Dienstag, 9. Dezember 2014

Das Renfield-Team im Arbeitskampf

Kommt mir jetzt nicht mit Weihnachten. Ich weiß, die wäre ein billiger, aber immer guter Aufhänger, um einen Blogeintrag zu posten. Nutz ich aber nicht. Ich mach heute nicht mal 'ne Kerze an. Sondern beschäftige mich mit einer Frage, die einem am Ende des Jahres beim Blick ins winterliche Dunkel und mit Blick auf das näherkommende nächste Jahr gelegentlich doch mal kommt.
Wie wollen wir eigentlich leben?

Wie will ich eigentlich leben? Immer Hartz4? Immer öde stupide Arbeit? Immer solo? Immer nur eine Beziehung nach der anderen? Immer zynisch? Immer müde? Immer überfordert, krank und ausgebrannt? Immer im Reihenhaus oder immer WG? Immer Wagenburg, immer Hinterhof oder immer Blick auf den Plattenbau gegenüber? Immer Altbau oder immer Bungalow? Immer sicher? Immer volles Risiko? Immer geplant oder immer spontan? Immer nur schreien oder immer stumm? Immer nur laufen oder immer nur stillstehend? Immer nur agierend oder immer nur reagierend? Ok, reicht.

Kurze Antwort: Ich weiß es nicht. Ich glaube auch nicht, dass das irgendjemand auf diesem Planeten wirklich weiß. jedenfalls so, dass er/sie es in einem Satz erklären könnte. Es gibt wohl keine einfache Antwort auf diese Frage. Aber mit eben dieser Frage sind wir im Jahr 2014 nun wahrlich auch nicht die ersten. Wirklich nicht. Das haben sich schon ein paar andere Leute gefragt, ich wette sogar, seit ein paar Jahrtausenden fragen sich das immer irgendwelche Gestalten und meinen desöfteren eine simple Antwort darauf gefunden zu haben. Einige haben sogar schon Filme dazu gemacht.
Zu Beispiel diesen hier:

Das Jahr 01 (L’an 01)
"Das Jahr 01" ist einer der wenigen Spielfilme, die sich gründlich mit der Frage „wie wollen wir leben?“ beschäftigt. Eine sozialistische Übergangsphase, ein Zentralkomitee oder sonstige Instanzen, werden dafür nicht als nötig erachtet. An einem Tag um 15:00, ist es soweit: „Wir stoppen alles, denken nach und es ist echt nicht traurig!“.
Von nun an wird alles mögliche umgewälzt oder abgeschafft (entfremdete Arbeit, Geld, Privateigentum, Knäste…). Das Spiel, die Lust, die Wissenschaft, die Kunst wird von jedem, der es möchte, angeeignet.
Das Jahr 01 basiert auf dem gleichnamigen Comic und wurde Anfang der 70er Jahre überwiegend in Frankreich gedreht. Wer die Regisseure sind, ist – auch wenn sie teilweise Karriere gemacht haben – vollkommen unwichtig. Es ist ein kollektives Spiel, ohne Hauptdarsteller_innen. Deshalb kann man im Vorspann keine Namen lesen: „Es sind so viele und sie werden sich schon erkennen“.
labournet.tv hat die ersten deutschen Untertitel erstellt.
Und genau den Film schaut sich die RENFIELD-Crew und alle, die es mit ihr tun wollen, am kommenden Donnerstag ab 21 Uhr an.

Stattfinden wird diese rein private Veranstaltung im schönsten selbstorganisierten Schnapsloch Berlins ab 20 Uhr und wer mag, darf hinterher auch noch gern mit allen Anwesenden bei geistigen Getränken über seine Antwort auf die oben genannten Frage diskutieren..
Die Deutschen Untertitel werden im Rahmen der Veranstaltung auf CDs zu Verfügung gestellt.

Dienstag, 2. Dezember 2014

Crooning 'round the Monatsende

Am Ende kaufe ich doch noch zwei 7inches. Die Songs habe ich schon auf Gaspard Royants-CD-Compilation, aber so ganz rational kann man das bei Plattensammlern eh nie erklären, warum sie was kaufen. Vielleicht ist es eine Mischung aus Kalkül (Die Dinger könnten ja irgendwann mal was wert sein), Genuss (die Songs waren im Set am besten) und schlicht und ergreifend Sucht. Nach neuen Platten.

Garspard Royant ist für einen Promo–Gig mit seiner Band nach Berlin in den Fluxbau gekommen. Heißt: Das Ding ist irgendwie nicht öffentlich. Dafür ist der Laden voll mit–zig Menschen der Gattung Irgendwas-mit-Medien-Typen. Gehöre ich ja auch irgendwie zu. Schließlich wurde Royants Single-Compilation im aktuellen Renfield rezensiert und in der SubCult-Radioshow auch gespielt. Trotzdem fremdele ich mit all diesen jungen und gut gekleideten Menschen um mich rum. Sehen irgendwie alle sehr glatt aus. Und ich hab mein bestes Hemd angezogen.

Die Backing- Band kommt in der guten alten Rock/Beat-Besetzung daher. Gitarre, Bass, Schlagzeug, kein Keyboard. Sehen alle drei aus, als könnten sie auch in einer angesagten Indierockkapelle spielen. Gaspard Royant hat eine leichte Ähnlichkeit mit Ken Jebsen und steckt in einem weißen Sakko, das auch Elvis schon in jungen Jahren getragen haben könnte. Auch sonst sieht er sehr geschniegelt aus. Frisch rasiert, gut gescheitelte Frisur, dazu Lackschühchen. Hat auch was von einem Nachkriegs-Eisdielenverkäufer. Ein ordentlicher junger Dandy, den man so auch als Schwiegersohn herzeigen könnte. Das Outfit passt natürlich spitze zu dem Sound, denn der ist auch ziemlich retro. Sixties-Beat, frühe Beatles, frühe Stones, frühe Kinks, Northern Soul, Ye-Ye-Pop – alles drin. Immer ordentlich Twang auf der Gitarre, alles immer sehr treibend und tanzbar. Klar, wenn die Snare durchpeitscht, dann kriegt selbst die softeste Beatnummer einen guten Drive. Dazu englische Texte, die vielleicht nicht sehr tiefsinnig, aber recht smart sind, und mit unglaublichem Schmelz in der Stimme vorgetragen werden. Ein Schnulzensänger ist Gaspard Royant zwar nicht, aber nah dran. Die Posen und Moves der Crooner der späten 50er bis zu den frühen 60ern hat er jedenfalls gut und genau einstudiert.

Fünf Singles hat Gaspard Royant in den letzten Jahren rausgebracht, diese gibt es nochmal zusammen auf der Compilation „10 Hit Wonder“. Jede andere Band hätte sich wahrscheinlich nach zwei 7inches auf das Projekt Langspielplatte gestürzt. Aber in Hinsicht auf das Format hat der Franzose sich an den Künstlern der frühen Rock’n’Roll- und Beatgeneration gehalten. Heißt: Erst mal Singles rausballern, was das Zeug hält. Für das größere Vorhaben einer eigenständigen LP mit all ihren konzeptionellen Raffinessen scheint erst mal keine Zeit gewesen zu sein. Da die Menge aber irgendwas haben will, außer einen Song nach dem anderen kleckerweise gereicht zu bekommen musste wohl im Herbst eine Kompilation hinterher.

Schon während des zugegeben sehr unterhaltsamen Gigs bin ich ein wenig zwiegespalten. Denn einerseits ist dieses Retroding, das Royant konsequent durchzieht, schon charmant. Ein wenig moderner als aus Omas Wurlitzer klingt das schon, wenn auch nicht so, wie das die BLACK KEYS, THE WHITE STRIPES oder THE STROKES fabrizieren. Nicht so dreckig und laut wie manche Garage-Band. Denn dafür sind die Songs von Gaspard Royant einfach zu glatt. Er wirkt wie ein Star aus der Zeit, als es noch Sendeschluss und schwarz-weiß-Fernsehen gab. Smart, beweglich, sich von der Monitorbox zu den schmachtenden Mädels Publikum runterbeugend und am Ende noch auf den Tresen springend. Macht alles Laune, wirkt aber wie ein Re-Enactment goldener Showzeiten, als die Verhältnisse noch klar waren – eben wie in den goldenen 60ern. Selbst als die in der Zugabe sogar Jim Morrison zitiert wird, bleibt das alles zu lieb. Da ist nichts Gefährliches, nichts Bedrohliches, nichts Außenseiter-mäßiges, nichts was die Rock’n’Roll-Darsteller in den frühen Zeiten so faszinierend machte.

Vielleicht sind es die Brüche, die mir bei Gaspard Royant ein wenig fehlen. Entertainerfigur ja, aber warum das Ganze nicht ein bisschen überziehen, etwas karikieren oder mit etwas Ironie versehen? Aber vielleicht will heute niemand mehr gravierende Irritationen in der Darstellung so einer Figur, keine seltsamen Verweise, kein unvorhergesehenen Wahnsinn. Vielleicht gab es in den letzten 30 Jahren doch zuviele Provokateure auf den Bühnen, so dass das Publikum heute lieber was einfach authentisch Wirkendes sehen will. Ohne Verwirrung. Oder ist die Tatsache, dass da einer so authentisch seine Beat-Musik spielt, dass er auch vor 50 Jahren zu Ruhm und Geld hätte kommen können, heutzutage schon so richtig alternativ? Gaspard Royant ist auch nach dem Konzert am Plattenstand einfach ein netter Typ und signiert fleißig, was man ihm an Tonträgern und Merchandise hinhält. Profi halt. So gesehen ist Gaspard Royant ein Künstler, zu dem du gut mit deiner Mutter oder deiner Oma hingehen kannst. Die würden es auch gut finden, schließlich fanden sie die Stones und die Beatles ja auch ganz gut, als sie mal jung waren. Aber damit passt er genauso gut ins Frühstücksfernsehen von Sat.1 wie in den zu einem irgendwie alternativen Radiosender gehörenden Fluxbau.

Gary Flanell

Dienstag, 25. November 2014

Berlin? Immer wieder besetzt.

Supermolly, Tommy-Haus und Schokoladen - für Konzertgänger sind das feste Einrichtungen im Kulturleben von Friedrichshain, Kreuzberg und Mitte. Den meisten wird auch irgendwie klar sein, dass es sich bei diesen Clubs um selbstverwaltete Projekte handelt oder dass sie ihren Ursprung als besetzte Häuser haben.
In der geographischen und zeitlichen Wahrnehmung werden Squats in Berlin oftmals in die oben genannten Bezirke beziehungsweise in dn 70er bis 90er Jahre verordnet - und gehören somit schon ein wenig zur Berliner Historie. Aber die Besetzung von Raum, privat der öffentlich, ist nicht nur was für 80er-Jahre-Nostalgiker oder Geschichtsbücher, sondern finden immer noch hier und jetzt statt. Jüngstes Beispiel ist das Refugee-Camp am Oranienplatz und die anschließende Besetzung der Gerhard-Hauptmann-Schule.
Allerdings wird auch die Tatsache, dass in vielen anderen Gegenden Berlins immer wieder Besetzungen durchgeführt wurden, oft vergessen. Eine Übersicht über die existierenden und vergangenen Besetzungen der Stadt fehlte bisher. Grund genug für das PAPPSATT MEDIENKOLLEKTIV, im Sommer 2014 die interaktive Homepage „berlin-besetzt.de“ online zu stellen, auf der man sich über die Geschichte der Hausbesetzungen der letzten 30-40 Jahre im gesamten Berliner Stadtgebiet informieren kann. Über die Hintergründe dieses virtuellen Squatting-Stadtführers gab der Initiator der Seite, Toni Grabowski, gern Auskunft - natürlich passend zwischen Südblock und „Kotti & Co.“ am Kottbusser Tor in Kreuzberg.

Gary (G.): Hallo Toni, Ich weiß nicht mehr genau, wann ich zum ersten Mal auf Berlin-besetzt.de gestoßen bin, weiß aber, dass die Seite in den Wochen, seit sie online gegangen ist, in den Medien sehr präsent war. Hat dich dieses Medienecho überrascht?
Toni Grabowski (TG): Mich hat es schon überrascht, welche Kreise das gezogen hat. Es hat mich nicht überrascht, dass es ein großes Echo gab. Weil ich das Projekt ja selber gemacht habe, habe ich selber gemerkt, dass es eine Riesenlücke in der Aufarbeitung der Hausbesetzergeschichte gibt.
Aufgrund dieser Lücke habe ich damit überhaupt angefangen. Weil ich dachte, dass es ja nicht sein kann, das es da nichts gibt. Letztendlich ist das ja ein wahnsinniges Stück Berlingeschichte, bei dem auch unglaublich viele Leute involviert waren. Ich habe mal zum Spaß hochgerechnet: Wenn ich allein alle Leute nehme, die halt in irgendeiner Weise mal persönlich was mit besetzten Häusern zu tun gehabt haben, und davon jeder einmal auf die Seite klickt, dann ist das schon eine astronomische Zahl.

G.: Aber wie bist du denn dann auf diese Lücke in der Berliner Stadtgeschichte gestoßen?
TG: Dadurch, dass ich in einer linken Szene aufgewachsen bin und mich dort auch bewege. Es ist wohl schon ein Fakt, dass ein Großteil dieser Szene, die wir haben in Berlin, durch Besetzungen entstanden ist. Vielleicht nicht entstanden, aber ein Großteil der Infrastrukturen, die wir nutzen, kommt schon von Besetzungen her. Die ganzen Haus- und Kulturprojekte, die es so gibt. Selbst wenn sie nicht besetzt waren, haben sie direkt mit Hausbesetzungen zu tun. Es ist überall präsent, gleichzeitig war dieses Thema schon da.
Letztendlich war der Anlass die Karte zu machen, dass ich mich mit Landkarten, Karten als politisches Instrument und DIY-Karten beschäftigt habe. Dann war da auch die fixe Idee, schnell die besetzten Häuser zusammenzutragen und die in eine Karte einzutragen, und gut ist die Sache. Es war eigentlich nicht mehr als so etwas gedacht. Dann wollte ich recherchieren und habe festgestellt, dass es keinerlei Listen gibt. Es gibt ein paar aus den 80ern, vereinzelt aus den 90ern, aber bei weitem nicht vollständig und auch nicht von beiden zusammen.

