Dienstag, 27. Januar 2015

Tres chic - an evening with Francoise Cactus

Ziemlich genau 20 Jahre bevor dieses Interview mit Francoise Cactus bei Bier und Wein in der Kreuzberger Kneipe an der Ecke geführt wurde, gründeten sich in Berlin die Lolitas. Dieses Interview erschien in Renfield No. 16, im Jahr 2006, man kann sich also leicht ausrechnen, wann das losging mit der Band, die Frau Cactus in Berlin bevor sie mit STERO TOTAL weitermachte. Viele Jahre vorher hatte mir irgendjemand die Lolitasplatte „My English sucks“ auf Tape gezogen. Auf der Rückseite waren Ton Steine Scherben – interessante Kombi, auch wenn ich damals noch gar nicht geahnt habe, dass Berlin die Verbindung zwischen beiden Bands sein könnte. Die auf dieser letzten LOLITAS-Platte eingespielten Coverversionen (z.B. von den Misfits, Dead Boys, Queen u.a.) haben mich ziemlich schnell zum Fan werden lassen. Wann genau das war, kann ich gar nicht mehr sagen, aber ich denke es war zu einer Zeit, als Francoise Cactus ihre erste richtige Band in Berlin schon hinter sich gelassen hat und erste Versuche mit Stereo Total unternahm. Das Tape hab ich immer noch, und klar, im Laufe der Zeit sind auch ein paar LPs dazugekommen. Allesamt Beseisstücke, dass es in den 80ern in Deutschland richtig gute garagebands gab. Wobei „Bouche Baiser“ gnaz klar mein Vinyl-Favorit ist. Da passt es natürlich formidabel, dass am Freitag, dem 30.01.2015 die Premiere des Stereo-Total-Trashicals "In der Hölle des Rock'n'Roll" gefeiert wird. Perfekter Anlass, um das Interview mit Francoise C. hier nochma zu prääsentieren.

G.: Francoise, wie bist du eigentlich nach Berlin gekommen?
F.: Als ich Studentin in Frankreich war, habe ich einen Zettel vom DAAD gesehen und es gab einen Austausch von Studenten für den ich mich beworben habe. ich dachte: ich geh mal ein Jahr nach Deutschland. man konnte so kleine Jobs in einem Gymnasium kriegen, um mit den Schülern ein bisschen französische Konversation zu betreiben, so ein paar Stunden die Woche. Man sollte ein paar Städte zur Auswahl angeben und ich hab gesagt: 1. Berlin, 2. Hamburg, 3.nix. Dann haben sie mich nach Husum geschickt.

G.: Husum?
F.: Es war nicht so schlecht, ich habe bei den Urenkelinnen von Theodor Storm gewohnt und es war am Meer. Gar nicht schlecht, aber so schon ziemlich langweilig, Ich war schwer enttäuscht, dass ich dorthin geschickt wurde. aber dann hatte ich in der Schule nicht so viele Stunden und habe gefragt, ob ich das nicht alles zusammenpacken kann. Ich habe dann nur noch Montag und Dienstag gearbeitet und bin den Rest der Zeit herumgereist. Ich war oft in Kopenhagen, weil das nicht soweit von Husum entfernt ist und manchmal auch in Berlin. In Paris war Berlin, so in den 80ern DAS Ding, deshalb wollte ich unbedingt dahin…
Auf jeden Fall bin ich so zum ersten Mal nach Berlin gekommen, da hab ich dann schon ganz lustige Dinger gesehen, wie z.B. das Festival der genialen Dilettanten so ganz verrückte Sachen, die ich in Frankreich noch nie gesehen hab oder auch so richtig extreme Punkrockkonzerte. Einmal hab ich mir eine Rippe geprellt, weil mich ein paar Typen beim Pogo gegen die Bühne gequetscht haben.
Das stand sogar auf dem Befund des Krankenhauses: Rippen geprellt beim Pogo. Ich war ganz stolz. Dann bin ich zurück nach Frankreich, habe ein bisschen weiter studiert und dann dachte ich: Ich gehe ein Jahr nach Berlin. Ursprünglich wollte ich auch nur ein Jahr bleiben. Aber dann habe ich diesen Franzosen kennen gelernt, Coco, mit dem ich später die Lolitas hatte. Dann fing das mit der Band an und ich hatte keine Lust abzuhauen.


G.: Das lief ja auch ganz gut mit den Lolitas…
F.: Ja, das war ganz nett so. Wir waren zwar keine Weltstars, aber es war ok.

G.: Ihr habt zumindest ein paar gute Platten gemacht…
F.: Ja, da waren ein paar coole Platten bei. Es war ganz amüsant, in Deutschland waren wir zuerst bei What’s so funny about, dem Label von Alfred Hilsberg aus HH. Der hatte immer so bekloppte, aber ganz gute Bands auf seinem Label. Dann waren wir bei Vielklang und in Frankreich waren wir bei New Rose. Dadurch haben wir die Möglichkeit gehabt, eine Platte mit Alex Chilton und eine mit Chris Spedding zu machen. Chris Spedding ist eigentlich ein ganz toller Gitarrist, der bei ganz vielen Leuten Gitarre spielt, z.B. bei dem Typen von den Sex Pistols…
Also, das waren so die Abenteuer mit den Lolitas. Aber dann ist Coco abgehauen, weil er plötzlich nicht mehr in der Großstadt leben wollte. Er ist nach Guadeloupe gezogen und wohnte da in so einer Hütte. Ich habe gedacht: Na, das wird kompliziert. Wir haben zwar nicht viel geprobt, aber die Lolitas waren sowieso in meinem Geiste am Ende. Weil ich die Lolitas anfangs sehr gern mochte, als wir noch gar nicht spielen konnten. Wir konnten zwar schon ein bisschen was, aber es war so frisch. Nachher haben die Jungs angefangen, so klassische Dinger spielen zu wollen und dann interessierte mich das nicht mehr so richtig.
Jedenfalls auf unserer letzten Tour mit den Lolitas, war Brezel unsere Vorband. Er ist solo unter dem Namen „Der Böhmische Elvis“ aufgetreten. Ich fand den Typen genial und dachte: Mit dem mach ich eine Band. So ist das ungefähr übergangslos weitergegangen: Die Lolitas waren vorbei – Puff! Ich nehme mir den Typen von der Vorband und mache gleich die nächste Band.

G.: Aber bei den Lolitas hättet ihr ja eigentlich auch eine neuen Gitarristen holen können und ohne Coco weitermachen können…
F.: Ja, aber Coco war schon sehr wichtig, weil wir die Musik zusammengemacht haben. ich hab die Lyrics geschrieben und Coco die Musik. Ok, das hat sich auch ein bisschen vermischt, aber als er weg war, war es nicht möglich, ihn zu ersetzen.

G.: Und irgendwann war auch Tex Morton mit dabei…
F.: Ja, aber er hat keine Songs geschrieben. Er ist zwar ein guter Gitarrist, aber er hat keine Songs bei den Lolitas geschrieben. Der hatte ja schon ganz viele Bands. Neulich habe ich den Sänger von Lüde & die Astros wiedergetroffen, als Roadie von so einer jungen deutschen Band, es war ganz lustig, den wiederzusehen. Und mit dem hatte halt auch Tex Morton gespielt, der hatte auch schon sehr viele Bands weil er ein sehr guter Rock’n’Rollgitarrist ist.
Vor ihm spielte bei den Lolitas Tutti Frutti, dieser Italiener, der immer noch in Berlin wohnt und solo auftritt, der heißt jetzt Michele Venelo. Michele ist sein richtiger Name, aber seit der ersten Lolitasplatte, da hatten wir geschrieben – Michele, Coco, und Olga und da wurden wir bei allen Kritikern als Frauenband besprochen, weil alle dachten, Coco wäre ein Frauenname und Michele würde sich wie Michéle aussprechen. Klingt ja auch Französisch, aber eigentlich waren wir ja gemischt und die Jungs waren immer sauer: Schon wieder schreiben sie, wir sind eine Frauenband. Dann hat er seinen Namen geändert und sich Tutti Frutti genannt. Irgendwann ist er wieder nach Italien abgehauen, dann kam Tex Morton. Es gab da ein paar Fluktuationen.

G.: Aber bei den Lolitas hast du von Anfang an gesungen und getrommelt? Hast du denn vorher schon in Frankreich Schlagzeug gespielt?
F.: In Frankreich habe ich schon gesungen, aber das hat mir nie gefallen, weil die Jungs immer gesagt haben: So, jetzt singst du das und das und das. Als ich nach Berlin gekommen bin, habe ich in einer Punkrockband gespielt, Katapult. Aber da dachte ich irgendwann: Ich muss jetzt mal meine Band machen. Das war, als ich Coco getroffen habe.
Wir wohnten auch im selben Haus, das war so eine Art besetztes Haus mit 8 Kumpels und irgendwann haben wir die Zeitung aufgeschlagen und da stand dann: Ich verschenke mein Schlagzeug an Abholer. Weil Coco Gitarre spielen wollte, habe ich gesagt, dann spiel ich halt Schlagzeug. Das haben wir dann in unseren Keller gestellt. Dann hab ich meine beste Freundin zu der Zeit gefragt, ob sie nicht Bass spielen will. Wir haben dann dreimal geprobt – Coco konnte schon ein bißchen Gitarre spielen, ich konnte gar kein Schlagzeug spielen und hab nur so ganz einfach getrommelt und das Mädchen konnte auch keinen Bass spielen.
Dann haben wir unser erstes Konzert hier in der Waldemarstraße in Kreuzberg im Kino gehabt. Ich habe einfach angefangen, dabei zu singen und so ist es seitdem geblieben, ich finde Schlagzeug einfach super. Es gibt viele Leute, die sagen, es ist schwer Schlagzeug zu spielen und gleichzeitig zu singen, aber ich denke, Schlagzeug kann man spielen ohne dabei zu denken.
Das ist ein bisschen wie rumtanzen. Es passiert manchmal, dass ich beim Singen Gitarre spiele, aber das nervt mich. Während ich singe, muss ich immer viel mehr auf die Akkorde und die Wechsel achten. Schlagzeug ist irgendwie einfacher.

G.: Ging’s nach dem Ende der Lolitas sofort mit Stereo Total los?
F.: Ja, am Anfang wollte ich noch einen dritten Typen dabeihaben. Der hieß Captain Spacesex. Das ist so ein abgefahrener Musiker in Berlin, der tritt immer so in Science-Fiction-Kostümen auf und hat so ganz verrückte Synthies aus den 70ern. Ich wollte zwar, dass es immer noch Rock’n’Roll-Elemente hat, aber ich wollte gern mal ein paar mehr Sachen mit Synthies machen.
Der Typ wäre super gewesen, aber ich hab ihn ca. 20mal zu Proben eingeladen und er hat immer gesagt: Ja, geil mach ich, aber er ist nie gekommen. Dann hab ich ihn angerufen aber er ist nie gekommen. Ich dachte dann: Das wird nix. Dann haben am Anfang nur Brezel und ich gespielt, meistens so ganz easy. Er ist mit einer Bontempi-Orgel aufgetreten, so eine ganz billige mit Begleitautomatik und ich hab dazu gesungen.
Wir haben das bei irgendwelchen Ausstellungseröffnungen gemacht. Irgendwann haben wir uns gedacht: Wir machen jetzt eine Rockband auf, aber es gab auch hier sehr viel Fluktuation. Als erstes hatten wir die Gitarristin Leslie Campbell, das ist eine Frau, die ich super fand, sie kommt aus Schottland und war schon in den 80ern in Berlin und war früher in dieser Superband Camping Sex. Camping Sex ist eigentlich die Vorgängerband von Mutter. Der Sänger war Max Müller und der Schlagzeuger war Florian Körner von Gustorf. Tres chic.
Leslie hat eine Zeitlang bei uns gespielt, war aber nicht so ehrgeizig wie wir und hatte auch keinen Bock, eine Platte aufzunehmen und auf Tour zu fahren, das war ihr alles too much. Sie ist nicht so lange dabei geblieben. Dann hatten wir später Rasi, den Boy from Brazil, der hat bei uns Bass gespielt. Das war eigentlich nicht so geplant, aber Rasi ist ein alter Freund von mir.
Als wir mit den Lolitas vor dem Mauerfall in Ostberlin gespielt haben, haben wir da immer verbotene Konzerte gegeben. Wir haben so getan, als ob wir Touristen sind und die Jungs haben uns Instrumente gegeben und dann sind wir in Kirchen, in Gärten und so was aufgetreten. Da kam Rasi einmal vorbei, ein ganz arroganter Typ und ich dachte: „Was ist denn das für ein Arschloch?“ Sein Vater war Diplomat und deshalb war er in Ostberlin, aber er konnte immer in den Westen, sooft wie er wollte. Zuerst konnte ich ihn überhaupt nicht ausstehen und jetzt ist er einer meiner besten Freunde.
Jedenfalls treffe ich ihn und frage ihn ob er mir mal die Adresse von einem Freund geben kann, das war ein Bassist, den ich bei einem Konzert gesehen hatte und super fand. Ih wusste, dass das ein Kumpel von Rasi war. Rasi wollte wissen, warum ich die Adresse brauche und als ich sagte: Ich will ihn fragen, ob er bei uns Bass spielen will und Rasi sagte: Nein! Das mache ich!
Und ich sage: Aber Rasi, du kannst doch gar kein Bass spielen – macht nix! Dann war Rasi eine Zeit lang unser Bassist. Irgendwann hat er diese amerikanische Künstlerin geheiratet, Beth More-Love und war weg in Amerika. Dann ist Angie Reed eingestiegen, die macht ja jetzt auch Solosachen und Reimo, der ist jetzt beim Jeansteam. Das waren alle Musiker die wir hatten. Die sind irgendwie nach und nach abhanden gekommen und irgendwann hatte ich es so satt. wir haben die Songs eh nur zu zweit geschrieben und sagen den anderen eh nur: Spiel mal ein A oder ein G oder so. das ist doch Quatsch.
Seitdem machen wir das zu zweit und das gefällt mir besser. Bands sind mir einfach zu anstrengend. Wir wohnen zusammen, wir reisen zusammen und wenn wir wollen, gehen wir zusammen in den Proberaum, das ist alles ganz einfach einzurichten.

