Dienstag, 24. März 2015

Ox-Schreiber-Tour 2015 Schweiz

Part II: Punkrock, Mätel und Möhre und Bregenz-Riedenburg

Kennt ihr eigentlich Bregenz-Riedenburg? Diesen Vorort der Vorarlberger Hauptstadt Bregenz, dieser Stadt also, die da majestätisch am Bodensee liegt und die berühmte Seebühne beheimatet? Also ich kenne jetzt beides, von Bregenz selbst halt nur den Bahnhof (mit Minimalblick auf die Bühne) und von Riedenburg alles. Den Interspar und den DM und den Engelshop, wo ich meine Seele mit Hilfe von Engelsenergie meine Seele heilen kann.
Und Foto Meier natürlich (geiler Bandname übrigens). Und das Wirtshaus, das Samstagnachmittag zu hat und den Kaufmannladen, der ebenso um 16:00 schließt und es Gary Flanell und mir damit unmöglich macht in diesem trostlosesten aller Hauptstadtvororte ein Bier zu kriegen. Ja, und den Bahnhof natürlich auch.

Warum ich das erzähle? Na, wegen diesem Bahnhof eben und weil man dadurch muss, wenn man mit dem Zug von Rorschach nach Hohenems fährt. Gut, St. Margrethen, dieser letzte Ort im Schweizer Staatsgebiet, den wir betreten, bevor es für gut vierundzwanzig Stunden in österreichisches Hoheitsgebiet geht, ist da auch noch. Aber da gibt’s zumindest Bäckerinnen mit Dreadlocks, Berliner mit Aprikosenfüllung (sogar wenn Gary Flanell einmal nicht da ist) und natürlich die Ox-Bar.


Wir hätten ja auf einen Sprung reingeschaut, „Grüazi mitanond“ gesagt, ein Schützengartenbier getrunken und gefragt, ob die Bar einem gewissen Joachim Hiller gehört, aber wir sind ja nicht auf Urlaub, sondern auf Tour und der Zug wartet nicht einmal auf Literatur-Rockstars wie uns. Denn wie gesagt die Schweizer Bahn ist pünktlicher als die österreichische Post und die Zeit fließt nur so dahin, sogar in der Schweiz.
Ja, Riedenburg eben, da muss man durch, gesehen haben muss man es aber nicht.

Rorschach schon, Rorschach ist geil, das hat euch aber Gary Flanell schon erzählt. Und Hohenems gefällt mir auch ziemlich gut. Klar, eine Großstadt ist das nicht, muss es auch nicht sein. Kleinstadtidylle pur, Jugendstilkrankenhaus, gerne mal ein Bauernhof zwischen drinnen oder eine Wiese. Und egal wo du hinsiehst, irgendwo lacht dir immer ein Riese von einem Berg entgegen. Bier kriegst du hier auch keines, aber egal, wir wollen jetzt auch gar kein Bier mehr und schlendern lieber gemütlich, kaum sind wir raus aus dem Zug und haben beim Fragen nach dem Weg eine Ehe zerstört.
Sie: „So finden’s aber leichter“; Er: „Ja, aber der Weg ist schneller“; Sie: „Aber die kennen sich hier ja nicht aus“; Er: „Ja, aber der Weg ist schneller“; Sie: „Aber so ist es doch viel leichter zu finden“ , Er: „Aber der Weg ist doch schneller“ usw.

Das ProKontra sieht schon mal schick punkig aus, obwohl es eigentlich ein Einfamilienhaus ist und wir haben etwas Zeit, uns das alles genau anzusehen, die Hausfassade, die Bergkulisse etc., denn die Veranstalter sind noch nicht da. Wenig später biegt aber ein Benz um die Ecke und Punkrock Weiner und Mätel steigen gut gelaunt Säcke voller Lebensmittel und Bierflaschen schwingend aus. Möhre, die Kitesurflehrerin auf Urlaub kommt später auch noch. Dass Punkrock eigentlich Pascal heißt, erfahren wir später. Wie Mätel und Möhre heißen, ist uns nicht bekannt und im Folgenden auch nicht von Belang.
Wäre dies hier ein Kinderbuch mit dem Namen „Punkrock, Mätel und Möhre“ würde das nächste Kapitel jedenfalls „„Punkrock, Mätel und Möhre kochen Lasagne“ heißen. Später gibt es noch „Punkrock, Mätel und Möhre zeichnen eine Lesung auf“ oder „Punkrock, Mätel und Möhre reden über Berge“. Nicht zu vergessen: „Punkrock, Mätel und Möhre trinken Bier und hören Punkrock“.
Die Lasagne schmeckt übrigens hervorragend und die Zubereitung läuft charmant-chaotisch ab. Ich lasse mir währenddessen vom hiesigen W-LAN die gesamten Emails eines ganzen Monats fressen, während Gary Flanell, der ja doch schon über vierzig ist, erst einmal eine Runde schlafen geht.
Später siedeln wir vom einmal mehr großartig großen und komfortablen Backstagebereich ins „Beisl“, also die Kneipe, wo die Lesung stattfinden wird und ansonsten Punkrockkonzerte über die Bühne gehen. Der Sound ist schnell gecheckt und dann heißt’s erst einmal „Punkrock, Mätel und Möhre sowie Gary und H.C. warten auf Publikum“.

Das kommt dann auch in Form von fünf zwielichtigen Gestalten mit kurzen Haaren, die niemand so richtig zu kennen scheint. Es riecht nach Ärger, der aber ausbleibt, ob das jetzt die hiesigen Dorfnazis, Kleinstadtprolls oder einfach nur harmlose Betrunkene sind, erfahren wir nicht. Wir starten dann aber dennoch den Abend. Ich beginne mit Schwänken aus meiner Schulzeit, von den fünf Gästen schlafen zwei, zwei unterhalten sich, einer hört wirklich interessiert zu. Zumindest bis ihre Biere leergetrunken sind und die fünf wieder von dannen ziehen und nicht mehr hören, wie Gary Flanell von der Geburt der leibreizenden Spinne Pup erzählt.

Punkrock, Mätel und Möhre bleiben aber da, hören interessiert zu und zeichnen die ganze Sause für Radio Proton, dem im Haus ansässigen Radiosender des den Laden führenden Vereins Transmitter, auf. Nach einer kurzen Pause geht’s weiter, die Spinne Pup trifft Darth Vader und Billy Pinguin wird Rockstar.

Und dann, dann ist es endlich soweit, die Live-Premiere der großartigen URS GROB BOOTSBETRIEB. Da spazierst du noch am Vormittag am Bodensee, sagst ohne nachzudenken mit Fingerzeig auf ein gelbes Hüttchen: „Haha, geil, Urs Grob Bootsbetrieb, geiler Bandname“, weil du sowieso immer und überall nur in Bandnamen denken kannst und schon stehst du am Abend in einem Kulturzentrum in Vorarlberg und performst mit Gary Flanell unter diesem Namen einen Song, der früher einmal ein Text war, übers Polizistenessen. Gary spricht und rappt, ich klopfe und schreie Background und Mätel drischt auf die Drums ein. Geil. So geht Punkrock.

Später wird dann noch ein bisschen was, aber nicht viel - wir sind ja keine zwanzig mehr - getrunken und mit den sympathischen GastgeberInnen getratscht und so einiges gelernt: Das es in Sri Lanka keinen Leberkäse (also Fleischkäse) und auch keinen Salat gibt beispielsweise und dass das „L“ in „Radio L“ für „Liechtenstein“ steht. Irgendwann fährt Mätels letzter Zug nach Feldkirch, Möhre lässt sich auf das Sofa fallen, Punkrock auf ein anderes und Gary und ich uns in die Betten oben im großen Schlafraum.

In der Früh gibt’s hammermäßiges Frühstück und die vereinbarte Fixgage (da wären wir also wieder beim Geld), was uns ein weiteres Mal sehr freut. Das sollte selbstverständlich sein, sagt du, die vereinbarte Fixgage zu bekommen? Na, dann geh du mal auf Punkrocklesereise ohne Vertrag.
Egal, geile Stadt, geile Location, super Leute, spaßige Lesung (gut gelesen haben wir auch, wie ich finde), finanziell alles wunderbar und sowieso ein super Abend. Hohenems war ein voller Erfolg. Ja. Publikum wäre natürlich auch kein Fehler gewesen. Aber lieber lese ich vor „Punkrock, Mätel und Möhre und dem Aufnahmegerät“ und habe dabei Spaß und Aufmerksamkeit, als ich lese vor fünfzig laut plappernden Kneipengästen, die eh nur wegen dem Localsupport da sind – hatten wir doch auch schon, letztens in Köln, Sie erinnern sich, Herr Flanell?.
Ja, Punkrock, Mätel und Möhre, danke!

H.C. Roth

Verpassen Sie nicht die folgenden packenden Abenteuer von Bern: *** HC Roth und Gary Flanell und der freundlichste Taxifahrer von Bregenz** Wein kaufen in Bern mit einem Mann, den sie Lepra nannten*** Und dazu: Gags und Gäste und strahlende Lesende*** nächste Woche im dritten Teil des Ox-Schreiber-Tourtagwebuchs 2015!!!

Mittwoch, 18. März 2015

Ox-Schreiber-Tour 2015 Schweiz

Part I: Backpulver und Bodensee

Was bisher geschah:
Nachdem das Ox-Trio Gaffory, Parkinson und Flanell im letzten Herbst schon einige Abenteuer im Südwesten Deutschlands erlebt hatte, ging es nun etwas tiefer. Nicht qualitätsmäßig, sondern geografisch. Aber die Reihen der Teilnehmenden hatten sich gelichtet und verändert. Die ursprünglich geplante Quartettbesetzung Gaffory, Parkinson, Flanell und Roth schmolz im Laufe der Planungen zu einem dynamischen Duo zusammen. Von den vier anvisierten Lesungen blieben am Ende drei übrig. Zartbesaitete Persönlichkeiten würden sich angesichts solcher Entwicklungen in der Projektplanung in Panik von allen Aktivitäten zurückziehen. Die beiden übriggebliebenen, HC Roth und Gary Flanell, tun sowas nicht. Vielleicht ist es Wagemut oder Fatalismus im Oberstübchen, der dir sagt, dass man das trotz solcher Widrigkeiten jetzt erst recht durchziehen müsse. Vielleicht auch nur eigene Blödheit.

Die Schweiz stand ehrlich gesagt nicht wirklich ganz oben auf meiner Lesereise-Wunschländer-Liste. Einen Grund dafür gibt es nicht. Vielleicht dachte ich bisher, da ist es ja ganz nett, aber ein vielleicht auch ein bißchen langweilig. Ok, tolle Berge haben sie, davon nicht zu knapp, aber die lösen bei mir keine Begeisterungsstürme aus. Welche Landschaftsform das überhaupt könnte, ist unklar. Meer und Küste und Wasser vielleicht. Endlose Wasserflächen, die sich am Horizont verlieren und ich mich in Gedanken mit ihnen. Eventuell.

Dabei musste ich feststellen, dass es so was ja auch in der Schweiz gibt. Wasserflächen, die absurd groß erscheinen. Aber der Reihe nach. Komm ich in Basel am Flughafen an, spaziere ich aus dem Ding raus. Frage mich, warum ich so Angst hatte, vom Zoll wegen meiner mitgeführten Stuntmänner unter Wasser (Da! Wieder eine Wasser-Referenz!) befragt zu werden, Und dann war da kein Zoll. Gar nix war da. Alles ganz unkompliziert. Bus fährt vom Flughafen zum Bahnhof. Zug fährt vom Bahnhof Basel zum Bahnhof Zürich. Dort verlasse ich nicht mal das Gleis, um den Anschlußzug zu bekommen, sondern purzele auf die andere Seite rüber. Zug steht schon da, als wollte er schon anrufen und fragen, wo ich bleibe. So reibungslos läuft das auch in St. Gallen und auch bei der Ankunft in Rorschach. Das auf der einen Seite hohe Berge und auf der anderen die erwähnten unendlichen Wasserflächen des Bodensees zur Begrüßung auffährt.