G.: Du sagst, es gab da ein paar Listen, aber das klingt, als wäre das eine sehr mühselige Arbeit gewesen. Wie hast du die Informationen denn zusammengetragen? Hast du da nur vorm Rechner gesessen oder bist du da auch vor Ort gewesen und hast dir besetzte oder ehemals besetzte Häuser angeschaut?
TG: Teils, teils. Mit Unterbrechungen läuft das Projekt seit fünf Jahren. Am Anfang stand das Papiertiger-Archiv. Die sammeln seit Ende der 70er alles zu den sozialen Bewegungen in Berlin, Schwerpunkt auch die Hausbesetzerzeiten der 80er, die haben wahnsinnig viel Material. Die haben angefangen mit so einer Liste, aber nur sehr rudimentär. Ich bin dann die ganzen Szenepublikationen durchgegangen, Flyer, Szene-Zeitschriften wie die Instandbesetzerpost, Broschüren, vereinzelt Bücher. Bin systematisch alles durchgegangen, habe viel gescannt, und alle Daten rausgeschrieben und in einer riesigen Excel-Datei angelegt.

G.: Bist du denn auch direkt zu irgendwelchen Adressen hin gegangen um zu schauen, ob es da noch ein besetztes Haus gibt und wie das jetzt aussieht?
TG: Ich fotografiere auch nebenbei soziale Bewegungen in Berlin. Von daher beobachte ich eh auch die Szene, und was darin passiert, und bin auch während des Projekts durch die Straßen gelaufen, habe viele Leute befragt und Kontakte zu Hausprojekten geknüpft. Da kamen auch noch viele Korrekturen und Ergänzungen.
Ich bin auch später zu einem Kollektiv gestoßen, SqEK-Squatting Europe Kollective (1). Die haben letztendlich die Arbeit noch vervollständigt, weil die ein noch umfangreicheres Projekt über besetzte Häuser in Europa haben. So hat sich das immer mehr erweitert.

G.: Ich verbinde besetzte Häuser in Berlin immer mit den 70er und 80er Jahren. Würdest du sagen, dass das damals die Hochzeit der Hausbesetzerbewegung war?
TG: Es war auf jeden Fall die Zeit, in der es eine Hausbesetzungsbewegung gab, die auch in andere Bewegungen eingebettet war, wie die Mietproteste, die es Ende der 70er/Anfang der 80er gab. Es war auf alle Fälle Teil einer breiten gesellschaftlichen Bewegung. In den 90ern gab es auch wahnsinnig viele Besetzungen. Die waren aber weniger in gesellschaftliche Kämpfe eingebunden. Es war eher Teil einer staatspolitischen Initiative.
Aber jetzt gerade ist ja auch wieder so eine Art Hochzeit. Es gibt zwar weniger Besetzungen, dadurch dass es weniger Leerstand gibt. Aber es gibt wieder wahnsinnig viele stadtpolitische Aktivitäten. Hausbesetzungen sind letztendlich ein Werkzeug und Mittel zum Zweck und nicht nur isoliert zu sehen. Es geht ja nicht nur um Häuser.

G.: Jetzt aktuell gibt es die besetzte Gerhart-Hauptmann-Schule und die Proteste am Kotti. Wie haben sich die Gründe für Hausbesetzungen in den verschiedenen Jahrzehnten geändert?
TG: In den 70ern waren es ja meist Jugendliche aus sozial schwierigen Verhältnissen, die die Häuser besetzt haben. Die haben das einfach aus der Not heraus gemacht, weil sie keinerlei Treffpunkt hatten, wo sie sich ungestört von Autoritäten, Lehrern, Eltern, Cops treffen konnten.
Das ist ja heute völlig undenkbar, war aber damals offensichtlich so. Da mussten sie aus der Not heraus einfach Häuser besetzen, um solche Räume für sich zu haben, beispielsweise das Rauchhaus, oder das Tommy-Weißbecker-Haus, die gibt es ja heute noch als selbstverwaltete Jugendzentren. In den 80ern gab es wahnsinnig viel Leerstand und gleichzeitig extreme Wohnungsknappheit. Heute gibt es weniger Leerstand, aber ein Riesenproblem, Wohnungen zu bekommen.

G.: Das bezieht sich aber meist auf die Gebiete innerhalb des S-Bahn-Rings, würde ich sagen, aber außerhalb geht das ja noch...
TG: Das ist jetzt vielleicht so, aber Lichtenberg füllt sich gerade auch. Es wird wohl nur eine Frage der Zeit sein, bis sich das bis in die Außenbezirke ausweitet. Von daher sind die Gründe schon ähnlich. Auch das Bedürfnis in einer Stadt präsent zu sein, sich auszutauschen, mit anderen Leuten Protesträume zu schaffen, scheint gerade recht groß zu sein, das ist ja auch nichts Neues.
Die aktuellen Besetzungen sind ja eher Protest-Besetzungen, wie zum Beispiel das Refugee-Camp am Oranienplatz oder Kotti & Co. Die sind ja nicht da, um die Fläche zu haben, die nehmen sich ja Flächen, um in der Öffentlichkeit sichtbar zu sein und ihren Protest nach außen zu tragen. (Das stimmt so aber auch nicht ganz, die Refugees in der Ohlauer wollten auch einfach da bleiben dürfen. Es geht also auch um fehlende Fläche, um beides: Sichtbarkeit und Platz. Anmerkung der Red.)

G.: Wenn ich an besetzte Häuser denke, fallen mir als erstes bekannte Orte wie die Köpi, das Tommy Haus, das Supamolly ein. Das sind ja auch schon überregional sehr bekannte Häuser, die auch gern von Berlin-Besuchern frequentiert werden. Glaubst du dass eine Karte, wie du sie jetzt online gestellt hast, den Squatting-Tourimus in Berlin nochmal verstärkt? Dass am Thema interessierte Touristen sagen: Ich mach jetzt mal anhand der Seite eine Tour zu den schönsten besetzten Häusern der Stadt?
TG: Klar, aber das ist halt immer ein Problem mit den Besetzungen. Alles, was man im Stadtraum macht und attraktiv ist, zieht ja auch immer neue Leute an. Das ist ja auch das Problem mit der Gentrifizierung. Ich denke schon, dass man gerade linken Subkulturen vorwerfen kann, dass sie der erste Motor der Gentrifizierung waren. Darum geht‘s mir in erster Linie nicht.
Mir ist es eher wichtig, zu zeigen, dass das eine Form von Stärke ist, die man nach außen tragen kann. Dass man zeigen kann, dass es solche Orte gibt und dass in ihnen ein anderes Leben möglich ist. Klar, in jedem Ort, den man regulär mietet, muss man sich nach den Regeln der Marktwirtschaft verhalten. Man muss Eintritt nehmen, man muss teuer Getränke verkaufen, da findet ja auch ein soziales Leben unter ganz anderen Rahmenbedingungen statt. Und das sollte man mit Stolz herzeigen, um zu zeigen: Es geht auch anders. Man kann sich auch anders organisieren, wenn man nur die Scheißmiete nicht hat.

G.: Gab es denn auch Projekte, die ihre Mitarbeit quasi verweigert haben? Die gesagt haben: Wir wollen hier gar nicht öffentlich verzeichnet werden?
TG: Hab ich ehrlich gesagt nicht so gefragt. Aber ich habe nur öffentliche Quellen genommen, von daher bin ich der Meinung, es geht dabei um den öffentlichen Raum und die Öffentlichkeit, und sich der zu entziehen finde ich politisch auch fragwürdig. Klar gibt es Projekte, die nicht im Fokus stehen wollen, aber worum geht es denn dann bei der Besetzung? Um sich sein eigenes kleines Nestchen zu kapern oder ein politisches Zeichen zu setzen?

G.: Also ist eine Besetzung immer ein politisches Zeichen?
TG: Nicht immer, es gibt ja auch stille Besetzungen, aber sobald sie nach außen kommuniziert werden, ist es ein Statement.

G.: Was ich bei den Beschreibungen der besetzten Häuser ganz gut fand, war, dass man da viel über Besetzungen erfährt, von denen ich gar nicht wusste, dass das so möglich war. Heute kennt man ja nur komplett besetzte Häuser. Aber es gab ja auch so Sachen, wo nur einzelne Wohnungen oder auch nur der Dachboden besetzt wurden. Hast du bei deiner Recherche auch was gefunden, was dich besonders überrascht hat?
TG: Schräg fand ich vor allem zu sehen, in welchen Bezirken Besetzungen stattgefunden haben. In Zehlendorf gab es zum Beispiel einen Fall von einem JZ, von dem auch eine Besetzungserklärung dokumentiert ist. Ich habe dann bei der Recherche im Netz rausgefunden, dass da an der gleichen Adresse immer noch ein Jugendzentrum existiert und dass da immer noch komischerweise genau die Sachen stattfinden, die in der Besetzungserklärung gefordert wurden, nur dass kein Wort darüber verloren wird, dass da möglicherweise mal eine Besetzung stattgefunden hat. Das fand ich ganz interessant.
Auch habe ich von Tischlerkollektiven in Lichterfelde Ost erfahren, die es offensichtlich auch noch heute gibt, jetzt aber in Form von Kollektivbetrieben organisiert sind. Und dass es noch relativ starke Strukturen in Charlottenburg gibt. Das hat mich überrascht.

G.: In dem Taz-Artikel über berlin-besetzt.de wurde gemutmaßt, dass Toni Grabowski höchstwahrscheinlich ein Pseudonym sei. Jetzt findet sich aber auf der Homepage eine Handynummer und eine Mail-Adresse. Das sieht für mich nicht so aus, als wolltest du komplett anonym bleiben. Was steckt denn dahinter?
TG: Zunächst sehe ich mich als Teil vom Kunst- und Medienkollektiv Pappsatt (2) und möchte hervorheben, dass ich das Projekt als Teil der Gruppe gemacht habe und persönlich eher zurücktreten will.

G.: Würdest du sagen, dass Berlin durch die Menge an besetzten Häusern einzigartig in dieser Hinsicht in Europa ist – quasi die Hauptstadt der besetzten Häuser?
TG: Berlin ist von daher schon einzigartig, weil es ja die Teilungssituation mit der Mauer hatte. Das ist ja heute kaum vorstellbar, dass Kreuzberg das Ende von Berlin war und keine Sau da wohnen wollte, außer ein paar Leuten, die sich vorm Wehrdienst drücken wollten. Und dass der Rest es eher gemieden hat, da hin zu ziehen, weil es eine schlechte Verkehrsanbindung gab und alle Häuser geschrottet waren. Das hat natürlich in den 80ern eine Situation geschaffen, die es so gar nicht nochmal in einer anderen Stadt gab.
In den 90ern entstand durch den Fall der Mauer dieses Machtvakuum, diese ganzen freien Flächen, die plötzlich da waren. Die von den Besetzern genutzt wurden. Dass die Volkspolizei nicht eingreifen konnten, dass die Westberliner im Osten auch nicht eingreifen konnten, das sind historisch einmalige Situationen aus denen wahnsinnig viel resultiert.
Die Punk-Kultur hat durch die Umstände einen perfekten Platz zum Gedeihen gefunden, die Technokultur genauso. Ich glaube, dass die gesamte Clubkultur aufgrund des ganzen Leerstands und der ganzen Brachen, die illegal bespielt wurden, entstanden ist. Es gab halt so einen Nährboden. Dasselbe kann man über die Graffiti-Kultur sagen. Durch die Mauer gab’s halt viele Mal-Flächen.

G.: Berlin-Besetzt.de ist jetzt seit einiger Zeit online, man kann sich das im Netz anschauen und die Web-Site ist ja eigentlich fertig. Ist das für dich ein abgeschlossenes Projekt oder geht das noch weiter?
TG: Das wird auf jeden Fall weitergehen. Ich bekomme regelmäßig Zusendungen von weiterem Material, Fotos, auch von Korrekturen. Es werden auch noch viele Lücken vervollständigt. Ich denke, dass in Berlin noch viel passieren wird. Ich habe das Gefühl, dass es gerade erst der Anfang von einer neuen stadtpolitischen Bewegung ist. Generell denke ich aber, dass die Seite erst ein Anstoß ist für eine Aufarbeitung der Geschichte. Oder vielleicht um ein Bewusstsein zu schaffen, um mal an vergangene stadtpolitische Kämpfe anzuknüpfen. Um mal zu schauen: Was gibt‘s heute, was gab’s damals?
Persönlich ist es für mich deshalb nicht abgeschlossen, weil es für mich und andere Gruppen nur ein Teil einer umfassenderen Arbeit ist. Mit dem Pappsatt-Medienkollektiv arbeiten wir gestalterisch zum Thema Stadtpolitik und Stadtaneignung. Wir gestalten Fassaden, hier am Görlitzer Bahnhof haben wir ein Fassadenbild (3) erstellt für die aktuellen Stadtkämpfe. Es ist so wie ein Spielbrett dargestellt. Zum anderen gibt es jetzt auch eine Printkarte, die im September vor dem Wandbild veröffentlicht wurde. Im September ist auch ein Buch zum Thema „Strategien der Stadtaneignung“ (4) erschienen. Von daher sehe ich es nur als einen Baustein unserer Aktivitäten.

G.: Glaubst du, dass berlin-besetzt.de irgendwann in einen größeren Zusammenhang eingebunden wird, dass es mal eine Weltkarte der besetzten Häuser geben wird?
TG: Könnte es geben, weil die Daten ja jetzt auch für andere Recherchen zur Verfügung stehen. Das Problem sehe ich vielmehr in der Umsetzung. Es ist wahnsinnig schwierig für so ein Projekt Geld zu kriegen. Ich habe selber gemerkt, dass da sehr viel unbezahlte Arbeit drinsteckt.

G.: Letzte Frage: Wer definiert eigentlich, wann ein Haus besetzt ist? Die Besetzer oder die Stadt bzw. der Staat? Die Stadt ist vielleicht schnell dabei zu sagen: Das hier ist besetzt, das räumen wir jetzt...

