-boy-band who plays a form of punk/folk/thrash. nachdem gelesen und gelacht und live musiziert wurde, wird der Herr Flanell noch ein paar heiße Scheiben auf die Plattenteller werfen.

Mittwoch, 4. Juni 2014

Das Buch kommt raus, das Buch kommt raus

Yeah, my friends, after Renfield No. 28 was released at the end of may with an amazing party in berlin, another release in the Renfield-Universe is about to come Gary Flanell will release his very first book with short stories and poems. It is called "Stuntman unter Wasser" and will be published on June 23rd at Periplaneta publishing house. The very first presentation of "Stuntman unter Wasser" will be on June, 26th at Franken, Oranienstraße 19a, 10999 Berlin

Samstag, 17. Mai 2014

Next Renfield, next Party

Dear friends,

the next piece of the world's only Journal of Hotch&Potch&Rock'n'Roll is coming out soon.
On May, 30th, we have even three reasons to celebrate:

First: The Release of RENFIELD-ZINE No. 28, of course. featuring Interviews and Stories of Alex Gräbeldinger, Osekre & The Lucky Bastards, Tom Tom Magazine, The Brunettez, Guido Lucas, Ian Snowball and much more.

Second: There will be also a new release out on JOHN STEAM RECORDS: We are very proud to be the first to bring out OSEKRE & THE LUCKY BASTARDS smasher "WHY ARE YOU HERE" on a limited 7inch.

Third: The birthday of Renfield publisher Gary Flanell s just a few days ago. Good reason to celebrate his, ehm, 25th? 32nd? 56th? year on this planet. Good reason for a drink, I might say also.

Of course we have some really cool Live-Acts for this occasion - it might get loud:
WELS (Noiserock, Berlin) + GUNS'N'GÄNSEBLÜMCHEN Post-Rock, Post-Punk from Göttingen & Le Mans) + DJ-SETS by DC REVEREND (Soulcat, East India Fading Company) and SUN RA BULLOCK (X.A.Cute, Trixxxxter)

All this and more at the following date:
30.05.2014

at Trickster (you know where it is...)

Doors open: 9 o'clock in the evening


See you there,

Gary Flanell

Donnerstag, 24. April 2014

LESUNG LESUNG LESUNG - MAI MAI MAI

Liebe Freunde des gelesenen Wortes,
Es geht doch nichts über eine gute alte Befreiung. Sind ja fast immer gut solche Befreiungen. Und es gibt soviele. Befreiungen von Atemnot. Befreiung von der Zahlung von Krankenhauszuzahlungen. Befreiung von kneifenden Unterhosen. Befreiung von ganz viel Durst.
Im Mai feiern eine ganze Menge Menschen ihre Tage der Befreiung. Auch das finde ich gut. So gut, dass ich euch hiermit zu einer ganz befreienden Lesung einladen will. Eine Lesung von dem Grazer Ox-Schreiber und Subkulturaktivisten HC Roth (http://hcroth.blogsport.de) und RENFIELD-Schädel Gary Flanell im weltbesten Leseladen, den Berlin zu bieten hat. Glaubste nicht? Kannste aber glauben. Und hinkommen kannste auch.

Freitag, 7. März 2014

"Where can I get my new Renfield-Zine?" asked the girl with the moustache and the Antiseen-Shirt


Dear folks,
for the small part of terrestrial population that is not supplied with Renfield-Fanzine No. 27, I would like to announce that this amazing issue of your favourite Journal of Hotch&Potch&Rock'n'Roll is available directly at the Renfield publishing house (mail to renfield-fanzine@hotmail.de), but also at the following shops and mailorders in Germany:
Basic Sole, Oranienstrasse 195, 10999 Berlin-Kreuzberg
Core Tex, Oranienstr. 3, 10997 Berlin
Tante Guerilla,
Flight 13,
Kunstspäti, Schlesische Straße 19, 10997 Berlin
and
Sputnik Kino, Höfe am Südstern, Hasenheide 54,
Renfield No. 28 will be released on May, 30th, 2014, of course with lots of interviews, stories, columns and shitloads of interesting...things. So be surprised what you will get, but one thing is already for sure:
We will celebrate the next numer of Renfield again with a party and two amazing live bands:
1. Wels (call it Noise, call it Postpunk, whatever you want, it is from the Not-hip-anymore-town we live in. Berlin)
2. Guns'n'Gänseblümchen (a woman and a man, playing sweet and loud with nothing more than drums, guitars and a strange name. From Göttingen.)

Donnerstag, 7. November 2013

News for the next Renfield-Party! 2nd band confirmed!

Ladies and Gents!
Die Vorbereitungen für den Release des nächsten Renfield-Zines laufen auf Hochtouren und da freuen wir uns umso mehr, die zweite band des Abends bestätigen zu können. neben den großartigen Blanc aus Hannover, geben sie THE INSERTS, eine der quirligsten All-female-Punkrockbands berlins die Ehre im Trickster für den passenden SOund zu sorgen. Hinterher darf noch getanzt werden, wenn DJ DC Reverend ein paar dufte Scheiben auf den wohltemperierten Plattenteller wirft. Wann? 29.11.2013 ab 21 Uhr Wo: Oberbaumstr.11, Berlin-Kreuzberg

Montag, 29. Juli 2013

Alte Hemden zeigen, dass es uns noch gibt

So heiß! Da wissen wir alle, dass es keinen Sinn macht, sich zu bewegen. Nicht mal die Finger, die normalerweise über Tastaturen huschen und vermeintlich Sinnvolles eintippen.

Also hilft nur: Rumliegen und allerhöchstens die Gedanken in Schwung bringen - und wenn möglich nicht mal das!
Ich mache es trotzdem und denke daran, dass ich mich vor ungefähr 2 Jahren schweren Herzens von einem meiner Lieblings-T-Shirts aufgrund nicht mehr zu übersehender Auflösungserscheinungen trennen musste. Es war eines der wenigen gelben Shirts, die ich je besaß und natürlich - es war ein Band-Shirt. Die haben ja oft die Angewohnheit einen lange durchs Leben zu begleiten. Und selbst wenn die Mitmenschen um dich herum schon merken, dass dieses Laibchen an dir schon wie aus der Zeit gefallen wirkt, findest du immer noch, dass du damit immer noch topmodern aussiehst. Für den einen mag das sein Biohazard-Hoodie sein, den er 1994 auf dem Dynamo-Festival gekauft hat, und der bisher noch jeder neuen Waschmaschine getrotzt hat, die seitdem angeschafft wurde.
Bei anderen ist es vielleicht das Placebo-Top oder ein Shirt von den Get-Up-Kids der was von Refused, alles alte Hemden mittlerweile, nix neues und trotzdem denkt jeder Träger, dass er damit noch voll jung wirkt und im vollen popkulturellen bzw. subkulturellen Saft steht - selbst wenn der schon ganz woanders gezapft wird. Trägt man dieses in Ehren mitgeschleppte Baumwollgewebe (ihr seht, ich gebe mir Mühe, nicht immer den Begriff T-Shirt zu verwenden) dann auf irgendwelchen Festivals, darf man sich sicher sein, dass man auf die anwesenden jüngeren Herrschaften ungefähr den gleichen Eindruck macht, wie der Typ mit dem Pink-Floyd-Shirt, dem Zopf und der Halbglatze, den man als 16-jähriger Jungpunk früher auf seinem ersten Rheinkultur-Open-Air selber etwas befremdet bis amüsiert angeglotzt hat wie ein längst ausgestorbenes Tier oder auch: als vollkommen altmodisch und etwas peinlich bewertet hat.

Warum schreibe ich das alles? Weil ich vor zwei Jahren eins meiner Lieblings-Shirts aussortiert habe, um genau dieser Falle zu entgehen. Auf dem Shirt war vor in schönster Kleinkinder-Manier ein Pfefferstreuer gemalt in türkis-blauer Farbe. Hellbau auf gelb, das war für mich lange Zeit voll Punk, jedenfalls mehr als irgendwelche bierernsten Nietenkaiser in ihren ewig schwarzen Kutten und so. Das gelbe Ding war natürlich ein Bandshirt, es war von GRAF ZAHL, gekauft auf einem Konzert irgendwann in den 90ern in Siegen, wo sie ja auch herkommen. GRAF ZAHL fand ich nicht nur wegen ihrer hübschen Shirts gut, weil die immer so nett dilettantisch daneben waren, was man auch am Artwork der ersten LP "Der Gönner" feststellen konnte. Auch die Musik war angenehm anders, für mich mit einer der ersten Schritte weg von dem gleichtoenenden Punk/HC-Geboller, was sonst allerorten zu hören gab.