Und überall scheint die Sonne, das ist natürlich etwas, womit man jeden Berlinbewohner sofort locken kann. Ein bißchen fühle ich mich, als würde ich mit einer real gewordenen Modelleisenbahn durch die Gegend fahren. So blitzeblank kann die Realität gar nicht sein. Irgendwo da hinter den schneebedeckten Hängen, so vermute ich, da muss er stehen: Der große Märklin-Trafo, der das hier alles, die ganze Schweiz, in Betrieb hält. Geht gar nicht anders.

In Rorschach dann mit dem Aufzug in die Stadt. Liegt ja alles am Hang. Zum Treppenhaus, der Ort in dem wir lesen werden, muss ich wieder runter Richtung See. Hatte schon Befürchtungen, das Treppenhaus wäre ein zugiger Flur, vollgepisst, siffig, eng und kalt und wir würden da im Kerzenlicht unter der Kellertreppe den einzigen beiden Rorschach-Punks was vorlesen. Aber nein. Das Treppenhaus ist ein wunderschönes Gebäude im Herzen Rorschachs, das seinen Namen von der gestuften Form seines Giebels hat.

HC Roth trifft auch irgendwann ein und ungläubig nehmen wir wahr, wie wir hier aufgenommen werden. Bekommen ein eigenes Schlafzimmer für die Übernachtung! An der Tür steht sogar „Künstler“ dran! Es gibt echte Betten, kuschelige Kissen und weiche Decken und alles! Nebenan die Ludothek für Rorschachs Kinder. Oben drüber die kleine heimelige Bibliothek und unten das kleine gemütliche Café, nur durch den Vorhang getrennt vom Konzertsaal, wo wir abends dann lesen. Großes Erstaunen unsererseits, als wir den Eintrittspreis für die Veranstaltung wahrnehmen. 15 Franken, really? Kein Einspruch, aber soviel Geld erscheint uns, nach den bisherigen Lesetour-Erfahrungen mit rumgehenden und schlecht gefüllten Hüten, doch etwas surreal. 15 Franken für eine Veranstaltung von zwei Künstlern, die ehrlich gesagt niemand kennt, scheint aber hier normaler Tarif und keineswegs überzogen zu sein. Na, dann wollen wir auch nichts gesagt haben.

Zu unserer allerersten Lesung in Rorschach City verkneife ich mir allerlei schlechte Witze, die was mit der Stadt zu tun haben. Kein Geblödel über a) TEST-Personen oder b) über Watchmen-Charaktere oder c) Strategiespiele im Klempnermilieu. Nein, nein, nein. Das haben unsere sechs Gäste nicht verdient. Dazu haben sie zu aufmerksam unserem Vortrag gefolgt. Und weil der einzige Schweizer, den ich persönlich kenne (Hallo Odessa-Oliver!) eine zweistündige Zugfahrt auf sich nimmt, um zur Lesung zu kommen, freue ich mich umso mehr.
HC startet mit Auszügen seinem Pinguin-Rockstar-Opus, den Frosch-mit-Socken-Geschichten und der neuen Story mit dem Hundekoch. Ich schiebe die Story der kleinen Spinne Pup und dem Seehund hinterher. Am Anfang sind wir also etwas tierlastig. Nach der Pause dann nicht mehr, soll ja keiner sagen, wir würden nur Tiergeschichten schreiben. Zu unserer großen Freude sind nach dem Break noch alle sechs Zuschauer da. Das freut uns so sehr, dass wir ihnen von der Bühne aus einen donnernden Applaus spendieren.

Nach der Lesung hängen wir noch am Tresen im Treppenhaus rum, werden mit reichlich Bier und Nussschnaps bewirtet. Man kommt leider nicht umhin, in der Schweiz immer mal wieder das Geld zu erwähnen. 15 Franken schien uns schon als Eintritt irreal viel. Wie sich rausstelt, haben aber nur drei Gäste wirklich gezahlt, weil die anderen ein Jahreabo für alle Treppenhaus-Veranstaltungen haben. Bleiben also 45 Franken, die an HC und mich gehen sollen. Was wir schon ganz ok finden und noch ein Bier ordern.
„Wir legen euch noch ein bisschen was drauf“, sagt dann der nett zurückhaltende Kneipier und verschwindet hinter der Bar. Kurz darauf kriegt jeder von uns einen nicht unerträglichen Batzen Geld in die Hand, der zumindest schon mal die Fahrtkosten gut abdeckt. Würde gern mal wissen, wie zwei etwas zerknautscht wirkende Literaten aus Österreich und Deutschland so auf die Schweizer wirken, wenn sie ungläubig so viel Geld entgegennehmen, wie sie noch nie, never, jemals für irgendeine Lesung bekommen haben. Fühle mich an diesem Abend wirklich wie ein Künstler. Und das liegt nicht nur am Nussschnaps und der geruhsamen Nacht im Künstlerzimmer.

Morgen danach. Wieder Sonnenschein, hinten ruhen die Berge, vorne ruht Bodensee. Wie halten die Rorschacher so viel Idyll eigentlich aus, wenn sie es Tag für Tag haben? Zerfließt man dann nicht irgendwann hinten im Wald einfach vor Ausgeglichenheit? Rorschach ruht am Samstagmorgen. Auch als wir am Ufer des Sees rumflanieren und, ohne es zu ahnen, die Gemeindegrenze zu Goldach überqueren, bricht keine Revolution aus. Wir treiben uns am Goldacher Hafenbecken rum und kommen uns ziemlich gefährlich vor. Irgendein anonymer Rebell hat die weisen Worte „Gott Furzt“ auf einen Mülleimer gekritzelt. Voll Punk, das. Für HC und mich ist dieser Tag die ideale Vorlage, um den ersten Song unseres neuen Electro-Punk-Spoken-Beat-Word-Electro-Projekt „URS GROB BOOTSBETRIEB“ zusammen zu dichten. Da werden noch große Dinge kommen. Zwei Männer, zusammen Mitte 70, aber körperlich fit wie Pippi Langstrumpf, werden die Popkultur stärker beeinflussen als Sonny & Cher, Milli Vanilli und Modern Talking zusammen. Könnt ihr glauben.

Weil wir echte Punkrocker sind, MÜSSEN wir natürlich auch ins einzig auffindbare Musikgeschäft von Rorschach. Dort verwickelt uns der Besitzer, ein blondhaariger Rocker, auf den das etwas altmodische Etikett „Bluesmucker“ wohl am besten passt, in ein Gespräch über all die Bands, mit denen er früher in Österreich unterwegs war. Mit dem Wilfried und den STS und wer weiß noch alles. Er kennt sie alle und hat mit allen gespielt. Eigentlich unterhält sich der Eric-Clapton-Verehrer mehr mit HC, weil er dessen Grazer Akzent so sympathisch findet. Kann ich mit leben. Gitarren oder reduzierte Effektgeräte kaufen wir aber nicht, dafür reicht die üppige Gage aus dem Treppenhaus dann doch nicht.

Im Supermarkt um die Ecke starten wir unter dem Eindruck der für unsere Verhältnisse interessanten Preisgestaltung den Wer-findet-den-billigsten-Artikel-im-Sortiment-Wettbewerb. Klarer Sieger diesmal: HC Roth, der mit Triumphgeschrei ein Päckchen Backpulver für 30 Rappen entdeckt. Das ist es also. Falls der absolute worst case von Hunger und Geldnot eintreffen sollte, könnten wir uns bis zur Rückkehr nach Berlin und Graz zumindest mit einem vollstopfen: Gutem Schweizer Backpulver. Könnten wir auch mit über die Grenze schmuggeln und in Bregenz-Riedenburg als schlechtes Koks verkaufen. Denn am Nachmittag geht es für uns weiter nach Österreich. Next Stop: Hohenems in Vorarlberg.

Gary Flanell


Nächste Woche auf dem Renfield-Blog:
Ox-Schreiber-Tour 2015 Schweiz Teil II – von HC Roth
Verpassen Sie nicht die folgenden packenden Abenteuer on Hohenems:
Berliner Aktion in St. Margareten*** Showdown in der Ox-Bar***HC Roth und Gary Flanell und die unbekannte Fünferbande***Metäl, Punkrock Weiner und die heimwehkranke Kitesurferin von Hohenems*** und viele weitere Abenteuer von Europas neuer Electro-Beatitude-Hoffnung URS GROB BOOTSBETRIEB!!!

Dienstag, 3. März 2015

No. Stage. For. Rapists.


„Also ihr meint, ihr wollt das nicht hinterfragen...“ Eine nachdenkliche, irgendwie zaghafte Stimme. „Das versteh ich, ja... Aber sind wir denn ganz sicher, dass es nicht...“ Die Stimme verstummt kurz, obwohl man ihr angehört hat, dass sie noch etwas auf dem Herzen hat.
„Dass es nicht... was?“ fragt eine andere Stimme aus der Runde nach, freundlich, aber auch schon mit einem etwas unglücklichen Unterton. Alle wissen natürlich, was jetzt kommt und dass das Problem prinzipiell nicht zu lösen ist. Die Stimme nimmt ihren Mut zusammen. „Dass es nicht auch Missverständnisse geben kann?“

Es ist eine allgemein anerkannte Wahrheit, dass ein junger Mann im Besitz einer Gitarre, einer Band und einer Bühne Anspruch auf die Aufmerksamkeit von Frauen hat. So oder so ähnlich schrieb schon Jane Austen. Und auch wenn Groupietum inzwischen deutlich weniger zeitgemäß ist als Jane Austen, hält sich selbst in der subkulturellsten aller Untergrundszenen irgendwie hartnäckig die Vorstellung, dass da doch was gehen MUSS mit irgendeiner dieser jungen, manchmal sehr jungen Frauen im Publikum. Müssten sich die Mädels nicht irgendwie, na ja, sagen wir doch mal, geehrt fühlen? Ist nicht der Typ auf der Bühne irgendwie ein bisschen auch ein Star? Und wenn das nun zu Missverständnissen führt?
Neben dieser allgemein anerkannten Wahrheit gibt es da eine Geschichte. Die Geschichte wurde zwei Musikerinnen erzählt, die gemeinsam in einer Band spielen. Die beiden Musikerinnen waren in Tel Aviv unterwegs und trafen dort auf eine junge Frau, die den Kontakt zu ihnen über ein beliebtes soziales Medium gesucht und gefunden hatte. Die junge Frau hatte festgestellt, dass die Band der beiden Musikerinnen auf dem Online-Sampler eines kleinen Berliner Indie-Labels vertreten war. Auf diesem Sampler befand sich auch eine andere Band, die der jungen Frau persönlich bekannt war. Sie erzählte den beiden Musikerinnen, dass sie von einem Musiker dieser anderen Band zwei Jahre zuvor in Tel Aviv vergewaltigt worden sei.

Vergewaltigung und sexuelle Übergriffe sind im Verständnis vieler Menschen von einem Nebel des Unbehagens umgeben. Es sollte nicht so sein, aber schon beim ersten Erfahren von einer solchen Geschichte spaltet sich die Zuhörerschaft in zwei: in solche Menschen, die sich selbst vorstellen können, dass ihnen etwas derart Verletzendes widerfährt, die vielleicht auch wissen, wie es sich anfühlt. Und in solche, die es sich nicht vorstellen können und nicht wissen, wie es sich anfühlt.
Diese Menschen wissen natürlich, dass es sich um eine ernste, wichtige, schmerzhafte, ja existenzielle Angelegenheit handelt. Aber sie wissen es eben nur, sie fühlen es nicht. Sie fühlen, dass sie gezwungen werden, sich mit etwas zu befassen, womit sie sich ganz und gar nicht befassen wollen. Viele von ihnen werden nun versuchen, da sie ja zu der Auseinandersetzung gezwungen sind, möglichst gerecht und vernünftig zu sein. Wie urteilt man gerecht und vernünftig über ein Ereignis, von dem man erzählt bekommt? Wie kann eine Zuhörerschaft ein Urteil über einen Bericht fällen? Gibt es Zeugen? Nein, meistens und auch in diesem Fall gibt es keine Zeugen. Es gibt nur die Person, die sprechen will, und die Person, die schweigen will.