G.: Ich finde, daß Stereo-Total-Songs immer so leicht und einfach rüberkommen. Schüttelt ihr die einfach so aus dem Ärmel, wie es euch in den Sinn kommt, oder frickelt ihr ewig an einem Song rum und seid da eher perfektionistisch drauf?
F.: Wir mögen keine Perfektion und wir suchen auch nicht den supergeilen energetischen Sound, mit dem Aufnahmestudios werben. Aber ich würde schon sagen, daß Brezel in seiner Crazyness, in seiner Art ein Perfektionist ist, um einen ganz bekloppten Sound zu erzeugen. Da kann er schon manchmal stundenlang rumdrehen und machen, bis es genau so ist wie in seinem Kopf. Er ist da schon perfektionistisch, aber ich nicht so. Ich denke mir immer, wenn ich einen Text schreibe: Wird er mir noch in 4 Jahren gefallen? Wenn ja, kommt er durch, wenn nicht, landet er im Mülleimer.
Wenn ich schlecht gesungen habe, nehme ich das natürlich noch mal auf, aber Brezel fummelt schon ganz schön viel. Also, wenn wir aufnehmen gehen, ein paar Parts ziemlich schnell Schlagzeug zum Beispiel. Neuerdings spiele ich Trompete und auch Theremin. Dann verschwinde ich und er fummelt die ganze Nacht an etwas herum. Also ich glaube, er ist ein Perfektionist, aber nicht im klassischen Sinne, sondern weil er eine bestimmte Vorstellung hat, wie es klingen sollte und wenn nicht, dann ist er nicht zufrieden.

G.: Wie ist das mit den Lolitastexten? Findest du die immer noch gut?
F.: Da schäme ich mich auch nicht. Ich wundere mich manchmal, wenn ich mit Sängern rede und die sagen: Oh Gott, ich kann die Lieder von unserer Platte nicht mehr singen, ich schäme mich total. Ich hab das nicht. Natürlich gibt es auch ein paar Griffe ins Klo, aber insgesamt nicht.
Bei den Lolitas, da gab’s so Texte über ein Mädchen, daß sich umbringen will und den ganzen Tag auf dem Gleis rumläuft. Vielleicht lag es auch an der Zeit, dass ich ein bisschen depressiv, trüb und schwarz war, oder wenn man so hospitalismusmäßig den ganze Tag hin und herschaukelt. Das war schon ganz schön trübe manchmal. Oder über total misslungene Liebesgeschichten und so. Ok, manchmal gab es auch lustige Sachen.
Die Texte von Stereo total sind ja auch viel lustiger und entspannter. Meist singe ich in französisch oder deutsch, aber auch eEnglisch, italienisch oder Spanisch. Wir haben zwei auf Portugiesisch, weil wir in Brasilien ein Label haben und die freuen sich, wenn wir auf ihrem Label eine extra Version auf Portugiesisch haben. Einmal haben wir eins auf türkisch gemacht, aber da hat niemand drauf reagiert, außer als wir mal in Istanbul gespielt haben, da kannten die Leute das. Aber hier in Berlin hat das keinen interessiert, dabei wollte ich ja was für die Völkerverständigung machen…

G.: Du hast doch auch auf dieser japanischen Dackelblutsingle mitgemacht, wie kam das denn zustande?
F.: Ich kenn halt Jens Rachut schon ganz lang, schon als er diese Band vor Dackelblut hatte, Angeschissen (singt „Hund“ von Angeschissen). Ich hab ihn mal auf einer Tour mit den Goldenen Zitronen kennengelernt und da war er auch dabei. Seitdem sind wir Kumpels. Er hat Brezel gefragt, ob er bei Kommando Sonnenmilch für ihn Musik machen will, sodass diese Platte sich nicht so punkrockig anhört wie die anderen. Dann hat er mich gefragt, ob ich was für ihn singen will. Er ist superlustig und nett. Ich habe den Text einfach übersetzt. Das ist ja ein Lied über diesen Kinderspielplatz und es ist ein bisschen über die Misere von den kleinen Kindern, die schlecht drauf sind und die Eltern sind auch schlecht drauf und so.

stereototal.de

Sonntag, 25. Januar 2015

Renfield? Gibt's jetzt auch...

bei den folgenden beiden sehr sympathischen Geschäften in Berlin.

Zabriskie: Am anderen Ende der Manteuffelstraße (also vom Renfield-HQ gut fußläufig zu erreichen) gelegen. Super Buchladen für Kultur und Natur mit nem gut ausgesuchten Sortiment an Büchern und Magazinen zum Thema Subkultur, Kunst, Film und DIY.

Periplaneta: Der Verlag, in dessen Subkulturreihe Gary Flanells Erstlingswerk "Stuntman unter Wasser" rausgekommen ist. Das Renfield kann man dort entweder online bestellen oder beim Besuch im verlagseigenen Literaturcafé auf der Bornholmer Straße 81 mitnehmen.

Dienstag, 20. Januar 2015

Altern, Alter!

Die Frage nach dem Alter… stellt man sich als 16-32-jähriger Jungrebell eher selten. Haben deine Lieblingsbands ja auch nie gemacht. Die Circle Jerks empfahlen ganz schlicht „Live fast, die young“, die Descendents haben erst auf ihrem Spätwerk „What will it be like when I get old?“ gefragt.
Machen wir uns nichts vor: Dem Altern ist schwer auszuweichen. Eigentlich gar nicht. Das weiß Renfield-Schreiber Philipp Nussbaum und Ox-Kolumnist Alex Gräbeldinger weiß das auch. Was sie beide von den Begleiterscheinungen des Älterwerdens halten, haben sie beim Interview in Renfield Nummer 28 ausdiskutiert.

P: Ist genau heute und jetzt eine gute Gelegenheit, mit dir über das Altern zu sprechen? Es geschieht zwar dauernd und ohne Unterlass, manchmal aber sanfter und manchmal heftiger.
A: Zurzeit bewege ich mich im gemütlichen Schritttempo auf die Midlife-Crisis zu. In der Hoffnung, dass sie mich nicht allzu hart erwischen wird. Als kleine Vorsorgeuntersuchung kommt mir unser Gespräch daher durchaus gelegen.

P: Wie alt bist du gerade, und wie alt würde z. B. Jenny sagen, dass du dich fühlst?
A: Ich stehe kurz vor meinem 35. Geburtstag. An manchen Tagen wache ich auf und fühle mich doppelt so alt. Die meiste Zeit benehme ich mich allerdings wie ein Teenager oder Kleinkind. Ich denke, das würde meine Frau so bestätigen.

P: Woran merkst du, wie alt du bist? Woran, dass das schon wieder vorbei und nurmehr Vergangenheit geworden ist?
A: Dass ich nicht mehr als Elfjähriger durchgehe, fällt mir insbesondere beim Blick in den Spiegel auf. Trotz der zahlreichen Anti-Aging-Produkte, die ich in den vergangenen Jahren ausprobiert habe. Somit sind die Zeiten, in denen ich beim Kauf einer Flasche Schnaps nach einem Altersnachweis gefragt wurde, für immer vorbei.

P: Herr Wiebusch sang, dass irgendwas immer sechzehn bleibe (Auch schon lange her, das. Der Setzer) Was soll das eigentlich?
A: Bestenfalls, dass man sich ein Stück Jugend bewahrt. Schlimmstenfalls, dass man, so wie ich, mit 35 noch immer nicht erwachsen ist. Dann gibt es noch Menschen, die definieren sich ein Leben lang über das, was sie als Teenager zustande gebracht haben. Bei einer Band wie beispielsweise SLIME sind das immerhin die Lieder „Deutschland muss sterben“ und „Wir wollen keine Bullenschweine“. Bei mir ist das leider nicht mehr als ein Realschulabschluss mit einem Notendurchschnitt von 3,5.

P: Hat bzw. hatte der 16jährige Gräbeldinger überhaupt einen Vertrag mit Altern, Alter?
A: Das war bei mir schon mit 16 tagesformabhängig. An gut gelaunten Tagen wollte ich nicht älter als 21 werden und trug ein T-Shirt mit der Aufschrift „Jung kaputt spart Altersheime". An schlecht gelaunten Tagen verspürte ich Zukunftsängste und hoffte darauf, dass mir noch genug Zeit bleiben würde, um mein verkorkstes Leben wieder in Ordnung zu bringen.

P: Sechzehn, Club der Siebenundzwanziger und und und. Drauf geschissen, mir gehts gerade mehr um den Prozess, um das Geschehen-von. Beizeiten stehe ich mit Kollegen vor meiner Dienststelle, rauche, und wir zerreißen uns das Maul über uns selbst und natürlich mehr über andere, die gerade durchs Bild laufen. „Oh Mann, der/ die/ das bekommt eine Eins mit Sternchen in Unwürdigaltern, hehehe“, usw. Was sind die armseligsten Alternsanzeichen? Was die schönsten? Oder sind sie alle gleich?
A: Ob sich jemand mit 50 noch die Haare grün färbt oder lieber eine beigefarbene Bundfaltenhose trägt, ist mir ehrlich gesagt völlig egal. Auch stört es mich nicht, ob jemand versucht etwas zu konservieren oder es vorzieht, der Zeit ihren Lauf zu lassen. Solange man das macht, womit man sich wohlfühlt, und niemand dabei zu Schaden kommt, altert man meiner Auffassung nach würdevoll. Scheißegal, was die Leute von einem denken.

P: Ist Altern eher Zerfallen oder eher Reifen? Lässt es sich aufhalten oder forcieren?
A: Körper und Geist besitzen ein Verfallsdatum, das sowohl positiv als auch negativ beeinflusst werden kann. Wenn ich einen Großteil meiner Lebenszeit damit verbringe, Schnaps zu trinken und Crystal Meth zu rauchen, ist die Wahrscheinlichkeit hoch, dass ich nicht nur körperlich verwahrlose, sondern auch geistig.
Achte ich stattdessen auf meine Gesundheit und lese regelmäßig die Apotheken-Umschau, erhöhe ich die Chance, auch im Alter noch Freude an Nordic Walking und Kreuzworträtseln zu haben. Darüber hinaus stehen mir natürlich noch Botox und die Schönheitschirurgie zur Verfügung. Doch ob ich mich letztendlich reifer oder einfach nur älter fühle, wird immer davon abhängig sein, wie ich meine Lebenserfahrungen auswerte. Wenn es gut läuft, werde ich ausgeglichener und weiser. Wenn es doof läuft, nichts weiter als ein verbitterter, alter Sack.

P: Was muss altern, bevor es überhaupt was taugt? Außer Käse?
A: Eine naheliegende Antwort wäre vermutlich Wein. Doch in Wahrheit bin ich alles andere als ein Weinkenner. Das bedeutet: Wenn ich besoffen werden will, gelingt mir das in der Regel auch mit einer Flasche, die vor nicht mehr als einem Jahr abgefüllt wurde.

P: Apropos Wein. Z. B. der wird nur bis zu einem bestimmten Punkt besser, bis er dann den Zenit überschreitet und zu Essig wird. Mensch kommt, steigt, steigt, erreicht, kippelt und saust dann im Sturzflug hinab in die Regression. Welcome back, feuchte Windelwunderwelt. Gehts bei dir weiter aufwärts oder bereits wieder abwärts? Und was machst du, wenns zu steil werden sollte?
A: Ob ich meine besten Jahre bereits allesamt vertrödelt habe, oder ob mir noch ein paar davon übrig bleiben, wird sich zeigen. Allerdings ist davon auszugehen, dass ich in diesem Leben kein Astronaut, Model oder Rockstar mehr werde. Was das betrifft, mache ich mir nicht länger falsche Hoffnungen. Da bleibe ich lieber mit beiden Beinen auf dem Boden stehen und entgehe somit der Gefahr einer schwindelerregenden Fallhöhe. Verglichen mit Wein würde ich mich ohnehin als Billigfusel aus dem Tetrapack einstufen.