Die drei Männer, die sich nach einer Sesamstrassenfigur benamsten, wollten wohl extra dilettantisch und unfertig werden. Natürlich war das auch die Zeit, als alle Helge Schneider geil fanden und versucht haben, alle Nase lang so komisch wie er zu reden. Da passten die Grafen natürlich super rein mit ihren selbstgemalten knatschebunten Kritzelcovermännchen und diesem Schrammelsound, hinter dem sich irgendwo so gar nicht blöde Lyrics versteckten. Aber so ganz ernst wollte man sich wie wohl jeder Mitt-90er-Slacker dann doch nicht nehmen. Sollte es je eine Art Hymne für diese Zeit der Orientierungslosen in den Provinzstädten Westdeutschlands geben haben,dann war das wohl "Hurra die Ernsten kommen", dicht gefolgt von ihrer Krachvariation des PET SHOP BOYS-Hits "Boring".
So ein bisschen war GRAF ZAHL eine ruppigere, rauhere Variante von TOCOTRONIC, vielleicht so ähnlich angelegt wie DINOSAUR JR. mit deutschen Texten und vom Umfeld natürlich viel punkiger unterwegs, ohne sich je richtig als Punk zu definieren. Immerhin pflegte man gute Kontakte zu ähnlich gelagerten Verweigerern wie EA80, KICK JONESES oder KLOTSZ. Statt sich mit der ersten Platte (die im extra bedruckten Jutebeutel rauskam) gleich bei einem schicken Label zu bewerben, welches einem schlimmstenfalls so nach und nach die Kanten weggeschmirgelt hätte, hat man lieber so für sich rumgebusselt. Jahrelang. Oft mit langer Funkstille. Und während alle Welt jeden Quatsch aus der Hamburger Schule gut fand hörte, hörten nur ganz wenige die etwas sporadisch erscheinenden GRAF-ZAHL-Platten. Nach der ersten LP und ein paar EPs habe auch ich ihre Spur etwas verloren, die "Alles muss schwimmen"-CD habe ich sogar irgendwann in Leipzig im 2nd-Hand-Laden gefunden, die Spur war also mehr als dünn und irgendwie dachte ich lange Zeit, dass die Welt der Ernsten den Graf eventuell doch gefressen hätte.

So leicht war es aber dann doch nicht. Kurzum, sie haben überlebt. Irgendwie. Und jetzt, da ich selber wieder an so einer Lebensstelle bin, an der ich mich oft wie der orientierungslose junge Mann fühle, der ich vor 20 Jahren war, gibt es eine neue GRAF ZAHL-Platte. Kann das Zufall sein? Oder gibt es sowas wie Zufall gar nicht? Jedenfalls hat sich soviel nicht geändert bei Graf Zahl. Ob der Titel "Der Rückzug ins Private" sowas wie eine Drohung sein soll? Aber den haben sie gar nicht angetreten, waren aber möglicherweise oft davor in all den Jahren, wäre ja nicht so unwahrscheinlich. Schnell stellt sich beim Durchhören Erleichterung ein: Soviel hat sich gar nicht verändert. Die Schrammelgitarren sind immer noch da, J. Mascis würde das wohl lieben, eventuell haben GRAF ZAHL mittlerweile nur festgestellt, dass es doch nicht so ganz doof ist, wen man mal die Texte verstehen kann und deshalb versinkt der Gesang nicht komplett hinter diesen feinen Melodien, die da aus einer Gitarrenwand herausgemeißelt werden. Somit klingt GRAF ZAHL doch um einiges kompakter und klarer, stellenweise etwas strukturierter, was in all dem immer noch vorhandenen Gestus des Kauzigen aber sehr angenehm erscheint. Tja und sonst? Wird immer noch gesucht, gezweifelt und die eigene Verwirrtheit zum Ausdruck gebracht. Keine Ahnung, ob das irgendwelche Mitt-20er interessiert, die meiner Meinung nach wie bekloppt durch ihr Studium hechten und für sowas wie Selbstzweifel gar keine Zeit haben.

Alle, die allerdings spätestens 1995 ihre Musiksozialisation begonnen haben und sich bis heute nicht ganz im klaren sind, was sie so im Leben eigentlich anstellen wollen (und das obwohl sie mittlerweile Mitte 30 sind und es eigentlich wissen sollten, zumindest wenn es nach ihren Eltern geht), dürfen sich freuen, dass es immer noch eine Band gibt, die ähnliche Gedanken in Songs und Worte packen kann und die auch in ganz passablen Indie-Rock (was ein beschissenes Wort für so eine zeitlos gute und solide Platte, die übrigens nur als LP erscheint) packen kann. Unsicherheit und Zweifel sind eben doch kein Vorrecht einer unruhevollen Jugend. So richtig dick ins Geschäft werden GRAF ZAHL wohl nie mehr kommen, aber das war bestimmt auch nie das, was sie wollten. Und ob sie irgendwann mal ins Vorprogramm von Tocotronic oder KETTCAR kommen könnten, wohl auch. Eigentlich sind GRAF ZAHL wohl sowas wie die bandgewordene Verkörperung des alten Oscar-Wilde-Zitats mit dem Ehrgeiz und dem Versagern. Oder vielleicht auch nur die Slacker-Soundtrack-Lieferanten, die uns beruhigend bis in die Mitte unseres immer noch orientierungslosen Lebens begleitet haben. Auch wenn das bunte Kritzelcoverartwork einem viel würdigeren schlichten Stil gewichen ist. Kann ich nach dem Abschied von meinem einzigen knatschgelben Bandshirt gut nachvollziehen. (F) (http://www.grafzahl.co.uk)

Sonntag, 16. Juni 2013

I send no postcard

Bonjour! ist immer eine gute Moeglichkeit einen Text zu beginnen. Ich war lang nicht mehr hier. Das ist seltsam. Es fuehlt sich ungefaehr so an, als haette man mal wieder sein Zuhause betreten, das man vor Monaten fluchtartig verlassen hat. Man kennt das alles, alle Gegenstaende stehen immer noch am gleichen Platz, alles ist unberuehrt, schliesslich hat man ja alles selber so hinterlassen, wie es vor ein paar Monaten war. Nur den Staub, den sieht man hier nicht, da hinkt der Vergleich, im Netz gibt es keine digitale Milbenscheisse, die sich wie ein sanfter Flaum auf allem niederlegt, was sonst lange Zeit unberuehrt war. Wann wird der digitale Staub erfunden?
Ich will gar nicht lange erklaeren, warum ich solange nicht mehr hier war. Sagen wir es so: Ich war einfach nicht da. Es gab wichtigere Sachen, als hier immer wieder ein paar Rezensionen abzuwerfen. Und es GIBT immer noch wichtigere Sachen als das. Denn das Renfield ist ja nicht einfach ein Musikmagagazin und scheisse noch eins, diesen Satz, diesen Ansatz, um mir selber mal wieder den Sinn des Renfields klar zu amchen wollte ich doch fuers naechste Vorwort aufheben. Egal. Weiter, immer weiter.
Es ist Samstag, ich sitze an meinem kleinen, etwas der Sonne abgeneigten Arbeitsplatz. Das Fenster ist halboffen ("auf Kipp" wie man so sagt). Von unten aus dem Hof droehnt irgendeine nicht naeher zu bestimmende elektronische Musik herauf unter die sich Stimmen und Gelaechter mischen. Die Musik: elektronisch, sehr repetitiv, ein immer wiederkehrender Beat, dazu irgendwelche Soundflaechen, die mich an Galaxien, Raumschiffe und Drogen denken lassen. Insgesamt sehr fix und wachmachend. Wenig chillend. Und ein paar wenige Stimmen. Das alles zusammen ist das Hoffest unseres Hauses, das dort stattfindet, oder das, was um 20 Uhr noch davon uebrig ist. Auch ich war dort unten, habe mich allerdings nach dem Verzehr von etwas Grillgut zu einem Nickerchen aufgemacht. Das Hoffest wird uebrigens - was ich sehr schoen und nett finde - von unseren Vermietern veranstaltet. Gibt es viel zu selten sowas, warum machen das nicht oefters mal irgendwelche Hausbesitzer fuer ihre Mieter? Einmal im Jahr den Grill aufstellen und fuer alle ein bisschen Fleisch, Salat und Fladenbrot hinlegen kann ja so schwer nicht sein. Und wuerde wohl auch das Verhaeltnis zwischen Besitzer und Mietpartei in den meisten Faellen etwas bessern. Wahrscheinlich wuerden die meisten Vermieter sich auch zum ersten Mal bewusst werden, WER denn da ueberhaupt ihre Miete zahlt. Und ausserdem muessten bei den monatlichen Einnahmen wohl auch ein paar Wuerstchen fuer das Barbeque drinsitzen. Und mit Sicherheit auch die qualitativ hochwertigen aus dem Bioladen. Bevor ich mich jedoch in unseren huebschen gruenen Hinterhof begeben habe, war noch etwas anderes zu tun. Platten kaufen. Ist eine huebsche Beschaeftigung fuer den Samstagnachmittag, das wurde mir heute sehr bewusst. Besonders, weil der Plattenladen den Mark und ich aufgesucht haben, normalerweise nicht der ist, in dem ich meine Platten kaufe. Ok, ich gehe gern zu Bis aufs Messer, sehr gern ins Wowsville, mal auch ins Videodrom, auch wen das jetzt nicht mehr so heisst oder zu hhv, Static Shock, VoPo Records und was es noch so alles gibt. Selten treibe ich mich auf der Zossener und Bergmannstrasse rum, in diesem viel zu schicken Teil Kreuzbergs, wo sich am Samstag nachmittag die Touristen gegenseitig auf die Zehen treten (und wohl immer noch glauben, das sei jetzt "so Berlin"). Diesmal schon. In die SpaceHall hat es mich verschlagen und ich wusste nicht, was mich da erwartet. Ich gebe zu, einmal war ich schon da. Damals habe ich mir aber sehr zielbewusst die letzte LP von Scroobius Pip aushaendigen lassen, diesem britischen Wortakrobaten, der ein bisschen was von The Streets hat, und zum ersten Song das beste "Ich rasier mich mal eben, waehrend ich hier im Container sitze und euch was vorsinge"-Video. Weil ich damals nur diese Platte haben wollte, hat mich der Rest gar nicht interessiert, also bin ich gar nicht bis hinten durchgelatscht. Heute schon. Und habe glatt drei - oder waren es vier? - Stunden in diesem Ding verbracht. In diesen weitlaeufigen dunklen Raeumen, mit unheimlich vielen Platten und dieser sehr ruhigen Atmosphaere. Keine Ahnung, wie der Winter wird, aber wenn mir alles auf den Sack geht, dann denke ich, waere diese Art von Plattenladen der Ort, in dem ich die zu erwartenden Schnee- und Eiseskapaden verbringen koennte. Es ist ungefaehr so, wie in einem Fuchsbau. Oder in einer Baerenhoehle. Platz genug fuer lichtscheue einige Plattennerd/Kraemerseelen und genug Vinyl, das man durchhoeren kann, bis die Sonne sich mal wieder zeigt. Diesen Ort muss ich mir merken. Aber: Niemand von der Space Hall hat mich bezahlt, fuer diese Lobhudelei, die eigentlich auch keine sein sollte. Denn auch wenn der Laden aufgrund seienr Groesse zu empfehlen ist, sagt der Finanzminister in mir: ist aber auch n bischn teuer hier. Aber da ja Besuch in der Stadt ist und ich mir zu meinem Geburtstag eine Platte aussuchen darf, habe ich so ausdauernd in den muffigen Plattenkisten gewuehlt, wie lange nicht mehr. Und mit soviel Ruhe! Und festgestellt, dass Plattenlaeden mit ihren Vinyl-Klarsichthuellen immer noch diesen muffigen einzigartigen Plastegeruch haben, wie er schon vor 20 Jahren aus diesen Lokalitaten nicht wegzukriegen waren. Es hat natuerlich nicht lange gedauert, bis ein Stapel Platten unter meinem Arm zur Abhoerstation gewandert ist - Vorauswahl ist gut, muss ja sein. Habe - im Gegensatz zu frueher - keinen Bock mehr, Platten mal eben so zu kaufen, weil ich mal was interessantes ueber den Kuenstler gehoert habe. Oder mir das Cover gefaellt. Oder beides. Gibt es alles.
Was hatte ich also mit in den Re-Call genommen? Eine 2012er-Platte von Mark Lanegan, die Blues Funeral, eine von Ty Segall (auch von 2012), eine von Mrs.Magician, eine von Solex vs. Cristina Martinez und Jon Spencer, ein Billo-Uraltsampler namens Radio Tokyo Tapes Vol. 3, die Black Lightning-LP von den Bellrays und eine LP von Freakwater, die aber nur, weil ich es schoen finde, von denen mal eine andere zu sehen, als die wunderbare Endtime-Platte. Dann noch die LP von den Alabam Shakes, so Blues, R'n'B-Garage-Getudel. Und ein paar 7inches von den Computers, Mary Weiss und The Amazing Snakeheads (sah irgendwie gut aus, die Band kannte ich gar nicht). Alles konnte ich nicht mitnehmen, nicht ansatzweise, also musste gesiebt werden. Die Kriterien dafuer sind nicht so leicht zu beschreiben, halt, das was mir gefaellt und hoechstens 2 Platten, 7inches nicht mitgezaehlt, das war mein Ziel. Und eben das Geschenk.
Ok, ich verrate es sofort: Mark Lanegan ist nicht mitgekommen. War mir an diesem Samstag zu finster und zu traurig, was da aus dem Kopfhoerer kam. Aber bildhuebsch ist die Platte, mit diesen ganzen Rosen und in diesem dunklen grau-gruenen Vinyl. Das passt alles super zusammen, so gut, als ware es ein Musik gewordener unheimlich schoener, von Caspar David Friedrich gemalter Sumpf aus Melancholie, der dich an den Haarwurzeln packt und in die Tiefe zieht. Tiefe hat Lanegan allemal, viel davon, mir aber heute etwas zuviel, gerade mit diesen seltsamen Wummerbeats, die da immer auftauchen. Aber eine wunderbare Textzeile konnte ich nicht vergessen, zumindest sinngemaess: If tears were liquor, I would drink myself.

