Dienstag, 18. November 2014

Berlin stirbt

Eine Platte, wie aus der Zeit gefallen, hat letztes Jahr im Renfield-Hauptquartier für einiges Schmachten und Seufzen gesorgt: Das Artwork des Debutalbums von JO STRAUSS sieht aus wie eine Zigarettenwerbung aus den 70ern oder 80ern. Ein junger Mann schaut skeptisch bis Wütend mit einer Kippe in der Hand und über die Schultern geschlagenem Pulli in die Kamera. Die Musik: tief traurige und melancholische Songs in herrlichstem österreichischem Dialekt, so traurig, dass nur der Herbst als Jahreszeit zu diesem Soundtrack passt. Und dann trotzdem immer wieder diese Berlinbezüge da drin, von den Titeln und den Lyrics her. Wie passt das zusammen? Hat da jemand zuviel Hader, Qualtinger und Waits in die Melange gerührt und alles in einem Zug runtergespült? Gute Fragen, die an einem Wochentag – natürlich im Oktober - gestellt werden wollten und in der 27. Printausgabe des RENFIELD-Zines veröffentlicht wurde.

Gary: Hallo Jo, auf der Platte sind ja recht viele Songs mit Berlin-Bezug drauf. Gleich drei tragen Berlin sogar im Titel, darunter Berlin stirbt – woran denn?
Jo Strauss: Der aufmerksame Zuhörer bemerkt, dass es in „Berlin stirbt“ um Parkautoamten geht, die installiert werden. Also eine relativ unspektakuläre Sache. Berlin stirbt wie jede Stadt an den kleinen Veränderungen. Es sind die kleinen Freiräume, die einem da weggeknabbert werden.
Zum Beispiel darfst du heute hier nicht mehr gratis parken und morgen darfst du dort nicht mehr rauchen. In Österreich ist es so, dass man vor dem Bahnhof gar nicht mehr rauchen darf. Obwohl man quasi nicht mehr im Gebäude steht. Man ertappt sich dann dabei, dass man leise zustimmt, von wegen: Ok, ich hab schon Verständnis dafür. Die Stadt braucht ja auch Geld. Ich bezahl halt meine drei Euro fürs Parken. Man stimmt einfach zu, man stimmt so dem Sterben zu. Man sagt so: Ach das bisschen Rauchen, darauf kann ich schon verzichten, rauch ich halt woanders, aber am Ende des Tages wird man darauf kommen, dass man dem Sterben zugestimmt hat.

G.: Also sind es eher die kleinen Veränderungen, die den langsamen Tod herbeiführen?
J.: Eine signifikante Veränderung in Berlin war in Prenzlauer Berg, dass fürs Parken kassiert wird. Das war für mich immer ein großes Plus, dass du in Berlin dafür nichts bezahlst. in Österreich war das ja schon gang und gebe. Ich hab dann erst bemerkt, wie viele von diesen kleinen Freiheiten sterben.

G.: Wie ist das mit dem Nichtrauchen in den Cafés, ist das ein Riesenproblem für dich?

J.: Schwierig. Es geht viel vom Kaffeehausglamour weg. Wenn ich ins Kaffeehaus gehe, will ich ja nicht meine Apfelschorle und meinen frischgepressten O-Saft trinken, sondern ich will ein bisschen Glamour. Und ein bisschen Glamour geht auch mit Zerstörung einher. Wenn man jetzt die Raucher alle verbannt, dann hat man bald kein Kaffeehaus mehr, sondern eher sowas wie einen Zahnarztwartebereich.
Ich will die Raucher nicht in Schutz nehmen, aber ich will diese heiligen Orte in Schutz nehmen. Ich will auch einen Kaffee trinken dürfen und nen Bier und nen Wein, obwohl jeder weiß. dass das nicht gesund ist. So ist es mit dem Rauchen auch. Ich finde, man sollte in heiligen Orten wie Kaffeehäusern rauchen dürfen.

G.: Du hast gesagt, dass du in Berlin wohnst. Wie hat es dich denn von Österreich eigentlich hier hin verschlagen?
J.: Ich habe lange in Österreich gewohnt und habe dann gedacht, ich muss mich bewegen und so hat es mich nach Berlin gezogen. Ich hab viel davon gehört, hatte Bekannte dort und das hat sich angeboten, sprachbarrieretechnisch und finanztechnisch, weil es ja, verglichen mit den anderen großen Städten, leistbar war.

G.: Ich kenne recht viele Österreicher, die von Berlin total begeistert sind. da frag mich mich, man könnte ja als Österreicher auch nach Wien gehen, das ist ja auch eine große Stadt. was ist denn für Österreicher an Berlin so faszinierend?

J.: Wenn man als Österreicher nach Wien geht wird man relativ schnell mit einer Grundstimmung konfrontiert, die nicht angenehm ist. Nämlich der, die alles, was nicht aus Wien kommt, als Provinzler abgestempelt. Das ist vielen Österreichern, die nicht aus Wien kommen, unangenehm. Wenn ich irgendwo hinkomme, und ich habe das Gefühl, ich bin quasi der Bauer aus Wien, dann ist das nicht angenehm. In Berlin wird man als Österreicher mit sehr offenen Armen empfangen. und das ist schon sehr angenehm. In Wien kommt das im Subtext dann schon so ein "Wo kommst du denn her?" mit.

G.: Ja, in Berlin ist das nicht so stark ausgeprägt. Wenn man da aus der deutschen Provinz kommt, dann ist man hier schnell unter seinesgleichen und wird man schnell aufgenommen.
J.: In Berlin ist jeder irgendwann mal zugezogen. Man hat so das Gefühl, dass die Österreicher und Österreich ganz positiv besetzt sind: Da ist man mal in den Urlaub hingefahren, da gibt es eine schöne Landschaft, das sind gemütliche Leute und sowas. Das spürt man.
Es ist halt was anderes, wenn man mal auf den Tisch haut und ernst genommen werden will, dann kann es schon mal sein, dass man als der kleine Bruder wahrgenommen wird, der mal wieder etwas besänftigt werden muss. Wenn man aber interessanterweise ein paar Jahre in Berlin gewohnt hat und kommt dann zurück nach Wien, dann sind die Wiener ganz brav und sagen: Ok, der war ja schon mal in Berlin. Man hat dieses Provinzlerdasein dann quasi abgehäutet.

G.: Die Platte hast du bei Alex Ott in Kreuzberg aufgenommen, wie seid ihr denn zusammengekommen? Was war für dich das Beste an der Arbeit zu den Aufnahmen mit ihm?
J.: Ein österreichischer Freund von mir, ein Musiker, wohnt schon länger als ich in Berlin. Der hat genau neben Alex‘ Studio einen Proberaum und meinte, wenn wir live aufnehmen wollen, ist das ein Tipp für uns. Es war immer eine gute Stimmung und ich hatte das Gefühl, dass Alex den Kern des Projekts erfassen und auf Tonträger bringen will. Spannende, für mich undenkbare und neue Aufnahmetechniken. Wir haben das Ding in nur zwei Tagen reingespielt, wie und warum das möglich war, ist zu einem guten Teil Alex' Verdienst.

G.: Du hast gesagt, dass ihr die Songs live im Studio aufgenommen habt. Warum war es für dich wichtig?
J.: Weil ich will das das so klingt wie in 'Echt'. Wir haben erstmals auch mit Live Monitoring aufgenommen (d.h. nicht jeder hört seinen eigenen Mix über Kopfhörer) sondern tatsächlich so, dass jeder dasselbe hört, weil es einen Speaker im Raum gibt - die minimalen Übersprechungen sind das enorme Plus an 'Feeling' echt wert. Einige Nummern haben wir tatsächlich mit einem Mikro in der Raummitte und einem Gesangsmikro aufgenommen - verrückt ist das eigentlich. Einige der Songs sind 'First takes' - wir waren nicht auf eine aalglatte Produktion aus, wir wollten dass das Ding so klingt wie das 'Gute Schlechte Laune Orchester' und Jo Strauss nun einmal klingen.

G.: Wo wohnst du eigentlich in Berlin?
J.: In Prenzlauer Berg.

T.: Das ist ja auch ein Bezirk, der sich sehr verändert hat und sehr bürgerlich geworden ist...
J.: Der hat sich in den letzten zehn Jahren ganz groß bewegt. Ich kenne Leute die den Prenzlauer Berg vor 20 Jahren beschreiben und das war wild. Jetzt ist das Gefährlichste in Prenzlauer Berg, dass dich ein Kinderwagen überrollt.

G.: Nervt dich das?
J.: Es ist eine Bewegung, die sich hier einfach so ergibt. Man stimmt halt so zu. Man sagt halt: Ok, ich gebe auch zu, dass ich es abends gern ruhig habe. Nur ertappt man sich dann dabei, dass man auch zugestimmt hat, dass die Kneipe am Eck dann zugesperrt hat. Und so verändert sich das. Es tut mir ein bisschen weh, aber ich muss auch gestehen, dass ich zu dieser Bewegung auch beitrage. Man sieht halt da wirklich beim Sterben zu und sagt dann aber auch: Ok, ich zahle halt mal eine Fuffi mehr Miete und spiele quasi das Spiel selber mit...

G.: Wo wir dann wieder beim Thema "Berlin stirbt" wären... Das Schöne, Kreative Unfertige von Berlin bleibt dabei auf der Strecke. Auf deiner Homepage steht als Infotext zu dir und deiner Musik "Schreibt Lieder, die den Menschen das Herz aus der Brust reißen, es auf den Boden schmeißen und dann gehörig darauf herumtrampeln sollen!" Ich finde, das klingt voll hart. Soll man leiden, wenn man deine Musik hört?
J.: Das wurde mir so von einem Journalisten hingedichtet. Ich habe mir da selber noch keine Geschichte zu ausgedacht. Man könnte es so auslegen, dass ein Großteil der Nummern ganz schön daherkommen und dann in den letzten Teilen dann so eine Wendung kriegen, die dann schmerzt. Man hört der Geschichte zu und denkt: Oh wunderschön, wie die so dahinplätschert und am Ende kommt dann eine kleine Wendung rein, die das ganze Ding auf den Kopf stellt. Wo einem das Lachen dann im Hals stecken bleibt.

G.: Das klingt für mich sehr typisch österreichisch, nach sehr schwarzem Humor. Wie wichtig ist der für dich beim Musikmachen und Texte?
J.: Schwarzer Humor ist großartig wichtig. man muss über dir Grausamkeiten schon schmunzeln können. Oder wie es bei Blaubart ist, so das ganz grobe Zeug. So der Geisterbahngrusel. Wir wissen eh, dass es nur ein Spiel ist und jetzt hüpfen wir mal da rein, und gruseln uns mal so richtig, aber nur weil wir wissen, dass es ein Spiel ist.

G.: Als ich die Platte gehört habe, dachte ich: Hmm, es ist ziemlich düster und makaber, aber auch unterhaltsam. Die Songs sind geil, und da singt einer in einem harten österreichischen Dialekt und kommt aus Österreich. Was hältst du in dem Zusammenhang eigentlich von dem Begriff Austropop?
J.: Schwierig. Austropop, wenn man das so hört und ganz eng steckt, ist das irgendwelcher grässlicher Schaum, der oben schwimmt, den man da sieht. Aber in der Tiefe des Austropops gibt es ganz großartige Sachen, die versteht man nicht so unter Austropop. Man denkt da gleich an Fendrich und so. und man sieht nur das dünne zeug, aber es geht im Austropop weit nach unten.

G.: Aber wäre das ein Begriff, ein Genre, das du auf deine Musik anwenden würdest?
J.: Ich glaube ja, weil sich sonst kein Begriff etabliert hat. Wenn man sagt es ist Singer/Songwriter oder Folk, dann wird auch gleich gefragt: Wie, und du singst deutsch? Es gibt keinen richtigen Begriff dafür, deshalb kann ich mit Austropop schon leben. Eben weil ich weiß, dass es da weit in die Tiefe geht.

G.: Ich musste bei vielen Songs auch an das denken, was Tom Waits so auf seinen Platten treibt. Ist der ein Einfluss für dich?
J.: Tom Waits ist auf alle Fälle ein Einfluss, vor allem die Rauheit, wie sie sich im Instrumentalen so findet, habe ich sehr gern. Im Austropop hat man sich dahingehend beispielsweise nie sehr weit aus dem Fenster gelehnt, dass man sagt: Jetzt lassen wir die Band mal so spielen, wie sie spielt und machen da nicht mit dem Bügeleisen drüber alles glatt.

G.: Unter deinen Mails zum Terminfindung für dieses Interview steht in der Signatur immer „Sitzmusik und ein bisschen Kabarett“. Wie kann man sich das live vorstellen?
J.: Es ist tatsächlich so eine Mischung aus Konzert und Kleinkunstabend. Zwischen den Nummern werden immer Geschichten erzählt oder ich erzähle Geschichten zu den Musikern. Es ist oft schon lustig, wenn ich einfach was erzähle, obwohl ich selber manchmal nicht genau weiß, warum.
Ich habe gemerkt, dass es dem Abend sehr dienlich ist. Denn wenn ich in dieser Schwere einen Abend bestreite, ohne was zu sagen, dann denken die Leute nach der dritten Nummer: Was ist das für ein Arschloch? Depressiv, morbid und so?! Das ist ihnen oft zu schwer. Ich erzähle eh gerne was und dann merken die Leute auch: Ah, er ist eh ja doch ein Mensch.

G.: Bei den Texten fand ich sehr interessant, dass du bei den Lyrics ganz ausführliche Fußnoten gesetzt hast. Stand da die Angst im Raum hierzulande nicht von jedem verstanden werden zu können?
J.: Das war auf Geheiß meiner Berliner Freunde hin. Quasi nach der Devise: Mach doch mal eine Übersetzung der Texte, oder hilf uns ein bisschen. Weil es live so ist, dass sie doch gern ein bisschen mehr verstanden hätten. Da haben wir uns aber gesagt, einfach nur zu übersetzen ist auch blöd, weil dann sehr viel verloren ginge und so haben wir Fußnoten drangesetzt, damit die tatsächlich harten Brocken verständlich werden und wir nicht alles übersetzen müssen.

G.: Du studierst Philosophie in Berlin, beeinflusst so ein Studium deine Art Texte zu schreiben oder Musik zu machen?
J.: Es ist nicht ganz vordergründig, aber ich denke, es schleicht sich schon ein. Man blickt auf Dinge ein bisschen anders, wenn man sich mit der Philosophie beschäftigt. Alleine, dass man etwas studiert, wo es hinterher kein Geld zu verdienen gibt, das wirkt sich schon auf die Texte aus.