P: In Ecken der Welt ist es wichtig, das letzte bisschen Altern, nötigenfalls eben das Sterben, in einer gewissen Würde erledigen zu können. Wichtiger wohl als bei uns wenigstens, wo die neonausgeleuchtete Seneszenzeinbahnstraße im pflegeindustriellen Nirvana endet und endet und endet. Und nicht endet. Schon gar nicht an einem See. Statement zu Altern in Würde?
A: Sterbehilfe – ein schwieriges Thema. Trotzdem denke ich, sobald die letzten Tage im Leben eines Menschen nur noch aus Leid und Qual bestehen, sollte jeder das Recht auf einen sanften Ausklang haben.

P: Welche Musik passt zu alledem? Vielleicht irgendeine jenseits Raum und insbesondere Zeit.
A: Supernichts – „Ich möchte Teil einer Seniorenbewegung sein“. Chefdenker – „Das Beste zum Schluss“.

P: Letzte Worte für die Ewigkeit?
A: Worte für die Ewigkeit setzen Weisheit voraus. Eine solche möchte ich mir nicht anmaßen. Jedoch bin ich neulich über ein Zitat von Muhammad Ali gestolpert. Es lautet: „Wer die Welt mit 50 Jahren genauso sieht wie mit 20 Jahren, hat 30 Jahre seines Lebens verschwendet.“ Zwar bin ich mir nicht sicher, ob er mit dieser Aussage recht hat, trotzdem werde ich mir Gedanken darüber machen. Spätestens an meinem 50. Geburtstag. Ansonsten hoffe ich darauf, dass man auch einem alten Hund noch neue Tricks beibringen kann.

P: War mir ein Fest, Herr Gräbeldinger, ich danke. Bleiben Sie gesund und munter, wir sehen uns wieder und lauschen dann schwerhörig dem Knuspern des Zahns der Zeit.

Alex Gräbeldinger schreibt Kolumnen (z. B. fürs lebensherbstlich ungeeignet kleingedruckte OX) und beizeiten auch Bücher. Ab und an packt ihn trommelnd so was wie Musikalität. Triff ihn in einem Laden in deiner Stadt, möglicherweise ist er gerade dort.

http://www.alex-graebeldinger.de

Dienstag, 13. Januar 2015

Wer ist hier Charlie?

Aus gegebenem Anlass hat auch die Renfield-Crew einen angespitzten Stift gezückt. Renfield ist zwar durchaus nicht Charlie, zum Beispiel ist er immer noch am Leben (untot?). Dass es so viele Charlies gibt, war uns auch gar nicht klar. Aber Renfield in seiner Zelle hat letzte Woche fassungslos und sehr traurig durch seine Gitterstäbe gespäht. Wenn man in Frankreich wäre, so dachte er sich, müsste man jetzt Marine Le Pen zeichnen, wie sie Mord für ihre Kampagnen benutzt. Hier in Berlin bleibt uns Madame Le Pen erspart. Hier gibt es die besorgten Bürger, die im Netz mit kaum verhohlener Schadenfreude kommentieren, sie hätten es ja immer gesagt, was passiert, wenn man den Butzemann in UNSER Haus lässt! Dabei wird uns ziemlich übel, und wir können uns nur fragen: Wer, bitte, ist hier eigentlich Charlie?

"Wenn die Zeichnung intelligent ist, um so besser. Wenn nicht, auch nicht schlimm." (Stéphane Charbonnier)

Mittwoch, 7. Januar 2015

Die Sache mit den Mixtapes...

war im Renfield schon oft präsent. Nicht nur im Vorwort wurde die Playlist der allerersten selbst aufgenommenen Mischkassette seziert, die der Herr Flanell als junger Punker mal aufgenommen hat. (Auch so ein Ding, was für die neugierigen Netzräuber hier bald präsentiert wird).

In Renfield Nummer 27 führte dann Andi Kuttner, Betreiber des INCOGNITO Mailorders, die lose Kolumnenreihe "Musik-Kassetten stellen sich vor“, mit einem ein Blick auf seinen ersten Kassettenmix nach der Ankunft in der Hauptstadt weiter fort.
Das Tape, um das es ging, hatte den bedeutungsvollen Titel:
„Wall City Rock. Learning Berlin Lesson 1, 1 ½ Jahre Berlin in 1 ½ Stunden“.
Alles weitere nun direkt von Andi selbst...

Ziel der Zusammenstellung der Kassette war, wie der Untertitel es vielleicht schon verraten mag, einen musikalischen, oder präziser gesagt: akustischen Rückblick auf meine ersten 1 ½ Jahre in Berlin zu geben. Akustisch deswegen, da ich auch Sprüche vom Anruf-Beantworter, die ich mitgeschnitten hatte, mit in die Kassette hineinarbeitete. Das ganze wurde um den Jahreswechsel 2000/2001 zusammengestellt.

Es soll im folgenden Text weniger um die Songs selbst gehen, als nach Möglichkeit um ihre Verbindung zu meinen damaligen Erlebnissen.

Es war noch eine andere Zeit, und ein anderes Berlin, als wir es heute vor uns sehen. Damals zogen die neuangekommenen Studenten (wie ich es einer war) nicht wie heute nach Neukölln (oder Wedding, oder Moabit?), sondern nach Friedrichshain, in baufällige Wohnungen, die in aller Regel noch Kohleofen hatten und wirklich unglaublich billig waren. Ich bezahlte für meine insgesamt knapp 40 qm große Ein-Zimmer-Wohnung damals rund 380 DM incl. allem, wozu auch die nur kalte Dusche beim Nachbarn gehörte.
Es gab noch die Reste einer angestammten Bevölkerung: das waren ein paar wenige Familien, die meist in den etwas größeren Wohnungen in den Vorderhäusern wohnten, und die Reste einer alternativen Ost-Szene, die sich wie wir im weitesten Sinne als Lebenskünstler begriffen und in ständigen Provisorien lebten. Viele Wohnungen standen auch einfach leer. Es gab noch viel scheinbar Unberührtes zu entdecken. Die Wege führten von Friedrichshain aus häufig in den Prenzlauer Berg, nicht wie heute ausschließlich nur nach Kreuzberg. (von Neukölln war noch überhaupt nicht die Rede).

Es war schon irre: das Jahr 2000 galt zuvor immer als Synonym für eine neue, moderne Zeit. Mir persönlich hingegen brachte das Jahr 2000 das erste eigene Kohle-Ofen-Erlebnis – eine Crux, die ich natürlich liebte! Und auch sonst erschienen verschiedene Mechanismen der Marktwirtschaft – irritierender-, aber glücklicherweise – nicht intakt, in meinen ersten Wochen, Monaten und Jahren in Berlin.

Rückblickend erscheint mir persönlich diese post-sozialistische (?) Mischung als nicht immer harmonisch, aber authentisch, und es ließ sich darin interessanter leben als heute. Natürlich wurde auch auf dem Gehweg Fahrrad gefahren, und als die große Befreiung erlebt, mal in den Hinterhof zu pissen. Bei all dem hatte man aber das Grundgefühl, dass eigentlich letztendlich schon alle okay sind: Wer in den Schrottbuden (und es gab damals wirklich keine anderen) des Kiezes lebte, und sich diese meist rein DIY-mäßig halbwegs wohnlich gemacht hatte, das konnte kein schlechter Mensch sein. Verglichen mit heute habe ich auch das Gefühl, dass man bei aller Freiheit auch aufeinander Rücksicht nahm, soweit das ging, und dass man zumindest miteinander reden und sich verständigen konnte. Und wenn es dann doch zu Streit kam, wurde dieser mit einem von Herzen kommenden „Quatsch nicht rum“ beendet und die Kontrahenten gingen ihrer Wege. Diese Verständigung miteinander erscheint mir heutzutage völlig verloren gegangen zu sein, wenn Touri-Horden nur noch zum Konsumieren nach Berlin kommen, und sich einen Scheiß darum kehren, wie ihr Ausleben von vermeintlicher Freiheit bei den Leuten ankommt, die hier leben.

Aber auch sonst schlägt das Pendel kräftig zurück. Denn nicht nur beim Kampf um die Straße bzw. seinen Platz darauf reagiert heutzutage das Recht des Stärkeren in den Szene-Bezirken Berlins, sondern auch auf dem Immobilien- und Wohnungsmarkt. Es ist schon zum Speien. Jahre lang lebte man in Berlin als Mieter wie im Paradies, aber mit einem Mal machen die Mächtigen – die überbordende Nachfrage im Rücken – ernst, und wir können alle nur dumm aus der Wäsche gucken… Auch die groß-fressige autonome Szene, die um 2000 noch spürbar im Kiez vertreten war und Teil des ganzen Gefüges war. (Auch das hat sich geändert.)

Die Grundsteine für diese Entwicklung, die längst Friedrichshain voll erfasst und gekillt hat, wurden sicherlich damals gelegt – machen wir uns nichts vor, wenn nicht die ersten, dann aber die zweiten Gentrifizierer, das waren wir…
Aber nun genug des nachdenklichen Lamentierens, und bevor ich weiter über die eigene Vergreisung nachdenke, und schwermütig werde ob des Scheiterns eines Lebensentwurfs, flüchten wir lieber gemeinsam mithilfe der Musik zurück in eine andere Zeit…

LEATHERFACE – Sour grapes Das Tape beginnt mit dem ersten Lied der im Jahr 2000 erschienenen Leatherface-Platte, weil es ein wunderschöner Opener ist, mit seinen öffnenden zwei Gitarren, und der grandiosen Reibeisenstimme von Frank Stubbs. Im Spätsommer 2000 kam ich nach längerer Abwesenheit nach Hause in meine kühle Wohnung, draußen Sonnenschein, beschattet durch die große Linde im Hof, und ich freute mich mit diesem grandiosen Lied, wieder da zu sein, in meinem eigenen kleinen Paradies, in dem ich mich sehr wohl fühlte! Dazu hatte ich die Band im Mai jenes Jahres auch erstmals live gesehen.

EA 80 – Dr. Murkes gesammeltes Schweigen Ebenfalls erstmals live sah ich auch EA 80 in jener Zeit, es muss im Februar oder März 2000 gewesen sein. Es war noch kalt, und mit meinem Freund Brüdi fuhr ich mit dem Fahrrad immer den ehemaligen Mauerstreifen entlang bis zur Fettecke in Mitte, wo EA 80 auftreten sollten.
Das Gebäude sah von außen aus wie ein zerschossener Western-Saloon, war innen aber überraschend groß und geräumig. Es wurde ein wirklich großartiges Konzert, die Gitarren-Gewitter und Moll-Töne von EA 80 entfalteten in diesem aus lauter Provisorien bestehenden Gebäude ihre besondere Wirkung. „Dies ist der Freiraum, den ich immer wollte“, wie es im Song-Text gesungen wird, beschreibt auch sehr gut meine Gedanken über meine damalige Wohn-Situation in unserem Seitenflügel mit den bemalten Wänden - ohne Hausmeister und sonstige Nerv-Batzen…

NERDS – Peter, Paul & Carrie Hm, warum hier dieser geil-fröhliche NERDS-Song auf eine Gerhard Polt-Einspielung folgt, weiß ich ehrlich gesagt nicht mehr. Jene Polt-Platte hatten wir seinerzeit rauf und runter gehört. Vielleicht erschien mir der Song, den ich damals jedenfalls auf dem Zettel hatte, als gute Möglichkeit, neu nach vorn zu blicken, die Kassette also quasi nochmals neu zu starten. Auf alle Fälle ein total geiles Lied einer Band aus Frankfurt, die Single sieht man noch häufig viel zu billig auf Flohmärkten.