TG: Wenn man aber andererseits Besetzungen als politischen Akt sieht, definieren es ja schon die Besetzer. Wer weiß, vielleicht weiß der Eigentümer gar nicht, dass er dieses Haus noch hat, das gerade besetzt wird. Trotzdem ist es ein politischer Akt, in ein leerstehendes Haus einzuziehen und das der Öffentlichkeit mitzuteilen.

G.: Toni, vielen Dank für das Interview. www.berlin-besetzt.de

Gary Flanell (1) http://sqek.squat.net
(2) www.reclaimyourcity.net
(3) An der Außenwand des Hauses Manteuffelstraße/Naunynstraße, bestens zu sehen vom davorliegenden Spielplatz.
(4) Reclaim Your City: Urbane Protestbewegungen am Beispiel Berlins, Hrsg. vom Pappsatt Medien-Kollektiv, 168 S., Verlag Assoziation A, ISBN 978-3-86241-437-6, 16.00 €

Dienstag, 18. November 2014

Berlin stirbt

Eine Platte, wie aus der Zeit gefallen, hat letztes Jahr im Renfield-Hauptquartier für einiges Schmachten und Seufzen gesorgt: Das Artwork des Debutalbums von JO STRAUSS sieht aus wie eine Zigarettenwerbung aus den 70ern oder 80ern. Ein junger Mann schaut skeptisch bis Wütend mit einer Kippe in der Hand und über die Schultern geschlagenem Pulli in die Kamera. Die Musik: tief traurige und melancholische Songs in herrlichstem österreichischem Dialekt, so traurig, dass nur der Herbst als Jahreszeit zu diesem Soundtrack passt. Und dann trotzdem immer wieder diese Berlinbezüge da drin, von den Titeln und den Lyrics her. Wie passt das zusammen? Hat da jemand zuviel Hader, Qualtinger und Waits in die Melange gerührt und alles in einem Zug runtergespült? Gute Fragen, die an einem Wochentag – natürlich im Oktober - gestellt werden wollten und in der 27. Printausgabe des RENFIELD-Zines veröffentlicht wurde.

Gary: Hallo Jo, auf der Platte sind ja recht viele Songs mit Berlin-Bezug drauf. Gleich drei tragen Berlin sogar im Titel, darunter Berlin stirbt – woran denn?
Jo Strauss: Der aufmerksame Zuhörer bemerkt, dass es in „Berlin stirbt“ um Parkautoamten geht, die installiert werden. Also eine relativ unspektakuläre Sache. Berlin stirbt wie jede Stadt an den kleinen Veränderungen. Es sind die kleinen Freiräume, die einem da weggeknabbert werden.
Zum Beispiel darfst du heute hier nicht mehr gratis parken und morgen darfst du dort nicht mehr rauchen. In Österreich ist es so, dass man vor dem Bahnhof gar nicht mehr rauchen darf. Obwohl man quasi nicht mehr im Gebäude steht. Man ertappt sich dann dabei, dass man leise zustimmt, von wegen: Ok, ich hab schon Verständnis dafür. Die Stadt braucht ja auch Geld. Ich bezahl halt meine drei Euro fürs Parken. Man stimmt einfach zu, man stimmt so dem Sterben zu. Man sagt so: Ach das bisschen Rauchen, darauf kann ich schon verzichten, rauch ich halt woanders, aber am Ende des Tages wird man darauf kommen, dass man dem Sterben zugestimmt hat.

G.: Also sind es eher die kleinen Veränderungen, die den langsamen Tod herbeiführen?
J.: Eine signifikante Veränderung in Berlin war in Prenzlauer Berg, dass fürs Parken kassiert wird. Das war für mich immer ein großes Plus, dass du in Berlin dafür nichts bezahlst. in Österreich war das ja schon gang und gebe. Ich hab dann erst bemerkt, wie viele von diesen kleinen Freiheiten sterben.

G.: Wie ist das mit dem Nichtrauchen in den Cafés, ist das ein Riesenproblem für dich?

J.: Schwierig. Es geht viel vom Kaffeehausglamour weg. Wenn ich ins Kaffeehaus gehe, will ich ja nicht meine Apfelschorle und meinen frischgepressten O-Saft trinken, sondern ich will ein bisschen Glamour. Und ein bisschen Glamour geht auch mit Zerstörung einher. Wenn man jetzt die Raucher alle verbannt, dann hat man bald kein Kaffeehaus mehr, sondern eher sowas wie einen Zahnarztwartebereich.
Ich will die Raucher nicht in Schutz nehmen, aber ich will diese heiligen Orte in Schutz nehmen. Ich will auch einen Kaffee trinken dürfen und nen Bier und nen Wein, obwohl jeder weiß. dass das nicht gesund ist. So ist es mit dem Rauchen auch. Ich finde, man sollte in heiligen Orten wie Kaffeehäusern rauchen dürfen.

G.: Du hast gesagt, dass du in Berlin wohnst. Wie hat es dich denn von Österreich eigentlich hier hin verschlagen?
J.: Ich habe lange in Österreich gewohnt und habe dann gedacht, ich muss mich bewegen und so hat es mich nach Berlin gezogen. Ich hab viel davon gehört, hatte Bekannte dort und das hat sich angeboten, sprachbarrieretechnisch und finanztechnisch, weil es ja, verglichen mit den anderen großen Städten, leistbar war.

G.: Ich kenne recht viele Österreicher, die von Berlin total begeistert sind. da frag mich mich, man könnte ja als Österreicher auch nach Wien gehen, das ist ja auch eine große Stadt. was ist denn für Österreicher an Berlin so faszinierend?

J.: Wenn man als Österreicher nach Wien geht wird man relativ schnell mit einer Grundstimmung konfrontiert, die nicht angenehm ist. Nämlich der, die alles, was nicht aus Wien kommt, als Provinzler abgestempelt. Das ist vielen Österreichern, die nicht aus Wien kommen, unangenehm. Wenn ich irgendwo hinkomme, und ich habe das Gefühl, ich bin quasi der Bauer aus Wien, dann ist das nicht angenehm. In Berlin wird man als Österreicher mit sehr offenen Armen empfangen. und das ist schon sehr angenehm. In Wien kommt das im Subtext dann schon so ein "Wo kommst du denn her?" mit.

G.: Ja, in Berlin ist das nicht so stark ausgeprägt. Wenn man da aus der deutschen Provinz kommt, dann ist man hier schnell unter seinesgleichen und wird man schnell aufgenommen.
J.: In Berlin ist jeder irgendwann mal zugezogen. Man hat so das Gefühl, dass die Österreicher und Österreich ganz positiv besetzt sind: Da ist man mal in den Urlaub hingefahren, da gibt es eine schöne Landschaft, das sind gemütliche Leute und sowas. Das spürt man.
Es ist halt was anderes, wenn man mal auf den Tisch haut und ernst genommen werden will, dann kann es schon mal sein, dass man als der kleine Bruder wahrgenommen wird, der mal wieder etwas besänftigt werden muss. Wenn man aber interessanterweise ein paar Jahre in Berlin gewohnt hat und kommt dann zurück nach Wien, dann sind die Wiener ganz brav und sagen: Ok, der war ja schon mal in Berlin. Man hat dieses Provinzlerdasein dann quasi abgehäutet.

G.: Die Platte hast du bei Alex Ott in Kreuzberg aufgenommen, wie seid ihr denn zusammengekommen? Was war für dich das Beste an der Arbeit zu den Aufnahmen mit ihm?
J.: Ein österreichischer Freund von mir, ein Musiker, wohnt schon länger als ich in Berlin. Der hat genau neben Alex‘ Studio einen Proberaum und meinte, wenn wir live aufnehmen wollen, ist das ein Tipp für uns. Es war immer eine gute Stimmung und ich hatte das Gefühl, dass Alex den Kern des Projekts erfassen und auf Tonträger bringen will. Spannende, für mich undenkbare und neue Aufnahmetechniken. Wir haben das Ding in nur zwei Tagen reingespielt, wie und warum das möglich war, ist zu einem guten Teil Alex' Verdienst.

G.: Du hast gesagt, dass ihr die Songs live im Studio aufgenommen habt. Warum war es für dich wichtig?
J.: Weil ich will das das so klingt wie in 'Echt'. Wir haben erstmals auch mit Live Monitoring aufgenommen (d.h. nicht jeder hört seinen eigenen Mix über Kopfhörer) sondern tatsächlich so, dass jeder dasselbe hört, weil es einen Speaker im Raum gibt - die minimalen Übersprechungen sind das enorme Plus an 'Feeling' echt wert. Einige Nummern haben wir tatsächlich mit einem Mikro in der Raummitte und einem Gesangsmikro aufgenommen - verrückt ist das eigentlich. Einige der Songs sind 'First takes' - wir waren nicht auf eine aalglatte Produktion aus, wir wollten dass das Ding so klingt wie das 'Gute Schlechte Laune Orchester' und Jo Strauss nun einmal klingen.

G.: Wo wohnst du eigentlich in Berlin?
J.: In Prenzlauer Berg.

T.: Das ist ja auch ein Bezirk, der sich sehr verändert hat und sehr bürgerlich geworden ist...
J.: Der hat sich in den letzten zehn Jahren ganz groß bewegt. Ich kenne Leute die den Prenzlauer Berg vor 20 Jahren beschreiben und das war wild. Jetzt ist das Gefährlichste in Prenzlauer Berg, dass dich ein Kinderwagen überrollt.

G.: Nervt dich das?
J.: Es ist eine Bewegung, die sich hier einfach so ergibt. Man stimmt halt so zu. Man sagt halt: Ok, ich gebe auch zu, dass ich es abends gern ruhig habe. Nur ertappt man sich dann dabei, dass man auch zugestimmt hat, dass die Kneipe am Eck dann zugesperrt hat. Und so verändert sich das. Es tut mir ein bisschen weh, aber ich muss auch gestehen, dass ich zu dieser Bewegung auch beitrage. Man sieht halt da wirklich beim Sterben zu und sagt dann aber auch: Ok, ich zahle halt mal eine Fuffi mehr Miete und spiele quasi das Spiel selber mit...

G.: Wo wir dann wieder beim Thema "Berlin stirbt" wären... Das Schöne, Kreative Unfertige von Berlin bleibt dabei auf der Strecke. Auf deiner Homepage steht als Infotext zu dir und deiner Musik "Schreibt Lieder, die den Menschen das Herz aus der Brust reißen, es auf den Boden schmeißen und dann gehörig darauf herumtrampeln sollen!" Ich finde, das klingt voll hart. Soll man leiden, wenn man deine Musik hört?
J.: Das wurde mir so von einem Journalisten hingedichtet. Ich habe mir da selber noch keine Geschichte zu ausgedacht. Man könnte es so auslegen, dass ein Großteil der Nummern ganz schön daherkommen und dann in den letzten Teilen dann so eine Wendung kriegen, die dann schmerzt. Man hört der Geschichte zu und denkt: Oh wunderschön, wie die so dahinplätschert und am Ende kommt dann eine kleine Wendung rein, die das ganze Ding auf den Kopf stellt. Wo einem das Lachen dann im Hals stecken bleibt.

G.: Das klingt für mich sehr typisch österreichisch, nach sehr schwarzem Humor. Wie wichtig ist der für dich beim Musikmachen und Texte?
J.: Schwarzer Humor ist großartig wichtig. man muss über dir Grausamkeiten schon schmunzeln können. Oder wie es bei Blaubart ist, so das ganz grobe Zeug. So der Geisterbahngrusel. Wir wissen eh, dass es nur ein Spiel ist und jetzt hüpfen wir mal da rein, und gruseln uns mal so richtig, aber nur weil wir wissen, dass es ein Spiel ist.

G.: Als ich die Platte gehört habe, dachte ich: Hmm, es ist ziemlich düster und makaber, aber auch unterhaltsam. Die Songs sind geil, und da singt einer in einem harten österreichischen Dialekt und kommt aus Österreich. Was hältst du in dem Zusammenhang eigentlich von dem Begriff Austropop?
J.: Schwierig. Austropop, wenn man das so hört und ganz eng steckt, ist das irgendwelcher grässlicher Schaum, der oben schwimmt, den man da sieht. Aber in der Tiefe des Austropops gibt es ganz großartige Sachen, die versteht man nicht so unter Austropop. Man denkt da gleich an Fendrich und so. und man sieht nur das dünne zeug, aber es geht im Austropop weit nach unten.

G.: Aber wäre das ein Begriff, ein Genre, das du auf deine Musik anwenden würdest?
J.: Ich glaube ja, weil sich sonst kein Begriff etabliert hat. Wenn man sagt es ist Singer/Songwriter oder Folk, dann wird auch gleich gefragt: Wie, und du singst deutsch? Es gibt keinen richtigen Begriff dafür, deshalb kann ich mit Austropop schon leben. Eben weil ich weiß, dass es da weit in die Tiefe geht.

G.: Ich musste bei vielen Songs auch an das denken, was Tom Waits so auf seinen Platten treibt. Ist der ein Einfluss für dich?
J.: Tom Waits ist auf alle Fälle ein Einfluss, vor allem die Rauheit, wie sie sich im Instrumentalen so findet, habe ich sehr gern. Im Austropop hat man sich dahingehend beispielsweise nie sehr weit aus dem Fenster gelehnt, dass man sagt: Jetzt lassen wir die Band mal so spielen, wie sie spielt und machen da nicht mit dem Bügeleisen drüber alles glatt.

G.: Unter deinen Mails zum Terminfindung für dieses Interview steht in der Signatur immer „Sitzmusik und ein bisschen Kabarett“. Wie kann man sich das live vorstellen?
J.: Es ist tatsächlich so eine Mischung aus Konzert und Kleinkunstabend. Zwischen den Nummern werden immer Geschichten erzählt oder ich erzähle Geschichten zu den Musikern. Es ist oft schon lustig, wenn ich einfach was erzähle, obwohl ich selber manchmal nicht genau weiß, warum.
Ich habe gemerkt, dass es dem Abend sehr dienlich ist. Denn wenn ich in dieser Schwere einen Abend bestreite, ohne was zu sagen, dann denken die Leute nach der dritten Nummer: Was ist das für ein Arschloch? Depressiv, morbid und so?! Das ist ihnen oft zu schwer. Ich erzähle eh gerne was und dann merken die Leute auch: Ah, er ist eh ja doch ein Mensch.

