Mittwoch, 22. April 2015

Juice of love, love of tapes

Mit ein wenig Stolz in meinem Katzenherzen möchte Ich an dieser Stelle auf einen Artikel in der aktuellen Ausgabe der Zitty (Berliner Stadtmagazin) hinweisen. Wer weiß, wohin der Weg der guten alten Kassette noch führt, ein paar findige Menschen setzen schon länger auf das Tape als Musiktransportformat der Stunde. Viel Spaß also mit der Story über Berliner Tapelabels aus der Feder des Herrn Flanell.

Und jetzt weiter im Text. Juice of Love waren angekündigt, JoL kommen jetzt. Wer das ist und warum sie wie am liebsten schlafen im folgenden Interview von Philip Nussbaum, erschienen in Renfield No. 29 - welches fast vergriffen ist.

Dösen und Schlaf und Träume und Aufwachen und aus

Sie wachte mit einem Lächeln auf. Warmes Licht fiel ins Zimmer und auf ihr entspanntes Gesicht und ließ den Schlaf abperlen. Die Träume flogen auf wie Schmetterlinge. Irgendwo draußen sang ein Vogel, und die Melodie wurde vom sanften Wind mal zu ihr, dann wieder weiter hinaus in den Morgen getragen. Sie streckte sich und griff in die Sonnenwärme. Heute, ja, heute war ein guter, heute war der Tag. Ob er schon auf dem Weg war? Sie stellte sich vor, dass, und suchte absichtlich nicht nach einem Zifferblatt oder einer Anzeige, um sich die Ungewissheit und Vorfreude möglichst uneingeschränkt zu erhalten. Das war sie also, diese sogenannte Liebe, von der alles und jeder sprach. Es hatte wohl eine Weile gedauert, aber jetzt war sie da. Soviel stand fest. (versuch 8, „09:00h“)

Soundtrack: JUICE OF LOVE. Frau / Mann-Duo, bestehend aus Alex und Mila, dessen erstes Vinyl 2013 im Musikzimmer erschien, wie von einem durchziehenden Wetter dagelassen.

P: Schlaf. Seid ihr genau jetzt ausgeruht und hellwach, um darüber nachzudenken? Oder eher abgekämpft, müde und duselig? Vielleicht könnte die zweite Verfassung gar helfen ...
Alex (Juice of Love): Tatsächlich bin ich gerade ziemlich müde, und das obwohl ich eigentlich recht lange geschlafen hab. Das heißt, bis heute Mittag um halb eins.
Mila (Juice of Love): Vielleicht ein bisschen von beidem …, obwohl es ein langer Tag war, bin ich auf jeden Fall noch wach genug zum Tanzen!

P: Schlaf – existenziell und wundervoll? Oder lediglich hinzunehmendes Übel?
A.: Ich mag Schlaf sehr gerne. Er kann so schön gemütlich, tief und heilend sein. Doch ich würde mir wünschen, dass man sich einfach selbst aussuchen könnte, wann man schlafen will. Es nervt mich, dass man von der Müdigkeit dauernd dazu gezwungen wird.
M.: Für mich ist Schlafen neben Essen und Tanzen wohl eine der schönsten Beschäftigungen überhaupt!

P: Kann im Schlaf etwas gewonnen werden? Oder geht es dabei nur um Verlust und das Verpassen irgendwelcher Gelegenheiten?
A.: Davon, dass man fast die Hälfte seiner Lebenszeit verschläft, bin ich nicht sehr begeistert. Doch die Welten, die man im Traum erleben kann, machen die verlorene Zeit vielleicht wieder wett. Ich träume viele unwirkliche und verstörende Dinge, was ich sehr spannend und inspirierend finde.
M.: Eigentlich verpasst man doch immer irgendwas, und Schlafen ist viel zu schön, um dabei von Verlust zu sprechen.

P: Herr Warhol hat es getan, andere, deren Namen mir gerade nicht einfallen, haben es ebenfalls getan. Vorbilder genug, ich will es auch – einen Augenblick des Schlafs einfangen. Eures Schlafes. Beschreibt ihn. Wie sieht das aus, wenn ihr schlaft, wenn ihr träumt? Was ist an Drumherum entscheidend? Wie klingt es? Riecht es? Stellt euch den absolut perfekten Schlaf vor!
A.: Unser Schlaf ist im allgemeinen sehr tief und dunkel. Ein schwarzes Loch. Kein Geruch, kein Geräusch. So ist es auch fast schon perfekt. Wir würden nur gerne viel öfter träumen oder uns öfter daran erinnern können.