CLASH – Rock the casbah Scheißendreck, auch hier versagt mein Gedächtnis, warum… tut mir leid… Aber auf alle Fälle ein Song, den ich bis heute großartig finde…

RUDI – Time to be proud An die Bewandtnis dieses Songs erinnere ich mich aber zum Glück, das war einfach ein Ausdruck meiner Freude, als ich im September 1999 endlich in Berlin angekommen war – dass ich endlich den Sprung nach Berlin geschafft hatte, den ich mir schon so lang gewünscht hatte… Wenn ich daran denke, wie mir anfangs immer einer abging, wenn ich FreundInnen meine neue Adresse in Berlin aufschrieb…

SCATTERGUN – Wargames Scattergun hatten um 1999 ihre erste LP herausgebracht, eine Band, die ich in den späten 90ern durchaus verehrte. In Berlin angekommen, sah ich sie mir dann mal im Supamolly an, und lernte dadurch einen wirklich wunderschönen Konzert-Laden kennen, in dem ich mich dann auch häufiger herumtrieb. Dieser existiert ja bis heute, aber nach meinem Eindruck ist die Punkrock-Quote etwas zurückgeschraubt worden. Die Band, die live nochmal begeisternder war als auf Platte, existiert schon lang nicht mehr, dafür hab ich inzwischen mit Gitarrist Hardy guten und netten Kontakt…

QUETSCHENPAUA – UFO Der Heinrichplatz und die Oberbaumbrücke, immer wieder Themen von Quetschenpaua in seinen Lobliedern auf die militant-alternativen Kieze in Berlin. Im Jahr 2000 erlebte ich meinen ersten 1. Mai in Kreuzberg, Freundin Heike zählte bei ihrer Nachricht auf dem AB alle Leute auf, die am Vormittag bei der Gegen-Demo zum Nazi-Aufmarsch eingefahren waren… Ich habe die Texte von Quetschenpaua damals gern gehört – sollt ich mal wieder rein hören…

INFA RIOT – Emergency Ah nee, ich denk mal, einfach ein weiterer Song, den ich damals ohne weitere Bedeutung viel gehört habe. Bis heute ein absoluter Abräumer – und womöglich das einzig richtig überzeugende Lied dieser Band, das ja zudem noch nur eine Cover-Version ist…

ELEGANT – Menschen in Beton & Stahl Der empfundene Soundtrack zu dem, was ich damals vor mir gesehen habe, auch wenn das Lied eigentlich von 1982 ist. Wenn ich nur an den Kohlen-Keller in unserem Haus denke, das von einem Gast mal als „Abbruch-Haus“ tituliert wurde: „Was sind das für viele Türen, keiner weiß wohin sie führen“… Wobei weniger „Stahl“ angesagt war, als bröckelnder Beton und generell Bauwerke, die ihre besten Zeiten lang hinter sich gelassen zu haben schienen.

LEATHERFACE – Springtime Nochmal Leatherface, nochmal Erinnerungen an ein Konzert im Wild at heart, und nach dem Verlust eines Freundes ging irgendwo doch ein neues Licht auf, „a little bit of springtime in my mind…“ Bis heute DAS Lied von Leatherface für mich, Gänsehaut inclusive.

RAZZIA – Als Haus wärst du ne Hütte Ein Lied, das damals auf nahezu jedes Haus in Friedrichshain, und auch noch auf viele im Prenzlauer Berg zutraf: eigentlich waren es größere Hütten… Baufällig, abbröckelnder Putz, ohne anständige Heizungen, die Haustüren immer offen… aber es lebte sich schön, in diesen Provisorien. Zumindest eine Zeit lang; Ich erinnere mich durchaus, dass es mir irgendwann zu bunt, nein, aber zu provisorisch geworden und ich 2002 in eine Wohnung mit Zentralheizung nach Kreuzberg geflohen war…
(dass ich Razzia Ende 1999 live im legendären Eimer sehen konnte, hatte mit dieser Nominierung auf diese Kassette – glaube ich – weniger zu tun, mit dem damals neuen Sänger gefielen sie mir nicht allzu gut)

NOGU SWELO – 280 dnej Der Anfang von Seite B bringt mich aber sogleich wieder zurück nach Friedrichshain. Ich sehe mich an meinem Schreibtisch sitzen und nach draußen auf den trüben Hinterhof blicken. Es schneit, und irgendwelche Leute aus dem Vorderhaus ziehen um, oder tragen jedenfalls ihre Sachen durch den Hof. Das zunächst sehr gleichförmige, melancholische Lied dieser russischen Band, das schließlich in geilem Geschreie endet, lässt mich an Szenen denken, wie ich sie in Filmen über den sibirischen Winter gesehen habe…

KUSCHELWEICH – Ahzuroh Hoho, nach dem Auszug meines Freundes Sandro nach drei Monaten in eine Einzimmer-Wohnung feierte ich vor Erleichterung eine großartige Party-mit-mir-selbst mit Kopfhörern auf den Ohren. Es blieb nicht aus, dass hin- und hergesprungen und durchs Zimmer getobt wurde. Der gute Mensch, der unter mir wohnte, meinte, ich würde mir zu spätabendlicher Zeit ein neues Bett zimmern, klingelte und rief bei mir an, aber ich hörte ihn natürlich nicht. Viel später fand ich dann seine überraschend freundliche Beschwerde vor, die er mit exakt den Worten auf den AB gesprochen hatte, die auch die TOTEN HOSEN 1990 als Intro für ihren Song „Azuroh“ genommen hatten. Als Vollblut-Punkrocker nahm ich aber natürlich die Version von einer unbekannteren Band auf dieses Tape…;-)

FREE YOURSELF – Quella Ick wees es nich mehr… einfach ein saugeiles Lied einer griechischen Hardcore-Band. Geiles, direktes nach-vorn-Gebretter!

RAZORS – Enemy Ebenso… ein geiles Lied, das mir später sogar mal dabei half, meine Flugangst zu verringern. Ich meine, dass seinerzeit eine Nachpressung von RAZORS erschien, und mir das Lied deshalb damals präsent war. Am Rande wundere ich mich aber, dass ich Lied einer anderen Hamburger Band nicht auf die Kassette genommen habe, das ich seinerzeit oft mit einem Schmunzeln habe laufen lassen: „Ich sitz in meiner Bude, da ist es höllisch warm“… (was natürlich nur selten der Fall war): BÄRBEL – Im Flur.

BOXHAMSTERS – Es regnet Wohl einfach aus der Freude heraus uffjenomm, weil ich die Boxhamsters im Jahr 2000 endlich mal live sehen konnte. Geiles Konzert im Tommyhaus, wobei mich persönlich das Getue der Vorband Tomte ziemlich nervte. Boxhamsters sind damals, glaube ich, leider auch schleichend in diese Richtung abgedriftet, was ein Jammer um eine großartig-dynamische Band mit intelligenten Texten. Und dann so’n Geseier machen… ich hasse es…

BEATLES – I wanna hold your hand Haha, böse Zungen meinten damals, ich hätte sonst nur Punkrock im Haus, und die Beatles-Kassette sei die einzige Nicht-Punkrock-Kassette, die es bei mir gegeben hätte. Vielleicht 100-mal habe ich diese mit zwei damals sehr engen Freundinnen gehört…

RANTANPLAN – Unbekanntes Pferd „Unbekanntes Pferd, lauf heim…“. Der letzte Song einer „Kiez-Disco“ im Zielona Gora, aus der wir morgens um 6 in die eisige, schwefelige Friedrichshainer Nacht stolperten. Gänsehaut bis heute - aber nicht etwa wegen der Gedanken an die vorherrschende Kälte…

SEX PISTOLS – Rock’n’Roll Swindle Ein großartiger Film, der mich bereits 1989, als er bei Tele 5 lief, schwer beeindruckte. Wie aufgebrachte Eltern gegen das Konzert einer Band protestierten, aus Sorge um ihre Kinder. Von Malcolm McLaren natürlich gekonnt ausgeschlachtet. Im Kino Durchs Fenster sah ich den Film um das Jahr 2000 herum das zweite Mal. Und wieder fand ich ihn… grooooßes Kino!

FLUCHTWEG – Berliner Luft Langsam näherte sich die Spielzeit dieser C90 ihrem Ende zu. Zeit für etwas melancholischere Klänge, die aber zugleich auch genau passend zum Thema waren. Fluchtweg besingen hier u.a. die „Stalin-Allee“. Als ich zum ersten Mal die Karl-Marx-Allee mit ihren mächtigen Bauten sah, wusste ich sofort: das muss die Stalin-Allee sein. Und genau wie es Fluchtweg besangen, war sie nachts besonders beeindruckend. Und „Pommes-Nebel“… na klar, auch die gehörten zur Luft der Berliner Nächte. Eine Band, die ich sehr gern gemocht habe. Die letzten paar Geschichten von ihnen waren dann aber sehr glatt und flach.

FRONTKICK – Danger „Pat und Patachon“ sah man seinerzeit häufiger über Berliner Flohmärkte laufen. Das waren der riesengroße Gitarrist Marty, meist noch mit Irokesen-Frisur, und der kleinere, aber reichlich dicke erste Sänger von Frontkick, der allzuschnell wieder zurück nach Spanien ging. Die erste 7“ ist noch mit dem alten Sänger, und in der Formation sah ich sie auch mal live im Koma F. Das hatte mehr Biss als die später sehr glatt gewordene Band…

EA 80 – Auf Wiedersehen Hier sagt der Text alles über eine Vorstellung, einen damals leider verstorbenen engen Freund einmal wieder zu sehen. „Es ist schon spät, und alles, alles ist gesagt, alle Geschichten sind erzählt. Sicher werden wir uns einmal wiedersehen, wie es gestern schon geschah. Dann werden wir erzählen, bis tief in die Nacht, von Abenteuern, und Herzen, die man brach. Doch wir kennen und so gut und wir wissen genau – nichts von alledem ist wahr!“ R.I.P.

LEATHERFACE – Message in a bottle Und tief versunken in der Melancholie… „I’m sending S.O.S. to the world - I hope that someone gets my message in a bottle“…

Tief gerührt verneige ich mich vor euch, verehrtes Renfield-Publikum, und stelle mir euren minutenlangen Beifall vor. Danke schön. Ein Freund arbeitet momentan daran, das Tape „ Wall City Rock. Learning Berlin Lesson 1, 1 ½ Jahre Berlin in 1 ½ Stunden“ zu digitalisieren, um es sicher für die Nachwelt zu erhalten.

Andi Kuttner

Dienstag, 30. Dezember 2014

Auferstanden - Ausgegraben

Schwer vorstellbar, dass der Name der wohl bekanntesten Crypt-Compilation mal so selbstbezogen zu deuten war. Es ging ja mehr um diese Songs, die auf diesen Platten vom gar nicht so kleinen Friedhof der Popgeschichte zurückgeholt wurden, aber wohl nie so selbst um das eigene Schicksal. Dabei sah es mal echt lange so aus, als wären die BACK FROM THE GRAVE-Sampler selber am Ende gewesen. Dass da noch was kommt, hätten wohl nur wenige gedacht. "Echt lange" heißt in diesem Fall übrigens 18 Jahre. Selbst in den alternativsten Subkulturen eine Ewigkeit, an deren Anfänge sich kein Szenezombie noch erinnern kann.

Und jetzt? Ist es passiert, nicht einen, sondern gleich zwei neue BFTG-Sampler gibt's. Man hält's kaum aus.
Eigentlich unglaublich, dass es 18 Jahre her ist, seit die achte Compialtion dieser Reihe veröffentlicht wurde. 18 verdammte Jahre. Hast du damals ein Kind in die Welt gesetzt, hat es jetzt schon den Führerschein. Und du? Erinnerst dich vielleicht sehr gut daran, wie du in den 80ern und/oder 90ern volljährig warst und mit Muttis grauem Golf Zwo und deinen Jeansbekleideten Punkkumpels durch verschneite Landschaften zum NEWDEVILOBLIVIANSPAGANSLAUGHINGHYENASTURKS- Konzert in die nächste große Stadt gefahren seid. Und das in dieser biederen Karre, in der es so kalt war, dass dem Typen ganz links auf der Rückbank in der Nacht beim Rausch ausschlafen die Haare an der kondenswassergetränkten Innenscheibe festgefroren sind. War ja auf dem Weg zurück dann auch alles sehr eng – alle breit und voll, aber selig, denn neben den Erinnerungen an ein geiles Konzert war der der Wagen auch voll mit neuen Platten, für die man all sein Weihnachtsgeld von Oma hergegeben hat. Und einer hat eventuell auch den neuen Back-From-The-Grave-Sampler mitgenommen. Weil das gezeichnete Cover so geil aussah und die Euphorie war da. Obwohl man keine Band darauf kannte, weil das ja alles so obskure Amibands aus dem behüteten mittleren Westen waren, die 30 Jahre zuvor mal eine Single aufgenommen haben. Zuhause hat man dann beim ersten Hören einen Geschmack davon bekommen, dass Beat auch mal Punk sein konnte und Punk eben nicht erst mit dem Ramones und Slime anfing. Sondern dass auch 60ties-Bands ziemlich ruppig und irre war.

Nun also gleich in zweifacher Ausführung. Nach so langer Zeit musste es wohl die Doppelnummer sein. Was ja nur heißt, dass es da draußen noch so unglaublich viel unentdecktes Beatzeug gibt, das irgendwann mal in Acetat geritzt wurde. Plattenpresswerkbesitzer hätte man damals sein müssen!

Vielleicht kann man sich Tim Warren von Crypt Records als eine Mischung als Detektiv und Archäologe im Indiana Jones-Format vorstellen. Einer, der auch in die finstersten Ecken des amerikanischen Kontinents zieht um DAS eine Exemplar einer lang verschollenen 7inch zu finden. Jedenfalls als einen, der sich darum kümmert, dass diese Perlen der Teenbeat-Geschichte nicht komplett verloren gehen. Denn die Bands auf den BFTG-Samplern sind nie diejenigen, die 1000e von Platten verkauft haben. Es war wohl mehr wirkliche DIY-Arbeit von ein paar Jungs in den US-Provinzcombos , die unbedingt wie die Beatles, die Stones, die Sonics oder die Kinks klingen wollten – aber eben nicht nächtelang Konzertreihen in Hamburgs Beatschuppen hatten oder in London lebten, sondern die lokalen Garage-Rockhelden in irgendeinem Kaff in Arkansas, Indiana, New Jersey oder Tennessee waren. Die vielleicht 1-2 gute Songs hatten und diese dann in Eigenregie auf eine 100ter-Auflage Vinyl pressen ließen, um diese dann an Freunde, Verwandte und Groupies zu vertickern. Oder unterm Bett vergammeln ließen und später beim Yard Sale verramscht haben. Genau so entstehen Raritäten.