G.: Bei den Texten fand ich sehr interessant, dass du bei den Lyrics ganz ausführliche Fußnoten gesetzt hast. Stand da die Angst im Raum hierzulande nicht von jedem verstanden werden zu können?
J.: Das war auf Geheiß meiner Berliner Freunde hin. Quasi nach der Devise: Mach doch mal eine Übersetzung der Texte, oder hilf uns ein bisschen. Weil es live so ist, dass sie doch gern ein bisschen mehr verstanden hätten. Da haben wir uns aber gesagt, einfach nur zu übersetzen ist auch blöd, weil dann sehr viel verloren ginge und so haben wir Fußnoten drangesetzt, damit die tatsächlich harten Brocken verständlich werden und wir nicht alles übersetzen müssen.

G.: Du studierst Philosophie in Berlin, beeinflusst so ein Studium deine Art Texte zu schreiben oder Musik zu machen?
J.: Es ist nicht ganz vordergründig, aber ich denke, es schleicht sich schon ein. Man blickt auf Dinge ein bisschen anders, wenn man sich mit der Philosophie beschäftigt. Alleine, dass man etwas studiert, wo es hinterher kein Geld zu verdienen gibt, das wirkt sich schon auf die Texte aus.

G.: Das „Berlin stirbt“-Video war das erste, was ich von dir auf YouTube gesehen habe. Ist das Absicht, dass es in einem Video, in dem es um Berlin geht, gar nichts von Berlin sieht?
J.: Absolut. Das ist definitiv so. Weil es ist anwendbar auf alles. Es können sich nicht nur die Städte austauschen, es ist auf alles im Leben anwendbar. Zustimmen zum langsamen Sterben, zur langsamen Veränderung und dann davor stehen: Oh Mist, ich habe das Ding wirklich selber verbockt. Ja, das ist austauschbar. Über Berlin zu singen und dazu Berlinbilder zu zeigen, das ist mir zu sehr straight in the face.

T.: Letzte Frage: Angenommen jemand legt im Kaffeehaus deine CD auf, und möchte sich dazu eine Kaffeespezialität bestellen. welche wäre da am passendsten?
J.: Ein Verlängerter. Schwarz.

G.: Jo, vielen Dank für das Gespräch! www.jo-strauss.at

Mittwoch, 12. November 2014

Die Uhr, die nicht tickt

„Man muss ja nicht jeden Quatsch mitmachen, nur weil es biologisch möglich ist!“

War das entspannend, dieses Buch zu lesen. Wie der erste Cuba Libre einer langen Nacht oder ein Nachmittag Seriengucken mit meiner Lieblingsfreundin. Oder mit meinem Kind zusammen ganz laut singen. Das sind alles Tätigkeiten, die dazu beitragen, dass ich mich wieder fähig fühle, mit allem klarzukommen, was mir das Leben so an den Kopf werfen mag. Genauso geht es mir nach der Lektüre des neuen Buchs von Sarah Diehl. Es trägt den schönen Titel „Die Uhr, die nicht tickt“. Die biologische nämlich.
Übrigens hat die Renfield-Crew dieses Buch schon von verschiedenen Seiten her angepackt, und so wird Sarah am Donnerstag, dem 13.November um 20.30 Uhr in der SubCult-Radioshow auf Pi-Radio 88,4 ein Gespräch mit Renfield's very own Niki Matita führen.

Das werde ich mir auf jeden Fall anhören. Obwohl diese biopolitische „Streitschrift“ für das kinderlose Glück mir eigentlich gar nicht viel Neues erzählt hat. Die Erfindung der Kleinfamilie, des Mutterbildes und noch anderer Vorstellungen, die viele für selbstverständlich halten: das ist bekannt, wenn man sich je damit beschäftigt hat, das wird alles kurz, klug und nachvollziehbar dargestellt und gezeigt, wie Frauen gezielt politisch und sozial manipuliert werden, um sich schuldig zu fühlen, wenn sie nicht die ihnen zugedachte Rolle übernehmen. Irgendwann wiederholt es sich dann auch ein bisschen.

Inhaltlich ist Sarahs Punkt, dass das Ticken der biologischen Uhr in erster Linie eine gesellschaftliche Forderung ist und dass es ganz einfach eine Menge Leute gibt, die solches nicht verspüren. Die einfach keinen Kinderwunsch haben und keine Lust, sich einreden zu lassen, dass sie das doch sicher noch bereuen würden. Aber eigentlich geht es um etwas anderes bei diesem Buch: Um Solidarität. Deswegen habe ich jetzt nach dem Lesen so gute Laune, und das, obwohl ich schon reichlich Kinder habe und die Unterstützung dabei, mich vielleicht dagegen entscheiden zu wollen, etwas spät kommt.
Indem sie die verschiedenen Frauen erzählen lässt, führt Sarah vor, wie stark die Schuldzuweisung und Ausgrenzung der freiwillig kinderlosen Frau in unserer Gesellschaft tatsächlich ist. Sie wollte ursprünglich auch kinderlose Männer befragen, stellte dabei aber fest, dass diese deutlich weniger von besagter Schuldzuweisung und Ausgrenzung betroffen sind und daher oft gar nicht wussten, was sie zu ihren Fragen sagen sollten, außer, dass sie eben keine Kinder wollen – wo war noch mal das Problem?

Gerade damit macht sie deutlich, wie dringend wir alternative gesellschaftliche Formen brauchen, die nicht nur die freiwillig Kinderlosen, sondern auch die mehrfach ge- und oft überforderten Mamas von dem gesellschaftlichen Druck befreien könnten, dem sie gleichermaßen ausgesetzt sind. Und der sich als schlechtes Gewissen von innen und als Klischeevorstellungen und blöde Fragen von außen manifestiert und uns unnötig das Leben erschwert. Das eigentliche Thema dieses Buches ist die Solidarität, die wir brauchen, um uns eine lebenswerte Gesellschaft aufzubauen, in der es um ein glückliches und erfülltes Leben geht. Und davon werden auch die Kinder nur profitieren, egal, wer sie geboren hat und wer sie erzieht, liebt und für sie sorgt. Darauf den zweiten Cuba Libre einer langen Nacht. Und morgen dann singen auf dem Spielplatz.

Viola Nova Sarah Diehl: Die Uhr, die nicht tickt Arche Literatur Verlag Hardcover 256 Seiten ISBN 978-3-7160-2720-2

Dienstag, 4. November 2014

100 Jahre Renfield-Post!

Tätääää - der 100. Post auf diesem Blog! Wahnsinn! 100 mal schon was hier reingehackt, geschrieben, getippt, geladen, gelacht, gedacht, weggeworfen, wieder reingesetzt, bearbeitet, vorgeschaut, Tags gesetzt, Labels ausgedacht, die eh keiner liest und so weiter und sofort. Und mindestens schon EINHUNDERTMAL die Statistik angeschaut und mich gefragt, wieso an manchen Tagen drei und manchmal Dreißig Leute aus Tahiti, Alaska, oder Surinam hier reinschauen.
(War nur 'n Witz. Die Weltkarte mit der Anzeige der Besucher aus aller Welt zeigt, das die meisten RENFIELD-Blog-Besucher in Deutschland sitzen, manche in den USA, Frankreich und einige wenige auch in Russland. Um die Crew in Surinam, Tahiti oder den Kayman Islands zu angeln, muss ich mir noch was einfallen lassen. Wer diesbezüglich Ideen hat, melde sich bitte unter renfield-fanzine@hotmail.de).
Aber schön ist es trotzdem. 100 Posts, wer hätte das gedacht. Gott oder eine andere spirituelle Entität vielleicht?

Davon ab: Es geht auf das Ende zu. Aber sowas von fix. Nicht dieser Blog, keine Angst. Bald folgt der Abgrund des Jahres und kippt uns ohne zu fragen über die Klippe in das neue. Heute wurde mir von einem Herrn in Postuniform mitgeteilt, dass in zwei Monaten Weihnachten ist. Stimmt ja gar nicht. In zwei Monaten ist schon alles vorbei und wir haben nicht mal Aschermittwoch. Da schütteln wir noch den Kopf ob des Champagnerschwipses, den wir uns mit Krimsekt einige Tage vorher angetrunken haben. Und wenn alles gut läuft, werden wir uns fragen: 2014 - war da was?

Und wenn alles noch besser läuft, erinnern wir uns an ein paar geile Rezensionen von ein paar geilen Platten, die in einer dunklen Novembernacht auf den RENFIELD-Blog geladen wurden. Nämlich jetzt.
RENFIELD No. 29 erscheint übrigens am 14.11.2014 und wird wieder kräftig gefeiert auf Planet TRX-Zwo-TTA-GAMMA-BETA-Ömelius-Sieben. Ihr wisst eh, wo das ist.

Live mit dabei: PISSE (Karibik-Punk, Berlin)
und die fabelhaften DYSNEABOYS (80ies-Skatepunk von Menschen, die in den 80ern wirklich Skatepunks waren. Auch aus Berlin).
Als DJs konnten desweiteren NIKI MATITA (SubCUlt Radioshow, Renfield-Crew) und
THE UNHOLY SPIDER (TRX-Zwo-TTA-GAMMA-BETA-Ömelius-Siebens very own Schmuckeremit) gewonnen werden.
Weitere Infos auf dem Flyer siehe oben.

Jetzt was ganz anderes - die versprochenen Plattenkritiken nämlich.

KLOTZS – Schwarzer Planet (Tumbleweed records) Platten, in deren Titel das Wort Planet auftaucht, erinnern mich immer an alte Scheiben von Karat oder Peter-Maffay. Das hat sowas 80er-Konzeptalbum-Mäßiges. Klotzs tun schon seit Ewigkeiten rum, der Name taucht immer im Zusammenhang mit EA80, Graf Zahl und Anverwandten auf. Mittlerweile ist man seit Jahren schon als Duo unter Einsatz eines interessanten Bass-Gitarre-Hybrids unterwegs. Nicht eben eine Band, die es nochmal auf die Riesenbühnen eines biergesponserten Festivals schaffen will und muss.
Lange Zeit habe Ich einen Bogen um diese Platte gemacht, keiner weiß warum. Vielleicht weil ich seit geraumer Zeit deutschsprachige Platten eher langweilig finde. Da verstehe ich ja alles. Und ich will gar nicht soviel verstehen. Sechs Songs gibt’s auf der „Schwarzen Planet“, soviel Muße finde ich nun, dass ich mir mal jeden einzeln vornehmen kann:
1. Kopfpunk - klingt an wie eine reduzierte Version von Fugazi mit EA80-Gesang. Dann kommt auch noch der Break, wo ihn auch Ian McCaye gesetzt hätte. Deshalb vorhersehbar ? Nö.
2. Schwarzer Planet I – Titelsong durchnummeriert, steckt da vielleicht doch ein Konzept hinter, mit mehreren Kapiteln? Unverzerrte Klimpergitarre, dann ein halliges Lick. Da spürt man fast die Kälte im Weltall. Hallig auch der EA80-Gesang.
3. Drehtür – der melodischste und optimistischste Song hier im Saal. Einfach ein guter Punksong, knackig und kompakt, mit soviel Melodie wie eine nachdenkliche Punkband halt so kann. Könnte von EA80 (Der Gesang) ODER den BOXHAMSTERS sein.
4. Der Neue Stille – da läuft er, der Bass. Und läuft und läuft und läuft. Fast schon wie bei NoMeansNo, nur mit EA80-Gesang.
5. Schwarzer Planet II – zum zweiten Mal in meiner Umlaufbahn. Wieder so ein verträumtes Gitarrenthema am Anfang, danach geht‘s hübsch monoton weiter, als wäre das hier der Soundtrack zu Dark Star, von JOY DIVISION geschrieben. Mag ich deshalb sehr gern. Und den EA80-Gesang auch.
6. Fliehkraft – lustiger Titel am Ende. Hat der was mit dem planetoiden Plattentitel zu tun? Nicht gerade fröhlich, weder von den Akkorden noch vom Text her. Hübsch. Zum Gesang sage ich nichts. (F) Gary Flanell

LYNX LYNX – Trailer Park (Off Label Rec.) Falsches Jahrzehnt schon wieder, aber das macht ausnahmsweise nichts. Und dass die 60er rückblickend roundabout scheiße und schuld an allem sind, soll ja nicht hindern, sich den einen oder anderen Klang aus der Zeit zu leihen und ihn schön schrammelig zu recyclen. Macht Boa schließlich auch und verdient damit sogar Knete. Danke für den Titeltrack der fünfliedrigen EP. Ist man mal unpassend gut drauf, etwa als Rettungssanitäter oder Profiverfasser von Kondolenzanzeigen, hört man sich das Stück ein, zwei Mal an und ist wieder angemessen mies drauf. Keine Liebe im Trailerpark Teutschland! No news, aber auch nicht erfreulich. Wahrscheinlich Nachwirkungen der bigotten 60er. Philip Nussbaum

HÄXXAN – LP ( Heroic Leisure Rec.) Zweimal anhören hilft manchmal. Auch im Fall dieser israelischen Garagerockband, die zusammen mit den nicht weniger guten New Swears in meinem liebsten Schnapsloch gespielt haben. Im direkten Vergleich fand ich sie erstmal nicht so spannend. Aber dann kam die zweite Anhörung. Sie sind vielleicht nicht ganz so filigran wie ihre Tourkollegen, aber hier regiert die gute alte raue Stooges-Schule. Bratzige Gitarren, ein Schreihals, der nicht nervt und glattgebügelt wurde hier soundmäßig auch nichts. Könnte man in der Rollerdisco zwischen Mudhoney und Mrs. Magician laufen lassen und es würde immer noch die gleiche Meute auf der Tanzfläche ausflippen. Großartiges Coverartwork auch. (G) Gary Flanell