P: Träumt ihr? Was war der unbedingt schönste Traum bis hierhin? Und was der grässlichste, der, der am meisten verstört hat?
A.: Als ich jünger war, träumte ich einmal, dass sich eine weiße Holzpuppe zu mir ins Bett neigt. Oder dass sich Kurt Cobain vor meinen Augen in ein blutiges Pferd verwandelt, aus dessen Körper dann ein kleines verschrumpeltes Wesen kriecht. Diese Träume waren beide recht verstörend. Der Schönste war vermutlich irgendein Sextraum, bei dem man dann richtig enttäuscht ist, wenn man aufwacht.
M.: Ich hatte schon viele schöne Träume, aber eigentlich keinen, an den ich mich konkret erinnern kann. Dafür könnte ich hier von unzähligen Alpträumen schreiben, die ich schon hatte (die vergess ich nämlich aus einem unerfindlichen Grund nie). Als ich noch sehr klein war, habe ich zum Beispiel mal geträumt, dass ein Wolf in unsere Wohnung kommt und mich in meinem Bett auffressen will. Am nächsten Morgen habe ich meinen Papa gefragt, ob in Düsseldorf Wölfe leben.

P: Ich habe festgestellt, dass Träume nach z. B. einigen Bieren andere sind als die nach ein wenig Wein oder Whisky. Lediglich besoffene Zufälle? Was kann es auf sich haben mit Substanzen, die schlafen und träumen helfen und nicht nur Narkotika sind?
A.: Wenn ich recht überlege, hatten derartige „Substanzen“ noch nie einen wirklichen Einfluss auf meine Träume oder auf meinen Schlaf. Allerhöchstens wurde alles in allem etwas wirrer.
M.: Wenn ich getrunken habe, träume ich nicht (bzw. weiß am nächsten Morgen nichts mehr davon).

P: Schlaf als easy way out? Was lässt sich tatsächlich nur schlafend ertragen?
A.: Wenn ich sehr traurig bin, oder sehr enttäuscht, oder sehr krank und daher den Tag oder den Abend nicht ertragen mag, dann bleibt die Möglichkeit, sich im Schlaf zu verstecken. Das klappt ganz gut.

P: Schlaf als letzter Ausweg. Einige sind tatsächlich der Auffassung, das sei eine wunderbare Art zu sterben, einfach wegdriften und niemals wieder aufwachen. Ewiger Schlaf, viel, viel länger als Dornröschen ...
Juice of Love: Es ist sicher die „sanfteste“ Art zu sterben. Eben so sanft, wie das Einschlafen an sich. Man merkt es gar nicht.

P: Genug mit Schlafen und Träumen. Aufwachen! Wie am besten? Was und wen braucht‘s?
A.: Man schlägt die Augen auf und ist hell wach. Dynamisch und energiegeladen springt man aus den Federn und schüttet sich ein kaltes Glas Wasser in die Kehle. „An die Arbeit!“ brüllt man noch in freudiger Erwartung an den Tag. So soll es sein. Doch so ist es bei mir nie. Ich quäle mich mindestens eine Stunde mit der Schlummerfunktion des Weckers, bis ich ansatzweise wach bin.
M.: Es braucht selbstverständlich den Liebsten neben einem im Bett und dann ganz viel Kaffee und Knack&Back!

P: Famous last words?
M.: Macht's gut und danke für den Fisch!

Juice of love

Mittwoch, 15. April 2015

Parallelwelten

oder: Der erste Synthesizer in Lateinamerika

Heute, liebe Kinder des guten Geschmacks, wollen wir euch einen Mann vorstellen, den keine Sau kennt, aber jede Sau kennen sollte. Sein Name ist José Vincente Asuar und er ist der latein-amerikanische Pionier der elektronischen Musik. Er kann durch die Straßen gehen, als wäre er ein niemand, wie wir. Kein Hahn kräht nach José Vincente Sowieso.