Die Alabama Shakes sind es auch nicht geworden: Waren aber nahe dran, denn eigentlich stehe ich auf so eine rauhe Soul/Blues/Gospel/Garagen-Suppe und diese Saengerin hat mich doch tatsaechlich an Amy Winehouse erinnert, aber irgendwie war das in diesem Moment dann doch nichts und erklaeren kann ich das nicht. Wie das so ist beim Plattenkauf: Manchmal gibt es diese Magie des Augenblicks und du nimmst eine Platte einfach mit und schon moeglicherweise am naechsten Tag weisst du schon nicht mehr, was an diesem Ding so geil war und dann wandert sie trotzdem zu all den anderen ins Regal und manchmal nach Jahren, Monaten oder Wochen blitzt diese eine alte Magie, die den Kauf entschieden hat, wieder auf und dann ist dir klar, dass du diese Platte nie verkaufen geschweige denn verschenken wirst. Aber erklaeren kannst du das natuerlich nicht.
And now... back to the Shakes, Alabama Shakes. Vielleicht habe ich zwischendurch mal was mit Uptempo erwartet. Wo die Snare einfach mal durchzieht. Sowas wie bei JC Brooks. Das machen die Alabama Shales aber nie. Die sind eher sowas fuer den Damenbesuch. Echt, ich habe diese Platte gehoert und mir vorgestellt, wie ich sie auflege, waehrend ich mit einer jungen Frau nach der "Willst du mit hochkommen, was trinken?"-Frage auf meiner Couch sitze. Dann kann man sowas auflegen. Das Licht gedaempft, dann so Kuschelrock, der aber nicht zu triefend oder kitschig rueber kommt. Der halt Seele hat. Und dann kann man dazu auch tanzen, ganz nah beieinander und die Haende wandern lassen und keinem von beiden ist irgendwas peinlich und reden muss man auch nicht mehr. Denn jedes Wort uebernehmen dann die Shakes. Da ich aber nicht in romantischer Stimmung war und auch schon ein bis zwei Platten fuer solch einen Anlass besitze, haben es die Shakes es auch nicht geschafft.
Aber wer dann? Keine von denen? Sind alle wieder zurueck in die guetigen Haende des Space-Hall-Verkaeufers mit dem wilden Haarschopf gewandert? Das ware natuerlich eine sehr schoene, antikonsumistische Wendung des Platteneinkaufsnachmittags. Als wuerde man im Klamottenladen 100te von Hosen und Hemden anziehen und am Ende merken, dass einem davon doch ueberhaupt nichts gefaellt. Mag vorkommen. Beim Klamottenkauf. Aber Platten wuehlen im Plattenladen OHNE eine einzige zu kaufen? Das schafft kein Plattensammler.
Im Endeffekt sind es dann drei Platten geworden,von denen ich sicher bin, das sie mein Plattenregal wirklich bereichern werden. Da ist zum einen die "Strange Heaven"-LP von Mrs. Magician. Hatte ich vorher scon mal gehoert, und war schon von den mp3 verzaubert. Habe aber irgendwie nicht mehr auf dem Schirm gehabt, was fuer ein geiler Kram das ist. Mrs.Magician ist keine Solosaengerin oder sowas, sondern eine Gruppe von Jungs, die eine wunderbare und unbeschwerte Mische aus Garage, Punk mit Twang-Gitarren und Irgendwas-mit-Beach-Boys-Gesang hinzaubern. Klingt wild, hat due richtigen unbeschwerten Melodien und ist extrem tanzbar. Alles. Jeder einzelne Song. Und das Coverartwork ist so wunderbar schwarz-weiss-schlicht, dass man es auch fuer eine Joy-Division-Platte haette hernehmen koennen.
Dann waeren da noch Ceremony. Der Name klingt nach Metal. Oder Irgendwas, was ganz boese sein will. Doom. Sowas. Aber nur der Titel. Waehrend ich mich beim Durchhoeren gerade in Mrs. Magician verliebe, stellt Marc mir die "Zoo"-LP hin. Ich schaue auf das Cover, das so gar nichts sagt. Da steht nur Bandname und Titel, ansonsten ein dunkler Hintergrund mit nem verwackelten Gesicht in sehr naher Nahaufnahme (as you can see). Schon huebsch an sich. Vielleicht wirklich so neumodisches Post-Metal-Doom-Gebrummsel, das besser als SUNNO))) sein will. Aber ich hoere rein. Und dann ist alles anders. Die sind gut, richtig gut. Denn sie sind sehr flott und machen eine huebsche Version von Punk und Rock (dit is aber keen Punkrock, do not verwechsel this!) und wieder ab und auch hier suppen leichte 60ies-Garagetupfer durch. Wunderbar. Hat sofort ueberzeugt (was gerade bei Punk/HC-Platten immer schwerer wird) und wurde sofort mitgenommen. Man soll halt doch nicht immer nach dem Namen gehen.
Letzten Endes war dann doch noch der Radio Tokyo Tapes Vol. 3-Sampler mit dabei, einfach weil die Besetzung so gut klang und die Idee eines
Samplers mit rein akustischer Besetzung doch ganz reizvoll ist. Ist wohl in einer Zeit rausgekommen, als nicht alle Compilations nur reine Werbezwecke hatten, sondern teilweise noch thematisch zusammengestellt wurden. RTT3 versammelte allerlei Punkmusiker aus Los Angeles, die ein paar Akustiksongs zum besten gaben. Und deshalb finde ich diesen Sampler so interessant, denn man sieht daran sehr schoen, wie das so ist, wenn Leute, die ihre Wut bisher nur in Krach verpackt haben, nun auch andere Klaenge anschlagen und neue Ideen ausloten. Mal sehen wer so dabei ist. Ist ja schon alles etwas her, denn RTT3 ist rausgekommen, als die Frueh-Punkband X schon als The Knitters ihre Counrywurzeln entdeckte, und die sehr gut und authentisch aufarbeitet, wie "Wild side of life" beweist. Tja und eine Platte, auf der Henry Rollins nicht singt, sondern eine fuer ihn typische Spoken-wird-Performanz ueber ein jazzig klingendes Gitarrengeklimper von Tom Troccoli (so ein Hippie aus dem STT-Umfeld, der auch bei Bands wie Nig-Heist dabei war. Also eher schraeg) legt, kriegt man ja auch nicht mehr sooft. Die Songwriterin Phranc war und ist im Umfeld der Knitters bzw. X zu verorten und schuettelt wunderschoene Folksongs ganz locker aus der Hand. Und wenn neben Rolins auch die Minutemen sich an die unverstaerkten Instrumente setzen, dann kann man eigentlich nichts falsch machen. Ist auch fast einer der besten Songs. Und das sind nur die bekanntesten, auf dieser kleinen subkulturellen Musikgeschichtsstunde. Vielleicht kennt ja der ein oder andere noch Chris D. von den Flesheaters, Drew Steele von den Surf Punks, Kerry Mcbride oder Carmaig de Forrest. Oder auch nicht. Und falls dem so ist, wird die Welt auch nicht schlechter, aber es koennte sein, dass ihr da was verpasst. Unterhaltung oder Inspiration. Eins von beiden.
Das war es. Drei LPs habe ich also mitgenommen. Eine mehr als ich wollte. Achja und zwei 7inches, aber die zaehlen ja nie so richtig, ich erzaehls trotzdem: Die "Stop and think it over"-Single von Mary Weiss. Kennst du nicht? Mary Weiss
war die Saengerin von den Shangri-Las, dieser Girl-group, die mit "Leader of the pack" in den 60ern alles richtig gemacht haben. Kurz nachgeschaut: Mary Weiss ist jetzt irgendwo in ihren 60ern, was sie aber nicht abhaelt, weiterhin wunderbare kernig aufgenommene Garage-Pop-Platten rauszubringen. "Stop and think it over" ist schon ein huebsches tanzbares Ding geworden und dazu noch auf Norton rausgekommen, da passt ja wirklich alles zusammen. Dazu koennten die Leute gut tanzen bei der Auflegerei, denke ich so, waehrend ich mein Kaugummi unter die Kante der Abhoerstation schmiere und deshalb musste die mit. Aehnliches ging mir bei den Amazing Snakeheads durch den Kopf, so ein beklopptes Trio aus Glasgow. Auch sehr krachig, sehr bluesig und mit viel total irrem Geschrei. Koennte zum hektischen Abzappeln gut passen, direkt nachdem man was von der neuen Guitar Wolf-Platte aufgelegt hat. We'll see.