Das war das Gute an den BFTG-Samplern. Plötzlich hatte man Songs, die keiner hatte. Von Bands, die keiner kannte und sie waren nicht viel schlechter als die Mainstream-60ies-Bands. Vielleicht etwas wackeliger gespielt, etwas räudiger aufgenommen und manchmal auch einfach billig kopiert. Aber genau dieses Unperfekte machte ja diese unzähligen und kurzlebigen Früh-Rock’n‘Rollbands so charmant. Und vielleicht erfüllten sie gerade dadurch den Wunsch nach Authentizität, dem ja jeder Musikfreak so gern hinterherhechelt.

Ich könnte versuchen, nur die wichtigsten oder besten der 30 Bands aufzählen, die auf BFTG 9 und 10 vertreten sind, zu erwähnen. Aber das funktioniert nicht. Denn es gibt hier nicht den unglaublich herausragenden einzelnen Song. Andersherum gibt es auch keinen absolut schlechten Track. Was hier ausgebuddelt wurde, soll nicht mit Namen glänzen. Denn das ist alles geil. Kann alles in einem Stück durchlaufen, egal ob man sich Volume 9 und 10 auf der einen CD anhört oder separat jeweils auf Vinyl (was den Vorteil hat, dass man das grandiose Artwork von No. 10 auch in angemessener Größe bewundern kann). Da ist kein Hänger oder Luschensong dabei. Und gerade mal zwei Coverversionen. Darauf zu verzichten gehört vielleicht auch zum Ethos des Sampler-Reihen-Herausgebers.

Was auch dazugehört, ist wohl die angemessene Informationsversorgung der gierigen Garagegemeinde mit Infos zu Bands und Songs, die nach 40-50 Jahren nochmal ans Licht gezerrt wurden. Deshalb diese beiden fetten Booklets, mit Infos zu wirklich jeder Band und jedem Song und Fotos und Abbildungen der Orginal-7inches. Was angesichts der schlechten Quellenlage ein Arbeitsaufwand ist, an dem sich manche Billo-Kompilation mal was abgucken kann.

Das Angebot von Samplerreihen, die allerlei obskure Rockmusik aus früheren Zeiten anbieten, ist mittlerweile riesig. Crypt Records hat neben den BFTG-Platten auch noch die mit frühem und obskuren Rock-a-Billy/Novelty-Songs versehene Sin Alley-Reihe aufgelegt, und das hat im Laufe der Jahre viele Nachahmer gefunden. Was aber die optische und inhaltliche Aufarbeitung (Cover! Artwork! Booklets! Infos!) angeht, kommen viele Sampler nicht mit.

18 Jahre. Lange Zeit für Rock’n’Roll. Da waren viele in den letzten 18 Jahren wohl mit anderen Sachen beschäftigt, als jeden Tag der dringenden Frage nachzugehen, wann denn die nächste BFTG-Compilation erscheint. Schande über uns alle, die wir damit nicht gerechnet haben. Und große Verneigung vor der Crypt-Crew für diese zwei wunderbaren Platten. (C)

Gary Flanell

Crypt Records

Dienstag, 23. Dezember 2014

Do they know it's Ebola?

Neues von Kunst Kacke Sound System!

Wenn alte englische Pop-Adlige und alte deutsche Punk-Adelige meinen, all ihre Kollegen von der Plattenfirma unter die Knute eines gemeinsamen miesen Pop-Songs zur Wiederherstellung der Kontinentalgesundheit zwingen zu müssen, ist es Zeit zum Eingreifen.

Das Berliner Kunst Kacke Sound System (https://www.facebook.com/KunstKackeSoundSystem) prangert an und zwar nach feinster kunstkackerischer Art:
Gleiches mit Gleichem vergeltend hat das Kollektiv von wechselnden Berliner Musikerinnen und Soundvirtuosen um Gary Flanell und Niki Matita eine Krachersingle hingelegt, die sich Geldof und Konsortien in die schmalztriefenden Engelslocken schmieren können.
Kein Trostpflaster hilft gegen eine dermaßen tödliche Krankheit wie Ebola und Charitas hat die Welt auch nicht verbessert. Es gibt sogar den begründeten Verdacht, dass Wohltätigkeit die wirtschaftlichen und sozialen Mißstände und die globale Ungerechtigkeit eher erhärtet und manifestiert. Kunst Kacke Sound System ist nicht an monetären Profiten interessiert. Alle Künstlerinnen und Künstler sind auf eigene Kosten ins Trickster-Gamma-Zett-Zwo-Pferdekopf7-Studio nach Kreuzberg gereist und haben ohne Gage mit vollem Einsatz auf Instrumenten gespielt, die sie zuvor nicht beherrschten.
Mit der Tophit "Do They Know It's Ebola" auf der A-Seite und dem besinnlichen "AmaMaman" als Gegenstück haben Veit Rausch, L.Küstennebel, I. Bell, Jeanne Neton, Niki Matita und Gary Flanell in einem Moment der Entladung und der temporären Befreiung innerer und äußerer Zwänge herrschaftsfreie Musik vom Feinsten entstehen lassen!
Davon dürfte bei Leuten wie Bob Geldof oder Campino herzlich wenig zu spüren gewesen sein als sie ihr süßliches Christengewäsch aufgezeichnet haben, denn was ist Weihnachten sonst? Ein Fest für die ganze Familie, alle Menschen werden Brüder, Ihr Kinderlein kommet?! In Guinea, wo die Ebolaviruserkrankung Anfang 2014 ihre epidemische Verbreitung begann, sind 90% der Bevölkerung muslimisch und kennen weder Maria, noch Josef oder Baby Jesus.

Die Radioweltpremiere der aktuellen Weihnachtssingle "Do They Know It's Ebola / AmaMaman" von Kunst Kacke Sound System ist am 23.12.2014 in der Sendung "Einheimische Gewächse" (https://www.facebook.com/EinheimischeGewachse) ab 23:30 Uhr auf colaboradio.
colaboradio ist in Berlin auf UKW 88,4 MHz oder im Internet weltweit zu empfangen: http://senderberlin.org/programm/sendung/23258.html#Einheimische%20Gewächse Ganz ohne Radio anzuhören gibt's das Statement des KuKaSoSy zu dem ganzen Charity-Klimbim hier:
http://www.mixcloud.com/minimatika/kunst-kacke-sound-system-do-they-know-its-ebola-a-seite-mastered
und die B-Seite hier:

http://www.mixcloud.com/minimatika/kunst-kacke-sound-system-amamaman-b-seite-mastered/ Niki Matita

Dienstag, 9. Dezember 2014

Das Renfield-Team im Arbeitskampf

Kommt mir jetzt nicht mit Weihnachten. Ich weiß, die wäre ein billiger, aber immer guter Aufhänger, um einen Blogeintrag zu posten. Nutz ich aber nicht. Ich mach heute nicht mal 'ne Kerze an. Sondern beschäftige mich mit einer Frage, die einem am Ende des Jahres beim Blick ins winterliche Dunkel und mit Blick auf das näherkommende nächste Jahr gelegentlich doch mal kommt.
Wie wollen wir eigentlich leben?

Wie will ich eigentlich leben? Immer Hartz4? Immer öde stupide Arbeit? Immer solo? Immer nur eine Beziehung nach der anderen? Immer zynisch? Immer müde? Immer überfordert, krank und ausgebrannt? Immer im Reihenhaus oder immer WG? Immer Wagenburg, immer Hinterhof oder immer Blick auf den Plattenbau gegenüber? Immer Altbau oder immer Bungalow? Immer sicher? Immer volles Risiko? Immer geplant oder immer spontan? Immer nur schreien oder immer stumm? Immer nur laufen oder immer nur stillstehend? Immer nur agierend oder immer nur reagierend? Ok, reicht.

Kurze Antwort: Ich weiß es nicht. Ich glaube auch nicht, dass das irgendjemand auf diesem Planeten wirklich weiß. jedenfalls so, dass er/sie es in einem Satz erklären könnte. Es gibt wohl keine einfache Antwort auf diese Frage. Aber mit eben dieser Frage sind wir im Jahr 2014 nun wahrlich auch nicht die ersten. Wirklich nicht. Das haben sich schon ein paar andere Leute gefragt, ich wette sogar, seit ein paar Jahrtausenden fragen sich das immer irgendwelche Gestalten und meinen desöfteren eine simple Antwort darauf gefunden zu haben. Einige haben sogar schon Filme dazu gemacht.
Zu Beispiel diesen hier:

Das Jahr 01 (L’an 01)
"Das Jahr 01" ist einer der wenigen Spielfilme, die sich gründlich mit der Frage „wie wollen wir leben?“ beschäftigt. Eine sozialistische Übergangsphase, ein Zentralkomitee oder sonstige Instanzen, werden dafür nicht als nötig erachtet. An einem Tag um 15:00, ist es soweit: „Wir stoppen alles, denken nach und es ist echt nicht traurig!“.
Von nun an wird alles mögliche umgewälzt oder abgeschafft (entfremdete Arbeit, Geld, Privateigentum, Knäste…). Das Spiel, die Lust, die Wissenschaft, die Kunst wird von jedem, der es möchte, angeeignet.
Das Jahr 01 basiert auf dem gleichnamigen Comic und wurde Anfang der 70er Jahre überwiegend in Frankreich gedreht. Wer die Regisseure sind, ist – auch wenn sie teilweise Karriere gemacht haben – vollkommen unwichtig. Es ist ein kollektives Spiel, ohne Hauptdarsteller_innen. Deshalb kann man im Vorspann keine Namen lesen: „Es sind so viele und sie werden sich schon erkennen“.
labournet.tv hat die ersten deutschen Untertitel erstellt.
Und genau den Film schaut sich die RENFIELD-Crew und alle, die es mit ihr tun wollen, am kommenden Donnerstag ab 21 Uhr an.

Stattfinden wird diese rein private Veranstaltung im schönsten selbstorganisierten Schnapsloch Berlins ab 20 Uhr und wer mag, darf hinterher auch noch gern mit allen Anwesenden bei geistigen Getränken über seine Antwort auf die oben genannten Frage diskutieren..
Die Deutschen Untertitel werden im Rahmen der Veranstaltung auf CDs zu Verfügung gestellt.

Dienstag, 2. Dezember 2014

Crooning 'round the Monatsende

Am Ende kaufe ich doch noch zwei 7inches. Die Songs habe ich schon auf Gaspard Royants-CD-Compilation, aber so ganz rational kann man das bei Plattensammlern eh nie erklären, warum sie was kaufen. Vielleicht ist es eine Mischung aus Kalkül (Die Dinger könnten ja irgendwann mal was wert sein), Genuss (die Songs waren im Set am besten) und schlicht und ergreifend Sucht. Nach neuen Platten.

Garspard Royant ist für einen Promo–Gig mit seiner Band nach Berlin in den Fluxbau gekommen. Heißt: Das Ding ist irgendwie nicht öffentlich. Dafür ist der Laden voll mit–zig Menschen der Gattung Irgendwas-mit-Medien-Typen. Gehöre ich ja auch irgendwie zu. Schließlich wurde Royants Single-Compilation im aktuellen Renfield rezensiert und in der SubCult-Radioshow auch gespielt. Trotzdem fremdele ich mit all diesen jungen und gut gekleideten Menschen um mich rum. Sehen irgendwie alle sehr glatt aus. Und ich hab mein bestes Hemd angezogen.

Die Backing- Band kommt in der guten alten Rock/Beat-Besetzung daher. Gitarre, Bass, Schlagzeug, kein Keyboard. Sehen alle drei aus, als könnten sie auch in einer angesagten Indierockkapelle spielen. Gaspard Royant hat eine leichte Ähnlichkeit mit Ken Jebsen und steckt in einem weißen Sakko, das auch Elvis schon in jungen Jahren getragen haben könnte. Auch sonst sieht er sehr geschniegelt aus. Frisch rasiert, gut gescheitelte Frisur, dazu Lackschühchen. Hat auch was von einem Nachkriegs-Eisdielenverkäufer. Ein ordentlicher junger Dandy, den man so auch als Schwiegersohn herzeigen könnte. Das Outfit passt natürlich spitze zu dem Sound, denn der ist auch ziemlich retro. Sixties-Beat, frühe Beatles, frühe Stones, frühe Kinks, Northern Soul, Ye-Ye-Pop – alles drin. Immer ordentlich Twang auf der Gitarre, alles immer sehr treibend und tanzbar. Klar, wenn die Snare durchpeitscht, dann kriegt selbst die softeste Beatnummer einen guten Drive. Dazu englische Texte, die vielleicht nicht sehr tiefsinnig, aber recht smart sind, und mit unglaublichem Schmelz in der Stimme vorgetragen werden. Ein Schnulzensänger ist Gaspard Royant zwar nicht, aber nah dran. Die Posen und Moves der Crooner der späten 50er bis zu den frühen 60ern hat er jedenfalls gut und genau einstudiert.