G.: Das „Berlin stirbt“-Video war das erste, was ich von dir auf YouTube gesehen habe. Ist das Absicht, dass es in einem Video, in dem es um Berlin geht, gar nichts von Berlin sieht?
J.: Absolut. Das ist definitiv so. Weil es ist anwendbar auf alles. Es können sich nicht nur die Städte austauschen, es ist auf alles im Leben anwendbar. Zustimmen zum langsamen Sterben, zur langsamen Veränderung und dann davor stehen: Oh Mist, ich habe das Ding wirklich selber verbockt. Ja, das ist austauschbar. Über Berlin zu singen und dazu Berlinbilder zu zeigen, das ist mir zu sehr straight in the face.

T.: Letzte Frage: Angenommen jemand legt im Kaffeehaus deine CD auf, und möchte sich dazu eine Kaffeespezialität bestellen. welche wäre da am passendsten?
J.: Ein Verlängerter. Schwarz.

G.: Jo, vielen Dank für das Gespräch! www.jo-strauss.at

Mittwoch, 12. November 2014

Die Uhr, die nicht tickt

„Man muss ja nicht jeden Quatsch mitmachen, nur weil es biologisch möglich ist!“

War das entspannend, dieses Buch zu lesen. Wie der erste Cuba Libre einer langen Nacht oder ein Nachmittag Seriengucken mit meiner Lieblingsfreundin. Oder mit meinem Kind zusammen ganz laut singen. Das sind alles Tätigkeiten, die dazu beitragen, dass ich mich wieder fähig fühle, mit allem klarzukommen, was mir das Leben so an den Kopf werfen mag. Genauso geht es mir nach der Lektüre des neuen Buchs von Sarah Diehl. Es trägt den schönen Titel „Die Uhr, die nicht tickt“. Die biologische nämlich.
Übrigens hat die Renfield-Crew dieses Buch schon von verschiedenen Seiten her angepackt, und so wird Sarah am Donnerstag, dem 13.November um 20.30 Uhr in der SubCult-Radioshow auf Pi-Radio 88,4 ein Gespräch mit Renfield's very own Niki Matita führen.

Das werde ich mir auf jeden Fall anhören. Obwohl diese biopolitische „Streitschrift“ für das kinderlose Glück mir eigentlich gar nicht viel Neues erzählt hat. Die Erfindung der Kleinfamilie, des Mutterbildes und noch anderer Vorstellungen, die viele für selbstverständlich halten: das ist bekannt, wenn man sich je damit beschäftigt hat, das wird alles kurz, klug und nachvollziehbar dargestellt und gezeigt, wie Frauen gezielt politisch und sozial manipuliert werden, um sich schuldig zu fühlen, wenn sie nicht die ihnen zugedachte Rolle übernehmen. Irgendwann wiederholt es sich dann auch ein bisschen.

Inhaltlich ist Sarahs Punkt, dass das Ticken der biologischen Uhr in erster Linie eine gesellschaftliche Forderung ist und dass es ganz einfach eine Menge Leute gibt, die solches nicht verspüren. Die einfach keinen Kinderwunsch haben und keine Lust, sich einreden zu lassen, dass sie das doch sicher noch bereuen würden. Aber eigentlich geht es um etwas anderes bei diesem Buch: Um Solidarität. Deswegen habe ich jetzt nach dem Lesen so gute Laune, und das, obwohl ich schon reichlich Kinder habe und die Unterstützung dabei, mich vielleicht dagegen entscheiden zu wollen, etwas spät kommt.
Indem sie die verschiedenen Frauen erzählen lässt, führt Sarah vor, wie stark die Schuldzuweisung und Ausgrenzung der freiwillig kinderlosen Frau in unserer Gesellschaft tatsächlich ist. Sie wollte ursprünglich auch kinderlose Männer befragen, stellte dabei aber fest, dass diese deutlich weniger von besagter Schuldzuweisung und Ausgrenzung betroffen sind und daher oft gar nicht wussten, was sie zu ihren Fragen sagen sollten, außer, dass sie eben keine Kinder wollen – wo war noch mal das Problem?

Gerade damit macht sie deutlich, wie dringend wir alternative gesellschaftliche Formen brauchen, die nicht nur die freiwillig Kinderlosen, sondern auch die mehrfach ge- und oft überforderten Mamas von dem gesellschaftlichen Druck befreien könnten, dem sie gleichermaßen ausgesetzt sind. Und der sich als schlechtes Gewissen von innen und als Klischeevorstellungen und blöde Fragen von außen manifestiert und uns unnötig das Leben erschwert. Das eigentliche Thema dieses Buches ist die Solidarität, die wir brauchen, um uns eine lebenswerte Gesellschaft aufzubauen, in der es um ein glückliches und erfülltes Leben geht. Und davon werden auch die Kinder nur profitieren, egal, wer sie geboren hat und wer sie erzieht, liebt und für sie sorgt. Darauf den zweiten Cuba Libre einer langen Nacht. Und morgen dann singen auf dem Spielplatz.

Viola Nova Sarah Diehl: Die Uhr, die nicht tickt Arche Literatur Verlag Hardcover 256 Seiten ISBN 978-3-7160-2720-2

Dienstag, 4. November 2014

100 Jahre Renfield-Post!

Tätääää - der 100. Post auf diesem Blog! Wahnsinn! 100 mal schon was hier reingehackt, geschrieben, getippt, geladen, gelacht, gedacht, weggeworfen, wieder reingesetzt, bearbeitet, vorgeschaut, Tags gesetzt, Labels ausgedacht, die eh keiner liest und so weiter und sofort. Und mindestens schon EINHUNDERTMAL die Statistik angeschaut und mich gefragt, wieso an manchen Tagen drei und manchmal Dreißig Leute aus Tahiti, Alaska, oder Surinam hier reinschauen.
(War nur 'n Witz. Die Weltkarte mit der Anzeige der Besucher aus aller Welt zeigt, das die meisten RENFIELD-Blog-Besucher in Deutschland sitzen, manche in den USA, Frankreich und einige wenige auch in Russland. Um die Crew in Surinam, Tahiti oder den Kayman Islands zu angeln, muss ich mir noch was einfallen lassen. Wer diesbezüglich Ideen hat, melde sich bitte unter renfield-fanzine@hotmail.de).
Aber schön ist es trotzdem. 100 Posts, wer hätte das gedacht. Gott oder eine andere spirituelle Entität vielleicht?

Davon ab: Es geht auf das Ende zu. Aber sowas von fix. Nicht dieser Blog, keine Angst. Bald folgt der Abgrund des Jahres und kippt uns ohne zu fragen über die Klippe in das neue. Heute wurde mir von einem Herrn in Postuniform mitgeteilt, dass in zwei Monaten Weihnachten ist. Stimmt ja gar nicht. In zwei Monaten ist schon alles vorbei und wir haben nicht mal Aschermittwoch. Da schütteln wir noch den Kopf ob des Champagnerschwipses, den wir uns mit Krimsekt einige Tage vorher angetrunken haben. Und wenn alles gut läuft, werden wir uns fragen: 2014 - war da was?

Und wenn alles noch besser läuft, erinnern wir uns an ein paar geile Rezensionen von ein paar geilen Platten, die in einer dunklen Novembernacht auf den RENFIELD-Blog geladen wurden. Nämlich jetzt.
RENFIELD No. 29 erscheint übrigens am 14.11.2014 und wird wieder kräftig gefeiert auf Planet TRX-Zwo-TTA-GAMMA-BETA-Ömelius-Sieben. Ihr wisst eh, wo das ist.

Live mit dabei: PISSE (Karibik-Punk, Berlin)
und die fabelhaften DYSNEABOYS (80ies-Skatepunk von Menschen, die in den 80ern wirklich Skatepunks waren. Auch aus Berlin).
Als DJs konnten desweiteren NIKI MATITA (SubCUlt Radioshow, Renfield-Crew) und
THE UNHOLY SPIDER (TRX-Zwo-TTA-GAMMA-BETA-Ömelius-Siebens very own Schmuckeremit) gewonnen werden.
Weitere Infos auf dem Flyer siehe oben.

Jetzt was ganz anderes - die versprochenen Plattenkritiken nämlich.

KLOTZS – Schwarzer Planet (Tumbleweed records) Platten, in deren Titel das Wort Planet auftaucht, erinnern mich immer an alte Scheiben von Karat oder Peter-Maffay. Das hat sowas 80er-Konzeptalbum-Mäßiges. Klotzs tun schon seit Ewigkeiten rum, der Name taucht immer im Zusammenhang mit EA80, Graf Zahl und Anverwandten auf. Mittlerweile ist man seit Jahren schon als Duo unter Einsatz eines interessanten Bass-Gitarre-Hybrids unterwegs. Nicht eben eine Band, die es nochmal auf die Riesenbühnen eines biergesponserten Festivals schaffen will und muss.
Lange Zeit habe Ich einen Bogen um diese Platte gemacht, keiner weiß warum. Vielleicht weil ich seit geraumer Zeit deutschsprachige Platten eher langweilig finde. Da verstehe ich ja alles. Und ich will gar nicht soviel verstehen. Sechs Songs gibt’s auf der „Schwarzen Planet“, soviel Muße finde ich nun, dass ich mir mal jeden einzeln vornehmen kann:
1. Kopfpunk - klingt an wie eine reduzierte Version von Fugazi mit EA80-Gesang. Dann kommt auch noch der Break, wo ihn auch Ian McCaye gesetzt hätte. Deshalb vorhersehbar ? Nö.
2. Schwarzer Planet I – Titelsong durchnummeriert, steckt da vielleicht doch ein Konzept hinter, mit mehreren Kapiteln? Unverzerrte Klimpergitarre, dann ein halliges Lick. Da spürt man fast die Kälte im Weltall. Hallig auch der EA80-Gesang.
3. Drehtür – der melodischste und optimistischste Song hier im Saal. Einfach ein guter Punksong, knackig und kompakt, mit soviel Melodie wie eine nachdenkliche Punkband halt so kann. Könnte von EA80 (Der Gesang) ODER den BOXHAMSTERS sein.
4. Der Neue Stille – da läuft er, der Bass. Und läuft und läuft und läuft. Fast schon wie bei NoMeansNo, nur mit EA80-Gesang.
5. Schwarzer Planet II – zum zweiten Mal in meiner Umlaufbahn. Wieder so ein verträumtes Gitarrenthema am Anfang, danach geht‘s hübsch monoton weiter, als wäre das hier der Soundtrack zu Dark Star, von JOY DIVISION geschrieben. Mag ich deshalb sehr gern. Und den EA80-Gesang auch.
6. Fliehkraft – lustiger Titel am Ende. Hat der was mit dem planetoiden Plattentitel zu tun? Nicht gerade fröhlich, weder von den Akkorden noch vom Text her. Hübsch. Zum Gesang sage ich nichts. (F) Gary Flanell

LYNX LYNX – Trailer Park (Off Label Rec.) Falsches Jahrzehnt schon wieder, aber das macht ausnahmsweise nichts. Und dass die 60er rückblickend roundabout scheiße und schuld an allem sind, soll ja nicht hindern, sich den einen oder anderen Klang aus der Zeit zu leihen und ihn schön schrammelig zu recyclen. Macht Boa schließlich auch und verdient damit sogar Knete. Danke für den Titeltrack der fünfliedrigen EP. Ist man mal unpassend gut drauf, etwa als Rettungssanitäter oder Profiverfasser von Kondolenzanzeigen, hört man sich das Stück ein, zwei Mal an und ist wieder angemessen mies drauf. Keine Liebe im Trailerpark Teutschland! No news, aber auch nicht erfreulich. Wahrscheinlich Nachwirkungen der bigotten 60er. Philip Nussbaum

HÄXXAN – LP ( Heroic Leisure Rec.) Zweimal anhören hilft manchmal. Auch im Fall dieser israelischen Garagerockband, die zusammen mit den nicht weniger guten New Swears in meinem liebsten Schnapsloch gespielt haben. Im direkten Vergleich fand ich sie erstmal nicht so spannend. Aber dann kam die zweite Anhörung. Sie sind vielleicht nicht ganz so filigran wie ihre Tourkollegen, aber hier regiert die gute alte raue Stooges-Schule. Bratzige Gitarren, ein Schreihals, der nicht nervt und glattgebügelt wurde hier soundmäßig auch nichts. Könnte man in der Rollerdisco zwischen Mudhoney und Mrs. Magician laufen lassen und es würde immer noch die gleiche Meute auf der Tanzfläche ausflippen. Großartiges Coverartwork auch. (G) Gary Flanell

LATENZ-COMPILATION#2 (Latenz Records) Labelsampler, Labelsampler, Labelsamp-ler … Sinniger wird’s nicht, wenn man es wiederholt. Wie viel Rezi gibts für einen, den man für €2 kaufen oder für nix runterladen kann, hehehe? Da wir alle nichts als völlig korrupt und nur noch verroht sind, selbstverständlich nicht viel. Muss aber auch nicht, denn was man bei LATENZ in Bremen macht, ist schlicht und ergreifend fein. Was hindert eigentlich all die anderen, sich ein wenig zusammenzurotten und den Kram, der sich dabei ansammelt, in die Welt zu schütten? Gut, vielerlei, ist klar. Geldgeilheit, Narzismus, Angst, und bestimmt auch die nicht zu unterschätzende Phlegmatik. Schön blöd, aber sehr hip. LATENZ muss sich um solchen Dreck nicht kümmern, schon gar nicht für den Hungerlohn. Abgespeckte, unprätentiöse Zusammenstellung von Unterschiedlichstem, ab und an etwas zu Dadalastigem. Fein, wie gesagt. Philip Nussbaum

V.A. TOTALLY WIRED – 010-2013 (totallywiredrecords.com) Labelsampler sind per se ein Ärgernis, schon mal gehört? Schamloses Restficken, ein, zwei Perlchen allenfalls dabei, als Kundenmagnet und Musitourifalle, und das war’s dann. 010-2013 – warum soll ich mich mit dem Ding überhaupt befassen? a) bis Umlaut): Keine Ahnung, aber TOTALLY WIREDs zweite (inzwischen gibts drei) Werkschau ist ein wunderbar vielgeschmackiges Schlaraffenland, und was bei anderen Plattenschmiedenschnellimbissen vielleicht noch unverblümtes Wieder-verwerten und Auskack-resten-in-der-schüsselgoldmachenachwennsdochsoeinfachginge sein mag, ist bei den Wienern ein Schmankerl, ein amuse-gueule, ein unverbindlicher, aber freundlicher Gruß aus der Küche, noch bevor die Tageskarte überhaupt in die Sicht geschoben wurde. Welcome to Lofi- und Irrsinnsheaven! Bei TOTALLY WIRED ist das Menu noch überschaubar, es geht also noch, sich ein hübsches Gesamtfresspaket schicken zu lassen (order @ totallywiredrecords.com). Nieder mit der Sinnenfeindlichkeit, und ein Hoch auf diese Scheißlabelsampler! Philip Nussbaum