LATENZ-COMPILATION#2 (Latenz Records) Labelsampler, Labelsampler, Labelsamp-ler … Sinniger wird’s nicht, wenn man es wiederholt. Wie viel Rezi gibts für einen, den man für €2 kaufen oder für nix runterladen kann, hehehe? Da wir alle nichts als völlig korrupt und nur noch verroht sind, selbstverständlich nicht viel. Muss aber auch nicht, denn was man bei LATENZ in Bremen macht, ist schlicht und ergreifend fein. Was hindert eigentlich all die anderen, sich ein wenig zusammenzurotten und den Kram, der sich dabei ansammelt, in die Welt zu schütten? Gut, vielerlei, ist klar. Geldgeilheit, Narzismus, Angst, und bestimmt auch die nicht zu unterschätzende Phlegmatik. Schön blöd, aber sehr hip. LATENZ muss sich um solchen Dreck nicht kümmern, schon gar nicht für den Hungerlohn. Abgespeckte, unprätentiöse Zusammenstellung von Unterschiedlichstem, ab und an etwas zu Dadalastigem. Fein, wie gesagt. Philip Nussbaum

V.A. TOTALLY WIRED – 010-2013 (totallywiredrecords.com) Labelsampler sind per se ein Ärgernis, schon mal gehört? Schamloses Restficken, ein, zwei Perlchen allenfalls dabei, als Kundenmagnet und Musitourifalle, und das war’s dann. 010-2013 – warum soll ich mich mit dem Ding überhaupt befassen? a) bis Umlaut): Keine Ahnung, aber TOTALLY WIREDs zweite (inzwischen gibts drei) Werkschau ist ein wunderbar vielgeschmackiges Schlaraffenland, und was bei anderen Plattenschmiedenschnellimbissen vielleicht noch unverblümtes Wieder-verwerten und Auskack-resten-in-der-schüsselgoldmachenachwennsdochsoeinfachginge sein mag, ist bei den Wienern ein Schmankerl, ein amuse-gueule, ein unverbindlicher, aber freundlicher Gruß aus der Küche, noch bevor die Tageskarte überhaupt in die Sicht geschoben wurde. Welcome to Lofi- und Irrsinnsheaven! Bei TOTALLY WIRED ist das Menu noch überschaubar, es geht also noch, sich ein hübsches Gesamtfresspaket schicken zu lassen (order @ totallywiredrecords.com). Nieder mit der Sinnenfeindlichkeit, und ein Hoch auf diese Scheißlabelsampler! Philip Nussbaum

REVERSE COWGIRLS – Bucking (Off Label Records) Drei Artverwandte fallen mir ein, mit denen diese Eher-Boys-als-Cowgirls auf Tour schicken würde: Hank Williams III., Bob Wayne oder THE WALTONS. Cow-Punk als Genre war ja mehr so ein 80er-Ding und wurde hie und da dann auch schnell von durchgeknallten Psychobillys geschätzt. Vielleicht, weil#s ähnlich fix zuging und hohes Tempo liegt auch den REVERSE COWGIRLS. Die ersten drei Songs peitscht man so schnell durch, als wollte man vorm vierten Song noch fix die Kühe zwischen Venlo und Breda von der Weide kriegen. Danach wird es etwas relaxter, aber zwisschendurch zieht man immer wieder mal das Tempo an. Besonders feinsinnig ist das zwar alles nicht, aber so eine gewisse Rustikalität ist ja auch gern mal beruhigend. Dürfte nicht nur bei sauffreudiger Landjugend Anklang finden, sondern auch bei dem einen oder anderen Großstadtcowboy. Und mit Hinblick auf den ersten Satz dieser Rezension bleibt nur eins zu sagen: Sofort auf Tour mit denen! (H) Gary Flanell

TERRORGRUPPE – Inzest im Familiengrab (Destiny) Back to the Rotz. Die einzig wahre Terrorgruppe betritt mit viel O-o-oooh das beinah schon gewesene Jahr 2014. Kein Erdbeben, keine Sturmflut, nur ein wenig Verkehrschaos vor der Oldiedisse, aber was ist daran falsch? Nix, genau. Schnauze halten, weitertrinken. Alles neu, Vollbärte für jeden und testikelabkneifende Hosen – das können die jungen Berliner gerne in der Summe für sich alleine haben. Der Rest kommt gut damit klar, das olle bekotzte Motivshirt über der Balkonbrüstung auszuschütteln und kurz aufzubügeln. Unbedingt schick genug. Jacho (Beste Grüße!) und Konsorten haben wohl schon mal etwas breiter die bekannte Mucke verblasen, und auch die Mische aus ironie-infizierten Kommentaren zur Zeit und blankem Blödsinn wirkt ein wenig instant, aber Hauptsache, dieses eigene Genre des Terrorgruppenpunk bleibt der Hauptsachenstadt erhalten und lässt sie nicht alleine mit sich pseudoverkünstlernden Comicfiguren wie den Ärzten etc. (2x P, eins davon auf jeden Fall für das phantastische Zeichentrickbooklet; ach, was soll‘s, noch eins für die Sache an sich) Philip Nussbaum

JOHN SCHOOLEY – The man who rode the mule around the world
(Voodoo Rhythm Records)
Sie scheinen den John Schooley bei Voodoo Rhythm wirklich zu mögen. Hätten ja sonst nicht schon das dritte Album von ihm an den Start gebracht. Ist aber auch zu sympathisch, dieses One-man-Band mit allem was klassischerweise dazugehört: Gitarre, Bass-Drum, Harmonika, Einflüsse aus Blues und Country, hoher Trashfaktor und viele Verweise auf die erklärten Vorbilder R.L. Burnside und Hasel Adkins. So kommt eine ganz solide, schwungvolle Trash-Punkscheibe zustande. Die ganze Platte kann man ganz wunderbar in einem Rutsch durchhören (was hier mehrfach passiert ist), würde ich jedoch nach meinem favorisierten Song gefragt, würde ich wohl so bescheiden gucken wie der Esel auf Weltreise. Was es mit dem eigentlich auf sich hat und wer der Mann ist, der ihn geritten hat – bleibt das Geheimnis von John Schooley. (K) Gary Flanell

TALCO – 10 Years-Live in Iruna (Destiny) „Grönemeyer tut es. Die Ärzte tun. BAP tun es, die Broilers tun es. Helene Fischer tut es, Hirte-Blasebalg tut es. Tja, und die Talcos tun es hiermit auch, das habt ihr jetzt davon. Hier kommt das daskriegenwirschockgefrostet, weihnachtenfindetdochstatt“- Livealbum. Weißt du noch? Und ich so, rausgehoppster Tetrapackwein mit Konsumbierschaumkrone überall, du so, lach lach, voll die aufgeplatzten Sonnenbrandblattern und am Hoden-sack einen Knutschfleck, und dann du so, und ich direkt nochmal, weißt du noch? Hä? Nö. Livealben braucht kein Mensch.
Höchstens du, um dich zu erinnern, dass du deinen dicken Hintern schon lange nicht mehr von der Couch gehievt und dich mal irgendwohin begeben hast. (2x P für zwei pipivolle Augen, die der Teenagerliebe nachgrienen) Philip Nussbaum

WOLF-FACE – Still a son of a bitch (Mooster Records) Biertrinkende Buddies, sich verschwitzt in den Armen liegend. Gemeinsam ein paar Hits von HWM, Anti-Flag oder Rise Against gröhlend. Kumpel-Mucke. Flanellhemden und Unterarmtattoos noch eins, so könnte ein Abend mit WOLF-FACE aussehen. Normalerweise nicht das, was ich den Soundtrack meines Alltagslebens nenne, aber das hier kann einiges. Vielleicht weil einfach durchschimmert, dass sich diese Typen aus Chicago gar nicht zu ernst nehmen. Ist jetzt auch kein Fun-Punk, aber es scheint ein gewisser versoffener Witz durch, zumindest in Songs wie „I wanna be a Homo (sapien)“ oder „I am a girlfriend“. Die Haudrauf-version der Gender-Diskussion. Nichts für reflektierte Abende, mehr was für die Nächte mit der Wodka-und-Bier-Sintflut und stundenlangen Freund-schaftsbeschwörungen. Geht ok. (H) Gary Flanell

Dienstag, 28. Oktober 2014

THE KIDS ARE ALL SQUARE! - Medway Punk 1977-85

Es gibt Menschen, die sagen, in den 80ern wäre nur Scheißmusik entstanden. Und es gibt Menschen, die sagen, dass die 80er voll mit ganz wunderbarer Musik waren.
Während die erste Gruppe sich mit Grausen an die Plastik-Pop-Produktionen aus dem Hause Stock, Aitken und Waterman erinnert, kommt der zweite Gruppe eher das in den Sinn, was damals an Indiemusik, Punk/Hardcore und anderen aufregenden Sounds jenseits vom Hauptstrom der tumben Hitparaden zu hören war. Vielleicht legen sie bei ihrem ganz privaten Rückblick auch eine Scheibe von den MILKSHAKES auf – jener Band, mit der ein gewisser Billy Childish europaweit für Aufsehen sorgte. Dass die MILKSHAKES eine von vielen Bands war, die ein gewisser Landstrich um das ostenglische Flüßchen Medway hervorgebracht hat, haben wahrscheinlich nicht allzuviele auf dem Schirm.
Dabei steht der Begriff der „Medway Bands“ (benannt nach dem 112 Kilometer langen Fluß, in der Grafschaft Kent) eben genau für Gruppen wie THE DENTISTS, THE POP RIVETS (Childishs erster Band) oder THE PRISONERS, die bei Punk/Garagebeat-Liebhabern auf großen Anklang stießen. Grund genug, die musikalische Geschichte von Orten wie Chatham oder Rochester mal in von Ian Snowball, Fachmann für britische Popkultur aufarbeiten zu lassen, der in "THE KIDS ARE ALL SQUARE - Medway Punk 1977-85" eine Menge Beteiligter über ihre Ansichten zur damaligen Punk/Garage/Rockabilly-Szene im Südosten Englands zu Wort kommen lässt.
Klar, auch Billy Childish hat dabei was zu erzählen, aber der hat das Buch ja nun mal nicht zusammengestellt, also haben wir für RENFIELD No. 27 uns mal direkt an Ian Snowball zum Thema Medway Punk gewandt.

Gary: Hallo Ian, Du hast schon einige Bücher zum Thema Popkultur geschrieben, beispielsweise über Oasis, The Jam oder Ocean Colour Scene. Woher kam die Idee, mal einen Blick auf die Urspünge der Medway Szene zu werfen?

Ian Snowball: Ich bin seit vielen Jahren ein großer Fan des MedwaySounds und der dazugehörigen Bands. Ich mache nur Buchprojekte, von denen ich weiß, dass sie mich motivieren und inspirieren. Sich das Medway-Projekt auszusuchen, lag also wirklich nahe.
Ursprünglich wollte ich ein Buch nur über die PRISONERS schreiben, aber irgendwie kam das nicht in die Gänge. Aber das Buchprojekt, das den Medway Sound gebührend würdigt, wollte ich immer noch unbedingt machen. Also habe ich Bob Collins von den Dentists gefragt, ob er daran interessiert sei, das Buch mit mir gemeinsam zu schreiben. Er stimmte zu und so saßen wir in einem Boot.


G.: Der Titel bezieht sich auf die Jahre zwischen 1977 und 1985. Warum hast du exakt diesen Zeitraum gewählt? 1977 als Jahr, in dem Punk quasi in die Welt trat, ist klar, aber was ist mit 1985? Gab es ein bestimmtes Ereignis, das das Ende der Medway Szene markierte?
I.: 1977 war der Startpunkt, als Legenden wie Billy Childish und Bruce Brand anfingen Bands zu gründen. Dann trafen sich Graham Day und Allan Crockford und gründeten auch eine Band und der Rest ist Geschichte. Mitte der 80er gab’s dann diese Zeit, wo die Sachen langsam runterfuhren. Für diese Bands ging das auf ganz natürliche Weise zu Ende, für sie begann etwas Neues. Da ging es nicht wirklich um eine Reaktion auf die Veränderungen der Musik zu dieser Zeit. Es gibt in dem Buch aber ein paar Beiträge von Mitgliedern der CHARLATANS und INSPIRAL CARPETS, die auch von den Medway Bands inspiriert wurden und das in ihre eigene Musik einfließen ließen, die wiederum um 1989 größeren Einfluss auf die Musikindustrie ausübte.
Und nur ein paar Jahre davor hatte die Struktur der Musikszene sich dramatisch verändert. Das betraf auch die Medwaybands. Graham Day versuchte sich beispielsweise an einer neuen Band namens PLANET, die fast schon Acid Jazz machten. Und dann war da noch James Taylor, der den Acid Jazz Sound stark geprägt hat. Es war ganz anders als das, was THE PRISONERS gemacht haben. Ich bin also nicht der Meinung, dass die Medway-Szene sich einfach aufgelöst hat. Sie hat sich in etwas anderes verwandelt.

G.: Wie hast du diese Zeit persönlich erlebt? Hast du damals was von den Bands aus der Medway Area mitbekommen?
I.: Die Medway Bands waren in den 80ern sehr Underground. Einerseits waren sie schon ziemlich bekannt, aber in mancher Hinsicht doch immer noch sehr alternativ. Eigentlich war es sogar so, dass viele Bands in anderen europäischen Ländern bekannter waren als gerade in England. Ich selber fand THE PRISONERS spannend, weil ich mit Musik aufgewachsen war, die so eine Mod/60s Richtung hatte. Die Milkshakes waren punkiger, und ich bin nicht mit den Punks rumgehangen. Da gab es schon zwei Lager. Es hat einige Jahre gedauert, bis ich anfing, Billy Childish’s Musik wirklich zu schätzen.

G.: Wenn du The Milkshakes, The Dentists und The Prisoners nimmst – die ja den Kern der sogenannten Medway Bands stellen, was hatten diese drei Bands deiner Meinung nach gemeinsam?
I.: Ursprünglich wollte ich das Buch „No Compromise“ nennen (was dann am Ende nur der Titel eines Kapitels wurde). Damit wollte ich hervorheben, dass Bands wie The Prisoners und The Milkshakes diese Tendenz wichtig war, sich nicht zu kompromittieren. So erschien es auf jeden Fall der Musikpresse. Ich schätzte ihre Einstellung, dass ihnen diese Haltung wirklich wichtig war, dass sie ihre Musik für sich machen wollten, und das war‘s eben… Und wenn das noch jemand anders gut fand, umso besser, aber darauf kam‘s nicht an. Auch die Klamotten und die Wahl der Instrumente war eine gemeinsame Vorliebe, das war alles in den 60ern verwurzelt.