Fünf Singles hat Gaspard Royant in den letzten Jahren rausgebracht, diese gibt es nochmal zusammen auf der Compilation „10 Hit Wonder“. Jede andere Band hätte sich wahrscheinlich nach zwei 7inches auf das Projekt Langspielplatte gestürzt. Aber in Hinsicht auf das Format hat der Franzose sich an den Künstlern der frühen Rock’n’Roll- und Beatgeneration gehalten. Heißt: Erst mal Singles rausballern, was das Zeug hält. Für das größere Vorhaben einer eigenständigen LP mit all ihren konzeptionellen Raffinessen scheint erst mal keine Zeit gewesen zu sein. Da die Menge aber irgendwas haben will, außer einen Song nach dem anderen kleckerweise gereicht zu bekommen musste wohl im Herbst eine Kompilation hinterher.

Schon während des zugegeben sehr unterhaltsamen Gigs bin ich ein wenig zwiegespalten. Denn einerseits ist dieses Retroding, das Royant konsequent durchzieht, schon charmant. Ein wenig moderner als aus Omas Wurlitzer klingt das schon, wenn auch nicht so, wie das die BLACK KEYS, THE WHITE STRIPES oder THE STROKES fabrizieren. Nicht so dreckig und laut wie manche Garage-Band. Denn dafür sind die Songs von Gaspard Royant einfach zu glatt. Er wirkt wie ein Star aus der Zeit, als es noch Sendeschluss und schwarz-weiß-Fernsehen gab. Smart, beweglich, sich von der Monitorbox zu den schmachtenden Mädels Publikum runterbeugend und am Ende noch auf den Tresen springend. Macht alles Laune, wirkt aber wie ein Re-Enactment goldener Showzeiten, als die Verhältnisse noch klar waren – eben wie in den goldenen 60ern. Selbst als die in der Zugabe sogar Jim Morrison zitiert wird, bleibt das alles zu lieb. Da ist nichts Gefährliches, nichts Bedrohliches, nichts Außenseiter-mäßiges, nichts was die Rock’n’Roll-Darsteller in den frühen Zeiten so faszinierend machte.

Vielleicht sind es die Brüche, die mir bei Gaspard Royant ein wenig fehlen. Entertainerfigur ja, aber warum das Ganze nicht ein bisschen überziehen, etwas karikieren oder mit etwas Ironie versehen? Aber vielleicht will heute niemand mehr gravierende Irritationen in der Darstellung so einer Figur, keine seltsamen Verweise, kein unvorhergesehenen Wahnsinn. Vielleicht gab es in den letzten 30 Jahren doch zuviele Provokateure auf den Bühnen, so dass das Publikum heute lieber was einfach authentisch Wirkendes sehen will. Ohne Verwirrung. Oder ist die Tatsache, dass da einer so authentisch seine Beat-Musik spielt, dass er auch vor 50 Jahren zu Ruhm und Geld hätte kommen können, heutzutage schon so richtig alternativ? Gaspard Royant ist auch nach dem Konzert am Plattenstand einfach ein netter Typ und signiert fleißig, was man ihm an Tonträgern und Merchandise hinhält. Profi halt. So gesehen ist Gaspard Royant ein Künstler, zu dem du gut mit deiner Mutter oder deiner Oma hingehen kannst. Die würden es auch gut finden, schließlich fanden sie die Stones und die Beatles ja auch ganz gut, als sie mal jung waren. Aber damit passt er genauso gut ins Frühstücksfernsehen von Sat.1 wie in den zu einem irgendwie alternativen Radiosender gehörenden Fluxbau.

Gary Flanell

Dienstag, 25. November 2014

Berlin? Immer wieder besetzt.

Supermolly, Tommy-Haus und Schokoladen - für Konzertgänger sind das feste Einrichtungen im Kulturleben von Friedrichshain, Kreuzberg und Mitte. Den meisten wird auch irgendwie klar sein, dass es sich bei diesen Clubs um selbstverwaltete Projekte handelt oder dass sie ihren Ursprung als besetzte Häuser haben.
In der geographischen und zeitlichen Wahrnehmung werden Squats in Berlin oftmals in die oben genannten Bezirke beziehungsweise in dn 70er bis 90er Jahre verordnet - und gehören somit schon ein wenig zur Berliner Historie. Aber die Besetzung von Raum, privat der öffentlich, ist nicht nur was für 80er-Jahre-Nostalgiker oder Geschichtsbücher, sondern finden immer noch hier und jetzt statt. Jüngstes Beispiel ist das Refugee-Camp am Oranienplatz und die anschließende Besetzung der Gerhard-Hauptmann-Schule.
Allerdings wird auch die Tatsache, dass in vielen anderen Gegenden Berlins immer wieder Besetzungen durchgeführt wurden, oft vergessen. Eine Übersicht über die existierenden und vergangenen Besetzungen der Stadt fehlte bisher. Grund genug für das PAPPSATT MEDIENKOLLEKTIV, im Sommer 2014 die interaktive Homepage „berlin-besetzt.de“ online zu stellen, auf der man sich über die Geschichte der Hausbesetzungen der letzten 30-40 Jahre im gesamten Berliner Stadtgebiet informieren kann. Über die Hintergründe dieses virtuellen Squatting-Stadtführers gab der Initiator der Seite, Toni Grabowski, gern Auskunft - natürlich passend zwischen Südblock und „Kotti & Co.“ am Kottbusser Tor in Kreuzberg.

Gary (G.): Hallo Toni, Ich weiß nicht mehr genau, wann ich zum ersten Mal auf Berlin-besetzt.de gestoßen bin, weiß aber, dass die Seite in den Wochen, seit sie online gegangen ist, in den Medien sehr präsent war. Hat dich dieses Medienecho überrascht?
Toni Grabowski (TG): Mich hat es schon überrascht, welche Kreise das gezogen hat. Es hat mich nicht überrascht, dass es ein großes Echo gab. Weil ich das Projekt ja selber gemacht habe, habe ich selber gemerkt, dass es eine Riesenlücke in der Aufarbeitung der Hausbesetzergeschichte gibt.
Aufgrund dieser Lücke habe ich damit überhaupt angefangen. Weil ich dachte, dass es ja nicht sein kann, das es da nichts gibt. Letztendlich ist das ja ein wahnsinniges Stück Berlingeschichte, bei dem auch unglaublich viele Leute involviert waren. Ich habe mal zum Spaß hochgerechnet: Wenn ich allein alle Leute nehme, die halt in irgendeiner Weise mal persönlich was mit besetzten Häusern zu tun gehabt haben, und davon jeder einmal auf die Seite klickt, dann ist das schon eine astronomische Zahl.

G.: Aber wie bist du denn dann auf diese Lücke in der Berliner Stadtgeschichte gestoßen?
TG: Dadurch, dass ich in einer linken Szene aufgewachsen bin und mich dort auch bewege. Es ist wohl schon ein Fakt, dass ein Großteil dieser Szene, die wir haben in Berlin, durch Besetzungen entstanden ist. Vielleicht nicht entstanden, aber ein Großteil der Infrastrukturen, die wir nutzen, kommt schon von Besetzungen her. Die ganzen Haus- und Kulturprojekte, die es so gibt. Selbst wenn sie nicht besetzt waren, haben sie direkt mit Hausbesetzungen zu tun. Es ist überall präsent, gleichzeitig war dieses Thema schon da.
Letztendlich war der Anlass die Karte zu machen, dass ich mich mit Landkarten, Karten als politisches Instrument und DIY-Karten beschäftigt habe. Dann war da auch die fixe Idee, schnell die besetzten Häuser zusammenzutragen und die in eine Karte einzutragen, und gut ist die Sache. Es war eigentlich nicht mehr als so etwas gedacht. Dann wollte ich recherchieren und habe festgestellt, dass es keinerlei Listen gibt. Es gibt ein paar aus den 80ern, vereinzelt aus den 90ern, aber bei weitem nicht vollständig und auch nicht von beiden zusammen.

G.: Du sagst, es gab da ein paar Listen, aber das klingt, als wäre das eine sehr mühselige Arbeit gewesen. Wie hast du die Informationen denn zusammengetragen? Hast du da nur vorm Rechner gesessen oder bist du da auch vor Ort gewesen und hast dir besetzte oder ehemals besetzte Häuser angeschaut?
TG: Teils, teils. Mit Unterbrechungen läuft das Projekt seit fünf Jahren. Am Anfang stand das Papiertiger-Archiv. Die sammeln seit Ende der 70er alles zu den sozialen Bewegungen in Berlin, Schwerpunkt auch die Hausbesetzerzeiten der 80er, die haben wahnsinnig viel Material. Die haben angefangen mit so einer Liste, aber nur sehr rudimentär. Ich bin dann die ganzen Szenepublikationen durchgegangen, Flyer, Szene-Zeitschriften wie die Instandbesetzerpost, Broschüren, vereinzelt Bücher. Bin systematisch alles durchgegangen, habe viel gescannt, und alle Daten rausgeschrieben und in einer riesigen Excel-Datei angelegt.

G.: Bist du denn auch direkt zu irgendwelchen Adressen hin gegangen um zu schauen, ob es da noch ein besetztes Haus gibt und wie das jetzt aussieht?
TG: Ich fotografiere auch nebenbei soziale Bewegungen in Berlin. Von daher beobachte ich eh auch die Szene, und was darin passiert, und bin auch während des Projekts durch die Straßen gelaufen, habe viele Leute befragt und Kontakte zu Hausprojekten geknüpft. Da kamen auch noch viele Korrekturen und Ergänzungen.
Ich bin auch später zu einem Kollektiv gestoßen, SqEK-Squatting Europe Kollective (1). Die haben letztendlich die Arbeit noch vervollständigt, weil die ein noch umfangreicheres Projekt über besetzte Häuser in Europa haben. So hat sich das immer mehr erweitert.

G.: Ich verbinde besetzte Häuser in Berlin immer mit den 70er und 80er Jahren. Würdest du sagen, dass das damals die Hochzeit der Hausbesetzerbewegung war?
TG: Es war auf jeden Fall die Zeit, in der es eine Hausbesetzungsbewegung gab, die auch in andere Bewegungen eingebettet war, wie die Mietproteste, die es Ende der 70er/Anfang der 80er gab. Es war auf alle Fälle Teil einer breiten gesellschaftlichen Bewegung. In den 90ern gab es auch wahnsinnig viele Besetzungen. Die waren aber weniger in gesellschaftliche Kämpfe eingebunden. Es war eher Teil einer staatspolitischen Initiative.
Aber jetzt gerade ist ja auch wieder so eine Art Hochzeit. Es gibt zwar weniger Besetzungen, dadurch dass es weniger Leerstand gibt. Aber es gibt wieder wahnsinnig viele stadtpolitische Aktivitäten. Hausbesetzungen sind letztendlich ein Werkzeug und Mittel zum Zweck und nicht nur isoliert zu sehen. Es geht ja nicht nur um Häuser.

G.: Jetzt aktuell gibt es die besetzte Gerhart-Hauptmann-Schule und die Proteste am Kotti. Wie haben sich die Gründe für Hausbesetzungen in den verschiedenen Jahrzehnten geändert?
TG: In den 70ern waren es ja meist Jugendliche aus sozial schwierigen Verhältnissen, die die Häuser besetzt haben. Die haben das einfach aus der Not heraus gemacht, weil sie keinerlei Treffpunkt hatten, wo sie sich ungestört von Autoritäten, Lehrern, Eltern, Cops treffen konnten.
Das ist ja heute völlig undenkbar, war aber damals offensichtlich so. Da mussten sie aus der Not heraus einfach Häuser besetzen, um solche Räume für sich zu haben, beispielsweise das Rauchhaus, oder das Tommy-Weißbecker-Haus, die gibt es ja heute noch als selbstverwaltete Jugendzentren. In den 80ern gab es wahnsinnig viel Leerstand und gleichzeitig extreme Wohnungsknappheit. Heute gibt es weniger Leerstand, aber ein Riesenproblem, Wohnungen zu bekommen.