REVERSE COWGIRLS – Bucking (Off Label Records) Drei Artverwandte fallen mir ein, mit denen diese Eher-Boys-als-Cowgirls auf Tour schicken würde: Hank Williams III., Bob Wayne oder THE WALTONS. Cow-Punk als Genre war ja mehr so ein 80er-Ding und wurde hie und da dann auch schnell von durchgeknallten Psychobillys geschätzt. Vielleicht, weil#s ähnlich fix zuging und hohes Tempo liegt auch den REVERSE COWGIRLS. Die ersten drei Songs peitscht man so schnell durch, als wollte man vorm vierten Song noch fix die Kühe zwischen Venlo und Breda von der Weide kriegen. Danach wird es etwas relaxter, aber zwisschendurch zieht man immer wieder mal das Tempo an. Besonders feinsinnig ist das zwar alles nicht, aber so eine gewisse Rustikalität ist ja auch gern mal beruhigend. Dürfte nicht nur bei sauffreudiger Landjugend Anklang finden, sondern auch bei dem einen oder anderen Großstadtcowboy. Und mit Hinblick auf den ersten Satz dieser Rezension bleibt nur eins zu sagen: Sofort auf Tour mit denen! (H) Gary Flanell

TERRORGRUPPE – Inzest im Familiengrab (Destiny) Back to the Rotz. Die einzig wahre Terrorgruppe betritt mit viel O-o-oooh das beinah schon gewesene Jahr 2014. Kein Erdbeben, keine Sturmflut, nur ein wenig Verkehrschaos vor der Oldiedisse, aber was ist daran falsch? Nix, genau. Schnauze halten, weitertrinken. Alles neu, Vollbärte für jeden und testikelabkneifende Hosen – das können die jungen Berliner gerne in der Summe für sich alleine haben. Der Rest kommt gut damit klar, das olle bekotzte Motivshirt über der Balkonbrüstung auszuschütteln und kurz aufzubügeln. Unbedingt schick genug. Jacho (Beste Grüße!) und Konsorten haben wohl schon mal etwas breiter die bekannte Mucke verblasen, und auch die Mische aus ironie-infizierten Kommentaren zur Zeit und blankem Blödsinn wirkt ein wenig instant, aber Hauptsache, dieses eigene Genre des Terrorgruppenpunk bleibt der Hauptsachenstadt erhalten und lässt sie nicht alleine mit sich pseudoverkünstlernden Comicfiguren wie den Ärzten etc. (2x P, eins davon auf jeden Fall für das phantastische Zeichentrickbooklet; ach, was soll‘s, noch eins für die Sache an sich) Philip Nussbaum

JOHN SCHOOLEY – The man who rode the mule around the world
(Voodoo Rhythm Records)
Sie scheinen den John Schooley bei Voodoo Rhythm wirklich zu mögen. Hätten ja sonst nicht schon das dritte Album von ihm an den Start gebracht. Ist aber auch zu sympathisch, dieses One-man-Band mit allem was klassischerweise dazugehört: Gitarre, Bass-Drum, Harmonika, Einflüsse aus Blues und Country, hoher Trashfaktor und viele Verweise auf die erklärten Vorbilder R.L. Burnside und Hasel Adkins. So kommt eine ganz solide, schwungvolle Trash-Punkscheibe zustande. Die ganze Platte kann man ganz wunderbar in einem Rutsch durchhören (was hier mehrfach passiert ist), würde ich jedoch nach meinem favorisierten Song gefragt, würde ich wohl so bescheiden gucken wie der Esel auf Weltreise. Was es mit dem eigentlich auf sich hat und wer der Mann ist, der ihn geritten hat – bleibt das Geheimnis von John Schooley. (K) Gary Flanell

TALCO – 10 Years-Live in Iruna (Destiny) „Grönemeyer tut es. Die Ärzte tun. BAP tun es, die Broilers tun es. Helene Fischer tut es, Hirte-Blasebalg tut es. Tja, und die Talcos tun es hiermit auch, das habt ihr jetzt davon. Hier kommt das daskriegenwirschockgefrostet, weihnachtenfindetdochstatt“- Livealbum. Weißt du noch? Und ich so, rausgehoppster Tetrapackwein mit Konsumbierschaumkrone überall, du so, lach lach, voll die aufgeplatzten Sonnenbrandblattern und am Hoden-sack einen Knutschfleck, und dann du so, und ich direkt nochmal, weißt du noch? Hä? Nö. Livealben braucht kein Mensch.
Höchstens du, um dich zu erinnern, dass du deinen dicken Hintern schon lange nicht mehr von der Couch gehievt und dich mal irgendwohin begeben hast. (2x P für zwei pipivolle Augen, die der Teenagerliebe nachgrienen) Philip Nussbaum

WOLF-FACE – Still a son of a bitch (Mooster Records) Biertrinkende Buddies, sich verschwitzt in den Armen liegend. Gemeinsam ein paar Hits von HWM, Anti-Flag oder Rise Against gröhlend. Kumpel-Mucke. Flanellhemden und Unterarmtattoos noch eins, so könnte ein Abend mit WOLF-FACE aussehen. Normalerweise nicht das, was ich den Soundtrack meines Alltagslebens nenne, aber das hier kann einiges. Vielleicht weil einfach durchschimmert, dass sich diese Typen aus Chicago gar nicht zu ernst nehmen. Ist jetzt auch kein Fun-Punk, aber es scheint ein gewisser versoffener Witz durch, zumindest in Songs wie „I wanna be a Homo (sapien)“ oder „I am a girlfriend“. Die Haudrauf-version der Gender-Diskussion. Nichts für reflektierte Abende, mehr was für die Nächte mit der Wodka-und-Bier-Sintflut und stundenlangen Freund-schaftsbeschwörungen. Geht ok. (H) Gary Flanell

Dienstag, 28. Oktober 2014

THE KIDS ARE ALL SQUARE! - Medway Punk 1977-85

Es gibt Menschen, die sagen, in den 80ern wäre nur Scheißmusik entstanden. Und es gibt Menschen, die sagen, dass die 80er voll mit ganz wunderbarer Musik waren.
Während die erste Gruppe sich mit Grausen an die Plastik-Pop-Produktionen aus dem Hause Stock, Aitken und Waterman erinnert, kommt der zweite Gruppe eher das in den Sinn, was damals an Indiemusik, Punk/Hardcore und anderen aufregenden Sounds jenseits vom Hauptstrom der tumben Hitparaden zu hören war. Vielleicht legen sie bei ihrem ganz privaten Rückblick auch eine Scheibe von den MILKSHAKES auf – jener Band, mit der ein gewisser Billy Childish europaweit für Aufsehen sorgte. Dass die MILKSHAKES eine von vielen Bands war, die ein gewisser Landstrich um das ostenglische Flüßchen Medway hervorgebracht hat, haben wahrscheinlich nicht allzuviele auf dem Schirm.
Dabei steht der Begriff der „Medway Bands“ (benannt nach dem 112 Kilometer langen Fluß, in der Grafschaft Kent) eben genau für Gruppen wie THE DENTISTS, THE POP RIVETS (Childishs erster Band) oder THE PRISONERS, die bei Punk/Garagebeat-Liebhabern auf großen Anklang stießen. Grund genug, die musikalische Geschichte von Orten wie Chatham oder Rochester mal in von Ian Snowball, Fachmann für britische Popkultur aufarbeiten zu lassen, der in "THE KIDS ARE ALL SQUARE - Medway Punk 1977-85" eine Menge Beteiligter über ihre Ansichten zur damaligen Punk/Garage/Rockabilly-Szene im Südosten Englands zu Wort kommen lässt.
Klar, auch Billy Childish hat dabei was zu erzählen, aber der hat das Buch ja nun mal nicht zusammengestellt, also haben wir für RENFIELD No. 27 uns mal direkt an Ian Snowball zum Thema Medway Punk gewandt.

Gary: Hallo Ian, Du hast schon einige Bücher zum Thema Popkultur geschrieben, beispielsweise über Oasis, The Jam oder Ocean Colour Scene. Woher kam die Idee, mal einen Blick auf die Urspünge der Medway Szene zu werfen?

Ian Snowball: Ich bin seit vielen Jahren ein großer Fan des MedwaySounds und der dazugehörigen Bands. Ich mache nur Buchprojekte, von denen ich weiß, dass sie mich motivieren und inspirieren. Sich das Medway-Projekt auszusuchen, lag also wirklich nahe.
Ursprünglich wollte ich ein Buch nur über die PRISONERS schreiben, aber irgendwie kam das nicht in die Gänge. Aber das Buchprojekt, das den Medway Sound gebührend würdigt, wollte ich immer noch unbedingt machen. Also habe ich Bob Collins von den Dentists gefragt, ob er daran interessiert sei, das Buch mit mir gemeinsam zu schreiben. Er stimmte zu und so saßen wir in einem Boot.


G.: Der Titel bezieht sich auf die Jahre zwischen 1977 und 1985. Warum hast du exakt diesen Zeitraum gewählt? 1977 als Jahr, in dem Punk quasi in die Welt trat, ist klar, aber was ist mit 1985? Gab es ein bestimmtes Ereignis, das das Ende der Medway Szene markierte?
I.: 1977 war der Startpunkt, als Legenden wie Billy Childish und Bruce Brand anfingen Bands zu gründen. Dann trafen sich Graham Day und Allan Crockford und gründeten auch eine Band und der Rest ist Geschichte. Mitte der 80er gab’s dann diese Zeit, wo die Sachen langsam runterfuhren. Für diese Bands ging das auf ganz natürliche Weise zu Ende, für sie begann etwas Neues. Da ging es nicht wirklich um eine Reaktion auf die Veränderungen der Musik zu dieser Zeit. Es gibt in dem Buch aber ein paar Beiträge von Mitgliedern der CHARLATANS und INSPIRAL CARPETS, die auch von den Medway Bands inspiriert wurden und das in ihre eigene Musik einfließen ließen, die wiederum um 1989 größeren Einfluss auf die Musikindustrie ausübte.
Und nur ein paar Jahre davor hatte die Struktur der Musikszene sich dramatisch verändert. Das betraf auch die Medwaybands. Graham Day versuchte sich beispielsweise an einer neuen Band namens PLANET, die fast schon Acid Jazz machten. Und dann war da noch James Taylor, der den Acid Jazz Sound stark geprägt hat. Es war ganz anders als das, was THE PRISONERS gemacht haben. Ich bin also nicht der Meinung, dass die Medway-Szene sich einfach aufgelöst hat. Sie hat sich in etwas anderes verwandelt.

G.: Wie hast du diese Zeit persönlich erlebt? Hast du damals was von den Bands aus der Medway Area mitbekommen?
I.: Die Medway Bands waren in den 80ern sehr Underground. Einerseits waren sie schon ziemlich bekannt, aber in mancher Hinsicht doch immer noch sehr alternativ. Eigentlich war es sogar so, dass viele Bands in anderen europäischen Ländern bekannter waren als gerade in England. Ich selber fand THE PRISONERS spannend, weil ich mit Musik aufgewachsen war, die so eine Mod/60s Richtung hatte. Die Milkshakes waren punkiger, und ich bin nicht mit den Punks rumgehangen. Da gab es schon zwei Lager. Es hat einige Jahre gedauert, bis ich anfing, Billy Childish’s Musik wirklich zu schätzen.

G.: Wenn du The Milkshakes, The Dentists und The Prisoners nimmst – die ja den Kern der sogenannten Medway Bands stellen, was hatten diese drei Bands deiner Meinung nach gemeinsam?
I.: Ursprünglich wollte ich das Buch „No Compromise“ nennen (was dann am Ende nur der Titel eines Kapitels wurde). Damit wollte ich hervorheben, dass Bands wie The Prisoners und The Milkshakes diese Tendenz wichtig war, sich nicht zu kompromittieren. So erschien es auf jeden Fall der Musikpresse. Ich schätzte ihre Einstellung, dass ihnen diese Haltung wirklich wichtig war, dass sie ihre Musik für sich machen wollten, und das war‘s eben… Und wenn das noch jemand anders gut fand, umso besser, aber darauf kam‘s nicht an. Auch die Klamotten und die Wahl der Instrumente war eine gemeinsame Vorliebe, das war alles in den 60ern verwurzelt.

G.: Wieso glaubst du, haben sich gerade dort mitten in der englischen Provinz eine aufregende innovative Musikszene entwickelt? Glaubst du dass es im Nachhinein ein Vorteil war, dass diese Bands weit weg von den ständigen Ablenkungen einer Metropole entstanden sind?
I.: Ich glaube, in erster Linie waren die Bandmitglieder erst mal einfach sie selbst. Ihre Musik war eine Erweiterung ihrer selbst und der Orte, an denen sie lebten. Ich bin auch am Medway aufgewachsen, von daher sind mir die Landschaft, der Baustil, die Menschen und die Szenerie sehr vertraut. Ich denke, das beeinflusst schon, was die Leute so machen. London ist nur 30 Minuten entfernt, so dass wir schon Zugang zu dem hatten, was dort abging, ohne gleich Teil davon sein zu müssen. Ich glaube nicht, dass Langeweile was damit zu tun hat. Eher geht es bei den meisten Bands einfach darum, ein Instrument zu spielen und mit den Kumpels Songs zu schreiben. Von da aus kann sich alles Mögliche entwickeln, aber das Grundprinzip ist recht einfach. Aber ja, es hat schon etwas Mystisches und man kann viel darüber spekulieren, warum ein gewisser Sound ausgerechnet in einer kleinen Region in Kent entstanden ist. Die Frage kann wohl nie richtig beantwortet werden. Glücklicherweise.