G.: Wieso glaubst du, haben sich gerade dort mitten in der englischen Provinz eine aufregende innovative Musikszene entwickelt? Glaubst du dass es im Nachhinein ein Vorteil war, dass diese Bands weit weg von den ständigen Ablenkungen einer Metropole entstanden sind?
I.: Ich glaube, in erster Linie waren die Bandmitglieder erst mal einfach sie selbst. Ihre Musik war eine Erweiterung ihrer selbst und der Orte, an denen sie lebten. Ich bin auch am Medway aufgewachsen, von daher sind mir die Landschaft, der Baustil, die Menschen und die Szenerie sehr vertraut. Ich denke, das beeinflusst schon, was die Leute so machen. London ist nur 30 Minuten entfernt, so dass wir schon Zugang zu dem hatten, was dort abging, ohne gleich Teil davon sein zu müssen. Ich glaube nicht, dass Langeweile was damit zu tun hat. Eher geht es bei den meisten Bands einfach darum, ein Instrument zu spielen und mit den Kumpels Songs zu schreiben. Von da aus kann sich alles Mögliche entwickeln, aber das Grundprinzip ist recht einfach. Aber ja, es hat schon etwas Mystisches und man kann viel darüber spekulieren, warum ein gewisser Sound ausgerechnet in einer kleinen Region in Kent entstanden ist. Die Frage kann wohl nie richtig beantwortet werden. Glücklicherweise.

G.: Es wird öfter berichtet, dass recht viele bekannte Bands aus Seattle von Billy Childish und anderen Medway-Bands beeinflusst sind. Wo würdest du Gemein-samkeiten zwischen der frühen Grunge-Szene und den Medway Bands sehen?
I.: Zu der Zeit selbst ist es mir nicht aufgefallen, aber als der Grunge-Hype nachließ, war schon deutlich zu sehen, dass ein paar dieser Bands ihre Inspirationen von Billy und Co. hatten. Jack White ist ein gutes Beispiel. Er wollte, dass Billy mit ihm bei Top of the Pops auftritt, aber die Show sagte nein. Also hat er sich Billy Childish stattdessen mit Tinte auf den Arm geschrieben. Ich denke, jede Art von Musik entwickelt ihre eigene Atmosphäre, und das ist es, worauf Leute reagieren. Also ja, Seattle hat auf Medway reagiert, und sie haben ihr eigenes Ding daraus geformt. Es gibt viele Bands, die Medway als Einfluß nennen. Manche dieser Einflüsse kann man in ihren Songs hören, aber es fehlt immer etwas, etwas Besonderes und Entscheidendes, das nur Bands aus den Medway-Städten haben. Es ist dasselbe, wenn eine Band wie die SPECIALS klingen will, aber nicht aus Coventry kommt. Oder man will wie die TEMPTATIONS klingen, hat aber nicht in Hitsville aufgenommen.

G.: Das, was im Buch geschildert wird, erinnert mich allerdings eher an die Szene um Dischord Records aus Washington – auch wenn die Musik eine ganz andere war: Da drehte sich auch alles um Fugazi, Ian McKaye und eben Dischord Records: Bands und Menschen, bei denen irgendwie ein gewisser DIY-Ethos in Bezug auf Aufnahmetechniken und Vertrieb wichtig war. Siehst du da Ähnlichkeiten?
I.: Das ist ein guter Punkt, genau das meinte ich eben mit dem Beispiel Hitsville. Ja, Studios und Produzenten haben einen ungeheuren Einfluss. Meine Band AUNT NELLY nimmt in den Ranscombe Studios in Rochester auf, die von einem super Typen namens Jim Riley geleitet werden. Er hat im Lauf der Jahre eine Menge Sachen von Billy Childish, Graham Day, Glenn Pragnell und all denen aufgenommen. Deswegen hat er diesen Sound einfach drauf und versteht ihn richtig gut. Jim hat auch selber in einer Medway Band gespielt, WIPEOUT. Er weiß also wirklich, was er da macht. Mir scheint, das Label, auf dem die Platten erscheinen, ist gar nicht so entscheidend. Die Medway Bands haben viele verschiedene Labels gehabt. Aber das Studio, das die Songs aufnimmt, das macht echt einen Unterschied.

G.: MILKSHAKES, DENTISTS, PRISONERS – das sind alles reine Jungs-Bands. Gab es in der Medway-Area in den 80ern keine Frauen, die in der Szene um diese Bands aktiv Musik waren? Warum war das ein reines Jungs-Ding?
I.: Ist das nicht in den meisten ‚Szenen‘ so? Man muss sich nur in den 60ern anschauen: THE BEATLES, WHO, SMALL FACES, in den 80ern bei Madchester die STONE ROSES und die INSPIRALS, die meisten Two Tone Bands bestehen aus Jungs... aber es gab auch die BODYSNATCHERS und in Medway gab es die HEADCOATEES, und später die A LINES. Aber im Großen und Ganzen denke ich, Jungs haben einfach mehr Interesse daran, in Bands zu spielen. Das wird wahrscheinlich auch immer so bleiben.

G.: Wenn ich an England und Punk denke, assoziiere ich damit Oi, Crustpunk, Anarchobands wie Crass und, klar, auch klassischen Punkrock wie Sex Pistols, Damned, The Clash usw. Aber das sind alles sehr eng definierte und eingegrenzte Szenen. Die Medwaybands schienen mir da eine leichtere, ironischere Definition von Punk zu haben. Eine, die offener ist, sich aber auch von anderen Subkulturen wie Mods, Psychobilllys, Gothics abgrenzt. Siehst du das ähnlich?
I.: Hier geht‘s wieder darum, dass die Medway Bands nie versucht haben, wie irgendjemand zu klingen oder zu sein, sondern einfach ihr eigenes Ding gemacht haben. Sie hatten nie vor, sich einer Szene anzugleichen. Sie wurden umgekehrt von den Mods, Punks und Psychobillys aufgegriffen. Es ist so ähnlich wie THE JAM. Die hatten auch nie vor, eine Mod- oder Punkband zu sein, und das waren sie auch nicht, aber die Mods und die Punks haben sie für sich entdeckt.

G.: War es schwierig, all die Interviewpartner für das Buch ausfindig zu machen?
I.: Nein, gar nicht! Wir hätten noch viele andere mit reinbringen können, aber wir mussten uns ja irgendwie begrenzen. Letzte Woche habe ich mit AUNT NELLY in Italien gespielt, als Vorband für eine alte Mod-Band, THE CLIQUE. Bruce Brand hat bei denen Gitarre gespielt, und wir sprachen über das Buch. Und er meinte bloß: „Das war ein Buch, das dringend geschrieben werden musste.“ Ich denke, dass Leute wie Billy und Graham das auch so sehen, und Bob und ich haben‘s eben einfach gemacht. Die ganze Geschichte ist in dem Buch, und es kann bei dem Buch nur um diese Geschichte gehen. Bob und ich sind sehr glücklich damit, wie es geworden ist und wer mit dabei ist.

G.: Warum hast du für das Buch die Interviewform gewählt? Warum ist es einfacher, das alles in einer oral history darzustellen?
I.: Ich benutze oft die Interview-Form. Es ist mir wichtig, Geschichte zu schreiben aus der Erfahrung der Leute heraus, die diese Geschichte gemacht haben. Ein Buch wird so vielfältig und schillernd. Billy erinnert sich vielleicht anders als Bruce oder Graham, aber jede Sicht zählt. Diese Methode fängt ein Gefühl für die Geschichte und ihren Sinn ein, und das setze ich gern beim Schreiben ein. Aus Erfahrung lernt man am besten, denke ich, also muss man mit den Leuten reden, die dabei waren.

G.: Ich finde Billy Childish ist mit Abstand die bekannteste Figur des Buches – wie war sein Reaktion als er von den Plänen, ein Buch über die Medway Bands zu machen, erfahren hat?
I.: Billy fand das in Ordnung. Wir kennen uns, und ich denke, er hat mir da vertraut. Das ist natürlich hilfreich. Bei den Büchern über THE JAM und OASIS war das auch so. Wenn man sowas machen will, müssen die Leute, um die es geht, dir vertrauen, dass du ihre Geschichte verstehst, weil sie ihnen wichtig ist. Und das Medway Buch war für Billy sehr wichtig. Und jetzt, da er es gesehen hat, ist er zufrieden. Ich hab so vor drei Wochen bei ihm vorbeigeschaut und wir haben ausführlich gequatscht über das Buch, und auch über das Buch, an dem er gerade schreibt. Billy ist ein faszinierender Typ, und es macht Spaß, mit ihm rumzuhängen.

G.: Ist denn heute eigentlich noch was vom Einfluss der frühen Medway Bands in Chatham und den anderen Städten der Medway-Region übrig geblieben?
I.: Klar sind da Bands, die werden da immer sein, und einige haben ihre Inspirationen von THE PRISONERS, MILKSHAKES und all den anderen. Aber vor allem sind die ja auch immer noch da, und die meisten von ihnen machen immer noch was. Glenn Pragnell von den OFFBEATS nimmt mit seiner Band GROOVY UNCLE auf, Graham spielt wieder mit Allan in GRAHAM DAY AND THE FOREFATHERS, und die DISCORDS gibt‘s immer noch. Und Billy natürlich, der wird bis zu seinen letzten Tagen spielen und aufnehmen. Der kann gar nicht anders!

G.: Du hast das Buch zusammen mit Bob Collins von den Dentists geschrieben. Die meisten Bücher von dir sind in Kooperation mit einem anderen Autor erschienen. Wieso schreibst du die meisten Bücher im „Doppelpack“?
I.: Mit verschiedenen Leuten habe ich verschiedene Arten der Zusammenarbeit entwickelt. Mit Bob war das unkompliziert. Wir haben uns die Interviews aufgeteilt. Das mit Billy haben wir zusammen gemacht, an einem Tag haben wir über vier Stunden mit ihm verbracht. Das ging dann so aus, dass Billy uns zu sich nach Hause geschleift hat, um uns neue Songs vorzuspielen. Eigentlich haben Bob und ich vor allem einfach mit all unseren Freunden gequatscht, die sowieso zu all diesen Medwaybands gehören. Aber wir kennen auch verschiedene Leute, das war natürlich praktisch. Mir macht es Spaß, ein Buch mit jemand zusammen zu machen. Aber ich schreibe auch gerne literarischen Kram.
Literarisches Schreiben und Sachbücher sind schon ganz schön unterschiedlich. Für meinen ersten Roman LONG HOT SUMMER habe ich 2009 drei Wochen gebraucht. Ich denke, ein Buch zusammen zu schreiben funktioniert, wenn die Chemie stimmt. Gerade hab ich die Autobiographie für Rick Buckler von THE JAM geschrieben, als Ghostwriter. Rick und ich haben neun Monate dafür gebraucht, und sie wird zum Ende des Jahres erscheinen. Da gab’s eine Menge Interviews zu machen und zu transkribieren. Aber Rick ist ein total netter Kerl und ich bin ein riesiger Fan von THE JAM. Also war das ein großer Spaß.

Gary: Ian, vielen Dank für das Interview “The kids are all square – Medway Punk 1977-85” (ISBN-10: 0992830419) ist bei Countdown Books erschienen. countdownbooks.com

Dienstag, 21. Oktober 2014

Spend money, support the SO!

Mal ehrlich, wer in Kreuzberg wohnt und das SO36 NICHT kennt, hat sein wahrscheinlich sein Leben seit 36 Jahren unter einem Stein im Görlitzer Park verbracht. Und weiß wohl auch nicht, dass der frühere Berliner PLZ-bezirk diesem langlebigsten aller Clubs auf der Kreuzberger Oranienstraße den Namen gab.

Der Platz auf diesem Blog reicht wahrscheinlich nicht aus, um die Historie des SO36 in aller notwendigen Ausführlichkeit zu beleuchten. Ich würde mich zwar nicht als Stammgast bezeichnen, aber es gab mindestens eine Handvoll Konzerte , die ich dort gesehen haben und die schlicht legendär waren (THE BELLRAYS vor ein paar Jahren beispielsweise) und auch die Besuche auf dem immer wieder guten Nachtflohmarkt gehören beim regelmäßigen Lauf durch den Kiez dazu.
Aber das SO36 ist nicht nur für Kreuzberg wichtig, genauswenig wie es nur in Berlin bekannt ist. Ich würde sogar sagen, dass das SO deutschlandweit im Laufe der letzten Jahrzehnte einen legendären Ruf erarbeitet hat. Wer immer eine Connection zu subkulturellem Leben hat oder hatte und mal ein paar Tage in Berlin verbringt, wird auch das SO36 als Musste-ma-jesehen-haben-Ziel auf seiner Liste haben. Ähnliches gilt für die Bands, die es auf Tour hierhin verschlägt. Im Laufe der Jahrzehnte waren schon fast alle da, die man schon immer sehen wollte. Allein im Punkbereich sagen namen wie DEAD KENNEDYS, UK SUBS, RUTS DC, SICK OF IT ALL, SLIME eigentlich alles. Und das ist ja nur die weithin bekannte Spitze des Eisbergs all der Kapellen, die Monat für Monat in der Oranienstraße halt machen.
Jede dieser Band hat wahrscheinlich einen ganzen Sack voller Anekdoten zu diesem Laden zu erzählen. Und das SO36, hätte es denn Mund und Zunge, könnte wahrscheinlich auch mittlerweile tagelang darüber parlieren, was in seinen Wänden in den letzten drei Jahrzehnten so los war, seitdem es den Betrieb als Kollektiv-Club aufgenommen hat.
Natürlich war nicht alles immer Sahne, es gab Zeiten, da musste das SO regelrecht um seine Existenz als Live-Club kämpfen, aber auch solche schwierigeren Phasen(wie zum Beispiel 2009, als Beschwerden über Lärmbelästigung in der direkten nachbarschaft fast das Aus für den Laden bedeuteten) konnten dank eines großen Rückhalts im Kiez gut gemeistert werdenn. Es wird also Zeit, die SO36-Geschichte mal in Wort und Bild festzuhalten und an die Öffentlichkeit zu bringen. Der Zeitpunkt ist günstig, denn ein passenderer Anlass als der 36. Geburtstag lässt sich wohl kaum finden und deshalb plant das SO36-Kollektiv die schillernde Geschichte ihres Ladens in Buch- und DVD-Form unters Volk zu bringen. Da für solche Projekte "leider" immer eine Menge Geld nötig ist, wurde vom SO36-Kollektiv eine Crowdfunding-Kampagne ins Leben gerufen. Wer also dieses wirklich sinnvolle Buchprojekt unterstützen will, kann die nächsten 17 Tage mal nutzen, um die Groschen aus seinem Sparstrumpf für eine gute und interessante Sache anzulegen.