P.S.: Die Freakwater-Platte hat es auch nicht geschafft. Hab sie mir - genau wie die Ty Segall - nicht mal angehoert. War ja noch eingeschweisst. Und die Solex vs. C. Martinez & J. Spencer heb ich mir fuer den Winterbesuch auf.

Samstag, 2. Februar 2013

Ella & Gary - first time in 2013!


Yeah, believe it or not - but the most minimalistic Coverband in town hits the stage once again! Ella and Gary used these dark and long winter nights to indent their set and would like to welcome everybody coming around to Neukoelln at the Zatopek on February, the 15th. Of course you will enjoy Ellas heavenly voice. And of course there will be the amazing sounds of Garys wonderful turquoise Cort-Guitar (by the way, the only female he lives together with for decades now). There will be of course songs about cats and romantic scavenger hunts and covers of songs, Ella and Gary both appreciate. But there will be also some amazing news regarding to the sound of these both. Be prepared and be surprised, what will happen at the 15th of February at The Zatopek Bar (http://zatopek-berlin.de/) in Neukoelln, right to S-Bahn station Sonnenallee! In case you do not know anything about the Sound of Ella Chord & Gary Flanell - check it out here: https://soundcloud.com/gary-flanell

Sonntag, 28. Oktober 2012

Hi Martha! - Martha High - Soul Overdue

Natuerlich war James Brown die coolste unter all den coolen Soultypen. Aber was waere der Soul Brother No. One gewesen, wenn er nicht immer eine ganze Schar von faehigen Background- saengerinnen mit dabei gehabt haette, die ihn aufs Beste unterstuetzt haetten?
Zumindest kann man sagen, dass Mr. Brown wusste, was er tat, als er 1964 die Girlgroup The Jewels mitsamt der jungen Martha Harvin mit auf Tour nahm - (und kann sich auch mal fragen, wie er sich wohl so als Juror in einer dieser unglaublichen Castingshows geschlagen haette - was ein Szenario: der Godfather of Soul, Dieter Bohlen und Thomas Gottschalk heben und senken die Daumen ueber all den seltsamen Gestalten, die sich da hintrauen) - woraus dann eine ueber 30 Jahre waehrende Zusammenarbeit von Martha High und James Brown entstand. Standing in the shadow of James moechte ich da leise summen und vielleicht war es auch so.
Da ist es natuerlich nicht ganz einfach, denkt sich der Skeptiker, sich nach so langer Zeit als eigenstaendiger Kuenstler zu beweisen. Allerdings macht die "Funky Diva" High nicht den Eindruck, als haette sie unter dieser "Buerde" gelitten - Soul Overdue klingt knackig und so zeitgemaess flott, wie man es sich wuenschen kann, und natuerlich weiss Martha auch, wie man echte Soulklassiker interpretiert. Denn wenn man genau hinsieht, stellt man schnell fest, dass ein Grossteil der Songs eben das sind - Ob die Originale jetzt von ebenjenem James Brown (No more heartaches), Aretha Franklin (Save Me) oder Curtis Mayfield (Save me) stammen. Nach drei Jahrzehnten Musikbusiness weiss Mrs. High natuerlich wie man diese Songs intoniert und eine Backingband wie das britische Expertenteam Speedometer weiss auch, wie man eine Soulqueen, die stimmlich immer noch auf der Hoehe ist, mit dem richtigen Groove begleitet. Also: so richtig ueberfaellig ist hier nichts, sondern alles verdammt richtig - Wirklich alles? Naja, ob es wirklich noch eine Coverversion von "Sunny" gebraucht haette, sei dahin gestellt, aber selbst darueber kann man hinwegsehen. Einen ganzen Batzen Soulhits nochmal in glasklarer, aber nicht seelenloser Produktion vorliegen zu haben, wiegt aber alles auf und sollte allen, die Sharon Jones fuer die einzige Soul-Regentin halten, als Empfehlung und Anregung dienen. (E) (Freestyle Records, www.freestylerecords.co.uk, www.myspace.com/missmarthahigh)

Samstag, 20. Oktober 2012

HA! HA! HA! XAXAXA!

Was fuer eine Freitagnacht - Und ich habe sie komplett miterlebt. Der Anlass war allerdings weniger erfreulich, denn da das geliebte Soulcat bald fuer immer seine Pforten schliesst, wird an diesem Wochenende zum letzten Mal gefeiert. Grund genug also, einen Augenblick mal etwas melancholisch zu werden und ein Traenchen verhuscht in meinen graugesichigen Milchkaffee tropfen zu lassen.
Aber auch fuer solche Tage (diese Tage, an denen man um 6 ins Bett wankt und um 15 Uhr langsam ein improvisiertes Fruehstuck aus drei glibberigen Spiegeleiern in sich reinschlingt. Am besten Spiegeleier, die in der gleichen Pfanne angebraten wurde, in der man gestern abend noch ein koestliches Gemisch aus Tomate, Huehnchen, Mais, Knoblauch angebraten hat, denn dann koennen die Spiegeleier noch gleich das verbleibende Aroma der letzten Mahlzeit voll in sich aufsaugen - sehr huebsch!) gibt es die passende Musik. Gluecklicherweise lag vor kurzem ein Packerl von Moonlee Records im Briefkasten. Hatte aber bis gestern noch nicht die Ruhe (wuerde gern Musse sagen, aber auf einer amerikanischen Tastatur ohne S-Zett sieht Musse entweder aus wie eine Muse - oder einfach Scheisse. Obwohl... so koennte es gehen: Musze halt), da mal ordentlich reinzuhoeren, aber heute war der richtige Tag dafuer.
Bei Moonlee-Releases geht eigentlich nie was schief, richtigen Mist hat das Label aus Slowenien eigentlich noch nie rausgebracht: ANALENA, BERNAYS PPROPAGANDA, sowas sind schon sehr gute Bands, sehr unterschiedlich, aber gerade das mag ich ja schon gern. Jetzt kommen also XAXAXA, Nebenprojekt von eben jenen BERNAYS PROPAGANDA aus Mazedonien, mit ihrer "Siromasni i bogati"-CD um die Ecke. Bin gespannt, ob das auch so in diese sehr rhythmische GANG-OF-FOUR/GOSSIP-Ecke geht. Faende ich irgendwie doof und zum Glueck ist es auch nicht so - Mann hab ich ein Glueck. Denn XAXAXA (das, by the way, kyrillisch geschrieben ist und somit eher wie ein gefauchtes HAHAHA ausgesprochen wird) sind auf ganz anderen Pfaden unterwegs. Eher auf jenen, die schon die WIPERS, LEATHERFACE oder HUESKER DUE beschritten haben. Wunderbar melancholischer Punk, meist im Mid-Tempo, fliegt mir hier um die Ohren, schoen abwechslungsreich und etwas latent CURE-maessiges ist irgendwie auch noch mit drin, vielleicht ist es der Gesang. Voll Emo denke ich, waehrend draussen ein paar Blaetter vom Baum purzeln, aber diese Art von Emo, die man mit der Silbe -CORE versehen muss und aus der Dischord-Ecke der End-80er kennt, um nicht in doofe Verwechslungen mit dem Mist zu geraten, der heute unter diesem Etikett vermarktet wird. Bei soviel seelenvoller, zerissener Huebschness faellt mir auch gar nicht weiter auf, dass ich kein einziges Wort von den mazedonischen Lyrics verstehe, aber da reicht schon der Ausdruck in der Stimme, um zu wissen, dass das hier richtig gut ist. Wunderbar! (D) (www.moonleerecords.com, xaxaxa.bandcamp.com)