G.: Es wird öfter berichtet, dass recht viele bekannte Bands aus Seattle von Billy Childish und anderen Medway-Bands beeinflusst sind. Wo würdest du Gemein-samkeiten zwischen der frühen Grunge-Szene und den Medway Bands sehen?
I.: Zu der Zeit selbst ist es mir nicht aufgefallen, aber als der Grunge-Hype nachließ, war schon deutlich zu sehen, dass ein paar dieser Bands ihre Inspirationen von Billy und Co. hatten. Jack White ist ein gutes Beispiel. Er wollte, dass Billy mit ihm bei Top of the Pops auftritt, aber die Show sagte nein. Also hat er sich Billy Childish stattdessen mit Tinte auf den Arm geschrieben. Ich denke, jede Art von Musik entwickelt ihre eigene Atmosphäre, und das ist es, worauf Leute reagieren. Also ja, Seattle hat auf Medway reagiert, und sie haben ihr eigenes Ding daraus geformt. Es gibt viele Bands, die Medway als Einfluß nennen. Manche dieser Einflüsse kann man in ihren Songs hören, aber es fehlt immer etwas, etwas Besonderes und Entscheidendes, das nur Bands aus den Medway-Städten haben. Es ist dasselbe, wenn eine Band wie die SPECIALS klingen will, aber nicht aus Coventry kommt. Oder man will wie die TEMPTATIONS klingen, hat aber nicht in Hitsville aufgenommen.

G.: Das, was im Buch geschildert wird, erinnert mich allerdings eher an die Szene um Dischord Records aus Washington – auch wenn die Musik eine ganz andere war: Da drehte sich auch alles um Fugazi, Ian McKaye und eben Dischord Records: Bands und Menschen, bei denen irgendwie ein gewisser DIY-Ethos in Bezug auf Aufnahmetechniken und Vertrieb wichtig war. Siehst du da Ähnlichkeiten?
I.: Das ist ein guter Punkt, genau das meinte ich eben mit dem Beispiel Hitsville. Ja, Studios und Produzenten haben einen ungeheuren Einfluss. Meine Band AUNT NELLY nimmt in den Ranscombe Studios in Rochester auf, die von einem super Typen namens Jim Riley geleitet werden. Er hat im Lauf der Jahre eine Menge Sachen von Billy Childish, Graham Day, Glenn Pragnell und all denen aufgenommen. Deswegen hat er diesen Sound einfach drauf und versteht ihn richtig gut. Jim hat auch selber in einer Medway Band gespielt, WIPEOUT. Er weiß also wirklich, was er da macht. Mir scheint, das Label, auf dem die Platten erscheinen, ist gar nicht so entscheidend. Die Medway Bands haben viele verschiedene Labels gehabt. Aber das Studio, das die Songs aufnimmt, das macht echt einen Unterschied.

G.: MILKSHAKES, DENTISTS, PRISONERS – das sind alles reine Jungs-Bands. Gab es in der Medway-Area in den 80ern keine Frauen, die in der Szene um diese Bands aktiv Musik waren? Warum war das ein reines Jungs-Ding?
I.: Ist das nicht in den meisten ‚Szenen‘ so? Man muss sich nur in den 60ern anschauen: THE BEATLES, WHO, SMALL FACES, in den 80ern bei Madchester die STONE ROSES und die INSPIRALS, die meisten Two Tone Bands bestehen aus Jungs... aber es gab auch die BODYSNATCHERS und in Medway gab es die HEADCOATEES, und später die A LINES. Aber im Großen und Ganzen denke ich, Jungs haben einfach mehr Interesse daran, in Bands zu spielen. Das wird wahrscheinlich auch immer so bleiben.

G.: Wenn ich an England und Punk denke, assoziiere ich damit Oi, Crustpunk, Anarchobands wie Crass und, klar, auch klassischen Punkrock wie Sex Pistols, Damned, The Clash usw. Aber das sind alles sehr eng definierte und eingegrenzte Szenen. Die Medwaybands schienen mir da eine leichtere, ironischere Definition von Punk zu haben. Eine, die offener ist, sich aber auch von anderen Subkulturen wie Mods, Psychobilllys, Gothics abgrenzt. Siehst du das ähnlich?
I.: Hier geht‘s wieder darum, dass die Medway Bands nie versucht haben, wie irgendjemand zu klingen oder zu sein, sondern einfach ihr eigenes Ding gemacht haben. Sie hatten nie vor, sich einer Szene anzugleichen. Sie wurden umgekehrt von den Mods, Punks und Psychobillys aufgegriffen. Es ist so ähnlich wie THE JAM. Die hatten auch nie vor, eine Mod- oder Punkband zu sein, und das waren sie auch nicht, aber die Mods und die Punks haben sie für sich entdeckt.

G.: War es schwierig, all die Interviewpartner für das Buch ausfindig zu machen?
I.: Nein, gar nicht! Wir hätten noch viele andere mit reinbringen können, aber wir mussten uns ja irgendwie begrenzen. Letzte Woche habe ich mit AUNT NELLY in Italien gespielt, als Vorband für eine alte Mod-Band, THE CLIQUE. Bruce Brand hat bei denen Gitarre gespielt, und wir sprachen über das Buch. Und er meinte bloß: „Das war ein Buch, das dringend geschrieben werden musste.“ Ich denke, dass Leute wie Billy und Graham das auch so sehen, und Bob und ich haben‘s eben einfach gemacht. Die ganze Geschichte ist in dem Buch, und es kann bei dem Buch nur um diese Geschichte gehen. Bob und ich sind sehr glücklich damit, wie es geworden ist und wer mit dabei ist.

G.: Warum hast du für das Buch die Interviewform gewählt? Warum ist es einfacher, das alles in einer oral history darzustellen?
I.: Ich benutze oft die Interview-Form. Es ist mir wichtig, Geschichte zu schreiben aus der Erfahrung der Leute heraus, die diese Geschichte gemacht haben. Ein Buch wird so vielfältig und schillernd. Billy erinnert sich vielleicht anders als Bruce oder Graham, aber jede Sicht zählt. Diese Methode fängt ein Gefühl für die Geschichte und ihren Sinn ein, und das setze ich gern beim Schreiben ein. Aus Erfahrung lernt man am besten, denke ich, also muss man mit den Leuten reden, die dabei waren.

G.: Ich finde Billy Childish ist mit Abstand die bekannteste Figur des Buches – wie war sein Reaktion als er von den Plänen, ein Buch über die Medway Bands zu machen, erfahren hat?
I.: Billy fand das in Ordnung. Wir kennen uns, und ich denke, er hat mir da vertraut. Das ist natürlich hilfreich. Bei den Büchern über THE JAM und OASIS war das auch so. Wenn man sowas machen will, müssen die Leute, um die es geht, dir vertrauen, dass du ihre Geschichte verstehst, weil sie ihnen wichtig ist. Und das Medway Buch war für Billy sehr wichtig. Und jetzt, da er es gesehen hat, ist er zufrieden. Ich hab so vor drei Wochen bei ihm vorbeigeschaut und wir haben ausführlich gequatscht über das Buch, und auch über das Buch, an dem er gerade schreibt. Billy ist ein faszinierender Typ, und es macht Spaß, mit ihm rumzuhängen.

G.: Ist denn heute eigentlich noch was vom Einfluss der frühen Medway Bands in Chatham und den anderen Städten der Medway-Region übrig geblieben?
I.: Klar sind da Bands, die werden da immer sein, und einige haben ihre Inspirationen von THE PRISONERS, MILKSHAKES und all den anderen. Aber vor allem sind die ja auch immer noch da, und die meisten von ihnen machen immer noch was. Glenn Pragnell von den OFFBEATS nimmt mit seiner Band GROOVY UNCLE auf, Graham spielt wieder mit Allan in GRAHAM DAY AND THE FOREFATHERS, und die DISCORDS gibt‘s immer noch. Und Billy natürlich, der wird bis zu seinen letzten Tagen spielen und aufnehmen. Der kann gar nicht anders!

G.: Du hast das Buch zusammen mit Bob Collins von den Dentists geschrieben. Die meisten Bücher von dir sind in Kooperation mit einem anderen Autor erschienen. Wieso schreibst du die meisten Bücher im „Doppelpack“?
I.: Mit verschiedenen Leuten habe ich verschiedene Arten der Zusammenarbeit entwickelt. Mit Bob war das unkompliziert. Wir haben uns die Interviews aufgeteilt. Das mit Billy haben wir zusammen gemacht, an einem Tag haben wir über vier Stunden mit ihm verbracht. Das ging dann so aus, dass Billy uns zu sich nach Hause geschleift hat, um uns neue Songs vorzuspielen. Eigentlich haben Bob und ich vor allem einfach mit all unseren Freunden gequatscht, die sowieso zu all diesen Medwaybands gehören. Aber wir kennen auch verschiedene Leute, das war natürlich praktisch. Mir macht es Spaß, ein Buch mit jemand zusammen zu machen. Aber ich schreibe auch gerne literarischen Kram.
Literarisches Schreiben und Sachbücher sind schon ganz schön unterschiedlich. Für meinen ersten Roman LONG HOT SUMMER habe ich 2009 drei Wochen gebraucht. Ich denke, ein Buch zusammen zu schreiben funktioniert, wenn die Chemie stimmt. Gerade hab ich die Autobiographie für Rick Buckler von THE JAM geschrieben, als Ghostwriter. Rick und ich haben neun Monate dafür gebraucht, und sie wird zum Ende des Jahres erscheinen. Da gab’s eine Menge Interviews zu machen und zu transkribieren. Aber Rick ist ein total netter Kerl und ich bin ein riesiger Fan von THE JAM. Also war das ein großer Spaß.

Gary: Ian, vielen Dank für das Interview “The kids are all square – Medway Punk 1977-85” (ISBN-10: 0992830419) ist bei Countdown Books erschienen. countdownbooks.com

Dienstag, 21. Oktober 2014

Spend money, support the SO!

Mal ehrlich, wer in Kreuzberg wohnt und das SO36 NICHT kennt, hat sein wahrscheinlich sein Leben seit 36 Jahren unter einem Stein im Görlitzer Park verbracht. Und weiß wohl auch nicht, dass der frühere Berliner PLZ-bezirk diesem langlebigsten aller Clubs auf der Kreuzberger Oranienstraße den Namen gab.

Der Platz auf diesem Blog reicht wahrscheinlich nicht aus, um die Historie des SO36 in aller notwendigen Ausführlichkeit zu beleuchten. Ich würde mich zwar nicht als Stammgast bezeichnen, aber es gab mindestens eine Handvoll Konzerte , die ich dort gesehen haben und die schlicht legendär waren (THE BELLRAYS vor ein paar Jahren beispielsweise) und auch die Besuche auf dem immer wieder guten Nachtflohmarkt gehören beim regelmäßigen Lauf durch den Kiez dazu.
Aber das SO36 ist nicht nur für Kreuzberg wichtig, genauswenig wie es nur in Berlin bekannt ist. Ich würde sogar sagen, dass das SO deutschlandweit im Laufe der letzten Jahrzehnte einen legendären Ruf erarbeitet hat. Wer immer eine Connection zu subkulturellem Leben hat oder hatte und mal ein paar Tage in Berlin verbringt, wird auch das SO36 als Musste-ma-jesehen-haben-Ziel auf seiner Liste haben. Ähnliches gilt für die Bands, die es auf Tour hierhin verschlägt. Im Laufe der Jahrzehnte waren schon fast alle da, die man schon immer sehen wollte. Allein im Punkbereich sagen namen wie DEAD KENNEDYS, UK SUBS, RUTS DC, SICK OF IT ALL, SLIME eigentlich alles. Und das ist ja nur die weithin bekannte Spitze des Eisbergs all der Kapellen, die Monat für Monat in der Oranienstraße halt machen.
Jede dieser Band hat wahrscheinlich einen ganzen Sack voller Anekdoten zu diesem Laden zu erzählen. Und das SO36, hätte es denn Mund und Zunge, könnte wahrscheinlich auch mittlerweile tagelang darüber parlieren, was in seinen Wänden in den letzten drei Jahrzehnten so los war, seitdem es den Betrieb als Kollektiv-Club aufgenommen hat.
Natürlich war nicht alles immer Sahne, es gab Zeiten, da musste das SO regelrecht um seine Existenz als Live-Club kämpfen, aber auch solche schwierigeren Phasen(wie zum Beispiel 2009, als Beschwerden über Lärmbelästigung in der direkten nachbarschaft fast das Aus für den Laden bedeuteten) konnten dank eines großen Rückhalts im Kiez gut gemeistert werdenn. Es wird also Zeit, die SO36-Geschichte mal in Wort und Bild festzuhalten und an die Öffentlichkeit zu bringen. Der Zeitpunkt ist günstig, denn ein passenderer Anlass als der 36. Geburtstag lässt sich wohl kaum finden und deshalb plant das SO36-Kollektiv die schillernde Geschichte ihres Ladens in Buch- und DVD-Form unters Volk zu bringen. Da für solche Projekte "leider" immer eine Menge Geld nötig ist, wurde vom SO36-Kollektiv eine Crowdfunding-Kampagne ins Leben gerufen. Wer also dieses wirklich sinnvolle Buchprojekt unterstützen will, kann die nächsten 17 Tage mal nutzen, um die Groschen aus seinem Sparstrumpf für eine gute und interessante Sache anzulegen.

Dienstag, 14. Oktober 2014

Die Renfield-Crew im Außeneinsatz - Heute: Berlin ist Kobanê / Berlin Kobanê ye

Wir laufen auf einer Demo mit, was zum Glück sehr viele Leute tun. Wie viele genau? Ein Beobachter aus seinem Fenster am Kottbusser Damm schätzt: über zehntausend. Der Tagesspiegel wird später schreiben: dreitausend. Aber wer weiß, ob die wirklich alle gezählt haben. Und wer zählt nicht besser als ein Resident mit Kissen auf dem Fensterrahmen? Wir wandern also irgendwo zwischen Transpis Richtung Kottbusser Tor. Das berechtigt uns jetzt noch nicht gleich zu politischer Analyse. Aber andererseits: Was gibt es hier groß zu analysieren? Heute geht es nicht so sehr um politische Meinung und kluge Argumentation. Heute geht es darum, dass in Kobanê jeden Moment Menschen sterben. Frauen und Männer werden erschossen, weil sie versuchen, die kurdische Selbstverwaltung in Rojava (Westkurdistan/Nordsyrien) gegen die IS zu verteidigen. Die Stadt ist bereits zur Hälfte von IS eingenommen und wird von drei Seiten belagert. Es ist scheinbar ein verzweifelter Kampf, wenn man den Stimmen Glauben schenkt, die aus der Region berichten.

Die Renfield-Crew im Außeneinsatz trifft, wie immer zu spät, am Hermannplatz ein. Hier soll die geplante Großdemo ihren Ausgangspunkt nehmen. Gerade als wir auftauchen, erzählt der Sprecher auf dem Wagen von den drei deutschen Fotojournalisten Björn Kietzmann, Chris Grodotzki und Ruben Neugebauer, die in Diyarbakir in der Türkei verhaftet wurden, während sie die Proteste dokumentierten. Angeblich wurde ihnen Spionage und Provokation von der türkischen Polizei vorgeworfen. Auf ihren türkischen Mobiltelefonen waren sie nicht mehr erreichbar. Einen Tag später (Montag) wurden sie dann wieder freigelassen.