Dienstag, 14. Oktober 2014

Die Renfield-Crew im Außeneinsatz - Heute: Berlin ist Kobanê / Berlin Kobanê ye

Wir laufen auf einer Demo mit, was zum Glück sehr viele Leute tun. Wie viele genau? Ein Beobachter aus seinem Fenster am Kottbusser Damm schätzt: über zehntausend. Der Tagesspiegel wird später schreiben: dreitausend. Aber wer weiß, ob die wirklich alle gezählt haben. Und wer zählt nicht besser als ein Resident mit Kissen auf dem Fensterrahmen? Wir wandern also irgendwo zwischen Transpis Richtung Kottbusser Tor. Das berechtigt uns jetzt noch nicht gleich zu politischer Analyse. Aber andererseits: Was gibt es hier groß zu analysieren? Heute geht es nicht so sehr um politische Meinung und kluge Argumentation. Heute geht es darum, dass in Kobanê jeden Moment Menschen sterben. Frauen und Männer werden erschossen, weil sie versuchen, die kurdische Selbstverwaltung in Rojava (Westkurdistan/Nordsyrien) gegen die IS zu verteidigen. Die Stadt ist bereits zur Hälfte von IS eingenommen und wird von drei Seiten belagert. Es ist scheinbar ein verzweifelter Kampf, wenn man den Stimmen Glauben schenkt, die aus der Region berichten.

Die Renfield-Crew im Außeneinsatz trifft, wie immer zu spät, am Hermannplatz ein. Hier soll die geplante Großdemo ihren Ausgangspunkt nehmen. Gerade als wir auftauchen, erzählt der Sprecher auf dem Wagen von den drei deutschen Fotojournalisten Björn Kietzmann, Chris Grodotzki und Ruben Neugebauer, die in Diyarbakir in der Türkei verhaftet wurden, während sie die Proteste dokumentierten. Angeblich wurde ihnen Spionage und Provokation von der türkischen Polizei vorgeworfen. Auf ihren türkischen Mobiltelefonen waren sie nicht mehr erreichbar. Einen Tag später (Montag) wurden sie dann wieder freigelassen.

Die Jungs auf dem Wagen empfehlen Demonstrant*innen mit kleinen Kindern auf Deutsch und auf Kurdisch, mit den Kleinen zum Lärmschutz vor den Lautsprecherwagen zu gehen. Dann geht es los, die Kinder ganz vorne. Wir suchen uns eine Ecke möglichst weit weg von den Che Guevara Plakaten der MLPD. Das Internet vergisst nicht und Fotos tauchen immer wieder auf. Flickr, Youtube oder Instagram vergessen auch nicht, können noch nicht mal Zusammenhänge darstellen. Also besser nicht vor den Rentnerinnen und Rentnern der MLPD langlaufen. Stattdessen ordnen wir uns irgendwo zwischen den Sprechchören „Hoch die internationale Solidarität!“ und „YPG!“ ein. Manchmal murmeln wir auch „hoch die anti-nationale Solidarität“, aber so wirklich laut wollen wir das auch nicht tun. Die Leute von der MLPD haben schließlich Schilder und sind vielleicht doch nicht weit genug hinter uns. „YPG!“ geht aber immer.


YPG und YPJ sind die Freiheitskämpfer und Freiheitskämpferinnen, die kurdischen Verteidigungskräfte, die Kobanê seit vielen Tagen gegen die IS verteidigen. Sie fordern nicht militärische Unterstützung der Türkei, wie verirrte und verwirrte deutschsprachige Medien und Politiker*innen in letzter Zeit behauptet haben. Da sie in Rojava für eine Selbstverwaltung kämpfen, wollen sie natürlich nicht gleich von den nächsten Streitkräften belagert werden. Das gilt natürlich auch für die Deutschen. Wenn die Grünen jetzt gerade über einen Militäreinsatz in Syrien diskutieren, ist das absolut nicht im Sinn der Freiheitskämpfer*innen.
Ebenso wenig fordern sie ein Einstellen des US-Bombardements, im Gegensatz zu Christine Buchholz. Dies ist besonders großer Unsinn, da die USA die Stellungen der IS-Streitkräfte bombardieren und nicht die YPG und YPJ in Kobanê. Wie hilfreich das ist? Eine andere Frage.

Was also die kurdischen Volksverteidigungskräfte fordern, mit denen wir uns hier gerade solidarisieren, ist zuerst und vor allem die Freiheit, die Grenze zu übertreten, damit kurdische Streitkräfte zur Unterstützung nach Kobanê kommen können. Denn viele stehen zwei Kilometer entfernt auf der türkischen Seite der Grenze und müssen im wahrsten Sinne des Wortes mit ansehen, wie ihre Freund*innen auf der anderen Seite der Grenze über den Haufen geschossen werden. Die IS-Flaggen wehen schon. Doch die Grenzen werden von der Türkei geschlossen gehalten. Im Moment kommen keine Kurd*innen, keine Waffenlieferungen, keine humanitäre Hilfe durch, nichts. IS-Kämpfer – und hier kann man auf die weibliche Form getrost verzichten – können jedoch die Grenze nach Rojava übertreten. Insgesamt unterstellen YPG / YPJ der Türkei eine aktive antikurdische Haltung, die den IS den Rücken stärkt.

Darum sind wir auch hier: Bei Demonstrationen geht es vor allem um Aufmerksamkeit, um Gesehen-Werden, und hier versuchen alle, die Aufmerksamkeit auf die kurdische Geschichte und die Selbstverwaltung in Rojava zu lenken. Klar, dass ganz viele kurdische und türkische Berliner*innen hier dabei sind. Wir sehen junge Männer in Lederjacke mit kleinen Kindern auf dem Arm, ältere Männer, die unter Fahnen tanzen und singen – gute Musik übrigens, nicht die übliche Demo-Mucke. Frauen mit Kopftüchern fotografieren mit bunt gemusterten Smartphones. Frauen mit rotgelbgrünen Fahnen und dunkel geschminkten Augen singen und tragen ein Transpi, auf dem steht: „Heute Kobanê, morgen Berlin!“ und „Für IS sind wir alle Ungläubige.“


Der Kottbusser Damm eignet sich gut für Tausende von Leuten. Gemächlich wandern wir die breite Straße entlang. Ganze Familien mit ihren Nachbarn stehen auf ihrem Balkon, winken, halten ihre Kinder hoch. Immer wieder applaudieren Leute aus den Häusern. Auf den Dächern werden von Vermummten Antifa-Flaggen geschwenkt. Wir sind etwas ergriffen und schämen uns gar nicht dafür. Revolutionsromantik 2014! Am Kottbusser Tor dann Feuerwerk und auffliegende Vogelschwärme. Zwischen all den Siegessymbolen fällt uns wieder ein, dass die Freiheitskämpfer*innen sterben wie die Fliegen und sich Kobanê wahrscheinlich nicht halten lässt. Berlin ist eben nicht Kobanê. Das gute Gefühl ändert (erst) mal nichts.

Trotz so vieler Menschen hält sich die Polizei vornehm zurück. Zumindest in dem Abschnitt, in dem wir mitlaufen, sehen wir nur selten Staatsdiener*innen. Doch in der Adalbertstraße dann gepanzerte Polizei auf einem Haufen. Wir gucken zweimal hin, gucken auf die andere Straßenseite und sehen noch ein Büschel überdimensionierter Playmobilfiguren. In voller Montur, zum Einsatz bereit. Dann geht uns auf, dass alle Polizist*innen vor den Hasir-Läden stehen. Dass es gleich drei davon auf den paar Metern gibt, spricht schon für ein kleines Imperium. Die Gerüchte besagen, dass dieses kleine Imperium mit den Grauen Wölfen in Verbindung steht. (Gerüchte hier: http://de.indymedia.org/2011/07/312552.shtml).

Die Renfield-Crew wendet sich mal wieder an die Freund*innen vom Anti-Konflikt-Team. Ja, bestätigen die, da gibt es speziellen Objektschutz, wegen Hinweisen aus der Bevölkerung, dass da Übergriffe möglich wären. Weil das doch türkische Läden seien. Wir fragen nach: Türkische Läden gebe es hier ja viele, andere seien aber nicht gesichert? „Nein!“, sagt der Beamte und lächelt. Mehr will er nicht sagen.

Auf der Oranienstraße wird es dann doch noch auf einmal hektisch und einige vor allem junge Demonstrant*innen laufen entgegen der Demonstrationsroute. „Lasst Euch nicht provozieren“, schallt es vom Lauti. Kurz vor dem Ende der Demo möchte niemand mehr Ausschreitungen erleben. Doch das Hin- und Her-Gelaufe verläuft ohne Zwischenfälle. Wir erreichen den Oranienplatz.

Dort entdecken wir einen Herrn mit einer Fahne, auf der japanische Schriftzeichen prangen. Friedlich lächelnd wandert er mit und hält sein vertikal beschriebenes rotes Banner in alle Kameras, auch in unsere. Was denn da stehen würde, wollen wir natürlich wissen. Es sei die Solidaritätsbekundung einer kleinen japanischen Gewerkschaft, erzählt er uns. Denn in Japan würden sich die dort lebenden Kurden auch immer mit dieser Gewerkschaft solidarisieren. Und darum macht er das hier jetzt auch. So ungefähr stünde auf dem Banner „Die Werte der Arbeiterschaft“. Oder so ähnlich. Eigentlich müssen wir das nicht verstehen, aber klar wird: Kobanê ist eben doch überall! Und überall ist Solidarität.

Viola Nova & Mika Reckinnen

Dienstag, 30. September 2014

Nur Dasitzen ist ja Quatsch - Jörg Buttgereit im Renfield-Interview

Was macht einen vergnügt und froh? Die sieben Zwerge singen gerne, andere finden Squashing geil, wieder welche mögen Heimwerken und noch welche gucken sich bei runtergelassenen Rollladen Filme wie Schramm, Der Todesking und Nekromantik an.

JÖRG BUTTGEREIT kommt bei Lust und Genuss entspannt und lachend auf das Thema Arbeit. Aktuell entsteht GERMAN ANGST, das eine oder andere am Theater Dortmund und wahrscheinlich nebenbei noch viel mehr. Es ist Sonntag, ungefähr elf Uhr vormittags. Schweiß läuft, Haare werden verstrubbelt und T-Shirts gedehnt. Frauen sind im Hintergrund, und das Baby knötert, weil es vermutlich Hunger hat.
Dieses Interview erschien in Renfield-Zine No. 27.

Philip Nussbaum: Du wirkst dabei sehr froh, sehr glücklich im Moment...
Jörg Buttgereit: Ja, weil ich ein bisschen so nach dem Lustprinzip arbeite. Ist ja bei kreativer Arbeit eigentlich fast immer so, dass man das gar nicht so steuern kann, beziehungsweise sie nicht funktioniert, wenn man sich dazu zwingen muss.

P: Darüber möchte ich mit dir reden. Lust und Genuss. Epikur und so, nicht nur auf der Zunge, sondern auch grundsätzlich im Prozess.
J: Also, oft ist es halt die Beschäftigung mit den einzelnen Themen, die Spaß macht oder die mir was bringt, aber ich erinnere mich natürlich auch daran, dass die Umsetzung oft sehr beschwerlich war. Bei meinen Filmen damals war das immer alles andere als erfreulich. Was da alles schief gegangen ist und so! Da hatte es dann gleich immer existenzielle Auswirkungen. Wenn wir gedreht haben, war ich nach den zwei Monaten wirklich fertig auf der Bereifung. Das ist heute nicht mehr so, weil heute das alles etwas geordneter abläuft.

P: Bist du ein Genuss- oder Lustmensch? Wie schlägt sich das nieder, außer künstlerisch?
J: Ich denke schon, ja. Das ist ja alles immer schwer zu trennen. Ich achte schon darauf, dass alles etwa im Lot ist. Dass ich nicht zu viele Sachen mache, zu denen ich keine Lust habe – eigentlich überhaupt nicht. Die Produktionsbedingungen, wie man romantisch sagt, sind mittlerweile auch wichtig. Früher hab ich durch die Arbeit gelernt, da so survivalmäßig durchzukommen. Das sind jetzt eher selbstgewählte Ausnahmen. Ich hab jetzt gerade wieder so einen Musikclip gemacht für ne kleine Berliner Frauen-Band, HALF GIRL. Das sind Sachen, die mich eher an früher erinnern, wo ich einfach sehe, da ist überhaupt kein Geld, aber trotzdem so eine Energie. Und das mach ich dann, soweit die dann allein bei mir liegende Verantwortung den Spaß nicht mindert. Och, kannste uns nicht ein Video drehen? Dann habe ich meinen Freund geschnappt, der auch viele Super8-Kameras hat, den Frank Behnke, der das dann geschnitten hat. Das sind dann ein, zwei Drehtage oder ein Nachmittag, da ist das kontrollierbar und mir hilft natürlich die Erfahrung, die ich bei diesen harten Drehs damals gemacht habe. Dass ich einfach in diesem Chaos auch nicht verzweifle. D. h. da ist Kontrollierbarkeit das Entscheidende. Ich find’s natürlich schöner, wenn mir, wie jetzt am Theater Dortmund so eine Spielwiese hingestellt wird, alles drumrum geregelt ist und ich mich wirklich nur auf die künstlerische Umsetzung konzentrieren kann. Bei meinen Filmen früher war das ja so, dass ich wirklich auch die Produktion mitgemacht habe und an allem beteiligt war. Und das ist halt ziemlich zermürbend.