Er lebt etwas zurückgezogen, mitten im Grünen, umgeben von zwitschernden Vögeln und Kätzchen. Hinter seiner Wohnungstür in Chile verbergen sich aber Schätze, die die Entwicklung der elektronischen Musik Lateinamerikas nachvollziehbar machen. Natürlich hat er einen Computer, aber daneben finden sich allerlei, zum Teil in Plastik eingewickelte, technische Gadgets für Musikproduktionen. Ein bisschen wie Ted Kaczynski seinerzeit, nur ohne Bomben. (Dafür sind in Chile andere zuständig.) Der Unabomber lebte ja seinerzeit zurückgezogen im Wald und schickte Briefbomben an den einen oder anderen Großkonzern. Außerdem war er an der Frühentwicklung heutiger Computer beteiligt und gab eine Zeitschrift heraus, in der unter anderem erklärt wurde, wie man beispielsweise ein Schaf schert, um die Leute zur Autonomie zu erziehen.

Ganz so ist es bei unserem Protagonisten nicht. Zwar ist auch in seiner Umgebung die Komplizenschaft von Synthetischem und Organischem zu finden, jedoch braucht er kein Manifest, das ihn zu Innovationen inspiriert. Anders war es bei den Franzosen Pierre Schaeffer und Pierre Henry, die um 1948 erstmals auf die Idee kamen, aus Strom Musik zu machen. Sie lasen das „Futuristische Manifest“ von Filippo Marinetti, der mehr als fragwürdige Ansichten hatte, weil er ein Nazischwein war, und die Idee mit Alltagsgeräuschen zu experimentieren wurde geboren.

„Die Kunst und die Künstler an die Macht“ war vielleicht einer der Sätze, die sie aufgeschnappt haben, um der sogenannten „musique concrète“ Leben einzuhauchen. Nachdem alle genug hatten vom Weltkriegen, konnten sie sich wieder wichtigeren Dingen zuwenden, wie beispielsweise der Entwicklung besserer Mikrofone, Plattenspieler und vor allem der Entwicklung des Tonbands.

Zur selben Zeit, auf der anderen Seite des Planeten vollzog sich derselbe Experimentiertrieb junger Komponisten, ohne die Arbeit der musique concrète zu kennen. Die GEMA, also das Gabinete de Electroacústica para la Música de Arte wurde von Juan Amenábar und José Vicente Asuar gegründet und erst seit 2005 bekommen sie etwas mehr (als keine) Anerkennung. Zu diesem Zeitpunkt ist Asuar 72 Jahre alt. Er erwartet keinen roten Teppich, aber er hofft, dass die nächste Generation von Komponisten ihn mit der Zeit in Verbindung bringt, da er den ersten Synthesizer Lateinamerikas schuf, denn die Komponisten für elektronische Musik waren bis dato in der medialen Öffentlichkeit völlig unbekannt.

Asuar komponierte seine Werke unter anderem in Deutschland, wo er 1960 das Labor für elektroakustische Musik in Karlsruhe gründete und leitete, da das Interesse der akademischen Behörden seiner Heimat quasi Null war, die elektronische Musik in diesem Bereich zu unterstützen. 1978 machte er seine eigene Bude auf, die sich COMDASUAR nennt. Seither versuchen die chilenischen Komponisten das Gefühl der Verwaisung zu überwinden. Es ist für sie fast unglaublich, dass die heutige Generation plötzlich Interesse an deren Arbeiten zeigt. Sein Album „El Computador Virtuoso“ wird heute mit dem Prädikat: besonders wertvoll gehandelt. In seinem Buch "Así habló el computador“ (Also sprach der Computer) beschreibt er seinen Arbeitsprozess.

Nicht nur die Lähmung der Militärdiktatur, sondern das generelle Desinteresse warfen die Komponisten Chiles in eine bleierne Zeit. Zwischen 1985 und 1992 ist gar nichts, aber auch absolut gar nichts in Sachen Grundsteinlegung des Tekkno passiert. Absolute Stille und langweiliger wiedergekäuter traditioneller Scheiß war alles, was man von den Huasos derzeit erwarten konnte. Erst durch die Wiederbelebung des Elektroakustischen Kabinetts für Musik entstanden neue Kompositionen, u.a. vom Wegbegleiter Asuars - Juan Amenábar, der unter anderem ein Stück namens "Los Peces" (Die Fische) schuf.