Die Jungs auf dem Wagen empfehlen Demonstrant*innen mit kleinen Kindern auf Deutsch und auf Kurdisch, mit den Kleinen zum Lärmschutz vor den Lautsprecherwagen zu gehen. Dann geht es los, die Kinder ganz vorne. Wir suchen uns eine Ecke möglichst weit weg von den Che Guevara Plakaten der MLPD. Das Internet vergisst nicht und Fotos tauchen immer wieder auf. Flickr, Youtube oder Instagram vergessen auch nicht, können noch nicht mal Zusammenhänge darstellen. Also besser nicht vor den Rentnerinnen und Rentnern der MLPD langlaufen. Stattdessen ordnen wir uns irgendwo zwischen den Sprechchören „Hoch die internationale Solidarität!“ und „YPG!“ ein. Manchmal murmeln wir auch „hoch die anti-nationale Solidarität“, aber so wirklich laut wollen wir das auch nicht tun. Die Leute von der MLPD haben schließlich Schilder und sind vielleicht doch nicht weit genug hinter uns. „YPG!“ geht aber immer.


YPG und YPJ sind die Freiheitskämpfer und Freiheitskämpferinnen, die kurdischen Verteidigungskräfte, die Kobanê seit vielen Tagen gegen die IS verteidigen. Sie fordern nicht militärische Unterstützung der Türkei, wie verirrte und verwirrte deutschsprachige Medien und Politiker*innen in letzter Zeit behauptet haben. Da sie in Rojava für eine Selbstverwaltung kämpfen, wollen sie natürlich nicht gleich von den nächsten Streitkräften belagert werden. Das gilt natürlich auch für die Deutschen. Wenn die Grünen jetzt gerade über einen Militäreinsatz in Syrien diskutieren, ist das absolut nicht im Sinn der Freiheitskämpfer*innen.
Ebenso wenig fordern sie ein Einstellen des US-Bombardements, im Gegensatz zu Christine Buchholz. Dies ist besonders großer Unsinn, da die USA die Stellungen der IS-Streitkräfte bombardieren und nicht die YPG und YPJ in Kobanê. Wie hilfreich das ist? Eine andere Frage.

Was also die kurdischen Volksverteidigungskräfte fordern, mit denen wir uns hier gerade solidarisieren, ist zuerst und vor allem die Freiheit, die Grenze zu übertreten, damit kurdische Streitkräfte zur Unterstützung nach Kobanê kommen können. Denn viele stehen zwei Kilometer entfernt auf der türkischen Seite der Grenze und müssen im wahrsten Sinne des Wortes mit ansehen, wie ihre Freund*innen auf der anderen Seite der Grenze über den Haufen geschossen werden. Die IS-Flaggen wehen schon. Doch die Grenzen werden von der Türkei geschlossen gehalten. Im Moment kommen keine Kurd*innen, keine Waffenlieferungen, keine humanitäre Hilfe durch, nichts. IS-Kämpfer – und hier kann man auf die weibliche Form getrost verzichten – können jedoch die Grenze nach Rojava übertreten. Insgesamt unterstellen YPG / YPJ der Türkei eine aktive antikurdische Haltung, die den IS den Rücken stärkt.

Darum sind wir auch hier: Bei Demonstrationen geht es vor allem um Aufmerksamkeit, um Gesehen-Werden, und hier versuchen alle, die Aufmerksamkeit auf die kurdische Geschichte und die Selbstverwaltung in Rojava zu lenken. Klar, dass ganz viele kurdische und türkische Berliner*innen hier dabei sind. Wir sehen junge Männer in Lederjacke mit kleinen Kindern auf dem Arm, ältere Männer, die unter Fahnen tanzen und singen – gute Musik übrigens, nicht die übliche Demo-Mucke. Frauen mit Kopftüchern fotografieren mit bunt gemusterten Smartphones. Frauen mit rotgelbgrünen Fahnen und dunkel geschminkten Augen singen und tragen ein Transpi, auf dem steht: „Heute Kobanê, morgen Berlin!“ und „Für IS sind wir alle Ungläubige.“


Der Kottbusser Damm eignet sich gut für Tausende von Leuten. Gemächlich wandern wir die breite Straße entlang. Ganze Familien mit ihren Nachbarn stehen auf ihrem Balkon, winken, halten ihre Kinder hoch. Immer wieder applaudieren Leute aus den Häusern. Auf den Dächern werden von Vermummten Antifa-Flaggen geschwenkt. Wir sind etwas ergriffen und schämen uns gar nicht dafür. Revolutionsromantik 2014! Am Kottbusser Tor dann Feuerwerk und auffliegende Vogelschwärme. Zwischen all den Siegessymbolen fällt uns wieder ein, dass die Freiheitskämpfer*innen sterben wie die Fliegen und sich Kobanê wahrscheinlich nicht halten lässt. Berlin ist eben nicht Kobanê. Das gute Gefühl ändert (erst) mal nichts.

Trotz so vieler Menschen hält sich die Polizei vornehm zurück. Zumindest in dem Abschnitt, in dem wir mitlaufen, sehen wir nur selten Staatsdiener*innen. Doch in der Adalbertstraße dann gepanzerte Polizei auf einem Haufen. Wir gucken zweimal hin, gucken auf die andere Straßenseite und sehen noch ein Büschel überdimensionierter Playmobilfiguren. In voller Montur, zum Einsatz bereit. Dann geht uns auf, dass alle Polizist*innen vor den Hasir-Läden stehen. Dass es gleich drei davon auf den paar Metern gibt, spricht schon für ein kleines Imperium. Die Gerüchte besagen, dass dieses kleine Imperium mit den Grauen Wölfen in Verbindung steht. (Gerüchte hier: http://de.indymedia.org/2011/07/312552.shtml).

Die Renfield-Crew wendet sich mal wieder an die Freund*innen vom Anti-Konflikt-Team. Ja, bestätigen die, da gibt es speziellen Objektschutz, wegen Hinweisen aus der Bevölkerung, dass da Übergriffe möglich wären. Weil das doch türkische Läden seien. Wir fragen nach: Türkische Läden gebe es hier ja viele, andere seien aber nicht gesichert? „Nein!“, sagt der Beamte und lächelt. Mehr will er nicht sagen.

Auf der Oranienstraße wird es dann doch noch auf einmal hektisch und einige vor allem junge Demonstrant*innen laufen entgegen der Demonstrationsroute. „Lasst Euch nicht provozieren“, schallt es vom Lauti. Kurz vor dem Ende der Demo möchte niemand mehr Ausschreitungen erleben. Doch das Hin- und Her-Gelaufe verläuft ohne Zwischenfälle. Wir erreichen den Oranienplatz.

Dort entdecken wir einen Herrn mit einer Fahne, auf der japanische Schriftzeichen prangen. Friedlich lächelnd wandert er mit und hält sein vertikal beschriebenes rotes Banner in alle Kameras, auch in unsere. Was denn da stehen würde, wollen wir natürlich wissen. Es sei die Solidaritätsbekundung einer kleinen japanischen Gewerkschaft, erzählt er uns. Denn in Japan würden sich die dort lebenden Kurden auch immer mit dieser Gewerkschaft solidarisieren. Und darum macht er das hier jetzt auch. So ungefähr stünde auf dem Banner „Die Werte der Arbeiterschaft“. Oder so ähnlich. Eigentlich müssen wir das nicht verstehen, aber klar wird: Kobanê ist eben doch überall! Und überall ist Solidarität.

Viola Nova & Mika Reckinnen

Dienstag, 30. September 2014

Nur Dasitzen ist ja Quatsch - Jörg Buttgereit im Renfield-Interview

Was macht einen vergnügt und froh? Die sieben Zwerge singen gerne, andere finden Squashing geil, wieder welche mögen Heimwerken und noch welche gucken sich bei runtergelassenen Rollladen Filme wie Schramm, Der Todesking und Nekromantik an.

JÖRG BUTTGEREIT kommt bei Lust und Genuss entspannt und lachend auf das Thema Arbeit. Aktuell entsteht GERMAN ANGST, das eine oder andere am Theater Dortmund und wahrscheinlich nebenbei noch viel mehr. Es ist Sonntag, ungefähr elf Uhr vormittags. Schweiß läuft, Haare werden verstrubbelt und T-Shirts gedehnt. Frauen sind im Hintergrund, und das Baby knötert, weil es vermutlich Hunger hat.
Dieses Interview erschien in Renfield-Zine No. 27.

Philip Nussbaum: Du wirkst dabei sehr froh, sehr glücklich im Moment...
Jörg Buttgereit: Ja, weil ich ein bisschen so nach dem Lustprinzip arbeite. Ist ja bei kreativer Arbeit eigentlich fast immer so, dass man das gar nicht so steuern kann, beziehungsweise sie nicht funktioniert, wenn man sich dazu zwingen muss.

P: Darüber möchte ich mit dir reden. Lust und Genuss. Epikur und so, nicht nur auf der Zunge, sondern auch grundsätzlich im Prozess.
J: Also, oft ist es halt die Beschäftigung mit den einzelnen Themen, die Spaß macht oder die mir was bringt, aber ich erinnere mich natürlich auch daran, dass die Umsetzung oft sehr beschwerlich war. Bei meinen Filmen damals war das immer alles andere als erfreulich. Was da alles schief gegangen ist und so! Da hatte es dann gleich immer existenzielle Auswirkungen. Wenn wir gedreht haben, war ich nach den zwei Monaten wirklich fertig auf der Bereifung. Das ist heute nicht mehr so, weil heute das alles etwas geordneter abläuft.

P: Bist du ein Genuss- oder Lustmensch? Wie schlägt sich das nieder, außer künstlerisch?
J: Ich denke schon, ja. Das ist ja alles immer schwer zu trennen. Ich achte schon darauf, dass alles etwa im Lot ist. Dass ich nicht zu viele Sachen mache, zu denen ich keine Lust habe – eigentlich überhaupt nicht. Die Produktionsbedingungen, wie man romantisch sagt, sind mittlerweile auch wichtig. Früher hab ich durch die Arbeit gelernt, da so survivalmäßig durchzukommen. Das sind jetzt eher selbstgewählte Ausnahmen. Ich hab jetzt gerade wieder so einen Musikclip gemacht für ne kleine Berliner Frauen-Band, HALF GIRL. Das sind Sachen, die mich eher an früher erinnern, wo ich einfach sehe, da ist überhaupt kein Geld, aber trotzdem so eine Energie. Und das mach ich dann, soweit die dann allein bei mir liegende Verantwortung den Spaß nicht mindert. Och, kannste uns nicht ein Video drehen? Dann habe ich meinen Freund geschnappt, der auch viele Super8-Kameras hat, den Frank Behnke, der das dann geschnitten hat. Das sind dann ein, zwei Drehtage oder ein Nachmittag, da ist das kontrollierbar und mir hilft natürlich die Erfahrung, die ich bei diesen harten Drehs damals gemacht habe. Dass ich einfach in diesem Chaos auch nicht verzweifle. D. h. da ist Kontrollierbarkeit das Entscheidende. Ich find’s natürlich schöner, wenn mir, wie jetzt am Theater Dortmund so eine Spielwiese hingestellt wird, alles drumrum geregelt ist und ich mich wirklich nur auf die künstlerische Umsetzung konzentrieren kann. Bei meinen Filmen früher war das ja so, dass ich wirklich auch die Produktion mitgemacht habe und an allem beteiligt war. Und das ist halt ziemlich zermürbend.

P: Vielleicht haben sich inzwischen deine Lebensrahmenbedingungen einfach auch geändert?
J: Ja klar! Damals konnte ich ja von den Filmen nicht leben. Und die Leute, die mit mir oder für mich diese Filme gemacht haben, konnten auch davon nicht leben. D. h. das kann man eine Zeitlang machen, solange man es durchhält, und wir haben es ja relativ lange gemacht. Ich hab die ersten Super8-Filme schon Ende der Siebziger gemacht, bis Mitte der Neunziger ging das, mindestens fünfzehn Jahre also. Aber irgendwann haben die Leute dann auch gemerkt Ich kann mir das nicht mehr leisten, umsonst für dich zu spielen oder zu arbeiten. Irgendwann wächst man da dann raus.

P: Arbeitest du jetzt pausenlos, oder hast du auch Phasen, wo du sagst: Jetzt sind andere Sachen dran?
J: Es ist so, dass ich in der Regel an drei verschiedenen Sachen auf einmal arbeite. Wenn ich jetzt am Theater bin und inszeniere, wenn ich also sozusagen gar nicht Zuhause bin, dann arbeite ich nur, da mache ich wenig anderes. Jetzt, im Sommer, ist ja recht wenig los. Ich habe gerade ein Hörspiel fertig geschrieben, da werde ich jetzt das Casting machen.
Zeitgleich schreibe ich ein paar Filmkritiken, PACIFIC RIM und all so was, was eben so rein kommt durch die Sommerblockbuster. Und dann wird im September dieses Hörspiel inszeniert, die Zeiten stehen schon fest. Das heißt, ich befinde mich jetzt zwischen zwei Projekten, was aber oft genauso intensiv ist, weil ich ja erst mal die Sachen schreiben und dann auch so durchboxen muss, beim WDR zum Beispiel. Und zeitgleich dann wieder die nächste Theatersache. Oder auch GERMAN ANGST. Wenn das klappt mit dem Crowdfunding, muss ich auch das Drehbuch dafür schreiben. Diese Sachen schweben alle so über mir. Im Prinzip, wenn alles so klappt, hab ich bis Februar zu tun. Aber das ist nicht so, dass ich hier, wenn schönes Wetter ist, nicht sagen : Ok, es ist mittags um zwölf, die Sonne scheint, ich verlasse meinen Schreibtisch.

P: Würdest du einen richtigen Break überhaupt aushalten?
J: Nee, das passiert aber eigentlich auch nicht. Weil man halt ständig im Kopf arbeitet. Ich hab ja auch zwei Kolumnen, die ich einmonatlich oder zweimonatlich abgebe. Schon deswegen mache ich immer irgendwas. Aber das funktioniert von alleine, das fühlt sich jetzt auch gar nicht unbedingt wie Arbeit an. Also, wenn ich ins Kino gehe und einen Film sehe, schreibe ich da im Kopf schon immer halb eine Kritik mit.