P: Vielleicht haben sich inzwischen deine Lebensrahmenbedingungen einfach auch geändert?
J: Ja klar! Damals konnte ich ja von den Filmen nicht leben. Und die Leute, die mit mir oder für mich diese Filme gemacht haben, konnten auch davon nicht leben. D. h. das kann man eine Zeitlang machen, solange man es durchhält, und wir haben es ja relativ lange gemacht. Ich hab die ersten Super8-Filme schon Ende der Siebziger gemacht, bis Mitte der Neunziger ging das, mindestens fünfzehn Jahre also. Aber irgendwann haben die Leute dann auch gemerkt Ich kann mir das nicht mehr leisten, umsonst für dich zu spielen oder zu arbeiten. Irgendwann wächst man da dann raus.

P: Arbeitest du jetzt pausenlos, oder hast du auch Phasen, wo du sagst: Jetzt sind andere Sachen dran?
J: Es ist so, dass ich in der Regel an drei verschiedenen Sachen auf einmal arbeite. Wenn ich jetzt am Theater bin und inszeniere, wenn ich also sozusagen gar nicht Zuhause bin, dann arbeite ich nur, da mache ich wenig anderes. Jetzt, im Sommer, ist ja recht wenig los. Ich habe gerade ein Hörspiel fertig geschrieben, da werde ich jetzt das Casting machen.
Zeitgleich schreibe ich ein paar Filmkritiken, PACIFIC RIM und all so was, was eben so rein kommt durch die Sommerblockbuster. Und dann wird im September dieses Hörspiel inszeniert, die Zeiten stehen schon fest. Das heißt, ich befinde mich jetzt zwischen zwei Projekten, was aber oft genauso intensiv ist, weil ich ja erst mal die Sachen schreiben und dann auch so durchboxen muss, beim WDR zum Beispiel. Und zeitgleich dann wieder die nächste Theatersache. Oder auch GERMAN ANGST. Wenn das klappt mit dem Crowdfunding, muss ich auch das Drehbuch dafür schreiben. Diese Sachen schweben alle so über mir. Im Prinzip, wenn alles so klappt, hab ich bis Februar zu tun. Aber das ist nicht so, dass ich hier, wenn schönes Wetter ist, nicht sagen : Ok, es ist mittags um zwölf, die Sonne scheint, ich verlasse meinen Schreibtisch.

P: Würdest du einen richtigen Break überhaupt aushalten?
J: Nee, das passiert aber eigentlich auch nicht. Weil man halt ständig im Kopf arbeitet. Ich hab ja auch zwei Kolumnen, die ich einmonatlich oder zweimonatlich abgebe. Schon deswegen mache ich immer irgendwas. Aber das funktioniert von alleine, das fühlt sich jetzt auch gar nicht unbedingt wie Arbeit an. Also, wenn ich ins Kino gehe und einen Film sehe, schreibe ich da im Kopf schon immer halb eine Kritik mit.

P: Ok, Standby gibt’s bei dir eigentlich gar nicht?
J: Nee. Dadurch, dass ich ja selbständig arbeite, hat sich auch so eine Disziplin entwickelt, glaube ich.

P: Disziplin wäre wieder ein bisschen was anderes als Lust und Genuss.
J: Ich denke, diese Kombination ist wichtig. Man muss eine gewisse Disziplin haben, um die Sachen gebacken zu bekommen, die man machen will, aber die Sachen, die man machen will, muss man halt machen aus dem anderen Grund. Nämlich weil man sie machen will und nicht, weil man sie machen muss. Aber wenn ich mir darüber bewusst bin, dass ich sie machen will, dann muss ich sie natürlich auch machen, weil: Ich will sie ja machen.

P: Die Disziplin und die Rahmenbedingungen bereiten das Spielfeld, auf dem dann das Eigentliche passiert.
J: Genau, man könnte es auch als Professionalität bezeichnen. Ich weiß ja, wie es geht, und muss es dann nur abrufen.

P: Oft scheint ein regulärer Job überhaupt keinen Platz mehr zu lassen für ein Sichdecken von Wollen und Sollen und Zufriedenheit.
J: So war es ja früher bei mir. Ich hab ja mal eine Lehre gemacht in einem Kaufhaus als Dekorateur, und fürs Filmemachen blieben mir immer nur die Wochenenden. Ich hab dann halt entschieden, dass diese feste Struktur, dieses immer das Gleiche Machen nichts für mich ist. Auf der anderen Seite hört man Leute sagen, sie würden damit nicht klarkommen, dass sie gar nicht wissen, ob sie im nächsten Jahr noch ihre Brötchen verdienen können. Wie ich jetzt gesagt hab, bei mir läuft’s jetzt bis Januar, Februar, aber danach ist überhaupt nichts. Das ist halt das, was man aushalten muss.

P: Quälen sich nur die Deutschen zwischen Lust und Frust?
J: Ich bin ja auch schon ein bisschen rumgekommen in der Welt. In Japan zum Beispiel, da sind die Leute völlig anders drauf. Für die ist der Schritt, den ich schon relativ früh gemacht hab, zu sagen „Ich mach jetzt nicht mehr das, was ich soll, sondern nur noch das, was ich will“ völlig unmöglich. Die sind fest eingebunden, identifizieren sich mit ihrer Firma und sagen dir gleichzeitig Sachen wie „Och, ich finde das ja auch schön, wenn ich so was auch machen könnte.“ Meine Antwort ist dann „ Ja, das liegt an dir, das ist mir ja auch nicht zugefallen, ich habe mich selbst entscheiden müssen, ich hab niemand danach gefragt.“ Das ist das Wichtige, schon ein wenig ähnlich wie hier.


P: Es gibt an einer Uni sogar eine Fakultät zum Thema Genuss und Lust. Da hat mal jemand das Thema Genussfähigkeit untersucht. Ergebnis: Im Süden genießt man unbeschwerter als im Norden, wo man sich fast schon zwingen muss.
J: Ich glaub, das hängt auch mit dem Wetter zusammen. Glaube ich wirklich, zum Beispiel auch in Spanien oder Italien sagt der Körper „Och, wenn’s warm wird, arbeite ich weniger.“ Also, ich glaube, damit hängt viel zusammen.

P: Du lebst als Berliner in einer Region, in der angeblich vor allem die Genusszweifler leben. Die möchten gerne frei sein und genießen, hemmen sich aber mit ihrer Angst vor Veränderung und Unsicherem.
J: Ja. Die Rahmenbedingungen sind ja auch unsicher. Aber das ist ja auch das Spannende. Ich fahre deshalb ja auch mehrgleisig. Das ist einerseits der Tatsache geschuldet, dass ich selbst auch immer was Neues machen will, also Hörspiel, Schreiben, Filme, Theater, was da alles so dran hängt, diese verschiedenen Sachen, das ist ein Lustgewinn. Zeitgleich ist es ebenfalls eine Absicherung. Wenn ich fünf Eisen im Feuer hab, klappen wahrscheinlich zwei oder drei davon. Es ist die Kombination aus beidem. Das eine bedingt das andere. Also, dieses Pochen auf Sicherheit bedingt, dass ich diese Vielfalt habe. Und umgekehrt.

P: Gibt’s für dich ein gelobtes Land oder einen gelobten Zustand, dass du sagst: „Ok, das war’s, jetzt setze ich mich hin ...“
J: Aber was soll ich denn machen? Nur Dasitzen ist ja Quatsch. Das Lustige ist, das die Sachen, von denen die anderen Leute gar nicht so glauben, dass die lukrativ sind, wie zum Beispiel die Theaterarbeit in Dortmund, die Sachen sind, von denen ich am ehesten lebe. Oder so ein Hörspiel in Dortmund. Oder ein Hörspiel für den WDR. Wo schlicht auch Tantiemen anfallen. Mehr, als wenn ich mich jetzt selber da hinsetze und einen Film mache. Oder einen Videoclip drehe. Das bringt nichts. Außer Spaß. Videoclips machen hat höchstens früher viel Geld gebracht, als die Musikindustrie noch funktionierte.

P: Außer Kunst und Film und Theater und irgendwie Dauerbetrieb – gibt’s Weiteres, bei dem du dich wohlfühlst, wo du sagst „Das hat jetzt nichts mit gar nichts zu tun, das ist nur Genuss und Lust“? Musik, Essen ...
J: Ja, ja, Musik natürlich, klar. Und Yoga zum Beispiel. Oder Kampfsport. Alles so Sachen mache ich auch. Nicht, um mich schlecht zu fühlen, sondern auch um in ein körperliches Gleichgewicht zu kommen.

P: Yoga hast du gesagt, Kampfsport ... Ist ja auch wieder die Mischung aus Disziplin und dem, was im Limbischen System abgeht.
J: Genau. Danach fühlt man sich ja wieder entspannt.

P: Ein langer Weg von 1977 bis 2013, eine wilde Reise von Protest und Wut zu Spaß und Zufriedenheit.
J: Ja, mittlerweile habe ich ja auch weniger mit Staatsanwälten zu tun, sondern mehr mit Leuten, die mir dann auch vertrauen.

P: Gibt’s einen Tipp für jemand, der vielleicht einfach nur am Band steht oder im Büro hockt? Wie kommt der zum Glück?
J: Naja, er muss vom Büro oder vom Band erst einmal weg. Sonst hat er die Voraussetzungen nicht. Man muss die Unsicherheit einfach in Kauf nehmen. Das geht auch erst im kleinen Rahmen, das wächst ja.
Ich hab mich neulich mal unterhalten mit jemand, der ein DVD-Label hat und der mit Inbrunst GODZILLA-Filme rausbringt. Und den hab mich mal gefragt „Wo kommst du eigentlich her?“ Und der sagt „Ich hab früher bei einer Autofirma am Band gestanden.“ Der hat irgendwann, und da war er nicht mehr so jung, gesagt: „Ich hör jetzt auf damit“ und hat angefangen, DVDs rauszubringen, hat ein Label gemacht. Ist irgendwie in so eine Unsicherheit gesprungen, und das war es dann. Bei mir war das ähnlich. Ich hab das relativ früh gemacht. Ich hab gemerkt, als ich diese Ausbildung gemacht hab:“ Ist ein toller Job, kann man bestimmt drin arbeiten, aber vierzig Stunden die Woche geht das nicht“, weil ich dann ja keine Zeit für mich habe.
Der Anspruch, was selbst da zu machen, war schon da.
Filmhochschule hat nicht funktioniert, Photographenlehre hat nicht funktioniert, hat alles nicht funktioniert. Als ich aus dieser Ausbildung raus war, wurde ich dann eh nicht übernommen, das war vielleicht Glück. Ich hab dann irgendwann angefangen als Filmvorführer zu arbeiten und fand das total romantisch und spannend. Und da hatte ich dann tagsüber Zeit, Sachen für mich zu machen. So fing das an. Wieder eine Kombination aus Sicherheit einerseits, also, diesem Minijob, und meinem eigenen Ding andererseits. Jahrelang hat ein Film dann den nächsten finanziert, davon leben konnten wir nicht. Jetzt kommt zum Teil das Geld rein von Sachen, die ich vor zwanzig Jahren gemacht hab. Also, wenn man da einen langen Atem hat, rentiert sich das dann irgendwann.


P: Von wegen des Ratschlags verstünde ich: Erstmal eine Sensibilität. Merken, da ist was, was mich zieht, dann Durchhalten...
J: Ich denke, es funktioniert halt nicht, wenn du eine Hypothek auf einem Haus und einen Job hast und in Abhängigkeit bist. Die Weichen müssen sicher so gestellt sein, dass du zur Not überleben kannst, wenn das alles nicht klappt. Man kann ja immer noch Scheißjobs machen. Wenn man aber den Job, den man hat, eh scheiße findet, ist es egal, ob man ihn jetzt schmeißt, verstehst du, was ich meine? Die Fallhöhe ist dann nicht groß. Wenn man was aufgeben muss, woran einem was liegt, wird es wahrscheinlich schwierig. Aber ich hatte nie den Eindruck, dass ich eigentlich die Wahl habe. Ich hätte einfach nicht vierzig Stunden in einem Kaufhaus arbeiten können. Die hätten mich dann irgendwann eh rausgeschmissen.

P: Das meinte ich mit Sensibilität.
J: Sensibilität ist gut. Man ist ja unzufrieden, das merkt man ja recht schnell.

P: Wahrscheinlich wäre die Steigerung, dass es einen anekelt. Real life splatter.
J: Ich kann mir überhaupt nicht vorstellen, wie andere Leute das machen, 40 Stunden irgendwo zu arbeiten. Ich kann mir auch nicht vorstellen, wie das zum Beispiel meine Frau macht, die einen ganz normalen Job hat. Finde ich auch bewundernswert, einfach weil ich mir das schrecklich vorstelle. Ich kenne das ja, so phasenweise habe ich das auch, wenn ich ein Hörspiel mache, dann werde ich ja vom WDR engagiert und habe Acht-Stunden-Tage, aber es ist halt nach zwei oder drei Wochen vorbei. Oder wenn ich für ARTE so eine Doku gemacht hab, dann sitz ich auch so lange am Stück im Schnittraum. Da hab ich dann auch schon so einen Kopf danach.

P: Das ist dann die Band- oder Bürovariante von deiner Spielwiese.
J: Genau. Nur dass man halt ein Ziel immer vor Augen hat, das ist dann die Kunst, in dieser Monotonie noch den Spirit am Leben zu halten. Man will ja dann auch was Gutes abliefern. Es ist ganz komisch. Ich erinnere mich auch, wenn ich gedreht hab, habe ich immer gesagt, weil das so aufreibend war und Vieles nicht funktioniert hat, dass ich dachte: „Na, wenn wir erst einmal abgedreht haben, dann kann ich faul aufm Arsch sitzen im Schnittstudio und mit nem Cutter das alles schön sortieren.“ Also, da habe ich mich drauf gefreut! Wenn ich dann aber im Schnittstudio war, habe ich das andere vermisst. Das geht dann auch immer hin und her.

P: Jörg, vielen lieben Dank, viel Spaß, viel Genuss, viel Rock‘n‘Roll und wenig blaue Flecken auf der Tanzfläche! Famous last words?

J: Dann werde ich jetzt mal zum See fahren.

Und das tut er dann auch. Die Sonne scheint, und es fühlt sich gut an. Das Baby ist auch wieder still. Warum auch immer. Im Hintergrund singen Lou Reed und John Cale ihre Songs for Drella.

Interview by Philipp Nussbaum

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