G.: Das bezieht sich aber meist auf die Gebiete innerhalb des S-Bahn-Rings, würde ich sagen, aber außerhalb geht das ja noch...
TG: Das ist jetzt vielleicht so, aber Lichtenberg füllt sich gerade auch. Es wird wohl nur eine Frage der Zeit sein, bis sich das bis in die Außenbezirke ausweitet. Von daher sind die Gründe schon ähnlich. Auch das Bedürfnis in einer Stadt präsent zu sein, sich auszutauschen, mit anderen Leuten Protesträume zu schaffen, scheint gerade recht groß zu sein, das ist ja auch nichts Neues.
Die aktuellen Besetzungen sind ja eher Protest-Besetzungen, wie zum Beispiel das Refugee-Camp am Oranienplatz oder Kotti & Co. Die sind ja nicht da, um die Fläche zu haben, die nehmen sich ja Flächen, um in der Öffentlichkeit sichtbar zu sein und ihren Protest nach außen zu tragen. (Das stimmt so aber auch nicht ganz, die Refugees in der Ohlauer wollten auch einfach da bleiben dürfen. Es geht also auch um fehlende Fläche, um beides: Sichtbarkeit und Platz. Anmerkung der Red.)

G.: Wenn ich an besetzte Häuser denke, fallen mir als erstes bekannte Orte wie die Köpi, das Tommy Haus, das Supamolly ein. Das sind ja auch schon überregional sehr bekannte Häuser, die auch gern von Berlin-Besuchern frequentiert werden. Glaubst du dass eine Karte, wie du sie jetzt online gestellt hast, den Squatting-Tourimus in Berlin nochmal verstärkt? Dass am Thema interessierte Touristen sagen: Ich mach jetzt mal anhand der Seite eine Tour zu den schönsten besetzten Häusern der Stadt?
TG: Klar, aber das ist halt immer ein Problem mit den Besetzungen. Alles, was man im Stadtraum macht und attraktiv ist, zieht ja auch immer neue Leute an. Das ist ja auch das Problem mit der Gentrifizierung. Ich denke schon, dass man gerade linken Subkulturen vorwerfen kann, dass sie der erste Motor der Gentrifizierung waren. Darum geht‘s mir in erster Linie nicht.
Mir ist es eher wichtig, zu zeigen, dass das eine Form von Stärke ist, die man nach außen tragen kann. Dass man zeigen kann, dass es solche Orte gibt und dass in ihnen ein anderes Leben möglich ist. Klar, in jedem Ort, den man regulär mietet, muss man sich nach den Regeln der Marktwirtschaft verhalten. Man muss Eintritt nehmen, man muss teuer Getränke verkaufen, da findet ja auch ein soziales Leben unter ganz anderen Rahmenbedingungen statt. Und das sollte man mit Stolz herzeigen, um zu zeigen: Es geht auch anders. Man kann sich auch anders organisieren, wenn man nur die Scheißmiete nicht hat.

G.: Gab es denn auch Projekte, die ihre Mitarbeit quasi verweigert haben? Die gesagt haben: Wir wollen hier gar nicht öffentlich verzeichnet werden?
TG: Hab ich ehrlich gesagt nicht so gefragt. Aber ich habe nur öffentliche Quellen genommen, von daher bin ich der Meinung, es geht dabei um den öffentlichen Raum und die Öffentlichkeit, und sich der zu entziehen finde ich politisch auch fragwürdig. Klar gibt es Projekte, die nicht im Fokus stehen wollen, aber worum geht es denn dann bei der Besetzung? Um sich sein eigenes kleines Nestchen zu kapern oder ein politisches Zeichen zu setzen?

G.: Also ist eine Besetzung immer ein politisches Zeichen?
TG: Nicht immer, es gibt ja auch stille Besetzungen, aber sobald sie nach außen kommuniziert werden, ist es ein Statement.

G.: Was ich bei den Beschreibungen der besetzten Häuser ganz gut fand, war, dass man da viel über Besetzungen erfährt, von denen ich gar nicht wusste, dass das so möglich war. Heute kennt man ja nur komplett besetzte Häuser. Aber es gab ja auch so Sachen, wo nur einzelne Wohnungen oder auch nur der Dachboden besetzt wurden. Hast du bei deiner Recherche auch was gefunden, was dich besonders überrascht hat?
TG: Schräg fand ich vor allem zu sehen, in welchen Bezirken Besetzungen stattgefunden haben. In Zehlendorf gab es zum Beispiel einen Fall von einem JZ, von dem auch eine Besetzungserklärung dokumentiert ist. Ich habe dann bei der Recherche im Netz rausgefunden, dass da an der gleichen Adresse immer noch ein Jugendzentrum existiert und dass da immer noch komischerweise genau die Sachen stattfinden, die in der Besetzungserklärung gefordert wurden, nur dass kein Wort darüber verloren wird, dass da möglicherweise mal eine Besetzung stattgefunden hat. Das fand ich ganz interessant.
Auch habe ich von Tischlerkollektiven in Lichterfelde Ost erfahren, die es offensichtlich auch noch heute gibt, jetzt aber in Form von Kollektivbetrieben organisiert sind. Und dass es noch relativ starke Strukturen in Charlottenburg gibt. Das hat mich überrascht.

G.: In dem Taz-Artikel über berlin-besetzt.de wurde gemutmaßt, dass Toni Grabowski höchstwahrscheinlich ein Pseudonym sei. Jetzt findet sich aber auf der Homepage eine Handynummer und eine Mail-Adresse. Das sieht für mich nicht so aus, als wolltest du komplett anonym bleiben. Was steckt denn dahinter?
TG: Zunächst sehe ich mich als Teil vom Kunst- und Medienkollektiv Pappsatt (2) und möchte hervorheben, dass ich das Projekt als Teil der Gruppe gemacht habe und persönlich eher zurücktreten will.

G.: Würdest du sagen, dass Berlin durch die Menge an besetzten Häusern einzigartig in dieser Hinsicht in Europa ist – quasi die Hauptstadt der besetzten Häuser?
TG: Berlin ist von daher schon einzigartig, weil es ja die Teilungssituation mit der Mauer hatte. Das ist ja heute kaum vorstellbar, dass Kreuzberg das Ende von Berlin war und keine Sau da wohnen wollte, außer ein paar Leuten, die sich vorm Wehrdienst drücken wollten. Und dass der Rest es eher gemieden hat, da hin zu ziehen, weil es eine schlechte Verkehrsanbindung gab und alle Häuser geschrottet waren. Das hat natürlich in den 80ern eine Situation geschaffen, die es so gar nicht nochmal in einer anderen Stadt gab.
In den 90ern entstand durch den Fall der Mauer dieses Machtvakuum, diese ganzen freien Flächen, die plötzlich da waren. Die von den Besetzern genutzt wurden. Dass die Volkspolizei nicht eingreifen konnten, dass die Westberliner im Osten auch nicht eingreifen konnten, das sind historisch einmalige Situationen aus denen wahnsinnig viel resultiert.
Die Punk-Kultur hat durch die Umstände einen perfekten Platz zum Gedeihen gefunden, die Technokultur genauso. Ich glaube, dass die gesamte Clubkultur aufgrund des ganzen Leerstands und der ganzen Brachen, die illegal bespielt wurden, entstanden ist. Es gab halt so einen Nährboden. Dasselbe kann man über die Graffiti-Kultur sagen. Durch die Mauer gab’s halt viele Mal-Flächen.

G.: Berlin-Besetzt.de ist jetzt seit einiger Zeit online, man kann sich das im Netz anschauen und die Web-Site ist ja eigentlich fertig. Ist das für dich ein abgeschlossenes Projekt oder geht das noch weiter?
TG: Das wird auf jeden Fall weitergehen. Ich bekomme regelmäßig Zusendungen von weiterem Material, Fotos, auch von Korrekturen. Es werden auch noch viele Lücken vervollständigt. Ich denke, dass in Berlin noch viel passieren wird. Ich habe das Gefühl, dass es gerade erst der Anfang von einer neuen stadtpolitischen Bewegung ist. Generell denke ich aber, dass die Seite erst ein Anstoß ist für eine Aufarbeitung der Geschichte. Oder vielleicht um ein Bewusstsein zu schaffen, um mal an vergangene stadtpolitische Kämpfe anzuknüpfen. Um mal zu schauen: Was gibt‘s heute, was gab’s damals?
Persönlich ist es für mich deshalb nicht abgeschlossen, weil es für mich und andere Gruppen nur ein Teil einer umfassenderen Arbeit ist. Mit dem Pappsatt-Medienkollektiv arbeiten wir gestalterisch zum Thema Stadtpolitik und Stadtaneignung. Wir gestalten Fassaden, hier am Görlitzer Bahnhof haben wir ein Fassadenbild (3) erstellt für die aktuellen Stadtkämpfe. Es ist so wie ein Spielbrett dargestellt. Zum anderen gibt es jetzt auch eine Printkarte, die im September vor dem Wandbild veröffentlicht wurde. Im September ist auch ein Buch zum Thema „Strategien der Stadtaneignung“ (4) erschienen. Von daher sehe ich es nur als einen Baustein unserer Aktivitäten.

G.: Glaubst du, dass berlin-besetzt.de irgendwann in einen größeren Zusammenhang eingebunden wird, dass es mal eine Weltkarte der besetzten Häuser geben wird?
TG: Könnte es geben, weil die Daten ja jetzt auch für andere Recherchen zur Verfügung stehen. Das Problem sehe ich vielmehr in der Umsetzung. Es ist wahnsinnig schwierig für so ein Projekt Geld zu kriegen. Ich habe selber gemerkt, dass da sehr viel unbezahlte Arbeit drinsteckt.

G.: Letzte Frage: Wer definiert eigentlich, wann ein Haus besetzt ist? Die Besetzer oder die Stadt bzw. der Staat? Die Stadt ist vielleicht schnell dabei zu sagen: Das hier ist besetzt, das räumen wir jetzt...

TG: Wenn man aber andererseits Besetzungen als politischen Akt sieht, definieren es ja schon die Besetzer. Wer weiß, vielleicht weiß der Eigentümer gar nicht, dass er dieses Haus noch hat, das gerade besetzt wird. Trotzdem ist es ein politischer Akt, in ein leerstehendes Haus einzuziehen und das der Öffentlichkeit mitzuteilen.

G.: Toni, vielen Dank für das Interview. www.berlin-besetzt.de

Gary Flanell (1) http://sqek.squat.net
(2) www.reclaimyourcity.net
(3) An der Außenwand des Hauses Manteuffelstraße/Naunynstraße, bestens zu sehen vom davorliegenden Spielplatz.
(4) Reclaim Your City: Urbane Protestbewegungen am Beispiel Berlins, Hrsg. vom Pappsatt Medien-Kollektiv, 168 S., Verlag Assoziation A, ISBN 978-3-86241-437-6, 16.00 €

Dienstag, 18. November 2014

Berlin stirbt

Eine Platte, wie aus der Zeit gefallen, hat letztes Jahr im Renfield-Hauptquartier für einiges Schmachten und Seufzen gesorgt: Das Artwork des Debutalbums von JO STRAUSS sieht aus wie eine Zigarettenwerbung aus den 70ern oder 80ern. Ein junger Mann schaut skeptisch bis Wütend mit einer Kippe in der Hand und über die Schultern geschlagenem Pulli in die Kamera. Die Musik: tief traurige und melancholische Songs in herrlichstem österreichischem Dialekt, so traurig, dass nur der Herbst als Jahreszeit zu diesem Soundtrack passt. Und dann trotzdem immer wieder diese Berlinbezüge da drin, von den Titeln und den Lyrics her. Wie passt das zusammen? Hat da jemand zuviel Hader, Qualtinger und Waits in die Melange gerührt und alles in einem Zug runtergespült? Gute Fragen, die an einem Wochentag – natürlich im Oktober - gestellt werden wollten und in der 27. Printausgabe des RENFIELD-Zines veröffentlicht wurde.

Gary: Hallo Jo, auf der Platte sind ja recht viele Songs mit Berlin-Bezug drauf. Gleich drei tragen Berlin sogar im Titel, darunter Berlin stirbt – woran denn?
Jo Strauss: Der aufmerksame Zuhörer bemerkt, dass es in „Berlin stirbt“ um Parkautoamten geht, die installiert werden. Also eine relativ unspektakuläre Sache. Berlin stirbt wie jede Stadt an den kleinen Veränderungen. Es sind die kleinen Freiräume, die einem da weggeknabbert werden.
Zum Beispiel darfst du heute hier nicht mehr gratis parken und morgen darfst du dort nicht mehr rauchen. In Österreich ist es so, dass man vor dem Bahnhof gar nicht mehr rauchen darf. Obwohl man quasi nicht mehr im Gebäude steht. Man ertappt sich dann dabei, dass man leise zustimmt, von wegen: Ok, ich hab schon Verständnis dafür. Die Stadt braucht ja auch Geld. Ich bezahl halt meine drei Euro fürs Parken. Man stimmt einfach zu, man stimmt so dem Sterben zu. Man sagt so: Ach das bisschen Rauchen, darauf kann ich schon verzichten, rauch ich halt woanders, aber am Ende des Tages wird man darauf kommen, dass man dem Sterben zugestimmt hat.

G.: Also sind es eher die kleinen Veränderungen, die den langsamen Tod herbeiführen?
J.: Eine signifikante Veränderung in Berlin war in Prenzlauer Berg, dass fürs Parken kassiert wird. Das war für mich immer ein großes Plus, dass du in Berlin dafür nichts bezahlst. in Österreich war das ja schon gang und gebe. Ich hab dann erst bemerkt, wie viele von diesen kleinen Freiheiten sterben.