Sonntag, 7. Oktober 2012

Destiny's new children

Sonntagnachmittag, halb vier. Der erste Kaffee kämpft gegen den letzten Cuba Libre von heute Nacht und scheint zu gewinnen. Draußen trölen die Herbststürme und haben ein bisschen jahreszeituntypische Musik ins Haus geweht, zufälligerweise zweimal was, das grob in Richtung Ska geht und gleichzeitig zweimal was von Destiny, die ja gar nicht weit von hier ihr Hauptquartier haben.

The Beatdown – Walkin’ proud
Garage Ska – gibt’s das? Und falls ja, was darf man sich darunter vorstellen? Vielleicht sowas, wie es diese Kanadier in zwei Tagen aufgenommen haben: Ska mit einem wirklich rauen Sound, wie man ihn irgendwann im Jahr 1964 oder so mit den neuesten Bandgeräten der Zeit nicht besser hinbekommen hätte. Die Snare knallt wie eine Peitsche, der Bass blubbert und die Gitarren sind so wunderbar schrill wie bei Sonics unterm Sofa. Aber dass das alles so schön "nicht schön" klingt und einen gewissen Rausch-Charme hat, ist bestimmt beabsichtigt, jede Wette. Bevor ich jetzt mit mir selber eine unsinnige und zeitraubende Diskussion anfange, wie vintage man denn sein und seine Retrospielchen treiben darf, will ich noch feststellen, dass ja nicht nur der Sound hier die Musik macht, denn auch Songs schreiben können The Beatdown. Natürlich klingt hier der old school Ska der 60er-Jahre durch, aber so ganz sind 50 Jahre Musikgeschichte dann doch nicht an ihnen vorbeigegangen. Man flirtet mit Surf und Rocksteady und das Songwriting an sich ist auch gar nicht so übel. Mein Favorit ist das etwas melancholisch rüberkommende „On the other side“ mit dieser wunderbaren Surfgitarre mittendrin – hat schon fast was von den Mad Caddies, Slackers oder Aggrolites in Lo-Fi. Also: Schön knarzig, das Ganze und doch nicht zu angestrengt auf dem Retrotrip unterwegs. Find ich gut. (G) (Destiny, www.myspace.com/jointhebeatdown)

The Offenders – Lucky enough to live
Weiter im Text. Muss ja zugeben, dass das ganze Red-Skin-Ding nie so meins war. Ist wie bei Rehen auf der Wiese: Von weitem beobachtet ist alles schoen und ich finde gut, dass es sie gibt, aber näher rangekommen bin ich nie so recht. Dabei ist die Musik ja oft nie so übel. Die Offenders aus Italien sind in diesem Revier schon länger eine Größe, was man ja auch immer ganz gut an dem Trojan-Logo erkennen kann (wenn man es denn kennt - da wäre vielleicht mal eine kleine Lehrstunde in Ikonographie fällig) und so richtig üble Platten haben sie bisher nicht abgeliefert, die meisten waren sogar abwechslungsreicher als ich es von irgendwelchen Skincombos erwartet hätte. So verhält es sich auch bei der Platte mit der lebensfrohen Musik und dem dazu total im Gegensatz stehenden Cover. Was ich den Herren hoch anrechne ist ihre Offenheit gegenüber anderen Stilen. Über 13 Songs sich in ein gleichförmiges Ska-Geschunkel reinzusegeln ist nicht ihr Ding, deswegen ist es umso erfreulicher, dass viele der Songs auch ganz wunderbare Pop-, Beat- und eben auch Punkeinflüsse drin haben. So fühl ich mich teilweise an The Jam, aber manchmal auch an The Clash oder gar die Blues Brothers erinnert. Jetzt sollte noch ein findiger Booker die Offenders mit Bobby Sixkiller auf Tour schicken, dann wär alles töfte. (H) (Destiny, http://theoffenders.eu)

Sonntag, 30. September 2012

New Reviews

Moloko Plus No. 43, September 2011
Ja, Schande ueber mein Haupt, mistkuebelweise. Dafuer, dass das MP jetzt fast schon ein Jahr durch meine Wohnung geistert und ich es nicht hinbekommen habe, ein paar Zeilen dazu zu schreiben. Andererseits hat es dabei auch den guten Drei-Zimmer-Weg genommen, den alle guten Zines in dieser Wohnung nehmen, wenn sie ausfuehrlich und intensiv gelesen werden. Der Drei-Zimmer-Weg geht so: Erst fuer geraume Zeit in mein Schlafgemach, wo es als Bettlektuere dient. Dann nach ein paar Wochen nehme ich es wie zufaellig mit ins Bad, als Toilettenlektuere, wo es dann abermals einige Zeit verbringt. Als letzte Station wird es dann – wahrscheinlich nach einer guten Morgentoilette – mit in die Kueche genommen, und zwar weil ich einen Artikel – vielleicht die traurige, aber doch packende Story ueber den Essener Fussballer und Bankraeuber Willi Kraus (So eine tragische Ruhrpottlegende. Macht ihr dann bitte in 20 Jahren auch eine Story ueber Breno von Bayern?) oder die Interviews mit HARDTIMES-Saenger Philippe Wagner, den RADIO DEAD ONES, YOUTH BRIGADE, Pierpaolo vom italienischen Punkrock-Goldgraeber-Label Rave Up Records oder das huebsche Feature ueber Upton Sinclairs Buch „Der Dschungel“ - nochmal genauer lesen will. Es gibt also genug in diesem Heft zu entdecken, von Kolumnen und Rezis will ich gar nicht reden, und alles tief im Streetpunk/Working-Class-Milieu verwurzelt. Aber schon cool, dass die Molokomacher, ausgehend von ihrer Vorliebe fuer Streetpunk, obskuren Punkrock und Fussball, immer noch neue Ideen aus ihren – wahrscheinlich adaequat rasierten Koepfen – graben. (Moloko Plus, Feldstr. 10, 46286 Dorsten, http://www.moloko-plus.de)

Demokhratia/ Mondo Gecko – Split LP
Waere ich nicht vor ein paar Wochen ueberredet worden, mal wieder auf ein Konzert in die Koepi zu latschen, dann waere wohl auch diese wunderbare Platte an mir vorbeigegangen. Denn dort haben Demokhratia gespielt und moeglicherweise war es das erste Mal, dass somit eine Hardcoreband aus Algerien in der Koepi auf der Buehne stand. Im Renfield gibt es seit je her ein Faible fuer, na, sagen wir mal obskure Bands, die aber allemal unterstuetzenswert sind, von daher hat diese Split schon fast allein ein paar Bonuspunkte sicher. Noch interessanter ist allerdings die Tatsache, dass MONDO GECKO, die Band auf der B-Seite aus Israel kommt. Vielleicht ist sowas erst durch den arabischen Fruehling moeglich geworden, aber dass mal eine israelische Band zusammen mit einer arabischen kooperiert, ist schon an sich grossartig. Abgesehen von diesen formalen Wunderwerk gibt’s natuerlich auch Musik. DEMOKHRATIA spielen die Art von Hardcore-Punk, wie man ihn nun mal in besetzten Haeusern gern hoert, schnell, vielleicht nicht extrem abwechslungsreich, aber huebsch wuetend. Fuer MONDO GECKO ist das lang nicht die erste Platte, deshalb gehen sie etwas ausgefuchster, aber nicht weniger verrueckt vor. Ist mordsschnell, manchmal fast schon fast chaotisch und mit soviel Ideen ausgestattet, dass andere Bands daraus gut 2 Platten machen koennten. (G) (u.a. von Darbouka Rec., Kawaii Rec, Fraction Production u.a.)