Natürlich hätte auch das ein Missverständnis sein können. Denn der junge Mann wollte ja nichts Böses. Er war, so sagte er auf die Frage eines Freundes hin, unter dem Einfluss euphorisierender Substanzen. Gewiss könnte er die junge Frau missverstanden haben, der er im Dunkeln gefolgt ist. Er könnte missverstanden haben, dass ihm eine eigenständige Person mit einem eigenen Willen gegenüber steht. Vielleicht hat er sie verwechselt mit einer Art belebter Puppe, die von einem fröhlichen, gutmütigen Marionettenspieler zu seinem ganz persönlichen Vergnügen bereitgestellt worden ist.
Die junge Frau hat selbst lange Zeit geschwiegen. Es gab dann aber einen Punkt, an dem sie entschieden hat, dass es ihr helfen wird und dass es ihr möglich ist, zu sprechen. Anfangs tat sie das im Rahmen einer subkulturellen Szene in Tel Aviv. Dort wurden die Anschuldigungen tot geschwiegen. Man wollte die Szene schützen. Dennoch tauchten hier und da noch andere, ähnliche Geschichten auf. Die Band ist inzwischen aus Israel verschwunden. Sie lebt und spielt jetzt in Berlin.

Heute ist die Band nicht mehr auf dem Online-Sampler des kleinen Berliner Indie-Labels vertreten. Denn die beiden Musikerinnen, die als erstes selbst mit ihrer Band von dem Sampler zurückgetreten sind, haben mit einer Gruppe von Gleichgesinnten zusammen ein Schreiben aufgesetzt und sind damit an die Öffentlichkeit getreten. Das heißt, an einen Teil derjenigen Öffentlichkeit heran, die sich ihrer Meinung nach für das Sprechen und das Schweigen über sexuelle Gewalt interessiert – und für Bands und ihre Bühnen. Diese Gruppe von Gleichgesinnten nennen sich No Stage For Rapists.

Eine Bühne geben, heißt, jemandem Raum für eine Performance zu geben und damit auch Macht. Denn es gibt tatsächlich eine Art der intensiven, fast erotischen Beziehung zwischen einer Band auf der Bühne und ihrem Publikum. Die Band kann die Aufmerksamkeit dieser Menschen beanspruchen und nutzen, ihre Gefühle bewegen, sie vielleicht sogar begeistern. In einer kapitalistisch geprägten Verwertungskultur zählt dabei nur, wie sich die Band so vermarkten lässt, dass sie möglichst viele Menschen vor die Bühne bringt.
Wenn es eine Alternative zu dieser Kultur gibt, kann sie nicht nur darin bestehen, dass wir die Musik zu schätzen wissen. Denn die Beziehung zu einer Band ist mehr als nur Musikkonsum. Von einer Band, der wir Bühne geben, dürfen wir eine gewisse Haltung erwarten, nennen wir es ein Bemühen um Integrität. „Es war bloß ein Missverständnis“ reicht da irgendwie nicht ganz aus.
Niemand wird jemals genau wissen, was sich zwischen der jungen Frau und dem jungen Mann damals abgespielt hat außer den beiden Beteiligten. Wir brauchen es auch nicht zu wissen. Wir sind nicht aufgerufen, eine solche Geschichte zu bewerten und zu urteilen, aber wir dürfen erwarten, dass sie nicht einfach totgeschwiegen wird mit dem Verweis darauf, dass ja eigentlich nur die Musik zähle. Das wäre nun wirklich ein Missverständnis.

Alissa Wyrdguth

Fragen? Gerne an no.stage.for.rapists@googlemail.com.

Dienstag, 24. Februar 2015

Ballad of the homeless Art director

Wut und Zorn steigen in mir hoch.
Je weiter ich die Manteuffelstraße zum Görlitzer Park runterlaufe, um so schlimmer wird es. Mit jedem Stromkasten und jedem Laternenpfahl, den ich passiere, nehmen Flüche und Verwünschungen zu. Denn an jedem dieser Pfeiler und Flächen klebt ein Aushang. Es ist immer der gleiche Zettel. Man findet jeden Tag ähnliche Zettel an den Strom- und Postkästen dieser Stadt. Es sind Wohnungsgesuche. Da ich derzeit keine Wohnung zu vermieten habe, ignoriere ich die meisten. Oft schaue ich auch interessehalber mal drauf, was sich der/diejenige denn so preislich vorstellt. Manche von den Zetteln sind auch überaus sympathisch geschrieben, bei den meisten denke ich, wenn ich die preisliche Einordnung für eine „dringend benötigte“ 1-Zimmer-Suche sehe: Armer Irrer.

Viele von denen, die diese Zettel in der Stadt verteilen, hängen immer noch der romantischen Vorstellung nach, dass es in Kreuzberg reihenweise billigen Mietraum gibt. Dass die Vermieter und Makler und Hausverwaltungen dieser Stadt einen Endorphinausstoß kriegen, wenn sie endlich, endlich, endlich die auf dem Zettel vermerkte Nummer wählen dürfen, um mal jemandem ihre Wohnung andrehen zu können. Vielleicht war das mal so in Kreuzberg. Es muss lange her sein. Die Erinnerungen an solche Zeiten wird in meinem Kopf von einem grauen Nebel der Depression verpackt. „Ach, was waren das für Zeiten, lalalalala…“ pfeife ich dann innerlich die Melodie eines alten Ton-Stene-Scherben-Songs daher, in dem es primär ums Kiffen geht. Vielleicht glauben heute nur noch ein paar verträumte Provinzkiffer, das die Mieten in Kreuzberg so billig sind, wie eine Tonne Haschisch im marokkanischen Bergland.
Wenn ich diese Wohnungszettel also normalerweise wahrnehme, überkommt mich Mitleid ob all dieser Illusionen, die die Verfasser dieser Zettel habenn. Am liebsten würde ich ihnen dann das harte Nudelholz der Realität über den Kopf ziehen. „Billige Wohnungen in Kreuzberg?“ würde ich dann am liebsten schreien. „Vergiß es! Wach einfach mal auf! Hier ist nix mehr billig, nicht mal der Döner, den du gerade in dich reinstopfst.“, würde ich brüllen. Und gleichzeitig rot anlaufen. Multitasking kann ich.


Die Zettel, an denen ich heute vorbeigelaufen bin, sind anders. Die hier verhandelten Wohnungsgesuche wurden von einem Art director aufgehangen. So betitelt er sich selber auf seinem Aushang. Der Art Director ist bereit, für eine 60qm-Wohnung bis zu 900 Euro zu zahlen. Das wäre ein Quadratmeterpreis von knackigen 15 Euro. Dazu ist der junge Mann auch bereit, jedem, der ihm eine Wohnung vermittelt, 1000 Euro Vermittlungsgebühr zu zahlen. Mein Puls fährt langsam in die Höhe, nachdem ich das alles gelesen und realisiert habe. 900 Euro für eine Wohnung. Für eine! Nicht für ein Luxusapartment in Charlottenburg oder ein Hausboot in Flugzeugträgerformat am Müggelsee, sondern für eine stinknormale Wohnung in Kreuzberg. Auf einmal bin ich richtig sauer. Ich würde gern was kaputt treten.

Aber warum werde ich eigentlich so wütend, wenn ich diese Zettel da sehe, auf denen mich auch noch das eigentlich ganz nette Gesicht von dem Art director angrinst? Ist es nur Wut? Ist es Neid, weil der solche Preise zahlen kann? Oder bin ich verärgert, weil ich mich so hilflos fühle? Neid ist es eher nicht, soviel wird mir schnell klar. Es ist eher die Wut darüber, hier am ganz konkreten Beispiel zu sehen, wie Gentrifizierung die Mieten in die Höhe schnellen lässt und somit den Kiez für weniger betuchte Leute unbewohnbar macht. Ich kenne persönlich niemanden, der 900 Euro für eine 60-qm-Wohnung hier zahlen kann. Zwar warm, aber dieses Detail lässt mich gerade kalt.

Der smarte Art Director weiß sicherlich, wie die Mietpreise hier sind. Das Problem ist, dass er 1.) diese Preise wohl zahlen kann und 2.) auch bereit ist, das zu bezahlen. Ich glaube aber nicht, dass er weiß, dass er mit dieser Bereitschaft, einkommensschwächeren Kiezbewohnern die Möglichkeit hier (weiterhin) bzu leben, verbaut. Wenn die Mieten erst mal oben sind, dann werden sie da auch bleiben. Denn in Kreuzberg will man ja auch gern leben. Ist ja schön hier. „Geh doch nach München, Art Director,“ denke ich, während ich auf den Zettel schaue, „da ist es auch schön“. Oder weniger nett gesagt: „Verpiss dich doch, Alter.“
Was kann ich also dagegen tun, dass Menschen, ohne Nachzudenken bereit sind, jeden Preis für eine Wohnung hier im Quartier zu zahlen? Leider überwiegt meine Hilflosigkeit. Zu der Wut gesellt sich jetzt am Spätnachmittag auch eine gewisse Verbitterung, die sich lautmalerisch nur mit „Grmpf“ ausdrücken lässt.
Mir fallen spontan zwei Möglichkeiten ein.

Möglichkeit eins: Ich hole Nägel und Hammer und rufe dann den wohnungssuchenden Art Director an. Gebe vor, eine Wohnung zum aufgerufenen Preis in bester Lage anzubieten und verabrede ein Treffen mit ihm. Beim vereinbarten Termin nagele ich ihm dann seine gesammelten Wohnungsgesuche auf die Stirn und setze ihn ohne Fahrkarte in den nächsten Zug der U1, in dem gerade fünf schlechtgelaunte BVG Kontrolleure unterwegs sind. Das wäre bestimmt machbar, aber das würde das Problem ja nur kurzfristig lösen. Es werden nämlich immer neue Art Directoren kommen; mit dem gierigen Verlangen hier wohnen zu wollen und mit der Bereitschaft, dafür immer absurdere Summen zu zahlen. Und ich kann ja nicht jedem von diesen jungen Leuten was auf die Stirn nageln. Oder doch?

Möglichkeit zwei: Den Informationsfluss unterbrechen. Das ist ganz einfach. Der Typ soll nie eine Wohnung hier im Kiez bekommen, weil niemand weiß, dass er eine sucht. Also reiße ich alle seine Zettel einfach ab. Systematisch von jeder Straßenlaterne, jedem Stromkasten und jedem schwarzen Brett, wo ich sie finde. Damit verhindere ich zwar auch nicht, dass die Mieten weiter steigen, aber mit jedem abgerissenen Zettel, den ich mit Lust zusammenknülle und auch noch draufspucke, geht es mir etwas besser.

Gary Flanell

P.S.: Lieber unbekannter obdachloser Art Director: Ich hoffe, die Wohnungssuche hier frustriert dich trotz deiner unglaublichen Zahlungswilligkeit schon bald so sehr wie alle anderen Umzugswilligen. Und ehrlich, München ist doch auch ganz hübsch.

Mittwoch, 18. Februar 2015

Kinky, Sarah und Freddy


Nachdem hier unter dem Eindruck des gestrigen Kinky-Friedman-Konzerts der virtuelle Cowbyhut aufgesetzt und in den Sonnenuntergang geritten wurde...

(Kleine Konzertrezi gefällig? Kinky Friedman ist ein Spitzentyp. Und mit 70 unterhaltsamer als manch 25-jähriger-Post-Bachelor-Prä-Burnout-Indiespacken. Dazu auch sehr stilvoll, so ganz in Schwarz mit großem Cowboyhut und großem texanischem Akzent und ganz allein auf der großen Lidobühne. Es gibt Witze aus dem Stand und Songs aus der Akustikgitarre und eine kurze Lesung aus Kinkys neuestem Buch. Manchmal ist der Humor recht schenkelklopfrig, aber das stört aber keinen der Anwesenden im gut gefüllten Lido. Wir sind halt alle Cowboys, die auch mal einen derberen Scherz vertragen. Auf Deutsch wäre manches doch zu sehr in die Mike-Krüger-Ecke gedriftet, aber einem älteren legendären Schriftsteller mit Countrybackground, der sich auch gut in einer Big-Lebowski-Fortsetzung machen würde, verzeiht man einiges. Am Ende lasse ich mir von Kinky einen Fünf-Euro-Schein signieren, der noch in der Nacht seinen Platz auf meinem Altar findet.)