G.: Wie ist das mit dem Nichtrauchen in den Cafés, ist das ein Riesenproblem für dich?

J.: Schwierig. Es geht viel vom Kaffeehausglamour weg. Wenn ich ins Kaffeehaus gehe, will ich ja nicht meine Apfelschorle und meinen frischgepressten O-Saft trinken, sondern ich will ein bisschen Glamour. Und ein bisschen Glamour geht auch mit Zerstörung einher. Wenn man jetzt die Raucher alle verbannt, dann hat man bald kein Kaffeehaus mehr, sondern eher sowas wie einen Zahnarztwartebereich.
Ich will die Raucher nicht in Schutz nehmen, aber ich will diese heiligen Orte in Schutz nehmen. Ich will auch einen Kaffee trinken dürfen und nen Bier und nen Wein, obwohl jeder weiß. dass das nicht gesund ist. So ist es mit dem Rauchen auch. Ich finde, man sollte in heiligen Orten wie Kaffeehäusern rauchen dürfen.

G.: Du hast gesagt, dass du in Berlin wohnst. Wie hat es dich denn von Österreich eigentlich hier hin verschlagen?
J.: Ich habe lange in Österreich gewohnt und habe dann gedacht, ich muss mich bewegen und so hat es mich nach Berlin gezogen. Ich hab viel davon gehört, hatte Bekannte dort und das hat sich angeboten, sprachbarrieretechnisch und finanztechnisch, weil es ja, verglichen mit den anderen großen Städten, leistbar war.

G.: Ich kenne recht viele Österreicher, die von Berlin total begeistert sind. da frag mich mich, man könnte ja als Österreicher auch nach Wien gehen, das ist ja auch eine große Stadt. was ist denn für Österreicher an Berlin so faszinierend?

J.: Wenn man als Österreicher nach Wien geht wird man relativ schnell mit einer Grundstimmung konfrontiert, die nicht angenehm ist. Nämlich der, die alles, was nicht aus Wien kommt, als Provinzler abgestempelt. Das ist vielen Österreichern, die nicht aus Wien kommen, unangenehm. Wenn ich irgendwo hinkomme, und ich habe das Gefühl, ich bin quasi der Bauer aus Wien, dann ist das nicht angenehm. In Berlin wird man als Österreicher mit sehr offenen Armen empfangen. und das ist schon sehr angenehm. In Wien kommt das im Subtext dann schon so ein "Wo kommst du denn her?" mit.

G.: Ja, in Berlin ist das nicht so stark ausgeprägt. Wenn man da aus der deutschen Provinz kommt, dann ist man hier schnell unter seinesgleichen und wird man schnell aufgenommen.
J.: In Berlin ist jeder irgendwann mal zugezogen. Man hat so das Gefühl, dass die Österreicher und Österreich ganz positiv besetzt sind: Da ist man mal in den Urlaub hingefahren, da gibt es eine schöne Landschaft, das sind gemütliche Leute und sowas. Das spürt man.
Es ist halt was anderes, wenn man mal auf den Tisch haut und ernst genommen werden will, dann kann es schon mal sein, dass man als der kleine Bruder wahrgenommen wird, der mal wieder etwas besänftigt werden muss. Wenn man aber interessanterweise ein paar Jahre in Berlin gewohnt hat und kommt dann zurück nach Wien, dann sind die Wiener ganz brav und sagen: Ok, der war ja schon mal in Berlin. Man hat dieses Provinzlerdasein dann quasi abgehäutet.

G.: Die Platte hast du bei Alex Ott in Kreuzberg aufgenommen, wie seid ihr denn zusammengekommen? Was war für dich das Beste an der Arbeit zu den Aufnahmen mit ihm?
J.: Ein österreichischer Freund von mir, ein Musiker, wohnt schon länger als ich in Berlin. Der hat genau neben Alex‘ Studio einen Proberaum und meinte, wenn wir live aufnehmen wollen, ist das ein Tipp für uns. Es war immer eine gute Stimmung und ich hatte das Gefühl, dass Alex den Kern des Projekts erfassen und auf Tonträger bringen will. Spannende, für mich undenkbare und neue Aufnahmetechniken. Wir haben das Ding in nur zwei Tagen reingespielt, wie und warum das möglich war, ist zu einem guten Teil Alex' Verdienst.

G.: Du hast gesagt, dass ihr die Songs live im Studio aufgenommen habt. Warum war es für dich wichtig?
J.: Weil ich will das das so klingt wie in 'Echt'. Wir haben erstmals auch mit Live Monitoring aufgenommen (d.h. nicht jeder hört seinen eigenen Mix über Kopfhörer) sondern tatsächlich so, dass jeder dasselbe hört, weil es einen Speaker im Raum gibt - die minimalen Übersprechungen sind das enorme Plus an 'Feeling' echt wert. Einige Nummern haben wir tatsächlich mit einem Mikro in der Raummitte und einem Gesangsmikro aufgenommen - verrückt ist das eigentlich. Einige der Songs sind 'First takes' - wir waren nicht auf eine aalglatte Produktion aus, wir wollten dass das Ding so klingt wie das 'Gute Schlechte Laune Orchester' und Jo Strauss nun einmal klingen.

G.: Wo wohnst du eigentlich in Berlin?
J.: In Prenzlauer Berg.

T.: Das ist ja auch ein Bezirk, der sich sehr verändert hat und sehr bürgerlich geworden ist...
J.: Der hat sich in den letzten zehn Jahren ganz groß bewegt. Ich kenne Leute die den Prenzlauer Berg vor 20 Jahren beschreiben und das war wild. Jetzt ist das Gefährlichste in Prenzlauer Berg, dass dich ein Kinderwagen überrollt.

G.: Nervt dich das?
J.: Es ist eine Bewegung, die sich hier einfach so ergibt. Man stimmt halt so zu. Man sagt halt: Ok, ich gebe auch zu, dass ich es abends gern ruhig habe. Nur ertappt man sich dann dabei, dass man auch zugestimmt hat, dass die Kneipe am Eck dann zugesperrt hat. Und so verändert sich das. Es tut mir ein bisschen weh, aber ich muss auch gestehen, dass ich zu dieser Bewegung auch beitrage. Man sieht halt da wirklich beim Sterben zu und sagt dann aber auch: Ok, ich zahle halt mal eine Fuffi mehr Miete und spiele quasi das Spiel selber mit...

G.: Wo wir dann wieder beim Thema "Berlin stirbt" wären... Das Schöne, Kreative Unfertige von Berlin bleibt dabei auf der Strecke. Auf deiner Homepage steht als Infotext zu dir und deiner Musik "Schreibt Lieder, die den Menschen das Herz aus der Brust reißen, es auf den Boden schmeißen und dann gehörig darauf herumtrampeln sollen!" Ich finde, das klingt voll hart. Soll man leiden, wenn man deine Musik hört?
J.: Das wurde mir so von einem Journalisten hingedichtet. Ich habe mir da selber noch keine Geschichte zu ausgedacht. Man könnte es so auslegen, dass ein Großteil der Nummern ganz schön daherkommen und dann in den letzten Teilen dann so eine Wendung kriegen, die dann schmerzt. Man hört der Geschichte zu und denkt: Oh wunderschön, wie die so dahinplätschert und am Ende kommt dann eine kleine Wendung rein, die das ganze Ding auf den Kopf stellt. Wo einem das Lachen dann im Hals stecken bleibt.

G.: Das klingt für mich sehr typisch österreichisch, nach sehr schwarzem Humor. Wie wichtig ist der für dich beim Musikmachen und Texte?
J.: Schwarzer Humor ist großartig wichtig. man muss über dir Grausamkeiten schon schmunzeln können. Oder wie es bei Blaubart ist, so das ganz grobe Zeug. So der Geisterbahngrusel. Wir wissen eh, dass es nur ein Spiel ist und jetzt hüpfen wir mal da rein, und gruseln uns mal so richtig, aber nur weil wir wissen, dass es ein Spiel ist.

G.: Als ich die Platte gehört habe, dachte ich: Hmm, es ist ziemlich düster und makaber, aber auch unterhaltsam. Die Songs sind geil, und da singt einer in einem harten österreichischen Dialekt und kommt aus Österreich. Was hältst du in dem Zusammenhang eigentlich von dem Begriff Austropop?
J.: Schwierig. Austropop, wenn man das so hört und ganz eng steckt, ist das irgendwelcher grässlicher Schaum, der oben schwimmt, den man da sieht. Aber in der Tiefe des Austropops gibt es ganz großartige Sachen, die versteht man nicht so unter Austropop. Man denkt da gleich an Fendrich und so. und man sieht nur das dünne zeug, aber es geht im Austropop weit nach unten.

G.: Aber wäre das ein Begriff, ein Genre, das du auf deine Musik anwenden würdest?
J.: Ich glaube ja, weil sich sonst kein Begriff etabliert hat. Wenn man sagt es ist Singer/Songwriter oder Folk, dann wird auch gleich gefragt: Wie, und du singst deutsch? Es gibt keinen richtigen Begriff dafür, deshalb kann ich mit Austropop schon leben. Eben weil ich weiß, dass es da weit in die Tiefe geht.

G.: Ich musste bei vielen Songs auch an das denken, was Tom Waits so auf seinen Platten treibt. Ist der ein Einfluss für dich?
J.: Tom Waits ist auf alle Fälle ein Einfluss, vor allem die Rauheit, wie sie sich im Instrumentalen so findet, habe ich sehr gern. Im Austropop hat man sich dahingehend beispielsweise nie sehr weit aus dem Fenster gelehnt, dass man sagt: Jetzt lassen wir die Band mal so spielen, wie sie spielt und machen da nicht mit dem Bügeleisen drüber alles glatt.

G.: Unter deinen Mails zum Terminfindung für dieses Interview steht in der Signatur immer „Sitzmusik und ein bisschen Kabarett“. Wie kann man sich das live vorstellen?
J.: Es ist tatsächlich so eine Mischung aus Konzert und Kleinkunstabend. Zwischen den Nummern werden immer Geschichten erzählt oder ich erzähle Geschichten zu den Musikern. Es ist oft schon lustig, wenn ich einfach was erzähle, obwohl ich selber manchmal nicht genau weiß, warum.
Ich habe gemerkt, dass es dem Abend sehr dienlich ist. Denn wenn ich in dieser Schwere einen Abend bestreite, ohne was zu sagen, dann denken die Leute nach der dritten Nummer: Was ist das für ein Arschloch? Depressiv, morbid und so?! Das ist ihnen oft zu schwer. Ich erzähle eh gerne was und dann merken die Leute auch: Ah, er ist eh ja doch ein Mensch.

G.: Bei den Texten fand ich sehr interessant, dass du bei den Lyrics ganz ausführliche Fußnoten gesetzt hast. Stand da die Angst im Raum hierzulande nicht von jedem verstanden werden zu können?
J.: Das war auf Geheiß meiner Berliner Freunde hin. Quasi nach der Devise: Mach doch mal eine Übersetzung der Texte, oder hilf uns ein bisschen. Weil es live so ist, dass sie doch gern ein bisschen mehr verstanden hätten. Da haben wir uns aber gesagt, einfach nur zu übersetzen ist auch blöd, weil dann sehr viel verloren ginge und so haben wir Fußnoten drangesetzt, damit die tatsächlich harten Brocken verständlich werden und wir nicht alles übersetzen müssen.

G.: Du studierst Philosophie in Berlin, beeinflusst so ein Studium deine Art Texte zu schreiben oder Musik zu machen?
J.: Es ist nicht ganz vordergründig, aber ich denke, es schleicht sich schon ein. Man blickt auf Dinge ein bisschen anders, wenn man sich mit der Philosophie beschäftigt. Alleine, dass man etwas studiert, wo es hinterher kein Geld zu verdienen gibt, das wirkt sich schon auf die Texte aus.

G.: Das „Berlin stirbt“-Video war das erste, was ich von dir auf YouTube gesehen habe. Ist das Absicht, dass es in einem Video, in dem es um Berlin geht, gar nichts von Berlin sieht?
J.: Absolut. Das ist definitiv so. Weil es ist anwendbar auf alles. Es können sich nicht nur die Städte austauschen, es ist auf alles im Leben anwendbar. Zustimmen zum langsamen Sterben, zur langsamen Veränderung und dann davor stehen: Oh Mist, ich habe das Ding wirklich selber verbockt. Ja, das ist austauschbar. Über Berlin zu singen und dazu Berlinbilder zu zeigen, das ist mir zu sehr straight in the face.

T.: Letzte Frage: Angenommen jemand legt im Kaffeehaus deine CD auf, und möchte sich dazu eine Kaffeespezialität bestellen. welche wäre da am passendsten?
J.: Ein Verlängerter. Schwarz.

G.: Jo, vielen Dank für das Gespräch! www.jo-strauss.at