Ich versuch das mal zu beschreiben: orgelartige Flächen, die sich gegenseitig unterbrechen, ohne Rücksicht auf harmonische Strukturen. Pausen, die wie Fehler klingen und alles aneinander gereiht, als würde ein Schwarm Fische auf Tranquilizern die Strömung in einem dickflüssigen See nicht finden, weil sie vergessen haben, was sie suchen. Er hat das Stück in den Studios von Radio Chile fertig gestellt. Genau wie die Franzosen Henry und Scheffer, die in einem Labor für Radio und Fernsehen in Paris das erste wichtige Werk der musique concrète, die "Symphonie pour un homme seul" komponierten.

Amenábar nahm eine Reihe von Akkorden auf, die er auf dem Klavier spielte. Danach arrangierte er das Ganze rhythmisch nach der Fibonacci-Folge (1, 1, 2, 3, 5, 8, 13, … ) - klar, was sonst?! Er benutzte die gleiche Technik wie in der musique concrète. Juan Amenábar hat den Klang des Klaviers aufgenommen und den Moment, da der Hammer die Saite trifft, weggeschnitten und lediglich die Resonanzen zusammen gefügt. Es folgte das Stück "Nacimiento" (Geburt) des chilenisch-israelischen Komponisten Léon Schidlowsky. Es gilt als das erste Stück der chilenischen musique concrète. Das Hauptelement ist die musikalische Simulation des Herzschlags. In dieser Arbeit gibt es keine elektronischen, sondern nur alltägliche akustische Elemente, deren Aufnahmen Lasagne-artig übereinander geschichtet wurden.

José Vincente Asuar klingt aber ganz anders, weniger nach ersten Gehversuchen, als nach beabsichtigtem gezielten Sound. Seine Stücke sind zumeist geile gruselige Sachen. Auch werden seine Ideen auf andere Aspekte der Kunst ausgeweitet. Asuar schrieb zum Beispiel die Musik zu einem Stück für acht Film- und fünfundvierzig Diaprojektoren, das in Caracas aufgeführt wurde. Sein berühmtestes Werk heißt "Variaciones Espectrales" (Spektralvariationen), mit dem er 1959 das erste chilenische rein elektronische Stück komponierte. In diesem Stück experimentiert er musikalisch mit dem Pointillismus, was eigentlich eine Stilrichtung in der Malerei ist. Typisch für den Pointillismus ist, laut Definition, der streng geometrisch durchkomponierte, oft ornamental wirkende Aufbau.
Er gilt als eine Gegenströmung zum Impressionismus und strebt nicht mehr eine realistische Momentaufnahme an, sondern die Wirklichkeit wird komponiert (besser: eine Komposition der Wirklichkeit). Asuar macht in seinem Stück genau das. Er nutzt keine klassischen Instrumente, sondern widmet sich ganz allein der radikalen und fantastische Aufgabe, einen Computer zu erschaffen, der einzig zur Erzeugung elektronischer Musik dienen soll. Diese entstand in der Universidad Católica de Chile. Asuar selbst sagt über das Stück, dass es für ihn eine große Ehre ist, dass das Stück als Referenz für die Anfänge von computergenerierter Musik gilt. Dank der neuen Komponisten, die diese Musik kultivieren, also alles, was im Berghain oder im Institut für Zukunft Leipzig zum Beispiel die Bühne betritt, wird seine Arbeit am Leben gehalten.


Gegenwärtig ist er Teil einer Forschungsgruppe “Tecnología del Sonido“ (Technologie des Klangs) an der Fakultät für Naturwissenschaften, Musik und Darstellende Kunst der Universität von Chile. Hier werden Synthesizer mit dem Rechner verbunden, was in Chile absolut originell ist, da hier nur bedingt auf eigene Erfahrungswerte zurückgegriffen werden kann.

Ein Mitglied der chilenischen elektroakustischen Gemeinschaft (Cech) sagt, dass das Besondere an Asuars musikalischem Werk ist, dass er das Verständnis für musikalische Komposition als Prozess in den Vordergrund rückt, da er theoretische Forschungsergebnisse mit praktischer Anwendung verknüpft. Die akademische Anerkennung seiner Person resultiert aber vor allem aus der Wertschätzung seiner Arbeit durch nichtakademische Kreise. Mittlerweile wurde er mit zahlreichen Preisen bei internationalen Wettbewerben ausgezeichnet, denn er war bereit sich der Überarbeitung mit den gegebenen Materialien zu stellen und seine Sprache als Komponist zu überdenken. Stillschweigend entwickelte er den ersten leistungsfähigen Synthesizer seiner Zeit, den virtuosen Computer und das zu einer Zeit, da der Alltag Chiles unter einem großen Schatten stand. Es war unmöglich mit den gegenwärtigen Einschränkungen vier Hubschrauber wie Stockhausen zu arrangieren oder Synthesizer mit anspruchsvoller Ausstattung zu benutzen. Seine Beziehung zur elektronischen Musik sei erst spät entstanden sagt er. Auch wenn er die Arbeiten von Bulez oder Cage kennt, hat er doch eine ganz eigene, instinktive Beziehung zur experimentellen Musik.