...empfiehlt die Renfield-Crew eine Ausstellung zweier Künstler, die wir hier im Renfield-HQ sehr schätzen:


"Teacup Storms" - An exhibition from Freddy Fudd Pucker & Sarah Steiner. @ Let it be, Treptower Straße 90, 12059 Berlin

Freddy Fudd Pucker a.k.a. Tom Young wird hier eh immer geknuddelt und gelobhudelt. Nicht zuletzt seit er das wirklich wunderbare Cover zur aktuellen Renfield-Ausgabe geschaffen hat und den Herrn Flanell auch bei der Buchpräsentation seiner Kurzgeschichtensammlung "Stuntman unter Wasser" musikalisch unterstützt hat. Sarah Steiner kennt man als eine der treibenden Kräfte hinter den 40-Sekunden-Pop-Wunderwerk ON ON ON und dem Tapelabel TRIM TAB TAPES.
Letzteres wurde in Renfield No. 27 von LRTT* schon einmal vorgestellt - und gibt es jetzt auch hier zum nachlesen.

Als meine Anlage abgeraucht ist, die ich seit meinen Jugendjahren habe, bin ich in einen Laden gegangen, dessen verstaubter Name den Subtext: „Reparaturen & Unterhaltungselektronik“ hatte. In diesem kleinen chaotischen Geschäft habe ich mir einen Technics Amp und ein dazu gehöriges Doppeltapedeck gekauft. Das war 2006. Zum einen weil ich dachte, dass CDs auch in mein Laufwerk passen und zum anderen, weil ich doch noch das eine oder andere Tape habe.

Nachdem ich peu à peu viele der Tapes (und auch Platten) entsorgt hatte, blieben doch bis heute zumindest noch diejenigen, die ich selbst zusammen kompiliert habe oder die mir geschenkt wurden. Und da ist genau der Punkt. Im klassischen Fall, hat man mit einer leeren Kassette Radio-Bootlegs aufgezeichnet und Mixtapes für andere gemacht. Meistens für Menschen, die einem etwas bedeuten. „Home Taping is Killing Music“ sagt für mich demnach genau das Gegenteil aus! Es hat lediglich den kommerziellen Erfolg von Tapes „gekillt“. Derselbe Fluch wurde ein paar Jahre später auch der mp3 nachgesagt. Naja! Mittlerweile befindet sich das kleine Plastikding in irgendeiner Nische und traut sich langsam wieder hervor. Erlebt das Tape ein Comeback?


Die Kassette wird sicher nicht in den Genuss kommen eine Art Renaissance wie das Vinyl zu erfahren. Der Umsatz von Vinyl stieg allein im ersten halben Jahr 2013 um ca. 30%. Ein ähnlicher Erfolg ist bei dem Tape nicht zu erwarten, aber es gibt heute zweifellos eine neue Faszination an diesem Format. In den Statistiken der großen Musikvertriebe wird das Tape weiterhin ignoriert werden, weswegen wir hier nur über Dunkelziffern spekulieren können. Tatsächlich wurden um die Jahrtausendwende über 70 Millionen Musikkassetten in den USA ausgeliefert, während die offiziellen Zahlen behaupten, dass im Wesentlichen keine Tapes vertrieben wurden. Die Kassette macht also den Eindruck etwa so verbreitet zu sein wie Mini-Discs oder DAT. Wenn sich eine Band dazu entscheidet ihre Musik (auch) auf Tape zu veröffentlichen, dann nehmen sie das oft selbst in die Hand, übernehmen die Gestaltung und verkaufen sie auf Tour, was so viel heißt, dass Tapes oft nur gegen Bares über einen improvisierten Merchandise-Tisch gehen.

Zwei Menschen, die die neue Popularität von Tapes gut kennen sind Clooos On und Sarahhh On. Ziemlich genau 50 Jahre nach dem Erscheinen des ersten Tapes auf der Bildfläche haben die beiden in Berlin ein kleines DIY-Tapelabel namens TrimTabTapes gegründet. Irgendwie aus Versehen und nicht beim Anblick des letzten Kontoauszugs. Beide haben zwar nie so ganz mit dem Tape-Hören aufgehört, doch seit sie selbst in die Produktion gegangen sind, ist das Format mehr in den Fokus ihres Lebens gerückt. Die Leute sollen wieder Tonträger kaufen (können). Sie selbst sagen: CDs sind scheiße und unsexy und Vinyl ist leider nicht so „leicht und billig“ wie das Tape. Nach dem 2007 gegründeten „Record Store Day“, der internationale Tag unabhängiger Plattenläden, gab es am 07. September 2013 den ersten, von Burger Records initiierten „Cassette Store Day“. Kassetten werden auf jeden Fall immer noch verkauft, wenn auch nicht vergleichbar mit anderen Formaten.

Ein Tapelabel zu betreiben ist keine "Hipster"-Sache. Es geht nicht darum, ein Analog-Heini zu sein. Das Medium ist ein Artefakt aus dem Ursprung der Szene, denn tatsächlich sind Kassetten aus der Noise-, Punk- und generell Schrubb-Gitarren-Szene nie verschwunden. Hier konzentriert man sich eher auf eine Art Gesinnung und das Individuelle einer Band, die man heutzutage auch in keine Genreschublade mehr packen kann. CDs sind Einwegware; Zwischenlager für Musik, bevor man sie nach dem Kauf auf den Rechner lädt, so man sie denn überhaupt noch kauft.

Mit einem Tape verbindet einen etwas anderes. Es altert mit dir und ist wie ein akustisches Fotoalbum oder ein Tagebucheintrag. Es ist fast, als wäre das entschleunigte Musikhören ein Protest gegen die Digitalisierung, die alles leicht verfügbar und dadurch scheinbar wertloser macht.

Während CD-Produktionen immer mehr dieser Wertlosigkeit verfallen (es gibt CDs im Rossmann zu kaufen) und LP-Fertigungen lange und kostspielige Großvorhaben sind, kann man ein Tape in kurzer Zeit und mit geringem finanziellen Aufwand produzieren. TrimTabTapes machen das zu Hause. Ihr Kosten belaufen sich auf etwa 1€ pro Stück. Das hängt natürlich davon ab, wie aufwändig das Artwork werden soll, wie ausgefallen die Farben des Tapes und der Snapbox und wie viele Exemplare sie in ihrer Manufaktur überspielen müssen. Vor allem durch das Internet war es noch nie einfacher, ein Label zu starten. Kassetten-Unternehmen sind oft Schlafzimmer-Projekte von Einzelpersonen, die irgendwelche Jobs haben. Da ist es klar, dass sie es sich nicht leisten können, PR-Agenten zu sein oder außerordentliche Label-Promo zu machen.

Bei Clooos On und Sarahhh On ist es genau so. Beide sind nicht hauptberuflich „Tape-Label-Owner“, aber um auch ihr Label etwas wahrnehmbarer zu machen, ist der sogenannte Tapetresen entstanden, der im Grunde ein gemütlicher Kneipenabend ist, der einmal im Monat in einem Berliner Kellerloch stattfindet und zu dem sie selbst und die kommenden Gäste ihre Lieblingstapes hören. Mixtapes, Alben, Aufnahmen eigener Bands werden da von dem Tonkopf abgetastet.

Die Auswahlkriterien der TTT-Crew für die Sachen, die sie auf ihrem Label veröffentlichen, sind simpel und einleuchtend. Die Musik muss gefallen und die Leute, die die Musik machen, müssen coole Säue sein. Im Idealfall kommt die Musik exklusiv nur bei TrimTabTapes raus, das ist aber natürlich nicht zwingend. Es wird kein Vertrag unterschrieben, sondern gemeinsam Hand angelegt. Die Instrumente werden mal kurz zur Seite gestellt und die Bandmitglieder selbst helfen beim Etiketten kleben und Cover schneiden. Alle setzen sich zusammen und basteln gemeinsam am Layout. Meistens verlieben sich Clooos und Sarahhh On in die Musik und lassen sich zu einem bestimmten Artwork inspirieren. Gemeinsam werden dann Entscheidungen über die Kassetten- und Casefarbe, so wie Cover getroffen.

Die beiden kümmern sich dann um die Bestellung der Rohlinge, die fast ausschließlich Ferrochrombänder sind, das Duplizieren, die Werbung und ein wenig um den Vertrieb. Demnach kann man davon ausgehen, dass, wenn man ein TrimTabTape in der Hand hält, es sich hierbei um Musik von KünstlerInnen handelt, die die beiden begeistert. Neben den regulären Musikalben werden aber auch beispielsweise Hörspiele produziert, die zumeist aus der eigenen Feder stammen.

Das Tape-Revival ist natürlich auch ein bisschen nostalgisch. Das ist zwar scheiße, meint Clooos, aber da kommt man irgendwie nicht drum herum, wobei es nicht das Tape an sich ist, so Sarahhh, sondern der Hype der darum gemacht wird. Retromanie ist also nicht ganz das richtige Wort, wenn es um das Interesse an Tapes geht. Das Interesse könnte eher als Beweis für die Unzufriedenheit mit dem aktuellen Musik-Markt gedeutet werden. Musik ist mehr als nur eine Information, die man in eine Cloud lädt oder von DJ Shuffle durch Billigkopfhörer um die Ohren geschleudert kriegt.

Wir haben sie alle schon gesehen, die iPhone-Schutzhüllen im Tapelook oder Tape-Nachbauten, die einen USB-Stick enthalten. Tape ist schick, aber diese Attrappen sind eben keine Tapes! Sarahhh stellt richtig fest, wenn sie sagt, dass Tapes nicht ersetzt werden können, genauso wie das Tape nie das Vinyl oder die CD ersetzen wird. Diese Formate koexistieren und haben lediglich ein unterschiedliches Zielpublikum. Doch die Herausforderung der Gestaltung eines Tapes liegt für sie in dem Format. Es ist kleiner als LP oder CD und nicht quadratisch. Die Möglichkeiten sind vielfältig – da geht es um die Kassette selbst, die Hülle, Sticker, das Inlay und so weiter. Jedes neue Release fordert eine neue Bastel-Session, an der die beiden Freude haben und die natürlich auch Zeit fordert, die sich die meisten Menschen nicht mehr nehmen.

Wir haben uns daran gewöhnt, dass vermeidlich „jeder“ Song auf den einschlägigen Plattformen, wie Youtube, Spotify und iTunes verfügbar ist. Die meisten betrachten dies als einen Segen. Indem ein Großteil unserer Musikbibliothek auf unseren Smartphones ist und zu allen Zeiten abrufbar, scheinen wir befreit zu sein von der Zufälligkeit der Stimmung, des Orts und der Zeit. Wir haben es unter Kontrolle, welches Gefühl in uns erzeugt werden soll. Das gibt uns Sicherheit und wir werden zum Radiogott. Ich habe festgestellt, dass dies oft dazu führt, dass ich nie weiß, was ich hören soll, obwohl ich mehr als zwanzig tausend Songs auf meinem iPod haben kann. Ich höre selten Radio, aber es löst eine kleine Euphorie aus, wenn zufällig ein Lied, das ich mag, gespielt wird.

Die Kassette, noch mehr als die LP, fokussieren unser Musikhörverhalten, weil es schlicht nicht möglich ist, zu skippen. Wenn du das letzte Lied auf einem Tape hören willst, musst du dir erstmal ein paar Minuten das Vorspulgeräusch anhören und hoffen, dass du den richtigen Zeitpunkt triffst. Vergleichsweise ist es einfach in fünf Minuten zehn verschiedene Filme zu sehen.