Punkappella – NewYork ultra underground Star
Grosse Vermutung: Moeglicherweise hat Punk manchmal doch noch mehr mit Experiment und Kunst zu tun, als mit dem Klischee von lauten Gitarren und halbwegs wilden Modeaccesoires. Zu dieser Vermutung komme ich an diesem verregneten Samstagnachmittag durch die Single von Punkappella. Was das genau fuer ein Projekt ist, kann ich nicht genau sagen, es scheint jedoch eine Art von Kooperation zwischen slowenischen und amerikanischen Undergroundkuenstlern zu sein. Die Slowenen kommen aus dem Umfeld der Uralt-Punkband CZD, aufgenommen wurde das ganze bereits 1995. Nueja sagt der Kaffeetrinker, es ist schon geil, was alles so auf Vinyl gepresst wird. Denn was der Bandname verspricht, haelt die Musik, die naemlich ausschliesslich a cappella intoniert wird. Stell dir vor, die minimalistischen Lyrics der Ramones wuerden als Gedicht in vertont. Da kann mann doch als Beispiel mal den kompletten Text von „Angry“ zitieren: „You are angry. So angry. Why are you so angry?“ Peng, das war's. Als Text fuer eine Punkband ebenso kompatibel wie fuer ein gutes Dada-Kunstprojekt mit aehnlicher Denke. Fuer die kurze Verwirrung am Abend schon geil, allerdings fuer viele bestimmt auch schlicht Kunstkacke. (L) (Front Rock Records)

Equal Minds Theory – same
Der Anfang ist schon mal grossartig, weil er wie eine moderne Interpretation von Black Sabbath' Intro des gleichnamigen Songs klingt. Danach gibt’s das volle Brett, naemliches aus Hardcore, schnellem Metal und einigen interessanten Elektroeffekten und gewitzt schraegen Breaks zusammengezimmert wurde. Also darf man das ruhig wohl Metalcore nennen, der artworkmaessig zum Glueck ohne Totenkopfschnickschnack auskommt und jedem Fuze-Leser mit CONVERGE oder DILLINGER ESCAPE PLAN-Shirt ans Herz legen. Fuer mich zarte Seele ist das nur in ausgewaehlten Stunden des Zwielichts was, dann allerdings so richtig. Und wie schon Franz Beckenbauer sagt: Spielen koennen's, die Jungs. In diesem Fall uebrigens russische Jungs aus Moskau, die aber auch ohne den sogenannten Exotenbonus ueberzeugen. (J) (http://equalmindstheory.bandcamp.com)

Montag, 27. August 2012

RENFIELD No. 25 RELEASEPARTY!

Hey Folks, yes, it's been a long and entertaining summer and it is not at its end so far. You know we have announced the 25th anniversary number of the Renfield-Zine (wiht a limited extra DVD) for a long time, and now it becomes reality. So take out your calendar and make a big note at the 15th of September
That is when we will celebrate the 25th issue of your favourite Fachorgan fuer Krims&Krams&Rock'n'Roll! Of course we have a pile of great bands that will give everything at this very certain evening:
1. CAT'N'GUYEN: No, it is not just a HipHop Duo with a guy on bass and a really smart female singer, it is much more as you will experience. Imagine Melt Banana recording a HipHop-Album in an old Berlin squat. So just call it as the band does: SHINYHIPHOPDEATHFUCK http://www.ynfnd.com/artist/catnguyen/
2. DANGERBOY: Right from Essen in the westgerman post-industrial zone of the Ruhrgebiet hails this amazing 3-man/woman-Ooutift, which brought with their LP "MONOPOL" one of the best NDW/Wave records in a real good 80ies style in 2012 so far. www.dangerboy.de
3. DIVING FOR SUNKEN TREASURES: You might know these guys. If you spend your sunday afternoon at the Fleamarket of the Mauerpark, for sure you will have seen this unbelievable good Gipsy punks, that can turn a whole area into a total crazy dancing within a five minutes with their Standupbass/kid drums/Guitar-outfit. http://www.divingforsunkentreasure.com/
After Live comes more music, in our case with these experienced great DJs:
Niki Matita (SubCult, Zentrale Randlage)
DC Reverend (East India fading Company)
Ben Bazooka (Renfield-Zine, Pankerknacker-Zine)
RENFIELD No. 25 Releaseparty 15.09.2012 9 o'clock p.m. at CORTINA BOB, WIENER STR. 34, 10999 Berlin

Montag, 11. Juni 2012

Tara, oh Tara

Tara Pryia - Rollin' Man soll den Menschen ja nichts Schlechtes wünschen. Selbst, wenn man davon ausgeht, dass eine beschissene Stimmung, Weltschmerz, Liebeskummer, Selbstzweifel oder ähnliche mentale Sumpflöcher die ganz speziellen magischen Zutaten sind, um aus einem ganz guten Popsong etwas Magisches zu machen. Songs für die Ewigkeit mit etwas, das wir hier mal SOUL nennen können. Ich wünsche natürlich auch Tara Priya nichts Schlechtes, und definitiv keine persönlichen Tragödien, dafür sieht sie einfach viel zu gut aus, wie sie da so mit wuscheligen Haaren und großen braunen Augen vom Cover ihrer CD runterschaut. Und da liegt irgendwie das Problem dieser atemberaubend hübschen Kalifornierin, die dich allein mit den Fotos auf ihrer 6-Song-EP schon zum Kleenex greifen lässt: Denn mit ihrem wunderbaren 60ies-Retro-Soul-Pop wird es Tara bestimmt weit bringen, alle werden sie dafür lieben, die Türen zu den ganz großen Stadien müssen einfach offen stehen! Passt ja auch gerade ganz gut in eine Zeit, wo Soul in diversen Spielarten abgefeiert wird wie selbstgerollte Buletten. Da ist natürlich der Vergleich zu Amy Winehouse nicht weit. Womit wir beim Punkt wären. Denn wo mir das komplette "Back to Black"-Album auch nach sechs Jahren einen Schauer auf den Rücken zaubert, bleibt derselbe Effekt bei den Songs der süßen Tara aus und vielleicht liegt das an der ganzen Tragik von Miss Winehouse, die so viel mehr Herzblut in ihre Stimme setzen konnte. Klar, natürlich kannst du wunderbare Soulsongs schreiben und singen (wie Tara), wunderbar aussehen (yeah, wie Tara, verdammt), nen geilen Uniabschluss haben (wie Tara), aber das allein macht dich noch nicht zu einer Diva, die sich durch ihre Stimme in den Pop-Olymp schießt. Schlechte Tattoos, ein massives Drogenproblem, eine gewisse, nicht ganz rationell erklärbare dunkle Aura und ein vermasseltes Rockstarleben könnten da schon helfen. Aber wie gesagt, man soll ja niemandem was schlechtes wünschen (schon gar nicht mit dem Ziel, mal ein legendärer Popstar zu werden). Erst recht nicht einer bezaubernden Soulfee wie Tara Priya. (H) (Rockhit Records, www.rockhit.de, www.tarapriya.com)

Sonntag, 10. Juni 2012

Coogans Bluff - Poncho Express

Was passiert eigentlich, wenn das Horrorszenario wirklich wahr werden würde und Til Schweiger sich mit seiner Forderung als neuer Kommissar duchsetzt, das alte Tatort-Intro zu ersetzen? Gut, für Klaus Doldinger wär's blöd, nach über 30 Jahren auf regelmäßige Tantiemen verzichten zu müssen, aber es wäre die Chance für COOGANS BLUFF. Denn falls sich irgendein Tatort-Verantwortlicher nach einer etwas moderneren, knackigen Soundtrackversion sehnt, dann ist er bei den Rostockern an der richtigen Stelle. Wenn sich eine Band schon nach einem alten Krimi mit Clint Eastwood in der Hauptrolle benennt (den ich übrigens gestern im halbtrunkenen Zustand nachts um drei zufällig auf irgendeinem Minisender aufgetan habe), kann man schon ungefähr auf die Musik schließen, die hier gespielt wird. Der Film ist übrigens von 1968 Clint gerät auf der Suche nach einem Gangster, als totales Landei nach New York und findet das alles etwas seltsam. Das gute alte Lied vom Kulturkampf zwischen dem Landei und der Symphonie der Großstadt. Und das alles von 1968! Baby, da war der Sommer der Liebe gerade voll im Gange, ganze Länder haben den Zauber von Jimi Hendrix entdeckt und dazu selig ein Kind nach dem anderen gezeugt. Ok, da war vieles nach ein paar Jahren auch ziemlich schnarchig, Punk hat ja nicht umsonst irgendwann damit aufgeräumt, aber Coogans Bluff haben sich defintiv von dem guten Scheiß dieser Zeit beeinflussen lassen. Von schwitzigem Blues, Rock'n'Roll und seligem Kraut - wir könnten es auch Hippiescheiß nennen - aber wie gesagt von der guten Sorte. Allein der erste Song - "Beefheart" (natürlich als Reminiszenz an den guten alten Captain zu verstehen) hat mit seinem groovy-groovy-groovy Groove, den Bläsersätzen und dem darüber liegenden krächzigen Gebrabbel - das irgendwo zwischen Screamin' Ja Hawkins und Tom Waits liegt - allerbeste Entertainmentqualitäten. Und so geht's knackeheiß weiter, zwar nur durch sechs Songs, aber wenn die bis zu 10 Minuten lang sein, darf man a) nicht meckern und b) auch damit rechnen, dass genug Zeit ist, um einfach mal wild draufloszujammen. Auf Platte wird immerhin soviel Form bewahrt, dass man als Hörer noch hinterher kommt. Zwischendurch platzt dann mit "You and me" noch ein dermassen geiler Up-Tempo-Smasher aus Garage-Punkladen rein, das ich mich frage, ob die Nomads den vielleicht irgendwo auf der Straße haben liegen lassen. Musikalisch sind C.B. bisher unerklärlicherweise komplett an mir vorbeigegangen. Da musste wohl erst dieser Pony Express nach Kreuzberg kommen, um das zu ändern und ich muss mich ernsthaft fragen, was da vorher in meinem Plattenkastl los war, denn der PONCHO EXPRESS ist heiß! Je länger ich mir das alles anhöre, desto mehr muss ich manchmal an eine Band wie die lang vergessenen BOTTOM 12 mit etwas Kraut drüber denken, die sich auch nicht zu schade waren, über ihre Gitarrenriffs Saxophone und Trompeten erklingen zu lassen. Gut, dem ein der anderen mag das etwas zu muckermäßig sein, aber davon lass ich mich nicht abschrecken. Trage mittlerweile eh nen Bart, und versüße mir den Sommer mit verstaubten Prog-Rock-Scheiben aus Polen, da darf auch eine zeitgemäße Rockversion in Gestalt von COOGANS BLuff sein. Und so ein bißchen Hippiefeeling könnten wir alle mal wieder vertragen, n'est pas?. Auch ohne Opas CCR-Platten rauskramen zu müssen. Dann lieber COOGANS BLUFF, denn die sind so wie sie sind, einfach und ehrlich. Fehlt nur noch der Sommer der Liebe. (C) (Nois-o-lution, www.coogansbluff.de)

Samstag, 5. Mai 2012

Whores! Everywhere!