Der Musiker musste als Ingenieur denken und da Asuar außerdem ausgebildeter Bauingenieur ist, waren der Keyboard-Synthesizer und Computer-Programme die ideale Erfüllung seiner musikalischen Träume. Er wollte nicht experimentieren, mal gucken, was dabei raus kommt, sondern er wollte seine persönliche Vision verwirklichen. Natürlich experimentierte er anfangs mit Tape-Kollagen, Filtern und Effekten, die die ästhetischen Leitlinien bildeten, aber es gehört ein bisschen mehr dazu, nach so langer Zeit der Ablehnung, heute zu einem der wichtigsten Forscher und Förderer der elektronischen Musik der Gegenwart zu werden.

In der Zwischenzeit hat sich eine Menge Kram in Asuars kleiner Bude angesammelt. Blätter mit Zeichnungen, die eher nach technischen Konstruktionen als nach Notationen aussehen. Und doch gibt es eine Verbindung zwischen diesen alten Aufzeichnungen und dem gegenwärtigen Einfluss elektronischer Musik auf die junge Generation, bei denen experimentelle Musik sich einer großen Beliebtheit erfreut, was Asuar seinerzeit beabsichtigte – das Hörerlebnis auf eine andere Ebene zu bringen.

Abschließend möchte ich nochmal erwähnen, dass sowohl Mike Patton in Chile eine musikalische Heimat gefunden hat (die „Guachacas“ von Chile wollten ihn 2013 zum König wählen), als auch beispielsweise Uwe Schmidt, der den meisten besser bekannt sein sollte als Señor Coconut oder Atom™. Falls nicht, habt ihr jetzt ein paar Hausaufgaben nachzuholen.

von LRTT* + Nicolás Requena

Dienstag, 7. April 2015

Ox-Schreiber-Tour 2015 Schweiz (Last part. Seriously.)

Part 3: Vom freundlichsten Taxifahrer der Welt und den Metalmädels

Jetzt sitzen wir also schon wieder im Zug. Eben haben wir uns noch am Hohenemser Bahnhof die Sonne auf die übernächtigen Nasen scheinen lassen und schon rollt draußen vor den Fenstern die bergige Landschaft an uns vorbei. Schön ist sie, die bergige Landschaft, das Leben mit seinen Höhen und Tiefen sowieso und sogar Bregenz-Riedenburg schenken wir heute ein Lächeln, als es sich still und heimlich wieder auf die uns vorgegebene Bahnstrecke schleicht. Riedenburg lächelt wohlwollend zurück und wir vertiefen uns in Gespräche über die Tour, das Land, die Kinderpopulation der Vorarlberger Skinheadszene am Beispiel eines einen Buggy durch den Waggon schiebenden Renees.

Und irgendwann zwischen all diesen Gesprächen meint Gary Flanell: „Ja, hier ist er ja wieder, der Bodensee“. Und ich, ich sehe aus dem Fenster und will etwas sagen wie: „Ach Bodensee, du viel zu spät entdeckte Liebe“, sage aber stattdessen: „Fuck, Alter, wir haben vergessen auszusteigen!“

Denn das Schild da am Bahnhof sagt auch etwas, „Bregenz Hafen“ nämlich, und wir, wir hätten „Bregenz Hauptbahnhof“, also eine Station früher aussteigen müssen. Da kann der Bodensee noch so friedlich vor uns liegen, wir sind zu weit und der Anschlusszug nach Zürich steht wahrscheinlich schon bereit.