P: Ok, Standby gibt’s bei dir eigentlich gar nicht?
J: Nee. Dadurch, dass ich ja selbständig arbeite, hat sich auch so eine Disziplin entwickelt, glaube ich.

P: Disziplin wäre wieder ein bisschen was anderes als Lust und Genuss.
J: Ich denke, diese Kombination ist wichtig. Man muss eine gewisse Disziplin haben, um die Sachen gebacken zu bekommen, die man machen will, aber die Sachen, die man machen will, muss man halt machen aus dem anderen Grund. Nämlich weil man sie machen will und nicht, weil man sie machen muss. Aber wenn ich mir darüber bewusst bin, dass ich sie machen will, dann muss ich sie natürlich auch machen, weil: Ich will sie ja machen.

P: Die Disziplin und die Rahmenbedingungen bereiten das Spielfeld, auf dem dann das Eigentliche passiert.
J: Genau, man könnte es auch als Professionalität bezeichnen. Ich weiß ja, wie es geht, und muss es dann nur abrufen.

P: Oft scheint ein regulärer Job überhaupt keinen Platz mehr zu lassen für ein Sichdecken von Wollen und Sollen und Zufriedenheit.
J: So war es ja früher bei mir. Ich hab ja mal eine Lehre gemacht in einem Kaufhaus als Dekorateur, und fürs Filmemachen blieben mir immer nur die Wochenenden. Ich hab dann halt entschieden, dass diese feste Struktur, dieses immer das Gleiche Machen nichts für mich ist. Auf der anderen Seite hört man Leute sagen, sie würden damit nicht klarkommen, dass sie gar nicht wissen, ob sie im nächsten Jahr noch ihre Brötchen verdienen können. Wie ich jetzt gesagt hab, bei mir läuft’s jetzt bis Januar, Februar, aber danach ist überhaupt nichts. Das ist halt das, was man aushalten muss.

P: Quälen sich nur die Deutschen zwischen Lust und Frust?
J: Ich bin ja auch schon ein bisschen rumgekommen in der Welt. In Japan zum Beispiel, da sind die Leute völlig anders drauf. Für die ist der Schritt, den ich schon relativ früh gemacht hab, zu sagen „Ich mach jetzt nicht mehr das, was ich soll, sondern nur noch das, was ich will“ völlig unmöglich. Die sind fest eingebunden, identifizieren sich mit ihrer Firma und sagen dir gleichzeitig Sachen wie „Och, ich finde das ja auch schön, wenn ich so was auch machen könnte.“ Meine Antwort ist dann „ Ja, das liegt an dir, das ist mir ja auch nicht zugefallen, ich habe mich selbst entscheiden müssen, ich hab niemand danach gefragt.“ Das ist das Wichtige, schon ein wenig ähnlich wie hier.


P: Es gibt an einer Uni sogar eine Fakultät zum Thema Genuss und Lust. Da hat mal jemand das Thema Genussfähigkeit untersucht. Ergebnis: Im Süden genießt man unbeschwerter als im Norden, wo man sich fast schon zwingen muss.
J: Ich glaub, das hängt auch mit dem Wetter zusammen. Glaube ich wirklich, zum Beispiel auch in Spanien oder Italien sagt der Körper „Och, wenn’s warm wird, arbeite ich weniger.“ Also, ich glaube, damit hängt viel zusammen.

P: Du lebst als Berliner in einer Region, in der angeblich vor allem die Genusszweifler leben. Die möchten gerne frei sein und genießen, hemmen sich aber mit ihrer Angst vor Veränderung und Unsicherem.
J: Ja. Die Rahmenbedingungen sind ja auch unsicher. Aber das ist ja auch das Spannende. Ich fahre deshalb ja auch mehrgleisig. Das ist einerseits der Tatsache geschuldet, dass ich selbst auch immer was Neues machen will, also Hörspiel, Schreiben, Filme, Theater, was da alles so dran hängt, diese verschiedenen Sachen, das ist ein Lustgewinn. Zeitgleich ist es ebenfalls eine Absicherung. Wenn ich fünf Eisen im Feuer hab, klappen wahrscheinlich zwei oder drei davon. Es ist die Kombination aus beidem. Das eine bedingt das andere. Also, dieses Pochen auf Sicherheit bedingt, dass ich diese Vielfalt habe. Und umgekehrt.

P: Gibt’s für dich ein gelobtes Land oder einen gelobten Zustand, dass du sagst: „Ok, das war’s, jetzt setze ich mich hin ...“
J: Aber was soll ich denn machen? Nur Dasitzen ist ja Quatsch. Das Lustige ist, das die Sachen, von denen die anderen Leute gar nicht so glauben, dass die lukrativ sind, wie zum Beispiel die Theaterarbeit in Dortmund, die Sachen sind, von denen ich am ehesten lebe. Oder so ein Hörspiel in Dortmund. Oder ein Hörspiel für den WDR. Wo schlicht auch Tantiemen anfallen. Mehr, als wenn ich mich jetzt selber da hinsetze und einen Film mache. Oder einen Videoclip drehe. Das bringt nichts. Außer Spaß. Videoclips machen hat höchstens früher viel Geld gebracht, als die Musikindustrie noch funktionierte.

P: Außer Kunst und Film und Theater und irgendwie Dauerbetrieb – gibt’s Weiteres, bei dem du dich wohlfühlst, wo du sagst „Das hat jetzt nichts mit gar nichts zu tun, das ist nur Genuss und Lust“? Musik, Essen ...
J: Ja, ja, Musik natürlich, klar. Und Yoga zum Beispiel. Oder Kampfsport. Alles so Sachen mache ich auch. Nicht, um mich schlecht zu fühlen, sondern auch um in ein körperliches Gleichgewicht zu kommen.

P: Yoga hast du gesagt, Kampfsport ... Ist ja auch wieder die Mischung aus Disziplin und dem, was im Limbischen System abgeht.
J: Genau. Danach fühlt man sich ja wieder entspannt.

P: Ein langer Weg von 1977 bis 2013, eine wilde Reise von Protest und Wut zu Spaß und Zufriedenheit.
J: Ja, mittlerweile habe ich ja auch weniger mit Staatsanwälten zu tun, sondern mehr mit Leuten, die mir dann auch vertrauen.

P: Gibt’s einen Tipp für jemand, der vielleicht einfach nur am Band steht oder im Büro hockt? Wie kommt der zum Glück?
J: Naja, er muss vom Büro oder vom Band erst einmal weg. Sonst hat er die Voraussetzungen nicht. Man muss die Unsicherheit einfach in Kauf nehmen. Das geht auch erst im kleinen Rahmen, das wächst ja.
Ich hab mich neulich mal unterhalten mit jemand, der ein DVD-Label hat und der mit Inbrunst GODZILLA-Filme rausbringt. Und den hab mich mal gefragt „Wo kommst du eigentlich her?“ Und der sagt „Ich hab früher bei einer Autofirma am Band gestanden.“ Der hat irgendwann, und da war er nicht mehr so jung, gesagt: „Ich hör jetzt auf damit“ und hat angefangen, DVDs rauszubringen, hat ein Label gemacht. Ist irgendwie in so eine Unsicherheit gesprungen, und das war es dann. Bei mir war das ähnlich. Ich hab das relativ früh gemacht. Ich hab gemerkt, als ich diese Ausbildung gemacht hab:“ Ist ein toller Job, kann man bestimmt drin arbeiten, aber vierzig Stunden die Woche geht das nicht“, weil ich dann ja keine Zeit für mich habe.
Der Anspruch, was selbst da zu machen, war schon da.
Filmhochschule hat nicht funktioniert, Photographenlehre hat nicht funktioniert, hat alles nicht funktioniert. Als ich aus dieser Ausbildung raus war, wurde ich dann eh nicht übernommen, das war vielleicht Glück. Ich hab dann irgendwann angefangen als Filmvorführer zu arbeiten und fand das total romantisch und spannend. Und da hatte ich dann tagsüber Zeit, Sachen für mich zu machen. So fing das an. Wieder eine Kombination aus Sicherheit einerseits, also, diesem Minijob, und meinem eigenen Ding andererseits. Jahrelang hat ein Film dann den nächsten finanziert, davon leben konnten wir nicht. Jetzt kommt zum Teil das Geld rein von Sachen, die ich vor zwanzig Jahren gemacht hab. Also, wenn man da einen langen Atem hat, rentiert sich das dann irgendwann.


P: Von wegen des Ratschlags verstünde ich: Erstmal eine Sensibilität. Merken, da ist was, was mich zieht, dann Durchhalten...
J: Ich denke, es funktioniert halt nicht, wenn du eine Hypothek auf einem Haus und einen Job hast und in Abhängigkeit bist. Die Weichen müssen sicher so gestellt sein, dass du zur Not überleben kannst, wenn das alles nicht klappt. Man kann ja immer noch Scheißjobs machen. Wenn man aber den Job, den man hat, eh scheiße findet, ist es egal, ob man ihn jetzt schmeißt, verstehst du, was ich meine? Die Fallhöhe ist dann nicht groß. Wenn man was aufgeben muss, woran einem was liegt, wird es wahrscheinlich schwierig. Aber ich hatte nie den Eindruck, dass ich eigentlich die Wahl habe. Ich hätte einfach nicht vierzig Stunden in einem Kaufhaus arbeiten können. Die hätten mich dann irgendwann eh rausgeschmissen.

P: Das meinte ich mit Sensibilität.
J: Sensibilität ist gut. Man ist ja unzufrieden, das merkt man ja recht schnell.

P: Wahrscheinlich wäre die Steigerung, dass es einen anekelt. Real life splatter.
J: Ich kann mir überhaupt nicht vorstellen, wie andere Leute das machen, 40 Stunden irgendwo zu arbeiten. Ich kann mir auch nicht vorstellen, wie das zum Beispiel meine Frau macht, die einen ganz normalen Job hat. Finde ich auch bewundernswert, einfach weil ich mir das schrecklich vorstelle. Ich kenne das ja, so phasenweise habe ich das auch, wenn ich ein Hörspiel mache, dann werde ich ja vom WDR engagiert und habe Acht-Stunden-Tage, aber es ist halt nach zwei oder drei Wochen vorbei. Oder wenn ich für ARTE so eine Doku gemacht hab, dann sitz ich auch so lange am Stück im Schnittraum. Da hab ich dann auch schon so einen Kopf danach.

P: Das ist dann die Band- oder Bürovariante von deiner Spielwiese.
J: Genau. Nur dass man halt ein Ziel immer vor Augen hat, das ist dann die Kunst, in dieser Monotonie noch den Spirit am Leben zu halten. Man will ja dann auch was Gutes abliefern. Es ist ganz komisch. Ich erinnere mich auch, wenn ich gedreht hab, habe ich immer gesagt, weil das so aufreibend war und Vieles nicht funktioniert hat, dass ich dachte: „Na, wenn wir erst einmal abgedreht haben, dann kann ich faul aufm Arsch sitzen im Schnittstudio und mit nem Cutter das alles schön sortieren.“ Also, da habe ich mich drauf gefreut! Wenn ich dann aber im Schnittstudio war, habe ich das andere vermisst. Das geht dann auch immer hin und her.

P: Jörg, vielen lieben Dank, viel Spaß, viel Genuss, viel Rock‘n‘Roll und wenig blaue Flecken auf der Tanzfläche! Famous last words?

J: Dann werde ich jetzt mal zum See fahren.

Und das tut er dann auch. Die Sonne scheint, und es fühlt sich gut an. Das Baby ist auch wieder still. Warum auch immer. Im Hintergrund singen Lou Reed und John Cale ihre Songs for Drella.

Interview by Philipp Nussbaum

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Dienstag, 23. September 2014

Meanwhile in Göttingen and Le Mans: Guns'n'Gänseblümchen

Ja, man stolpert zuerst über den Namen, ganz klar. Und sofort bilden sich zwei Lager: Die eineen, die ihn für echt doof halten, und die anderen, die ihn richtig gut finden. Letztere vermuten hinter dem Duo aus Göttingen und Le Mans meist eine stump-Witzige Deutsch-Punkband. Stimmt aber nicht im geringsten, vielmehr erkunden Denise am Schlagzeug und Guillaume mit der Gitarre die Bereiche von Gitarrenmusik, die mit der Vorsilbe Post- beginnen und durch Bands wie Mogwai, Mono und Konsorten geprägt wurden. Zweierbesetzungen wie GnG findet man in diesem Genre allerdings selten. Das und die Tatsache, dass es einfach eine wunderbare Liveband ist und das auf der 10inch "Wonder wheel" wunderbar festgehalten haben, hat diese deutsch-französische Band gleich zu einem Kandidaten für ein Interview in Renfield No. 28 gemacht. Welches wir hiermit auch den vielen Nichtbesitzern des Heftes zugänglich machen.

Gary: Hallo Denise, ihr wart über Ostern 2014 auf Minitour in Frankreich, wie war’s denn so in… Bovel? Und in Soudan ? und in Brest ?

Denise: Wir hatten eine sehr schöne kleine Tour durch die Bretagne mit fünf tollen Konzerten. In Bovel und Soudan haben wir in kleinen Kommunen gespielt, sehr ländlich gelegen, sehr familiäre Atmosphäre, selbstgebrannter Schnaps und offene, nette Leute. In Keruscun in der Nähe von Quimper spielten wir ein Solikonzert für GAST!, ein feministisches, zweisprachiges Kollektiv das in der Region aktiv ist und sich unter anderem mit der 'Wiederbelebung' der bretonischen Sprache auseinandersetzt. Da gab es natürlich Diskussionen über Unabhängigkeitsbewegung, Nationalismus und so...
War interessant. Sehr spannend fand ich La Poudrière in Brest. In dieser doch recht großen Stadt mit einer aktiven politischen Punkszene gab es bislang keinen entsprechenden Veranstaltungsort. So hat eine Crew von sehr jungen und gut organisierten Leuten vor einem Monat ein leer stehendes ehemaliges Pfadfinderheim besetzt. Die sind total aktiv da, organisieren Veranstaltungen und Konzerte, haben eine Siebdruckwerkstatt und nen Sportsaal, machen regelmäßig Vokü und zeigen Filme und stehen sogar in gutem Kontakt mit den benachbarten AnwohnerInnen. Wir haben an dem Abend mit drei Hardcorebands und vor entsprechendem Publikum gespielt und waren nicht so sicher, wie wir ankommen würden. Letztendlich tolles Konzert und gutes Feedback! Auch Hardcorefans können Hüftschwung...