Oh, die sind pissig! Sollte dem Begriff der Nutte irgendwelche positiven Assoziationen zugeordnet werden, dem Trio aus Atlanta sind sie wohl unbekannt. Alles, was man jeglicher Art von Prostitution dagegen mit Hass, Wut, Selbstekel, Erniedrigung und Abneigung verbindet, wohl dagegen sehr wohl. Dementsprechend derb geht's auch auf der Ruiner-EP zu. 5 Songs gibt's, macht 5 Songs, in denen sich zähe Noiseriffs über einen langsamen Schlagzeug-Groove schleppen. Natürlich lassen da diejenigen grüßen, die schon früher ihren Unmut in schleppenden Krach umgewandelt haben. Es könnte also gut sein, dass sich dieses Trio durch den gesamten Amphetamine Reptile-Backkatalog gehört hat und weil das nicht gereicht hat, auch noch was von Helmet dazwischen geschoben hat. Als FILTER quasi. Jedenfalls blubbert hier der Bass, die Gitarre sägt sich durch hübsche Riffs darüber und auch der Schreihals ist so geil angepisst, wie es nicht passender sein könnte. Da ist soviel ungeschminkte, direkte Abkotzerei ohne große Metalcore-ich-bin-so-böse-Posen drin, dass man den dreien ihre Wut für bare Münze glatt abkauft. Vielleicht ist das so, weil hier gerade auf den Schnick-Schnack verzichtet wird, auf irgendwelcher subtilen Anspielungen oder irgendwelche halblustige Formen von Ironie. Und weil Punk ja schon lange viel zu nett ist, Metal auch nur bei den üblichen Verdächtigen für Provokation sorgt, darf es auch mal eine Mische aus allem sein. Ok, das Cover mit der Wumme ist dann vielleicht doch etwas klischeehaft, aber ansonsten hat der geneigte Hörer es hier mit einer geil angepissten EP für den Amoklauf im Kopf zu tun. Genau das richtige, wenn einem nach einem Arbeitstag auf dem Heimweg alle Mitfahrenden wieder mal fürchterlich auf die Nerven steigen. Wäre auch der richtige Soundtrack für ein Remake von Michael Douglas` Amoklauf-Klassikers "Falling Down". Was für Nutten! (E) (Stressed Sumo Records, www.stressedsumorecords.co.uk)

Sonntag, 22. April 2012

THE INSPECTOR CLUZO - The 2 Mousquetaires

Klarer Fall von Bestechung: Wenn dem Rezensenten nicht nur einfach eine Promo-CD inklusive Beiblättchen zukommt, sondern einen eigens dazu passenden Comic dazulegt wird,der ganz charmant die Geschchte der zu rezensierenden Band erzählt, fällt es schwer, das ganze Projekt scheiße zu finden. Aber abgesehen von dem wirklich hübschen Package zum zweiten Inspector Cluzo-Album, kann natürlich auch die Musik einiges. Schon stimmig, diese ganze Mischung aus Rock und Funk. Nehme wir mal die beiden Typen, die hinter der Band stecken. Keine Ahnung, ob die irgendwie einen Punkbackground haben, aber zumindest haben sie die ganze Philosophie des D.I.Y. vollends aufgesogen, denn bei THE INSPECTOR CLUZO läuft alles über die Band. Natürlich die Musik, dann das Konzept der 2-Mann-Combo, die kackfrech und ziemlich tight diese Rock-Funk-Melange zusammenmischt und die ganze Promo-Sache noch dazu. Passion, Hingabe, Herzblut galore, nenn es wie du willst, es ist alles drin.
und wo wir gerade so nett über Comics plauderten: Man könnte auch schnell gewisse Parallelen zu Asterix und Obelix, oder eben auch den titelgebenden tapferen Musketieren ziehen.
Ich meine, was haben wir hier? Zwei Kumpels aus einer idyllischen Region Frankreichs (ok, Gascogne, nicht Gallien) mit einem ziemlich unbändigen, aber nicht unsympathischen Regionalstolz, der sich gern auch mal der ureigenen okzitanischen Sprache bedient. Die beiden ziehen mit Gitarre und Drums gegen die erdrückende und einfallslose Übermacht der Musikindustrie zu Felde und ebenso gegen die immer gleich klingenden schluffig-scheiteltragenden Indie-Bands, die dank der weltweiten Zugänglichkeit jeglicher Musik auch überall gleich klingen, egal ob sie aus England, Norwegen oder Deutschannd kommen. Und das, werte Jury tun die Herren Jourdain und Lacrouts nicht nur mit der nimmer endenden Kraft des Do-It-Yourself, sondern auch der Energie guter einfacher Rockmusik und dem was James Brown, Curtis Mayfield (dessen "Move on up" denn auch gecovert wird) in Soul und Funk zu ganz heißem Scheiß anrührttenn. Nimmt diese Hauptzutaten des Inspector-Cluzo-Kosmos mal zusammen, klingt es in vielen Situationen ein wenig nach Danko Jones, vielleicht mit etwas mehr Hardrock drin, aber insgesmat mit den knackigen Riffs und funky Bläsersätzen, die einen schon richtig neugierig machen, auf das, was der Insector so live anstellen kann. Manchmal mag der Sound etwas zu glatt sein, aber andererseits ist das ja eine ROCKBAND und kein Garage-Punkprojekt, von daher liegen die Zielsetzungen wohl etwas anders. Wer allerdings davon ab noch so schicke Songtitel wie "Why a vulgar french band cannot play shitty english pop music?" an den Tag legt, kann live wie auch auf Platte nicht zu den Bösen gehören. Und von daher passt die Referenz auf die beiden tapferen, renitenten Galliern dann umso besser. Hoffentlich haben sie auf Tour genug Zaubertrank dabei. (G)(http://www.fuckthebassplayer.com)