Wenn du aber ins Kino gehst, bleibst du bis zum Schluss sitzen – meistens zumindest. Ähnlich ist der Vergleich einer Bilddatei mit einem Ölgemälde. Das Hören einer Kassette ist wie eine Gegenbewegung zur immer kürzer werdenden Aufmerksamkeitsspanne, die sich im Zuge der Menge an ständig verfügbaren Inhalten, entwickelt hat. Tapes verleiten dazu, dass man konzentrierter zuhört und im Gegensatz zu Vinyl, kann man sie auch unterwegs hören. Zwar wurde die Produktion des Walkman 2010 eingestellt, aber das findet Clooos On richtig scheiße und sicher nicht nur er. Für Sarahhh On, die noch einen Walkman hat, war das absehbar, nachdem die Produktion von Tapes in mehreren Ländern eingestellt wurde. Da setzen sich kleinere und leichtere digitale Gerät mit mehr Speicherplatz durch. Außerdem kann man mit denen auch telefonieren und fotografieren und was weiß ich noch für noch andere dolle Sachen machen.

Ein Tape-Label sollte doch irgendwie ernster genommen werden, da nicht nur Inhalte, sondern auch Gefäße für die Inhalte produziert werden, die ebenfalls eigenständige Kunstwerke sind. Selbst wenn es ein Nischen-Produkt ist, das produziert wird und unvereinbar mit den Musikabspielgeräten, die die breite Masse benutzt. Im Vergleich zu einer Datei auf dem Computer ist es etwas ganz anderes, den Tonträger in den Händen halten zu können. Musik geht dann über sich selbst hinaus, denn man ist bei der Produktion gezwungen sich über Dinge wie die Reihenfolge und Dramaturgie oder gar das Konzept eines Albums Gedanken zu machen, was oft nicht irrelevant für die Musik ist. Ist ein Album doch mehr als die Menge seiner einzelnen Songs.

Kassetten sind nicht nur für Audiophile, aber sie zielen auf die Spürbarkeit der DIY-orientierten Künstler ab und stellen handgezeichnete Albumcover über Computergeneriertes. Ein Tape ist irgendwie näher an der ursprünglichen Aufnahme, macht sie greifbar und der Künstler war meistens direkt an dem Look des Tonträgers beteiligt. Ein Tape wird dann irgendwann verbeult und zerkratzt, die Farbe wird verblichen sein, aber wie bei einem Buch, sind die Spuren an den Ecken, die beim Benutzen nun einmal entstehen, ein Zeugnis des eigenen Bezugs zum jeweiligen Werk.

Dies ist am deutlichsten beim Mixtape zu erkennen. Individuelle Mixes gibt es ja nach wie vor. Zum Beispiel DJ-Sets bei Sound- oder Mixcloud, doch das Mixtape hat den Namen gepachtet. Die Wahrscheinlichkeit jemandem das Herz mit einem Mixtape zu erweichen, ist heute größer als je zuvor. Es dient nicht dem bloßen Musikaustausch, sondern enthält vermeintlich verborgene Botschaften, die nur für eine Person bestimmt sind.

Sarahhh On verweist in diesem Zusammenhang auf „Tapetausch“. Eine Online-Plattform, an die jeder Mixtapes schicken kann und bei denen jeder Mixtapes „bestellen“ kann. Hier werden im wahrsten Sinne Tapes getauscht. Clooos und Sarahhh On haben im Laufe der Zeit, die sie nun schon ihre TrimTabTapes produzieren diverse andere Tape-Nerds kennen gelernt, die keiner bestimmten Szene angehören. Es gibt bislang noch kein offizielles Netzwerk, dennoch haben ein paar andere Tapeliebhaber ihren Weg gekreuzt, wie beispielsweise Mustard Mustache, Kill all Human oder Kick Ass Tapes. Bei TrimTabTapes selbst sind bereits Anfragen aus Washington oder Frankreich eingegangen, wobei sie nicht wissen, wie diese auf sie aufmerksam geworden sind.

Für die Zukunft wünschen wir Clooos On und Sarahhh On das, was sie sich selbst wünschen und zwar, dass sie noch viele geile Veröffentlichungen machen, durch die sie noch viele tolle Musik und tolle Menschen kennen lernen und uns hoffentlich weiterhin daran Teil haben lassen.

trimtabtapes.blogspot.de

tapetausch.blogspot.de

LRTT*

Dienstag, 10. Februar 2015

Ella and Gary and four girls with a golden tape

Das Datum mag - je nach Weltanschauung - ein böses oder ein gutes Omen sein. Oder gar keins. Ella Chord & Gary Flanell werden am Freitag, dem 13.02. jedenfalls eine Menge charmanter Songs spielen, die man so kennt oder eben nicht.
Mit dabei ist außerdem der nicht minder charmante Till The Morninglight, den man derzeit eher selten live in Berlin sieht. Also noch ein Grund mehr in unser favourite Schnapsloch zu kommen.
Und hier nochmal Fakten und Flyer:


Live:
Ella Chord & Gary Flanell (Charming covers, Berlin)
soundcloud.com/gary-flanell
Till The Morninglight (Singer/Songwriter),
tillthemorninglight.com
Aftershow Gaudi by DJ DC Reverend (East India Fading Company, Soulcat)

Freitag, 13.02.2015
ab 21 Uhr

at Planet Trickstopia somewhere in your backyard...(you know where it is, if you know where it is)

Bis dahin ist ja noch etwas Zeit, in der man sich den weiteren Teil dieses Postings geben kann. In Renfield Nummer 28 erschienen, hier noch eimal das Feature über die BRUNETTEZ, den girls with the golden Tape.



„Weil wir wissen, dass Leben viel mehr ist als bloß Überleben, und weil Punk Rock heißt, dass wir alles machen können: deswegen machen wir wütenden Grrrl Rock […] für die Kultur und Seele aller Mädchen und Frauen, so wie sie es wollen, nicht wie wir es wollen.“

Diese Erklärung aus dem Riot Grrrl Manifest erschien 1991 in der zweiten Ausgabe des Bikini Kill Zines. Wenn wir über 20 Jahre später hier in Berlin nach einer Band suchen würden, auf die Bikini Kills Ideen passen wie die Faust durch die Wand, dann wären es die BRUNETTEZ aus Kreuzberg. Wütend sind sie ziemlich oft, und das hört man auch. Ihre Texte geben keine Anweisungen, wie Feminismus auszusehen hat, sondern üben Kritik am Repressiven. Die Schärfe dieser Kritik trifft sich mit einer liebevollen Grundhaltung, die Verständnis hat für menschliche Fehler und Schwächen, aber kein Verständnis für Gleichgültigkeit und Anbiederung an patriarchale Strukturen. Sie sind ironisch, witzig, subtil, und manchmal erzählen sie einfach nur skurrile Geschichten.
Dass Punk Rock heißt, dass wir alles machen können, haben die BRUNETTEZ bewiesen, indem sie sich einfach Instrumente schnappten und anfingen zu spielen, ein Mikro schnappten und anfingen hineinzuschreien. Kommt schon beim Spielen, dachten sie sich, und so war es auch. Drei Jahre nach der Gründung haben die BRUNETTEZ ihr erstes Album herausgebracht – auf einem goldenen Tape. Gleichzeitig sind sie mit einem Song auf dem Soli-Sampler „Screaming for a better future Vol. 4“ dabei und hinterlassen einen Knutschfleck auf Vinyl.


Der DIY-Ansatz ist wichtig für die Mädels. Ihre Instrumente haben sie sich selbst beigebracht, das Songschreiben haben sie gemeinsam ausgetüftelt und auch Produktion und Vertrieb des goldenen Tapes machen sie natürlich selbst, zusammen mit ihrem Berliner Label, TrimTabTapes. Musikalisch hat ihr dilettantisch-dynamischer Punk Rock verschiedene Wurzeln, denn Malwi, Lorena, Tabea und Carine bringen ganz unterschiedliche Hintergründe in die Band ein.
Carine, die singt und Texte schreibt, liebt die Beatles, Stoner Rock und Psychedelica. Aber sie hat auch eine Metal-Seite und hat aus Brasilien den Punksong „Papai Noel“ mitgebracht, der auf Portugiesisch vorschlägt, jetzt endlich mal den Weihnachtsmann zu erschlagen, der auf die Armen doch nur spuckt.
Schlagzeugerin Malwi dagegen liebt Bands wie Pascow und Düsenjäger. Nachdem sie sich das Schlagzeugspielen innerhalb einer Woche selbst beigebracht hat, angefangen mit einem Bikini Kill Song, hat sie den Brunettez-Sound erst einmal mit ordentlichen Drum-Wirbeln versorgt.
Außerdem hat sie Bassistin und Songschreiberin Lorena an die Ramones herangeführt. Man hört das schon in „Ice Cream Man“, mehr aber noch in einem phantastischen neuen Song, der leider noch nicht auf dem Tape ist: „Oh what a Gentleman“.
Tabea ist Gitarristin und Grafikerin, sie zeichnet verantwortlich für das Design des goldenen Tapes, für Sticker, Kühlschrankmagneten und die Webseite. Ihr Gitarrenspiel und auch ihr Outfit sind geprägt von 70s Punk und Wave – Gun Club, The Slits, X-Ray Spex – und von den schicksten Strumpfhosen der Stadt.


Sexy Outfits und schicke Strumpfhosen können Teil des BRUNETTEZ -Stils sein, müssen aber nicht – mal gehen die Mädels in roten Minikleidern auf die Bühne, mal in schlabberigen Hoodies. Ihre feministischen und kapitalismuskritischen Texte bestärken Frauen in ihrer Sexualität und auch darin, sie offen zu äußern. „Everybody is having sex but me tonight – all I want to do is fuck!“ in dem Song „Full Moon“ wird von einer Stöhn-Inszenierung untermalt, an der Lorena und Carine hörbar Spaß haben. „Swallow“ liefert eine boshafte Auflistung ironischer Benimmregeln für Frauen und empfiehlt ihnen, bloß nicht aufzumucken, nicht selber zu denken, sich als Ware zu vermarkten und gerne noch ein bisschen abzunehmen, denn: „Less of you will look so nice!“

Den Mythos, dass Frauen sexuelle Objekte seien und nicht aktive Subjekte, attackiert auch „Ice Cream Man“, denn die Erzählerin hat absolut keine Lust, sich für einen Mann oder eine Eiskugel zu entscheiden. „Be happy with what you got, my mum would say... But I don't want to live this way!“ Zugleich ist der Song durchaus konsumkritisch, denn sie ist auch gehemmt durch ihren Zwang, selbst zu wählen: „If I pick one – the rest I lose...“
Die Kreuzbergerinnen spielen sich durch die Läden und besetzten Häusern in Kreuzberg und Friedrichshain: Liebigstraße und Schererstraße, im Tiefgrund, Cortina Bob, SO 36 und zuletzt im Supamolly.
Als lokale Band kommentieren sie auch ihre Umgebung, zum Beispiel die Unsinnigkeit der riesigen O2-Arena am Spreeufer im „O2-Song“, oder empfehlen den stumpfen Partymassen: „You want a boy? You want a girl? You want another line? You want to stand in line forever? So go to Berghain!“


Ob sie bald auf Tour gehen, eine Platte herausbringen, weiter ganz viele Konzerte spielen? Ist zu hoffen. Aber die Mädels lassen sich da auch nicht festnageln. Wie sie selbst sagen: „You and me can be free together, let go of your fear, there is no forever...“ Schade. Aber sehr wahr.

Das in der Überschrift erwähnte Golden Tape gibt es übrigens bei Trim Tab Tapes - aber wer weiß wie lange noch. Also ranhalten!
www.brunettez.de

Alissa Wyrdguth

Freitag, 6. Februar 2015

Damals in Mitte und Kreuzberg...

war das Leben trist, kalt und grau. Jetzt aber nicht mehr. Denn wer immer noch kein Renfield hat, kriegt es jetzt ganz problemlos in zwei weiteren Läden, ohne die Berlin um einiges langweiliger wäre:

1. Kunstkabinett 451 - Fachgeschäft für Bücher, Fanzines, Poster, Siebbdrucke und mehr D.I.Y.-Kunst

und auch im

2. Ramones-Museum auf der Krausnickstraße

Dienstag, 3. Februar 2015

Von Lesungen und Geschlechtsorganen



In ganz eigener Sache ist zu Anfang des dienstäglichen Renfield-Posts auf eine Veranstaltung im Herzen Kreuzbergs hinzuweisen - die natürlich unmittelbar was mit der Renfield-Crew zu tun hat...