Also springen wir raus aus dem Zug und während ich panisch versuche abzuwägen, wie weit es denn ist und ob das am Fußweg packbar ist, winkt uns Herr Flanell in seiner Berliner Gelassenheit mal eben ein Taxi ran. „Hauptbahnhof, bitte“, sage ich hastig und Gary Flanell sagt dasselbe, aber eben ganz relaxed. „Kein Problem“, meint der freundlichste Taxifahrer der Welt und wir erklären ihm kurz unser Dilemma: Literaturreisende auf dem Weg nach Bern, in Gespräche vertieft, den Ausstieg verpennt (was ja sonst nur in der Nazi –und Drogenszene üblich ist), Anschlusszug in fünf Minuten etc. Der freundlichste Taxifahrer findet das lustig und schüttelt auch gleich die passende Anekdote (die ich leider vergessen habe) aus dem, weil draußen der Frühling strahlt, hochgekrempelten Hemdsärmel. Als wir dann nach einer Minute und siebendundzwanzig Sekunden Fahrzeit und fünfhundert Metern Geradeausfahren auch schon da sind und unsere Geldbörsen zücken wollen, meint der freundlichste Taxifahrer der Welt mit einem Lächeln in seinem freundlichen Taxifahrergesicht in seinem Vorarlberger Dialekt (für mich nicht eins zu eins wiedergebbar) so etwas wie: „Kein Problem Jungs, ich wäre sowieso hier hergefahren, schaut ihr mal, dass ihr euren Zug erwischt“.

Wir bedanken uns überschwänglich und winken dem freundlichsten Taxifahrer der Welt ein letztes Mal dankbar zu. Dann realisieren wir, dass ja noch reichlich Zeit ist und holen erst einmal Kaffee.Hätten wir vorab geahnt, wie viel Zeit wir wirklich haben, hätten wir uns zwei Kaffees geholt oder wären zu Fuß gegangen, denn der Zug nach Zürich verspätet sich um 14 Minuten. Allgemeine Panik am Bahnhof, wir freuen aber uns erst einmal ein weiteres Mal auf Tour zu sein, trinken Kaffee, genießen den Seeblick und bekommen unsererseits erst Panik, als uns bewusst wird, dass unsere Wartezeit in Zürich 15 Minuten beträgt, was Minus vierzehn Minuten Verspätung und keinerlei Orientierung am Züricher Hauptbahnhof „reichlich Kacke am Dampfen“ ergibt.

Es dampft schlussendlich gar nichts, alles geht sich prima aus. Und weil diese in Österreich durch und durch gängige Redewendung in Deutschland, wie ich auch während vergangener Lesereisen mit deutschen Landsmännern immer wieder gesagt bekam, scheinbar nicht verwendet wird, erwischen wir locker den Zug. Um ja in den richtigen zu steigen prägen wir uns bereits in diesem Zug die Bezeichnung des Anschlusszuges ein. Und ja, wir wären nicht URS GROB BOOTSBETRIEB würden wir dies nicht tun indem wir uns gegenseitig mit phatten Rhymes befeuern. Beispiel gefällig? Here we go: „Wo wird die Butter niemals ranzig? Im IC Vier Null Zwanzig“ oder „Mit welchem Zug fuhr einst Glenn Danzig, na mit dem IC Vier Null Zwanzig“.

Und wenn nun solche lustigen Wortspiele zweier bärtiger Brillenträger mit Augenringen und schlechtem Atem für irritierte Gesichter der mitreisenden Menschen sorgt, dann sollten sich eben diese mitreisenden Menschen später mit uns in den IC 4020 setzen und sich an den lautstark in schwer verständlicher Sprache (ja, es ist Deutsch, natürlich, aber Deutsch ist nun einmal nicht Deutsch und wenn mich als Österreicher in Deutschland kaum jemand versteht, so verstehe ich für meinen Teil leider in der Schweiz – und sogar in Vorarlberg – kaum jemanden) Gesprächen der Metalmädels (ob die den Mätel auch kennen ist mir nicht allerdings bekannt) erfreuen. Denn die reden alle am Stück, und alle vier gleichzeitig und manchmal telefonieren sie auch. Viel verstehe ich wie gesagt nicht, aber dass „IRON MAIDEN was für Pussys“ ist und „er in vierundzwanzig Tagen zwanzig wird“ weiß ich jetzt trotzdem. Um es mit den Worten von Dieter Bohlen zu sagen: „Ich fühle mich gut unterhalten, aber es reicht nicht für den Recall“.