Freitag, 23. März 2012

Ein Abend mit Michael, Jakob und Tamer - Taqwacore im Roten Salon

AUf dem Weg zurück nach Kreuzberg frage ich mich, ob das alles so richtig war. Klar, was zu meckern findet man immer, aber als ich die Lesung von Michel Muhammand Knight und die dazugehörige Vorstellung der deutschen Ausgabe von Taqwacore nochmal durch meinen Kopf gehen lasse, verfestigt sich die Meinung, dass das besser hätte laufen können. An einem anderen, geeigneteren Ort. Ich meine, verdammt, wir sind in Berlin und da sollte es nicht möglich sein, eine Lesung eines der interessantesten Bücher der letzten Zeit, dass ich mit Punk beschäftigt, im angemessenen Rahmen hin zu kriegen? Aber von Anfang an.
Taqwacore. Man könnte meinen, all den Sub-Genres von Punk und Hardcore wäre so langsam nichts mehr hinzuzufügen, gibt ja mittlerweile alles mögliche mit allen möglichen weltanschaulichen und musikalischen Hintergründen: Krishnacore hier, Christenpunks, die so provokant sind wie eine Tasse Melissentee im Raumk der STille auf dem Kirchentag, da. Jüdische Skinheadbands wie Jewdriver die einen endlich mal herzhaft lachen lassen und dann wäre da noch der ganze Kram wie Death-, Jazz-, Post-, Mathcore, Street-, Garage-, 60ies-, 70s-, 80s-, 90s, Zeitmaschinen-Punk, der ganze Schubladen-Mist für etwas, das nur auf drei Akkorden aufbaut, aber sich dann doch in allen möglichen Codes neu erfindet.
Und jetzt wird also mit Muslim-Punk der nächste Hype durchs Dorf gejagt. Vielleicht bin ich deshalb umso erstaunter und interessierter an dieser Samstagabend-Veranstaltung, weil diese Kombi 1.) bei mir sensationsgeilem Bock doch mal wieder echtes Interesse geweckt hat und 2.) weil es wirklich so aussieht, als wäre ein Buch, ein bestimmtes Buch die Inspiration für gar nicht wenige junge Muslime gewesen, selber Bands zu gründen, sich selber Taqwacore zu nennen, selber eine eigene Szene zu gründen, selber die Wut rauszubrüllen und zu versuchen, die widerborstige Punkattitüde mit ihrem - nicht gänzlich in Frage gestellten - Glauben zu verbinden. Da kann man noch mal am recht aktuellen Beispiel nachvollziehen,wie sich die frühen Punkszenen geformnt haben.
Michael Muhammad Knight hat "The Taqwacores" 2004 veröffentlicht, es ist ein Roman um eine Truppe von 4-5 muslimischen Punks/Hardcorelern, die sich - eben - The Taqwacores nennen. Taqwacore ist übrigens ein Kofferwort, dass sich aus dem arabischen Wort "Taqwa" (was ungefähr mit Frömmigkeit oder Gläubigkeit übersezt werden kann) und - welche Überraschung - Hardcore.
Es geht in Knights erster fiktiven Veröffentlichung also um Punk und Islam. Oder um junge Muslime, die auch Bock auf Punk haben. Geht das denn überhaupt?
Was für einen Effekt sein Buch auf junge Muslime in den USA haben würde, hätte sich Michael M. Knight wohl nie gedacht. Aber ob bewusst oder nicht, er hat damit wohl genau den richtige Nerv getroffen, genau die richtigen Worte gefunden um das auszudrücken, was einer Menge Muslimen, die sich mit islamischen Glaubensregeln und der westlichen Kultur, in der sie ja nunmal leben, selber finden müssen. Und eben dieser Michael Knight war an diesem Samstagabend zur Präsentation der deutschen Erstausgabe der Taqwacores (nur knapp 8 Jahre nach der englischen Ausgabe, Respekt!) am letzten Tag seiner drei-tägigen Lesetour durch Deutschland (vorher waren Leipzig und Köln an der Reihe) zu Gast in Berlin. Im Roten Salon der Volksbühne am Rosa-Luxemburg-Platz. Mit dem Herausgeber der Wochenzeitung "der freitag", Jakob Augstein als Moderator und Tamer Yigit, Schauspieler und wohl auch Sänger diverser türkischer Metalbands, als Leser der deutschen Übersetzung. Ganz schön großer Zirkus für das erste deutschsprachige Buch eines amerikanischen Autors, das sich eigentlich mit einem sehr kleinen Sub-Genre einer Subkultur beschäftigt. Aber es geht natürlich auch um den Islam und wie das denn so gehen kann mit Rebellion und Glauben und all dem, Grund genug also für diverse Feuilleton- und Spexleser, angehende Geisteswissenschaftler, aber auch zahlreiche junge Muslime/Muslima mal im Roten Salon vorbeizuschauen. Und für mich auch, obwohl ich die Sache mit Augstein und dem türkischen Deathmetalkollegen gar nichts wusste. Macht aber auch nix, die beiden kannte ich bis zu dem Abend auch gar nicht. Verpasst habe ich aber damit auch nicht wirklich was.
Diese drei sitzen also gemeinsam auf der Bühne im Roten Salon: Knight links, Augstein in der Mitte und rechts daneben mit Jogginghose, Böhse-Onkelz-Shirt und Metalkutte, Tamer Yigit.
Michael M. Knight könnte gegensätzlicher nicht aussehen, denn im grauen Anzug sieht er sieht jedenfalls eher wie ein etwas verkopfter Geisteswissenschaftler aus, aus als jemand der knietief im Punkunderground unterwegs ist. Trotzdem nicht unsympathisch, was sich im Laufe des Abends immer mehr bestätigt. Er liest flüssig ein paar Passagen aus seinem Buch, kann auf Fragen und Diskussionsbeiträge souverän und unterhaltsam antworten. Ich muss sagen, dass das, was er erzählt, mir ganz gut gefällt. Ich werde jetzt nciht automatisch zum Islam konvertieren, kann aber zumidnest besser verstehen, wie Punk und Ilsam zusammengehen können. Und Mr. Knight its nun mal ziemlich smart. Aber ist das vielleicht eine typisch amerikanische Eigenart, sich einfach gut und gewählt ausdrücken zu können? Es ist jedenfalsl sehr schnell klar, dass die Sympathien der Anwesenden ganz klar bei Mr. Knight liegen. Und die anderen beiden? Vielleicht hätten die Organisatoren mal bei der Vorbereitung dieses Abends, als sie den passenden Gastgeber für diese Veranstaltung gesucht haben, mal einen Blick in die Gelben Seiten werfen sollen - Dann hätten sie wohl jemanden gefunden, der sich damit auskennt.
Jakob Augstein macht jedenfalls vom ersten Moment an den Eindruck, als gäbe es kein Thema für ihn, was weiter weg sein könnte als Muslim-Punk. Schwer vorzustellen, dass dieser extrem intellektuell wirkende Publizist überhaupt irgendwann mal auf einem Punk- oder Rock-konzert unterwegs war, ganz schwer sogar. Da hätte sich als Moderator bestimmt jemand gefunden, der sich mit der Materie etwas besser auskennt, aber vielleicht musste es der Freitags-Zeitungsmann einfach sein, weil seine Wochenzeitung zufällig der Medienpartner bei dieser Veranstaltung war(und sein Werbematerial recht aufällig im Raum verteilt hat). Warum setzt man also einen Typen dahin, der offensichtlich nicht wirklich Interesse an dem Buch und dessen Inhalt zeigt? Es war so ein bißchen eine Darstellung des abgeklärten Publizisten, der etwas von oben herab (eventuell vom Balkon seines Elfenbeinturmes?), dazu leicht ermüdet und verständnislos auf etwas schaut, was total außerhalb seines Weintrinker-Zeitungsmacher-Hochkultur-Kosmos stattfindet.
Vielleicht war auch das den Veranstaltern nicht ganz entgangen und möglicherweise wollte man dazu als Gegengewicht einen echten subkulturellen Verteter ins Bild stellen. Einen echten Rocker, möglichst mit türkischem Hintergund, am besten sogar aus Kreuzberg, das wäre ja sowas von authentisch, kredibel und so bodenständig, dass man's kaum aushält. Suchen wir uns doch einen echten Berlintürken, der eben nicht nur den ganzen Tag HipHop hört, mag man sich da von Seiten des Verlags gedacht haben. Und wen nehmen wir da, als migrantischen Alibivertreter der harten Berliner Rockmusikszene? Na, den Tamer, da ist doch so ein echt authentischer Typ. Ist ja Schauspieler. Singt in zwanzig Metalbands. Ganz verrückter Hund, der Tamer, den nehmen wir. Der liest bestimmt gern. Zumindest das stimmt, Yigit mag sehr authentisch als Berliner Strassenrocker rüberkommen (oder so wie man sich das als "freitag"-LeserIn vorstellt) er ist allerdings an diesem Abend eines nicht: gut vorbereitet.
Kämpft sich durch sein Skript und weiß oft gar nicht, wo der Text auf dem einen Zettel anfängt und auf dem anderen aufhört. Die gewisse Hilflosigkeit, aus die ihm Papa Augstein dann gutväterlich immer wieder raushilft, sorgt erstmal für Gelächter im Saal, lässt den Guten aber schnell in die Rolle des etwas blöden Metal-Prolls rutschen, der sich da irgendwie ins Gespräch zwischen den beiden intelektuellen Schwergewichte verirrt hat. Und das zieht sich nicht nur über die Lesung, sondern auch durch die anschließende Diskussion. Augstein braucht ewig, bis er, trotz immer lauter werdender Forderungen, das Publikum mit ins Gespräch einbezieht. Er will seinen Fragenkatalog (den es trotz augenscheinlichen Desinteresses gibt, hier stimmt die Vorbereitung) unbedingt durchziehen, knickt dann aber ein und dank einiger wirklich engagierter junger Frauen entwickelt sich dann doch eine lebhafte Diskussion, über Punk, über die verschiedenen Spielarten des Islam samt seinen Vorschriften und wie sie im westlichen Alltag praktizierbar sind. Eine Diskussion, die ihren Höhepunkt in der Frage erreicht, inwieweit die westlichen Staaten wirklich die Trennung von Kirche und Staat vollzogen haben, die sie für sich immer propagieren. Da wird dann auch auf einmal das Interesse des bisher recht teilnahmlos wirkenden Augstein geweckt, endlich froh, einen Streitpunkt mit Michael Knight gefunden zu haben. Für Tamer Yigit scheint das alles etwas zu hoch zu sein, in bestem Straßenköterdeutsch gibt er ab und an ein Statement zum Besten, das vielleicht irgendwas mit dem Buch und der Idee des Muslim-Punk (von der Tamer ganz gemäß dem guten, alten "No gods, no masters"-Mottos folgend, sehr wenig hält), aber wenig mit dem augenblicklichen Thema der Debatte zu tun hat. Und dann, als wirklich ein gewisser "now we can talk"-Punkt erreicht zu sein scheint, der Punkt, an dem wirklich lebhaft ein Gespräch zwischen denen auf und denen vor der Bühen stattfindet, wird - recht überraschend für alle Anwesenden - die Veranstaltung einfach beendet. Abgebrochen. Aus. Ende. Seltsam.
Moderatnix Augstein bekommt aus der Tiefe des Raumes das Zeichen für das zeitliche Ende der Veranstaltung. Michael M. Knight und Yigit posieren noch standesgemäß für ein paar Fotos, Bücher werden signiert und das war's dann. Komisches Ende, denke ich, als ich zehn Minuten später zum Alex laufe. Warum, frage ich mich, waren eigentlich so wenig Punks da? Egal ob Muslim, Atheist oder Mitglied in der Sekte des allswissenden SPaghettimonsters, DAS hier hätte an einem anderen Ort in derselben Stadt bestimmt ein größeres und interessierteres Publikum gezogen. Und damit meine ich nicht, dass Kreuzberg automatisch der bessere Stadteil für die Taqwacore-Lesung gewesen wäre. Oder lag's an der Location? An der etwas unglücklichen Auwahl der Beteiligten? Und wie war das eigentlich in Köln und Leipzig? We'll never know...