G.: Und in Le Mans? Ist das eine Art Heimspiel, wenn ihr da einen Gig habt?
D.:Ja, schon. Zumal wir in der 'Stammkneipe' von Guillaume gespielt haben... zusammen mit TEN VOLT SHOCK aus Freiburg. Ich kannte die vorher nicht, obwohl es die Band schon seit 14(!) Jahren gibt und fand sie großartig.

G.: Auf was kannst du auf Tour überhaupt nicht verzichten? Und was hast du unterwegs mal ganz bitterlich vermisst?
D.: Auf Tour zu sein ist ein wunderbarer Ausnahmezustand und (solange das Auto durchhält) nur gut. Man kommt an dermaßen verschiedene, spannende Orte , weiß nie so richtig, was einEn erwartet und kann jeden Abend spielen. Außerdem finde ich es immer wieder klasse, wie dieses D.I.Y.-Netzwerk funktioniert und das überall Leute für Musik und Selbstorganisation und Punkrock brennen und sich engagieren.

G.: Auf den Hinweis auf eine sehr bekannte US-amerikanische Rockband kommt man bei eurem Namen wohl nicht umhin. Wie groß ist denn eure Verehrung für Guns n Roses? Waren das Helden eurer Jugend? Und warum sind Gänseblümchen cooler als Rosen?

D.: Helden wäre zuviel gesagt. Aber von einer gewissen geschmacklichen Verirrung in der Pubertät sind auch wir nicht verschont geblieben. Und Gänseblümchen sind cooler, weil sie besser aussehen und lustiger, weil in Frankreich kein Mensch dieses Wort aussprechen kann.

G.: Soviele Trommlerinnen kenne ich ehrlich gesagt gar nicht. Ich habe aber das Gefühl, dass in den letzten Jahren immer öfter Frauen in Bands am Schlagzeug sitzen. Würdest du das ähnlich sehen, und warum?
D.: Ja, ist mir auch schon aufgefallen. Keine Ahnung warum. Ich freue mich auf jeden Fall darüber und hoffe, den Tag noch zu erleben, an dem uns das nicht mehr als 'Besonderheit' auffällt.

G.: Welche Klischees bzw. Vorurteilen über Frauen hinterm Schlagzeug begegnest du bei männlichen Drummerkollegenam häufigsten?
D.: Eigentlich gar nicht so vielen. Vielleicht werden die auch nur nicht offen geäußert. Und wenn dann macht es keinen Sinn, sie zu wiederholen und dadurch festzuschreiben.

G.: Noch mal Göttingen und Le Mans. Beide Städte liegen ja nun nicht gerade nah beieinander. Wie habt ihr als Band denn da zusammengefunden?
D.: Wir waren vor ein paar Jahren mit unseren Bands (MONNOCLE und SLUX) gemeinsam auf Tour in Frankreich und Spanien. Das war sehr harmonisch und intensiv und wir fanden uns toll...

G.: Eure Platte heißt Wonder Wheel – ein Riesenrad desselben Namens sieht man auch auf dem Cover. Nun ist ein Rummelplatz eigentlich ein Ort für ganz billiges Entertainment, wird aber in (Horror-) Filmen auch gern mal als unheimliche Location benutzt. Welche Assoziationen verbindet ihr denn mit diesem Ort bzw. mit dem Riesenrad speziell?
D.: Das Wonderwheel steht in Coney Island, wo ich auch das Foto gemacht habe. Das ist ein heruntergekommener Amusementpark, der seine besten Zeiten lange hinter sich hat und eine morbide Tristesse ausstrahlt. Ein Ort, der sich mir stark eingeprägt hat und an den ich mich oft erinnere. Und dann haben wir ja auch auf der EP die Songs The Turn und Achterbahn und fanden das passend...

G.: Was sind für euch eigentlich die Vorteile, in einer Zweierbesetzung zu spielen? Gab es schon mal Pläne, die Band zu erweitern?
D.: Es geht alles ein bisschen schneller und leichter in einem Duo. Kompromisse, Entscheidungen, der profane Orgakram. Ich habe auch den Eindruck, dass jedeR mehr gefordert ist und mehr Raum hat, als in einer größeren Besetzung. Jedenfalls ist es sehr gut so, wie es ist und über eine 'Erweiterung' würden wir nur nachdenken, wenn Axl sich als Sänger bewerben würde.

http://gng.ouvaton.org/index.html

Freitag, 19. September 2014

Die Renfield-Crew im Außen-Einsatz - Heute: Räumung der Cuvrybrache



Ein schöner Tag zum Räumen. Der Herbst kommt, es wird regnerisch und ein bisschen kalt. Und ab heute sind über hundert Menschen, viele von ihnen Sinti und Roma, mal wieder obdachlos. Seit mehr als zwei Jahren leben Leute auf der Cuvry-Brache, dem Gelände an der Schlesischen Ecke Cuvrystraße, das immer mal wieder jemand mit Supermärkten, Hotels oder Hochpreiswohnungen bebauen will. Das Gelände gehört einem Münchner Investor. Vor den riesigen Graffitis von BLU auf der Brandwand stehen die Zelte, Holz- und Wellblechhütten, die der Tagesspiegel als "Berliner Favela" bezeichnet.

Draußen vor der Brache ist alles abgesperrt, gepanzerte Polizei auf der einen Seite, die Geräumten auf der anderen. Sie sitzen auf Bergen ihrer Sachen und wissen nicht wohin, es nieselt. Eine Katze mauzt in einem Transportkorb. Auf einem Karton voller Magazine steht ein schöner kleiner alter Globus. Vereinzelte Unterstützende stehen dabei und beobachten. "Still not loving Police" und "Zwangsräumung verhindern!" verkünden ihre Jutebeutel.
Es ist ein bisschen wie in der schlechten Disko, wo man am schwer einzuschätzenden Türsteher vorbei muss. Immer mal wieder werden Gruppen von maximal fünf Leuten durch die Absperrung gelassen und dann, flankiert von vier riesig wirkenden, gepanzerten Polizisten, auf das Gelände eskortiert, um ihre Sachen herauszuholen. Dabei haben sie sich streng an den vorgegebenen Weg zu halten. Ein Typ, der auf den Eingang an der Schlesischen zustrebt, wird grob am Arm gepackt und wieder in die Reihe geschubst.

Es ist beklemmend still irgendwie, hier erklingen keine Sprechchöre, keine Soundanlagen oder Lautsprecherwagen wurden kurzfristig zur Unterstützung der Brachenbewohner organisiert. Keiner wird laut, alle haben grimmige Gesichter. Die Geräumten mit gutem Grund, die Polizei von Amts wegen, die Unterstützer wegen der Aussichtslosigkeit. Gute Laune verbreiten nur ein paar Selbstdarsteller, die diesseits der Absperrung ihre selbstgedichteten Friedenslieder intonieren. Eine einzige Frau stürzt auf einmal, heftig weinend, auf die Polizistinnen hinter der Absperrung zu. Sie klagt und schimpft, aber man merkt ihr an, dass sie gar nicht erst eine Reaktion erwartet. Die schwer gepanzerten Polizistinnen bleiben ruhig stehen, sie tragen sorgfältiges Makeup und halten ihre riesigen Helme in der Hand. Sie verziehen keine Miene. Wir können nicht umhin, uns zu fragen, ob sie gerade mit ihrem Job zufrieden sind. Und ob sie wohl darüber informiert wurden, wer da auf dem Cuvry-Gelände lebt. Oder warum. Alle schweigen.

Die weinende Frau gibt auf, "Hau ab!" wirft sie nochmal die Arme in die Luft, "Warum!" Dann geht sie und setzt sich hin.
Warum, fragt sich natürlich auch die Renfield-Crew im Außeneinsatz, und so fragen wir dann das Anti-Konflikt-Team, das knallgelb vor uns herumsteht und eh nichts zu tun hat. Schade übrigens, dass die nicht einfach Konflikt-Team heißen dürfen. Nee, sie müssen natürlich suggerieren, ein Konflikt sei schon etwas Schlechtes und dürfe gar nicht erst aufkommen. Wir bitten die Vorboten der konfliktfreien Gesellschaft also höflich, ob sie uns sagen können, was hier eigentlich passiert? Ob geräumt würde? Sie sagen nein, wir gucken dumm. Dann erklären sie uns, dass das keine Räumung ist, weil die Leute freiwillig gehen. Räumung ist, wenn Oma noch an ihren Sessel gekrallt aus der Wohnung getragen wird. Was hier geschieht, ist Tatortsicherung, weil es gestern auf der Brache gebrannt hat. Daher muss ermittelt werden, da das höchstwahrscheinlich Brandstiftung sei, wenn auch vermutlich nur fahrlässige.

"Und das nutzt der Eigentümer jetzt natürlich, um sich das Gelände wieder anzueignen", erklärt uns der freundliche Konfliktvermeidungsstratege.
Wie lange die Brache nun als Tatort gesperrt sein wird, wissen sie nicht. Immerhin ist hier nun ein Anlass gefunden worden, die Bewohner der Brache mehr oder weniger elegant vom Gelände zu kriegen.

Es passiert nicht mehr viel, außer dass noch verschiedene andere Leute vor ihrem Zeug stehen und weinen. Einer schleppt seine Matratze auf dem Kopf raus, der nächste eine Kiste mit Büchern, ein anderer rollt sein Schlagzeug auf einem Bollerwagen vom Gelände.

Wir wandern langsam davon und denken über Freiwilligkeit nach. Freiwillig bedeutet hier, dass man dir sagt: Du hast eine Stunde Zeit, dein Zeug da rauszuholen, dann machen wir das Gelände platt. Das geschieht dann zwar nicht. Aber du stehst dann da mit deiner Katze und deinem Globus und bist freiwillig gegangen, nirgendwohin, Anfang Herbst in Berlin.

Viola Nova & Gary Flanell

Dienstag, 16. September 2014

Inventing Afro-Punk? Osekre & The Lucky Bastards


Afropunk, was soll das sein? Der Dokumentarfilm gleich Namens widmet sich ja eher der afro-amerikanischen Minderheit in der von Weißen dominierten Punkszene in den USA. Die Bad Brains waren auch eher Afro-American Punks (mit karibischer Vision), ebenso wie die Detroiter Pioniere Death oder später der Rap-Poet Mike Ladd. Aber Punk aus Afrika? Von Ausnahmen wie den (weißen) Kalahari-Surfers aus der Industrienation Südafrika oder einem Nomaden wie dem Rai-Sänger Rachid Taha ist Punk in der afrikanischen Musik seltsamerweise nie eine Referenz gewesen. Vielleicht ist es, historisch, ästhetisch, konzeptuell, einfach mal ... zu weiß? Das sind so die Fragen die mir durch den Kopf schwirren, bevor sich die Skype-Verbindung mit Ishmael Osekre aufbaut.

In Zeiten der Globalisierung war es nur eine Frage der Zeit, bis jemand auftaucht, der die losen Enden aufnimmt, verknüpft und Afrofunk - der ist ja derzeit durchaus populär - auf Afropunk reimt. Und irgendwie ist es auch kein Wunder, dass dieser Ishmael Osekre, der den Begriff im Wortsinne für sich reklamiert, in Brooklyn residiert, denn da kommen solche Dinge eben auf engstem Raum zusammen.

Das Coole an der Geschichte ist jedoch, dass die physische Manifestation dieses historischen Moments bei uns in Berlin das Licht der Welt erblickt: Waren die Songs von Osekre & The Lucky Bastards bisher ausschließlich live oder im Internet zu erleben, erscheint nun eine schicke 45er mit den beiden größten Hits der jungen Band - "Why Are You Here" und "Mama Said" - auf John Steam Records ... und das ist ja nur ein kleiner Teil des Imperiums, zu dem auch das Magazin gehört, das nun in eurem Gästeklo ausliegt. Ihr lest also gerade so eine Art unbezahlte, als redaktionellen Beitrag getarnte Anzeige - so sind wir, korrupt wie eine afrikanische Verwaltungsbehörde, aber alles für die gute Sache.

Ishmael Osekre ist ein lustiger Interviewpartner. Zunächst mal hat er eine Menge Fragen: Woher kenne ich Gary Flanell? Wie finde ich die Platte? Gibt es in Berlin viel DIY-Kultur? Nach einer Weile beantwortenden Vorgeplänkels erinnere ich ihn daran, dass ich hier die Fragen stelle.

Sun Ra Bullock (SRB): Ishmael, wie bist du an die Musik geraten ... und an deine Band?

Ishmael(I.): Ich komme ursprünglich aus Ghana und studiere an der Columbia State University. Als ich damit angefangen habe, war ich eigentlich eher vor allem Dichter: Ich machte spoken word poetry und schrieb für die Uni-Zeitung. Das hat sich rumgesprochen, und während meines zweiten Studienjahres wurde ich eingeladen, bei einer Veranstaltung an der Uni etwas vorzutragen.

Ein Freund von mir spielte dort mit seiner Band, die aber keinen Sänger hatte. Also taten wir uns zusammen, und ich trug nach meiner Performance ein Gedicht zu einem ihrer Beats vor. Das klappte richtig gut! Ich dachte: Wow, das ist richtig cool, ich sollte drüber nachdenken, so etwas zu machen. Wir haben uns also zusammengetan und ein paar Campus- Gigs gespielt. Erst als einige von ihnen den Abschluss machten, konnten nicht weitermachen. Ich kehrte zur Poetry zurück, aber nachdem ich einmal das Gefühl kennengelernt hatte, in einer Band zu spielen, wusste ich, dass ich das weitermachen wollte. Also gründete ich mit anderen Leuten meine eigene Band. Der Schlüssel dazu war natürlich, meine Gedichte in Musik zu übertragen, also mehr Musik daraus zu machen, als "nur" Poetry.