Am 07.02.2015 findet im Kremanski, Adalbertstraße 96, direkt am Kotti am Durchgang zur Dresdener Straße (an dieser Stelle bitte keine PEGIDA-Witze) eine Lesung von Gary Flanell und Alissa Wyrdguth statt. Gary liest Geschichten und Gedichte aus seinem (demnächst vergriffenen) Bestseller STUNTMAN UNTER WASSER. Alissa liest Geschichten und Gedichte,die noch kein Zuhause haben. Vielleicht gibt es sogar MUSIK!
Lassen wir uns überraschen.
Hier nochmal die grundlegenden Fakten:

SEID MAL STILL. UND HÖRT GUT ZU.
Lesung mit Gary Flanell & Alissa Wyrdguth
07.02.2015, ab 21 Uhr
@ Café Kremanski,
Adalbertstraße 96,
Berlin-Kreuzberg

Das an sich ist natürlich schon so geil, dass man's kaum bis zum Wochenende aushalten kann.
Noch viel geiler, sozusagen hyper-hyper-geil, ist aber die folgende Kolumne zu einem Thema, das uns alle angeht. Verfasst von einer Expertin, die sich im Rahmen ihrer akademischen Arbeit mit Schwänzen beschäftigt hat. Mit Penissen. Dem männlichen Glied. Schwengeln, Dödeln, Fleischpeitschen, Pimmeln, Beidln, Latten, Lümmeln, Piepmätzen, Schniedeln, Pullermännern, Muttermundkontaktbolzen, erhobenen Zeptern der Liebe und wie ihr es sonst noch nennen wollt.
Ursprünglich in RENFIELD Nummer 27 erschienen, packen wir dieses Highlight der letzten Ausgaben für alle Zu-Spätgekommenen nochmal hier auf den Blog.

All you ever wanted to know about circumcision but never dared to ask.
Von der Fachfrau für den Kenner.

Der Penis: Gegenstand pubertärer und postpubertärer Vergleiche und Kompensationen, Lieblingskritzelei auf Schulheften und fast jeder hat einen - so oder so.
Ich habe vor etwa einem halben Jahr angefangen, mich intensiv mit Penissen zu befassen. Quasi beruflich. Das ist nicht halb so anstößig wie es klingen mag, denn tatsächlich: der Anlass war eine wissenschaftliche Arbeit. Meine Masterarbeit.
Dieser Arbeit verdanke ich den weltbesten Partygesprächs-Opener: „Was machst du so?“ „Ich beschäftige mich mit Penissen“. Wer ein Faible für irritierte Gesichtsausdrücke hat, sollte das probieren. Frauen sind neugierig, Männer verunsichert. Aber jeder kann sofort einsteigen und mitreden (und wird das auch tun)! Ganz im Gegenteil zu meiner Bachelorarbeit, in der es um eine Kambodschanische Diktatur in den 1970er Jahren ging. Khmer Rouge? Kennt kein Mensch. Penis kennt jeder.


Doch dass meine Arbeit von Penissen handelt, ist nur die halbe Wahrheit. Denn das eigentliche Thema meiner Masterarbeit ist die Beschneidung. Ist die erste Irritation meiner Gesprächspartner verflogen, wähnen sie sich beim Penisthema wieder auf sicherem Boden, BÄÄM, bringe ich die Beschneidung ins Spiel. Während bei Frauen die Neugier in echtes, persönliches Interesse umschlägt (Was ist denn nun besser: Beschnitten oder unbeschnitten?), setzen die meisten Männer eine schmerzverzerrte Miene auf, als wollte ich ihnen höchstpersönlich mit einem scharfen Gegenstand zu Leibe rücken.

Besonders interlinguistische Gespräche fördern hier die absurdesten Geschichten zutage:
Ein amerikanischer Künstler, den ich von gelegentlichen Zusammentreffen kenne, fragte mich bei einem solchen Treffen, nach dem Thema meiner Masterarbeit. Ich war mir nicht ganz sicher, ob ich die richtige englische Bezeichnung kenne und fragte ihn, ob es im Englischen den Begriff „Circumcision“ gebe. Sein irritierter Blick und die vorsichtige Antwort „There is. But I really dont’t know if you mean what you’re saying....“ bestätigten, dass ich goldrichtig lag. Inspiriert von diesem Wortwechsel verstrickten wir uns in einen Diskurs über sprachliche Missverständnisse. Dieser gipfelte in der Geschichte, wie er in seiner Anfangszeit in Berlin nach einem Fahrradunfall in eine Bar stolperte und in gebrochenem Deutsch fragte, ob er einmal die Toilette benutzen dürfe. Mit wirrem Haar, völlig verdreckt und wild gestikulierend erklärte er, er habe „bis zum Ellenbogen in eine Fotze gefasst“. Was er eigentlich sagen wollte war: er war bis zum Ellenbogen in einer Pfütze gelandet.
Zurück zur Beschneidung. Die kann, wie gesagt, unterhaltungstechnisch so einiges. Nach einer halbjährigen Probezeit, in der sie sich auf Partys wirklich gut bewährt hat, könnte ich es nun einmal mit Familienfeiern versuchen. Aber das ist eine andere Geschichte. Wer das auch mal ausprobieren möchte: Ich habe eine Liste mit 10 interessanten Fakten zur Beschneidung zusammengestellt, mit denen man auf dem Event seiner Wahl wunderbar glänzen kann. There you go.

10 Fakten zum Thema Beschneidung mit hohem Partygesprächspotential:
1. Etwa ein Drittel der männlichen Weltbevölkerung ist beschnitten.
2. Bei Neugeborenen wird die Beschneidung oftmals ohne Betäubung durchgeführt.
3. Zu den Nebenwirkungen der Beschneidung gehören unter anderem Penis-deformation, Zeugungsunfähigkeit, Spaltung oder Amputation der Eichel und Tod.
4. Die Vorhautverengung, die von Ärzten oft als Indikation zur Beschneidung angegeben wird, bildet sich oftmals bis zum 13. Lebensjahr von ganz alleine vollständig zurück.
5. Bereits die alten Ägypter praktizierten die Beschneidung.
6. Einige indigene Volksstämme in Australien praktizieren neben der Beschneidung auch die Subinzision – die Spaltung der Unterseite des Penis, inklusive der Harnröhre.
7. Muslime stellen mit knapp 70 % die größte Gruppe beschnittener Männer dar – obwohl die Beschneidung im Koran nirgends als religiöse Pflicht erwähnt wird.
8. In Deutschland ist die Beschneidung die bei Jungen am häufigsten durchgeführte Operation 9. Das 2012 erlassene Beschneidungsgesetz ist verfassungswidrig.
10. Es verstößt gegen Art. 3 des GG, nachdem alle Menschen vor dem Gesetz gleich, und Frauen und Männer gleichberechtigt sind. Da die Beschneidung der männlichen Vorhaut per Gesetz erlaubt wurde, müsste demnach gleiches für die weibliche Klitorisvorhaut gelten.

Text: Nora Zu Pan

Dienstag, 27. Januar 2015

Tres chic - an evening with Francoise Cactus

Ziemlich genau 20 Jahre bevor dieses Interview mit Francoise Cactus bei Bier und Wein in der Kreuzberger Kneipe an der Ecke geführt wurde, gründeten sich in Berlin die Lolitas. Dieses Interview erschien in Renfield No. 16, im Jahr 2006, man kann sich also leicht ausrechnen, wann das losging mit der Band, die Frau Cactus in Berlin bevor sie mit STERO TOTAL weitermachte. Viele Jahre vorher hatte mir irgendjemand die Lolitasplatte „My English sucks“ auf Tape gezogen. Auf der Rückseite waren Ton Steine Scherben – interessante Kombi, auch wenn ich damals noch gar nicht geahnt habe, dass Berlin die Verbindung zwischen beiden Bands sein könnte. Die auf dieser letzten LOLITAS-Platte eingespielten Coverversionen (z.B. von den Misfits, Dead Boys, Queen u.a.) haben mich ziemlich schnell zum Fan werden lassen. Wann genau das war, kann ich gar nicht mehr sagen, aber ich denke es war zu einer Zeit, als Francoise Cactus ihre erste richtige Band in Berlin schon hinter sich gelassen hat und erste Versuche mit Stereo Total unternahm. Das Tape hab ich immer noch, und klar, im Laufe der Zeit sind auch ein paar LPs dazugekommen. Allesamt Beseisstücke, dass es in den 80ern in Deutschland richtig gute garagebands gab. Wobei „Bouche Baiser“ gnaz klar mein Vinyl-Favorit ist. Da passt es natürlich formidabel, dass am Freitag, dem 30.01.2015 die Premiere des Stereo-Total-Trashicals "In der Hölle des Rock'n'Roll" gefeiert wird. Perfekter Anlass, um das Interview mit Francoise C. hier nochma zu prääsentieren.

G.: Francoise, wie bist du eigentlich nach Berlin gekommen?
F.: Als ich Studentin in Frankreich war, habe ich einen Zettel vom DAAD gesehen und es gab einen Austausch von Studenten für den ich mich beworben habe. ich dachte: ich geh mal ein Jahr nach Deutschland. man konnte so kleine Jobs in einem Gymnasium kriegen, um mit den Schülern ein bisschen französische Konversation zu betreiben, so ein paar Stunden die Woche. Man sollte ein paar Städte zur Auswahl angeben und ich hab gesagt: 1. Berlin, 2. Hamburg, 3.nix. Dann haben sie mich nach Husum geschickt.

G.: Husum?
F.: Es war nicht so schlecht, ich habe bei den Urenkelinnen von Theodor Storm gewohnt und es war am Meer. Gar nicht schlecht, aber so schon ziemlich langweilig, Ich war schwer enttäuscht, dass ich dorthin geschickt wurde. aber dann hatte ich in der Schule nicht so viele Stunden und habe gefragt, ob ich das nicht alles zusammenpacken kann. Ich habe dann nur noch Montag und Dienstag gearbeitet und bin den Rest der Zeit herumgereist. Ich war oft in Kopenhagen, weil das nicht soweit von Husum entfernt ist und manchmal auch in Berlin. In Paris war Berlin, so in den 80ern DAS Ding, deshalb wollte ich unbedingt dahin…
Auf jeden Fall bin ich so zum ersten Mal nach Berlin gekommen, da hab ich dann schon ganz lustige Dinger gesehen, wie z.B. das Festival der genialen Dilettanten so ganz verrückte Sachen, die ich in Frankreich noch nie gesehen hab oder auch so richtig extreme Punkrockkonzerte. Einmal hab ich mir eine Rippe geprellt, weil mich ein paar Typen beim Pogo gegen die Bühne gequetscht haben.
Das stand sogar auf dem Befund des Krankenhauses: Rippen geprellt beim Pogo. Ich war ganz stolz. Dann bin ich zurück nach Frankreich, habe ein bisschen weiter studiert und dann dachte ich: Ich gehe ein Jahr nach Berlin. Ursprünglich wollte ich auch nur ein Jahr bleiben. Aber dann habe ich diesen Franzosen kennen gelernt, Coco, mit dem ich später die Lolitas hatte. Dann fing das mit der Band an und ich hatte keine Lust abzuhauen.


G.: Das lief ja auch ganz gut mit den Lolitas…
F.: Ja, das war ganz nett so. Wir waren zwar keine Weltstars, aber es war ok.

G.: Ihr habt zumindest ein paar gute Platten gemacht…
F.: Ja, da waren ein paar coole Platten bei. Es war ganz amüsant, in Deutschland waren wir zuerst bei What’s so funny about, dem Label von Alfred Hilsberg aus HH. Der hatte immer so bekloppte, aber ganz gute Bands auf seinem Label. Dann waren wir bei Vielklang und in Frankreich waren wir bei New Rose. Dadurch haben wir die Möglichkeit gehabt, eine Platte mit Alex Chilton und eine mit Chris Spedding zu machen. Chris Spedding ist eigentlich ein ganz toller Gitarrist, der bei ganz vielen Leuten Gitarre spielt, z.B. bei dem Typen von den Sex Pistols…
Also, das waren so die Abenteuer mit den Lolitas. Aber dann ist Coco abgehauen, weil er plötzlich nicht mehr in der Großstadt leben wollte. Er ist nach Guadeloupe gezogen und wohnte da in so einer Hütte. Ich habe gedacht: Na, das wird kompliziert. Wir haben zwar nicht viel geprobt, aber die Lolitas waren sowieso in meinem Geiste am Ende. Weil ich die Lolitas anfangs sehr gern mochte, als wir noch gar nicht spielen konnten. Wir konnten zwar schon ein bisschen was, aber es war so frisch. Nachher haben die Jungs angefangen, so klassische Dinger spielen zu wollen und dann interessierte mich das nicht mehr so richtig.
Jedenfalls auf unserer letzten Tour mit den Lolitas, war Brezel unsere Vorband. Er ist solo unter dem Namen „Der Böhmische Elvis“ aufgetreten. Ich fand den Typen genial und dachte: Mit dem mach ich eine Band. So ist das ungefähr übergangslos weitergegangen: Die Lolitas waren vorbei – Puff! Ich nehme mir den Typen von der Vorband und mache gleich die nächste Band.

G.: Aber bei den Lolitas hättet ihr ja eigentlich auch eine neuen Gitarristen holen können und ohne Coco weitermachen können…
F.: Ja, aber Coco war schon sehr wichtig, weil wir die Musik zusammengemacht haben. ich hab die Lyrics geschrieben und Coco die Musik. Ok, das hat sich auch ein bisschen vermischt, aber als er weg war, war es nicht möglich, ihn zu ersetzen.

G.: Und irgendwann war auch Tex Morton mit dabei…
F.: Ja, aber er hat keine Songs geschrieben. Er ist zwar ein guter Gitarrist, aber er hat keine Songs bei den Lolitas geschrieben. Der hatte ja schon ganz viele Bands. Neulich habe ich den Sänger von Lüde & die Astros wiedergetroffen, als Roadie von so einer jungen deutschen Band, es war ganz lustig, den wiederzusehen. Und mit dem hatte halt auch Tex Morton gespielt, der hatte auch schon sehr viele Bands weil er ein sehr guter Rock’n’Rollgitarrist ist.
Vor ihm spielte bei den Lolitas Tutti Frutti, dieser Italiener, der immer noch in Berlin wohnt und solo auftritt, der heißt jetzt Michele Venelo. Michele ist sein richtiger Name, aber seit der ersten Lolitasplatte, da hatten wir geschrieben – Michele, Coco, und Olga und da wurden wir bei allen Kritikern als Frauenband besprochen, weil alle dachten, Coco wäre ein Frauenname und Michele würde sich wie Michéle aussprechen. Klingt ja auch Französisch, aber eigentlich waren wir ja gemischt und die Jungs waren immer sauer: Schon wieder schreiben sie, wir sind eine Frauenband. Dann hat er seinen Namen geändert und sich Tutti Frutti genannt. Irgendwann ist er wieder nach Italien abgehauen, dann kam Tex Morton. Es gab da ein paar Fluktuationen.

G.: Aber bei den Lolitas hast du von Anfang an gesungen und getrommelt? Hast du denn vorher schon in Frankreich Schlagzeug gespielt?
F.: In Frankreich habe ich schon gesungen, aber das hat mir nie gefallen, weil die Jungs immer gesagt haben: So, jetzt singst du das und das und das. Als ich nach Berlin gekommen bin, habe ich in einer Punkrockband gespielt, Katapult. Aber da dachte ich irgendwann: Ich muss jetzt mal meine Band machen. Das war, als ich Coco getroffen habe.
Wir wohnten auch im selben Haus, das war so eine Art besetztes Haus mit 8 Kumpels und irgendwann haben wir die Zeitung aufgeschlagen und da stand dann: Ich verschenke mein Schlagzeug an Abholer. Weil Coco Gitarre spielen wollte, habe ich gesagt, dann spiel ich halt Schlagzeug. Das haben wir dann in unseren Keller gestellt. Dann hab ich meine beste Freundin zu der Zeit gefragt, ob sie nicht Bass spielen will. Wir haben dann dreimal geprobt – Coco konnte schon ein bißchen Gitarre spielen, ich konnte gar kein Schlagzeug spielen und hab nur so ganz einfach getrommelt und das Mädchen konnte auch keinen Bass spielen.
Dann haben wir unser erstes Konzert hier in der Waldemarstraße in Kreuzberg im Kino gehabt. Ich habe einfach angefangen, dabei zu singen und so ist es seitdem geblieben, ich finde Schlagzeug einfach super. Es gibt viele Leute, die sagen, es ist schwer Schlagzeug zu spielen und gleichzeitig zu singen, aber ich denke, Schlagzeug kann man spielen ohne dabei zu denken.
Das ist ein bisschen wie rumtanzen. Es passiert manchmal, dass ich beim Singen Gitarre spiele, aber das nervt mich. Während ich singe, muss ich immer viel mehr auf die Akkorde und die Wechsel achten. Schlagzeug ist irgendwie einfacher.

G.: Ging’s nach dem Ende der Lolitas sofort mit Stereo Total los?
F.: Ja, am Anfang wollte ich noch einen dritten Typen dabeihaben. Der hieß Captain Spacesex. Das ist so ein abgefahrener Musiker in Berlin, der tritt immer so in Science-Fiction-Kostümen auf und hat so ganz verrückte Synthies aus den 70ern. Ich wollte zwar, dass es immer noch Rock’n’Roll-Elemente hat, aber ich wollte gern mal ein paar mehr Sachen mit Synthies machen.
Der Typ wäre super gewesen, aber ich hab ihn ca. 20mal zu Proben eingeladen und er hat immer gesagt: Ja, geil mach ich, aber er ist nie gekommen. Dann hab ich ihn angerufen aber er ist nie gekommen. Ich dachte dann: Das wird nix. Dann haben am Anfang nur Brezel und ich gespielt, meistens so ganz easy. Er ist mit einer Bontempi-Orgel aufgetreten, so eine ganz billige mit Begleitautomatik und ich hab dazu gesungen.
Wir haben das bei irgendwelchen Ausstellungseröffnungen gemacht. Irgendwann haben wir uns gedacht: Wir machen jetzt eine Rockband auf, aber es gab auch hier sehr viel Fluktuation. Als erstes hatten wir die Gitarristin Leslie Campbell, das ist eine Frau, die ich super fand, sie kommt aus Schottland und war schon in den 80ern in Berlin und war früher in dieser Superband Camping Sex. Camping Sex ist eigentlich die Vorgängerband von Mutter. Der Sänger war Max Müller und der Schlagzeuger war Florian Körner von Gustorf. Tres chic.
Leslie hat eine Zeitlang bei uns gespielt, war aber nicht so ehrgeizig wie wir und hatte auch keinen Bock, eine Platte aufzunehmen und auf Tour zu fahren, das war ihr alles too much. Sie ist nicht so lange dabei geblieben. Dann hatten wir später Rasi, den Boy from Brazil, der hat bei uns Bass gespielt. Das war eigentlich nicht so geplant, aber Rasi ist ein alter Freund von mir.
Als wir mit den Lolitas vor dem Mauerfall in Ostberlin gespielt haben, haben wir da immer verbotene Konzerte gegeben. Wir haben so getan, als ob wir Touristen sind und die Jungs haben uns Instrumente gegeben und dann sind wir in Kirchen, in Gärten und so was aufgetreten. Da kam Rasi einmal vorbei, ein ganz arroganter Typ und ich dachte: „Was ist denn das für ein Arschloch?“ Sein Vater war Diplomat und deshalb war er in Ostberlin, aber er konnte immer in den Westen, sooft wie er wollte. Zuerst konnte ich ihn überhaupt nicht ausstehen und jetzt ist er einer meiner besten Freunde.
Jedenfalls treffe ich ihn und frage ihn ob er mir mal die Adresse von einem Freund geben kann, das war ein Bassist, den ich bei einem Konzert gesehen hatte und super fand. Ih wusste, dass das ein Kumpel von Rasi war. Rasi wollte wissen, warum ich die Adresse brauche und als ich sagte: Ich will ihn fragen, ob er bei uns Bass spielen will und Rasi sagte: Nein! Das mache ich!
Und ich sage: Aber Rasi, du kannst doch gar kein Bass spielen – macht nix! Dann war Rasi eine Zeit lang unser Bassist. Irgendwann hat er diese amerikanische Künstlerin geheiratet, Beth More-Love und war weg in Amerika. Dann ist Angie Reed eingestiegen, die macht ja jetzt auch Solosachen und Reimo, der ist jetzt beim Jeansteam. Das waren alle Musiker die wir hatten. Die sind irgendwie nach und nach abhanden gekommen und irgendwann hatte ich es so satt. wir haben die Songs eh nur zu zweit geschrieben und sagen den anderen eh nur: Spiel mal ein A oder ein G oder so. das ist doch Quatsch.
Seitdem machen wir das zu zweit und das gefällt mir besser. Bands sind mir einfach zu anstrengend. Wir wohnen zusammen, wir reisen zusammen und wenn wir wollen, gehen wir zusammen in den Proberaum, das ist alles ganz einfach einzurichten.

G.: Ich finde, daß Stereo-Total-Songs immer so leicht und einfach rüberkommen. Schüttelt ihr die einfach so aus dem Ärmel, wie es euch in den Sinn kommt, oder frickelt ihr ewig an einem Song rum und seid da eher perfektionistisch drauf?
F.: Wir mögen keine Perfektion und wir suchen auch nicht den supergeilen energetischen Sound, mit dem Aufnahmestudios werben. Aber ich würde schon sagen, daß Brezel in seiner Crazyness, in seiner Art ein Perfektionist ist, um einen ganz bekloppten Sound zu erzeugen. Da kann er schon manchmal stundenlang rumdrehen und machen, bis es genau so ist wie in seinem Kopf. Er ist da schon perfektionistisch, aber ich nicht so. Ich denke mir immer, wenn ich einen Text schreibe: Wird er mir noch in 4 Jahren gefallen? Wenn ja, kommt er durch, wenn nicht, landet er im Mülleimer.
Wenn ich schlecht gesungen habe, nehme ich das natürlich noch mal auf, aber Brezel fummelt schon ganz schön viel. Also, wenn wir aufnehmen gehen, ein paar Parts ziemlich schnell Schlagzeug zum Beispiel. Neuerdings spiele ich Trompete und auch Theremin. Dann verschwinde ich und er fummelt die ganze Nacht an etwas herum. Also ich glaube, er ist ein Perfektionist, aber nicht im klassischen Sinne, sondern weil er eine bestimmte Vorstellung hat, wie es klingen sollte und wenn nicht, dann ist er nicht zufrieden.

G.: Wie ist das mit den Lolitastexten? Findest du die immer noch gut?
F.: Da schäme ich mich auch nicht. Ich wundere mich manchmal, wenn ich mit Sängern rede und die sagen: Oh Gott, ich kann die Lieder von unserer Platte nicht mehr singen, ich schäme mich total. Ich hab das nicht. Natürlich gibt es auch ein paar Griffe ins Klo, aber insgesamt nicht.
Bei den Lolitas, da gab’s so Texte über ein Mädchen, daß sich umbringen will und den ganzen Tag auf dem Gleis rumläuft. Vielleicht lag es auch an der Zeit, dass ich ein bisschen depressiv, trüb und schwarz war, oder wenn man so hospitalismusmäßig den ganze Tag hin und herschaukelt. Das war schon ganz schön trübe manchmal. Oder über total misslungene Liebesgeschichten und so. Ok, manchmal gab es auch lustige Sachen.
Die Texte von Stereo total sind ja auch viel lustiger und entspannter. Meist singe ich in französisch oder deutsch, aber auch eEnglisch, italienisch oder Spanisch. Wir haben zwei auf Portugiesisch, weil wir in Brasilien ein Label haben und die freuen sich, wenn wir auf ihrem Label eine extra Version auf Portugiesisch haben. Einmal haben wir eins auf türkisch gemacht, aber da hat niemand drauf reagiert, außer als wir mal in Istanbul gespielt haben, da kannten die Leute das. Aber hier in Berlin hat das keinen interessiert, dabei wollte ich ja was für die Völkerverständigung machen…

G.: Du hast doch auch auf dieser japanischen Dackelblutsingle mitgemacht, wie kam das denn zustande?
F.: Ich kenn halt Jens Rachut schon ganz lang, schon als er diese Band vor Dackelblut hatte, Angeschissen (singt „Hund“ von Angeschissen). Ich hab ihn mal auf einer Tour mit den Goldenen Zitronen kennengelernt und da war er auch dabei. Seitdem sind wir Kumpels. Er hat Brezel gefragt, ob er bei Kommando Sonnenmilch für ihn Musik machen will, sodass diese Platte sich nicht so punkrockig anhört wie die anderen. Dann hat er mich gefragt, ob ich was für ihn singen will. Er ist superlustig und nett. Ich habe den Text einfach übersetzt. Das ist ja ein Lied über diesen Kinderspielplatz und es ist ein bisschen über die Misere von den kleinen Kindern, die schlecht drauf sind und die Eltern sind auch schlecht drauf und so.

stereototal.de

Sonntag, 25. Januar 2015

Renfield? Gibt's jetzt auch...

bei den folgenden beiden sehr sympathischen Geschäften in Berlin.