Reine Poetry kann in New York sehr limitierend sein, denn erstens gibt es eine Menge Leute, die das schon machen, und die bekommen auch nicht viel Aufmerksamkeit. Um diese Zeit war K'Naan aus Somalia sehr angesagt. Er ist ja eigentlich Rapper, aber im Grunde ist es auch Poetry, was er macht. Und er brachte diesen kulturellen Aspekt mit rein, seinen somalischen Vibe. Also dachte ich, ich sollte meinen ghanaischen Vibe mit reinbringen, denn die ghanaische Musik macht Spaß! Und im Westen sind gerade nicht so viele ghanaische Musiker bekannt, also dachte ich, es wäre wirklich cool, Ghana so auf die Karte zu setzen. Also nahm ich mir die ghanaischen Songs meiner Kindheit vor: Songs, die wir beim Fußball gesungen haben, um unsere Teams anzufeuern oder im Bus, wenn wir zu Spielen gefahren sind. Das war die Idee hinter dem, was ich kreieren wollte.
Und ich habe mir ghanaische Bands angehört. Eine Band, die mich umgehauen hat, war OSIBISIA. Denn die haben etwas gemacht, was ich machen wollte: Ghanaische Elemente mit Elementen zu verbinden, die sie selbst im Westen mitbekommen hat. Sie, OSIBISIA, selbst hatten karibische Musiker in der Band, das war also das eine. Das andere waren Sachen wie Jazz, und sogar ein bisschen Funk. Das war sehr aufregend! Also hörte ich viel OSIBISIA, und auch Bands wie KOO NIMO, WOLAMEI, E.T. MENSAH, und Ebo Taylor und ein paar Sachen, die heute populär sind. Ich fand in dieser Musik sehr kulturelle Sachen, Dinge, die essentiell sind für Ghana. Viele Afrikaner im Westen nehmen westliche Kultur in sich auf, aber alle machen das, das ist nichts Besonderes. Ich wollte aber etwas finden, was noch nicht gemacht wurde, aber das die Leute lieben würden. Und weil ich wusste, dass ghanaische Musik so einen Spaß macht und uns so glücklich machen kann - jedenfalls die, die ich aus meiner Kindheit kenne - begann ich, meine Songs um diesen Rhythmus herum aufbauen (er klatscht einen Highlife*-Beat). Das war das eine...

(Völlig, richtig, ich habe bis zu diesem Zeitpunkt nur ab und zu zustimmend gegrunzt oder aufmunternd geschmunzelt. So einfach kann das sein mit den Interviews. - Sun Ra Bullock)

I.: Ich bin in der Zwischenzeit von der Columbia-Universität nach Brooklyn gezogen. Um die Zeit haben wir viel in Kellern, Lofts und Hausparties gespielt, und das ganze Punkrock-Ding kam gerade zu der Zeit wieder. Für mich war das eine aufregende Zeit, denn ich hatte gerade angefangen, Gitarre zu lernen und die ghanaischen Rhythmen auf der Gitarre zu spielen. Aber gleichzeitig hörte ich den Punk, den meine Freunde im Keller spielten. Und ich fragte mich: Wie kann ich meinen Kram von zuhause so spielen, dass DIESE Jungs das cool finden und die Leute nicht sagen: Oh, das ist "Weltmusik" und mich damit in einer bestimmten Ecke isolieren. Ich wollte meine Kultur durch meine Linse in ihre Sprache überführen, so dass sie das würdigen können. "Why are You here" ist ja der Song, der uns ein bisschen bekannt gemacht hat. Moment, ich spiel dir was vor, ich hoffe, du kannst das hören, ich hab meine Akustische nicht dabei ... (Und nun singt er zur unverstärkten elektrischen, zu Highlife-Pattern "Why are you here" und wechselt dabei, allmählich das Tempo anziehend, vom Highlife-Geschrammel zum Punkrock-Geschrubbel.)



So kam das, es war ein simples Highlife-Pattern, aber ich dachte: Mann, alle meine Songs haben dieses Tempo: Dafür bin ich zu jung! (lacht) Also hab ich's ein bisschen beschleunigt ... und so ist das entstanden, ich wollte ein bisschen mehr Energie, ein bisschen mehr Spaß, so wie die Jungs im Keller, und je schneller ich wurde, desto mehr Punk wurde es. Und mein Drummer sagte: "Puh, also ich versuch hier, einen anderen Beat zu spielen, aber das klappt nicht. Also, ich glaub ich mach was anderes, denn ich glaube, das wird Punkrock." Und ich sagte (gedehnt): "Genau." Und so entschieden wir, das so zu machen, denn keiner hatte es zuvor gemacht. Und um diese Idee herum entstanden Osekre and the Lucky Bastards.

SRB: Gibt es denn eine afrikanische Community in Brooklyn? Gibt es Essen, Musik, Bands?

I.: Das Ding an der afrikanischen Community in Musik ist jedenfalls, dass es keine besonders große Community afrikanischer Musiker gibt. Die meisten, die in Brooklyn afrikanische Musik machen, sind weiße Amerikaner. Es gibt eine New Wave von Afrobeatbands in Brooklyn, das hat auch mit dem Revival von Fela Kuti zu tun. Das Broadway Musical "Fela" war sehr erfolgreich und hat, glaube ich, viele junge Leute inspiriert, damit anzufangen. Afrikaner im Westen, in Europa vielleicht weniger, aber speziell in Amerika, sind meistens an der Uni! Sie wollen zur Wall Street oder Arzt werden (lacht) ... denn sobald du hierher kommst, ist da eine Menge Druck! Als ich angefangen habe, in einer Band zu spielen, wurde mir gesagt: "Du bist entweder verrückt... oder sehr, sehr reich" (lacht). "Was sagen deine Eltern dazu!" ... "Was ist mit dir nicht in Ordnung?" (lacht sich kaputt)...

Ich habe hier ein paar Afrikaner getroffen, die ihr eigenes Ding machen. Aber es sind nicht viele von uns. Und die meisten von ihnen machen entweder Afrobeat oder Afropop. Deswegen sind sie auch ausgeflippt, als ich als ich Punk mit reinbrachte habe, weil's halt noch keiner gemacht hat. Alle versuchen, zu tun, was Fela schon gemacht hat, sie versuchen, es zu imitieren oder etwas darum herum zu machen. Aber keiner hat versucht, innovativ zu sein oder etwas Neues darum herum zu bauen. Klar, wenn da was Neues macht, braucht es immer etwas länger, bis es populär ist, denn es ist der weniger ausgetretene Pfad. Dafür bezahlst du einen Preis. Aber nach einer Weile gewöhnen sich die Leute daran, dann mögen sie es, und das gibt dir eine Plattform, dein eigenes Ding zu machen.

SRB: Wie ist deine Band denn so ethnisch zusammengesetzt?

I.: In meiner Band herrscht ein gewisses Kommen und Gehen. Da wäre mein erster Gitarrist und Keyboarder, der ist Nigerianer, aber nach der Uni musste er weiterziehen. Mein Drummer ist jüdischer Amerikaner, und der wechselt sich ab mit einem anderen, der Kolumbianer ist, und früher viel mit uns gespielt hat. Aber der ist professioneller Musiker und braucht die ganze Zeit bezahlte Gigs (seufzt). Aber manchmal, wenn ich ihn brauche, kann ich ihn anrufen, und dann ist er dabei. Mein Gitarrist ist Amerikaner, aber sein Vater ist aus dem Iran. Er ist tatsächlich eine tolle Mischung: iranisch mit vietnamesisch-amerikanisch (lacht).

SRB: Mehr New York geht nicht...

I.:(Lacht) Genau! Dann gibt es noch einen Keyboarder aus New Hamsphire. Er ist auch das konsistenteste Badmitglied. Ud bei den Bläser wechselt sich viel ab: Das ist ein Deutscher (lacht), der ist gerade fertig mit der Uni und ist jetzt auch Profimusiker. Dann noch einer aus New Jersey und ein nigerianischer Zweite-Generation-Immigrant aus Washington D.C.. Eine schöne Mischung. Drei Bläser, Schlagzeug, Bass und zwei Gitarren.


SRB: Und was hast du an der Uni gemacht? Hast du als Poet Literatur studiert oder wolltest du auch zur Wall Street?
I.: Am Anfang wollte ich zur Wall Street und hatte ein paar Kurse in Wirtschaft. Ich mochte die Theorien, aber ich konnte mir nicht vorstellen, so viel Zeit mit Zahlen zu verbringen. Ich wollte etwas freieres, kreativeres, also begann ich mit Soziologie. Das war faszinierend und hat mir wirklich geholfen, die Kultur und die Gesellschaft, in der ich lebe, zu analysieren und zu verstehen: die Weise, wie Leute interagieren. Als ich nach Williamsburg gezogen bin, war das besonders interessant: Es waren dort vor allem Weiße, einige wenige Schwarze, aber überwiegend Weiße. Die Soziologie hat mir wirklich geholfen, zwischen diesen Kulturen zu navigieren, mich in die Szene zu integrieren und mir über die Dynamik dort bewusst zu werden, während ich meine Musik dort vorstelle und Teil der Community werde.


SRB: Das heißt, du bist nun erst einmal Vollzeitmusiker? I.: Ich war die letzten zwei Jahre Vollzeitmusiker. Ich habe nicht davon gelebt, aber das dauert eben. Wir haben viele Shows gespielt, eine pro Woche, manchmal drei. Unser Name ist da draußen, wir wollen mehr touren, ein bisschen im Voraus planen, aus den Kellern herauskommen, weniger Lofts, mehr Bühnen, auf denen wir uns auch hören können, und wo es Soundchecks gibt und größeres Publikum. Wir wollen weiter in Lofts spielen, aber eben auch mehr für tanzende Leute, auf Festivals, das passt besser zu uns. Und nebenbei schreibe ich Codes, mache viel Tech-stuff... und das ist ganz cool.



SRB: Nun hat Gary aus Berlin die Traute, deine Songs auf 45er zu veröffentlichen, und keiner aus New York?

I.: Ja, nun, es gab ein paar Labels, die sich mit uns in Verbindung gesetzte haben, aber die Szene ist aufgeheizt, und die Konkurrenz groß, sie warten ab mit den Entscheidungen. Thomas Gobena von Gogol Bordello zum Beispiel hat sich gemeldet. Er mochte unser Zeug, weil es ihn an das erinnerte, was Gogol Bordello machten, nur eben aus einer afrikanischen Perspektive. Er wollte wirklich helfen, etwas zu produzieren, und so mussten wir ein Label finden. Nun müssen wir schauen, ob wir das Geld auftreiben, über Kickstarter oder so und dann das Album shoppen, oder ob wir erst ein Label finden und dann das Album machen. Das ist der Punkt, an dem wir uns gerade befinden. Wir sprechen mit einem Label namens Side One Dummy Records. Gogol Bordello haben dort angefangen, und Amadou & Mariam. Allerdings kam von denen noch keiner zu unseren Shows.

SRB: Und deine Familie ist in Ghana?

I.: Der größte Teil ist dort, aber meine Mutter und meine Schwester sind hier.

SRB: Warst du in der Zwischenzeit mal dort?

I.: Ich bin vor allem in den USA herumgereist, aber nächstes Jahr will ich auf jeden Fall nach Europa und auch Teile von Afrika, und dann auch mal wieder nach Ghana, ganz klar. Es gibt dort gerade eine große Szene, und sie wächst. Es gibt mehr Veranstaltungsorte und Konzerte und mit dem was sie haben, machen sie eine Menge.

Highlife ist dort aber heute Musik der alten Leute, und in der Popularität bei den Jungen von Hiplife* abgelöst worden. Das ist sehr wahr, und das ist Teil der Entscheidungen, die du fällen musst, wenn du relevant sein willst. Wenn du zu deiner Generation, aber auch zur älteren Generation sprechen willst, musst du herausfinden, wie du sie in der Mitte zusammenbringst. Das Ding ist auch, dass die jungen Leute heute nicht mehr so viele Instrumente spielen, wie es sein sollte. Es ist leichter und ökonomischer, zu rappen, wo du nur ins Studio gehen musst und auf ein Instrumental rappst, oder einen Computer kaufen, um Beats zu machen. Das ist eine gravierende Differenz zwischen den Generationen, denn heute gibt es so viel Technologie. Die Leute kommen zusammen, basteln einen Beat und texten einen Rap, das ist Hiplife.

Wenn du eine Gitarre hast, musst du erst lernen, sie zu spielen, und dann andere finden, die mit dir spielen können, bevor du etwas erreichen kannst, das ist eine komplett andere Sache. Ich versuche herauszufinden, wie ich meine Musik relevant machen kann für meine Generation, für die davor, und die, die danach kommt. Rockmusik mag jeder, jeder mag Reggae, und jeder mag Ska. Jeder kann Highlife und Afrobeat verstehen ... also hoffe ich, wenn ich alles zusammenpacke, werde ich damit ein größeres Publikum erreichen.

SRB: Du kennst Punk aus Brooklyn. Kannst du dich erinnern, ob es in Ghana - immerhin eine britische Ex-Kolonie - jemals irgendwelche Spuren von Punk gab?

I.: Nein, gar nichts, überhaupt nichts. Kein Punk-Movement hatte in Ghana jemals irgendeine Wirkung, nicht so weit ich weiß. Meine Mutter hörte zu ihrer Zeit Rock'n'Roll, ja, die frühen Sachen, Rolling Stones und so was, das war bei uns populär. Aber als ich aufwuchs, war Country populär, Hip-Hop, Rhythm & Blues, alles das, aber kein Punkrock.

SRB: Vielleicht ist es auch eine soziale Frage: In New York, London, Berlin gab es eine Schicht von bürgerlichen Jugendlichen, die die Zeit und die Bildung hatten, ein Konzept für ihre Frustration zu entwickeln...

I.: Genau. Als ich jung war, durchlebte Ghana eine schwierige Zeit der Veränderungen. Als ich jung war, litt Ghana immer noch unter den Folgen des Staatsstreiches. Es gab einen Bann für Livemusik und eine Ausgangssperre: nach 18.00 durfte keiner mehr raus, solche Sachen. Punk wäre da nirgends durchgedrungen. Die Musik war einfach anders damals: Staatsfernsehen, Staatsradio, da wurde mehr traditionelle Musik für ältere Leute gespielt, oder Importe, die eher harmlos waren. Rhythm & Blues und Country Music.



SRB: Dennoch, in Zeiten des Internet ... Könntest du dir vorstellen, dass jemand in Lagos, Accra, oder Burkina Faso jetzt gerade auch so etwas ausprobiert wie du?

I.: Es gibt keinen Punk in Westafrika. Rock vielleicht, aber bestimmt nicht Punk. Ich kann mich mal umhören, und ich werde dir Bescheid sagen, aber ich bin ziemlich sicher. Eine Band zu gründen und eine wenig populäre Musik zu spielen, für die es keine Szene gibt, das ist sehr unwahrscheinlich.

SRB: Du musst entweder sehr reich sein oder verrückt.

I.: Nun, es gibt Metalbands in Angola und anderen Ländern, es geht also schon etwas vor sich auf dem Kontinent. Aber die Fusion in meiner Band ist schon einzigartig, weil es die Fusion von Vibes aus ganz verschiedenen Kulturen ist. Andere imitieren, aber ich bringe verschiedene Aspekte zusammen, indem ich gemeinsame Muster und Verbindungen zwischen den Genres - finde und sie miteinander verbinde.

Ishmael, vielen Dank für das Interview!


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