Zabriskie: Am anderen Ende der Manteuffelstraße (also vom Renfield-HQ gut fußläufig zu erreichen) gelegen. Super Buchladen für Kultur und Natur mit nem gut ausgesuchten Sortiment an Büchern und Magazinen zum Thema Subkultur, Kunst, Film und DIY.

Periplaneta: Der Verlag, in dessen Subkulturreihe Gary Flanells Erstlingswerk "Stuntman unter Wasser" rausgekommen ist. Das Renfield kann man dort entweder online bestellen oder beim Besuch im verlagseigenen Literaturcafé auf der Bornholmer Straße 81 mitnehmen.

Dienstag, 20. Januar 2015

Altern, Alter!

Die Frage nach dem Alter… stellt man sich als 16-32-jähriger Jungrebell eher selten. Haben deine Lieblingsbands ja auch nie gemacht. Die Circle Jerks empfahlen ganz schlicht „Live fast, die young“, die Descendents haben erst auf ihrem Spätwerk „What will it be like when I get old?“ gefragt.
Machen wir uns nichts vor: Dem Altern ist schwer auszuweichen. Eigentlich gar nicht. Das weiß Renfield-Schreiber Philipp Nussbaum und Ox-Kolumnist Alex Gräbeldinger weiß das auch. Was sie beide von den Begleiterscheinungen des Älterwerdens halten, haben sie beim Interview in Renfield Nummer 28 ausdiskutiert.

P: Ist genau heute und jetzt eine gute Gelegenheit, mit dir über das Altern zu sprechen? Es geschieht zwar dauernd und ohne Unterlass, manchmal aber sanfter und manchmal heftiger.
A: Zurzeit bewege ich mich im gemütlichen Schritttempo auf die Midlife-Crisis zu. In der Hoffnung, dass sie mich nicht allzu hart erwischen wird. Als kleine Vorsorgeuntersuchung kommt mir unser Gespräch daher durchaus gelegen.

P: Wie alt bist du gerade, und wie alt würde z. B. Jenny sagen, dass du dich fühlst?
A: Ich stehe kurz vor meinem 35. Geburtstag. An manchen Tagen wache ich auf und fühle mich doppelt so alt. Die meiste Zeit benehme ich mich allerdings wie ein Teenager oder Kleinkind. Ich denke, das würde meine Frau so bestätigen.

P: Woran merkst du, wie alt du bist? Woran, dass das schon wieder vorbei und nurmehr Vergangenheit geworden ist?
A: Dass ich nicht mehr als Elfjähriger durchgehe, fällt mir insbesondere beim Blick in den Spiegel auf. Trotz der zahlreichen Anti-Aging-Produkte, die ich in den vergangenen Jahren ausprobiert habe. Somit sind die Zeiten, in denen ich beim Kauf einer Flasche Schnaps nach einem Altersnachweis gefragt wurde, für immer vorbei.

P: Herr Wiebusch sang, dass irgendwas immer sechzehn bleibe (Auch schon lange her, das. Der Setzer) Was soll das eigentlich?
A: Bestenfalls, dass man sich ein Stück Jugend bewahrt. Schlimmstenfalls, dass man, so wie ich, mit 35 noch immer nicht erwachsen ist. Dann gibt es noch Menschen, die definieren sich ein Leben lang über das, was sie als Teenager zustande gebracht haben. Bei einer Band wie beispielsweise SLIME sind das immerhin die Lieder „Deutschland muss sterben“ und „Wir wollen keine Bullenschweine“. Bei mir ist das leider nicht mehr als ein Realschulabschluss mit einem Notendurchschnitt von 3,5.

P: Hat bzw. hatte der 16jährige Gräbeldinger überhaupt einen Vertrag mit Altern, Alter?
A: Das war bei mir schon mit 16 tagesformabhängig. An gut gelaunten Tagen wollte ich nicht älter als 21 werden und trug ein T-Shirt mit der Aufschrift „Jung kaputt spart Altersheime". An schlecht gelaunten Tagen verspürte ich Zukunftsängste und hoffte darauf, dass mir noch genug Zeit bleiben würde, um mein verkorkstes Leben wieder in Ordnung zu bringen.

P: Sechzehn, Club der Siebenundzwanziger und und und. Drauf geschissen, mir gehts gerade mehr um den Prozess, um das Geschehen-von. Beizeiten stehe ich mit Kollegen vor meiner Dienststelle, rauche, und wir zerreißen uns das Maul über uns selbst und natürlich mehr über andere, die gerade durchs Bild laufen. „Oh Mann, der/ die/ das bekommt eine Eins mit Sternchen in Unwürdigaltern, hehehe“, usw. Was sind die armseligsten Alternsanzeichen? Was die schönsten? Oder sind sie alle gleich?
A: Ob sich jemand mit 50 noch die Haare grün färbt oder lieber eine beigefarbene Bundfaltenhose trägt, ist mir ehrlich gesagt völlig egal. Auch stört es mich nicht, ob jemand versucht etwas zu konservieren oder es vorzieht, der Zeit ihren Lauf zu lassen. Solange man das macht, womit man sich wohlfühlt, und niemand dabei zu Schaden kommt, altert man meiner Auffassung nach würdevoll. Scheißegal, was die Leute von einem denken.

P: Ist Altern eher Zerfallen oder eher Reifen? Lässt es sich aufhalten oder forcieren?
A: Körper und Geist besitzen ein Verfallsdatum, das sowohl positiv als auch negativ beeinflusst werden kann. Wenn ich einen Großteil meiner Lebenszeit damit verbringe, Schnaps zu trinken und Crystal Meth zu rauchen, ist die Wahrscheinlichkeit hoch, dass ich nicht nur körperlich verwahrlose, sondern auch geistig.
Achte ich stattdessen auf meine Gesundheit und lese regelmäßig die Apotheken-Umschau, erhöhe ich die Chance, auch im Alter noch Freude an Nordic Walking und Kreuzworträtseln zu haben. Darüber hinaus stehen mir natürlich noch Botox und die Schönheitschirurgie zur Verfügung. Doch ob ich mich letztendlich reifer oder einfach nur älter fühle, wird immer davon abhängig sein, wie ich meine Lebenserfahrungen auswerte. Wenn es gut läuft, werde ich ausgeglichener und weiser. Wenn es doof läuft, nichts weiter als ein verbitterter, alter Sack.

P: Was muss altern, bevor es überhaupt was taugt? Außer Käse?
A: Eine naheliegende Antwort wäre vermutlich Wein. Doch in Wahrheit bin ich alles andere als ein Weinkenner. Das bedeutet: Wenn ich besoffen werden will, gelingt mir das in der Regel auch mit einer Flasche, die vor nicht mehr als einem Jahr abgefüllt wurde.

P: Apropos Wein. Z. B. der wird nur bis zu einem bestimmten Punkt besser, bis er dann den Zenit überschreitet und zu Essig wird. Mensch kommt, steigt, steigt, erreicht, kippelt und saust dann im Sturzflug hinab in die Regression. Welcome back, feuchte Windelwunderwelt. Gehts bei dir weiter aufwärts oder bereits wieder abwärts? Und was machst du, wenns zu steil werden sollte?
A: Ob ich meine besten Jahre bereits allesamt vertrödelt habe, oder ob mir noch ein paar davon übrig bleiben, wird sich zeigen. Allerdings ist davon auszugehen, dass ich in diesem Leben kein Astronaut, Model oder Rockstar mehr werde. Was das betrifft, mache ich mir nicht länger falsche Hoffnungen. Da bleibe ich lieber mit beiden Beinen auf dem Boden stehen und entgehe somit der Gefahr einer schwindelerregenden Fallhöhe. Verglichen mit Wein würde ich mich ohnehin als Billigfusel aus dem Tetrapack einstufen.

P: In Ecken der Welt ist es wichtig, das letzte bisschen Altern, nötigenfalls eben das Sterben, in einer gewissen Würde erledigen zu können. Wichtiger wohl als bei uns wenigstens, wo die neonausgeleuchtete Seneszenzeinbahnstraße im pflegeindustriellen Nirvana endet und endet und endet. Und nicht endet. Schon gar nicht an einem See. Statement zu Altern in Würde?
A: Sterbehilfe – ein schwieriges Thema. Trotzdem denke ich, sobald die letzten Tage im Leben eines Menschen nur noch aus Leid und Qual bestehen, sollte jeder das Recht auf einen sanften Ausklang haben.

P: Welche Musik passt zu alledem? Vielleicht irgendeine jenseits Raum und insbesondere Zeit.
A: Supernichts – „Ich möchte Teil einer Seniorenbewegung sein“. Chefdenker – „Das Beste zum Schluss“.

P: Letzte Worte für die Ewigkeit?
A: Worte für die Ewigkeit setzen Weisheit voraus. Eine solche möchte ich mir nicht anmaßen. Jedoch bin ich neulich über ein Zitat von Muhammad Ali gestolpert. Es lautet: „Wer die Welt mit 50 Jahren genauso sieht wie mit 20 Jahren, hat 30 Jahre seines Lebens verschwendet.“ Zwar bin ich mir nicht sicher, ob er mit dieser Aussage recht hat, trotzdem werde ich mir Gedanken darüber machen. Spätestens an meinem 50. Geburtstag. Ansonsten hoffe ich darauf, dass man auch einem alten Hund noch neue Tricks beibringen kann.

P: War mir ein Fest, Herr Gräbeldinger, ich danke. Bleiben Sie gesund und munter, wir sehen uns wieder und lauschen dann schwerhörig dem Knuspern des Zahns der Zeit.

Alex Gräbeldinger schreibt Kolumnen (z. B. fürs lebensherbstlich ungeeignet kleingedruckte OX) und beizeiten auch Bücher. Ab und an packt ihn trommelnd so was wie Musikalität. Triff ihn in einem Laden in deiner Stadt, möglicherweise ist er gerade dort.

http://www.alex-graebeldinger.de

Dienstag, 13. Januar 2015

Wer ist hier Charlie?

Aus gegebenem Anlass hat auch die Renfield-Crew einen angespitzten Stift gezückt. Renfield ist zwar durchaus nicht Charlie, zum Beispiel ist er immer noch am Leben (untot?). Dass es so viele Charlies gibt, war uns auch gar nicht klar. Aber Renfield in seiner Zelle hat letzte Woche fassungslos und sehr traurig durch seine Gitterstäbe gespäht. Wenn man in Frankreich wäre, so dachte er sich, müsste man jetzt Marine Le Pen zeichnen, wie sie Mord für ihre Kampagnen benutzt. Hier in Berlin bleibt uns Madame Le Pen erspart. Hier gibt es die besorgten Bürger, die im Netz mit kaum verhohlener Schadenfreude kommentieren, sie hätten es ja immer gesagt, was passiert, wenn man den Butzemann in UNSER Haus lässt! Dabei wird uns ziemlich übel, und wir können uns nur fragen: Wer, bitte, ist hier eigentlich Charlie?

"Wenn die Zeichnung intelligent ist, um so besser. Wenn nicht, auch nicht schlimm." (Stéphane Charbonnier)