Und dann, dann ist da also dieses Bern, Hauptstadt der Schweiz. Stadt von der ich nur den Bahnhof, ein paar altehrwürdige Häuser und die altehrwürdige Reitschule zu sehen bekommen werde. Ich hatte ja im Vorfeld gehofft auf der Reise quer durch die Schweiz die landschaftlichen Reize des Landes genießen zu können, aber konzentriere du dich einmal auf vorbeiziehende Berge, Seen und was auch immer, wenn die Metalmädels Metallieder mitzusingen versuchen. Zumindest fährt mein EC Wasauchimmer am nächsten Tag auf der Heimreise lange, ja sehr lange dem Züricher See entlang und bietet geile Wasser-Bergkulisse, bevor es über Liechtenstein, Österreich, Deutschland und wieder Österreich nach Hause geht.

Bevor es aber soweit ist erwartet uns am Bahnhof Lepra. Oder besser gesagt, er sollte uns erwarten, ist aber noch nicht da. Dass er sich verspäten wird, hat er mir übrigens via Facebook-Messenger mitgeteilt Blöd nur, dass ich in der Schweiz keinen Internetempfang habe. Ja, aber er kommt und dann wird erst einmal Wein eingekauft. Und das Spiel gespielt „Wer findet das billigste alkoholische Getränk“ und den Metalmädels zum erfolgreichen Alkopopseinkauf gratuliert.
Alles weitere soll euch aber lieber Gary Flanell erzählen, ich muss jetzt nämlich meine Restfranken umtauschen gehen.

H.C. Roth

Nachtrag:

Der HC und seine Restfranken, immerhin hat er noch welche. Nach dem hinterhältigen Diebstahl meines Portmonees in Charlottenburg besitze ich sowas gar nicht mehr. jetzt snd da nur noch Erinnerungen an den Abend unserer Lesung in der Berner Reitschule.

Von diesem unserem letzten Leseort kam mir bisher nur Gutes zu Ohren. Wenn all das, was so erzählt wurde, stimmte, dannn war die Reitschule zu Bern sowas wie ein sagenumwobenes Schloß unter den alternativen Zentren dieser Welt.Unter den vielen Dächern der ehemaligen Reitschule verbirgt sich ein Areal mit unzähligen Räumen für diverse Projekte. Nach einem üppigen Abendessen bekommen wir von Sandro und Lepra eine kleine Führung. Unter dem Dach der Reitschule finden sich sehr viele einzelne Räume, die von unterschiedlichsten Gruppen genutzt werden. Im Innenhof der Infoladen, gegenüber die große Halle für dicke Konzerte, gleich daneben zwei Cafes oder Bars und wer weiß, was wir alles noch gar nciht gesehenn haben. Auch im Innenhof ist auch der ehemaligen Pferdestall, der heute als Kino genutzt wird – wo wir lesen werden.
Am beeindruckendsten für mich war auf alle Fälle der Dachstuhl. Selten genug gibt es Konzerträume, die sich auf einem Dachboden befinden und der hier ist nicht nur groß, sondern auch wunderschön mit seinen dicken Dachbalken, der großen Bühne und dem langen Tresen. Habe mir fest vorgenommen, demnächst mit URS GROB BOOTSBETRIEB genau hier die Berner Massen zum ausrasten zu bringen.

Auch das erwähnte Pferdestall-Kino ist top. Die alten Futterkrippen hängen noch an der Wand und HC und ich erwägen kurz, uns für die Lesung entweder dort hinein zu legen – oder in die Gosse, die immer noch im Boden erkennbar ist. . Unsere neun Gäste sitzen an diesem Abend allesamt in der ersten Reihe und haben deshalb den perfekten Blick auf das, was HCund ich da so treiben. Der Kollege Roth kann es sich wirklich nicht nehmen lassen, sich im Laufe des Abends sich dann wirklich wirklich wirklich in die gepflasterte Ablaufrinne zu begeben und dort zu performen. Gemeinsam gibt es nochmal das Beste von Frosch mit Socken, der Spinne Pup und dem Rockpinguin. Und ganz am Schluß noch einmaleine Polizisten-Verzehr-Performance im Themroc`schen Sinne von U.G.B. – diesmal so intensiv und kräftezehrend wie noch gar nie auf der Tour.

Hinterher, die Gäste sind schon lange gegangen, kleben Lepra, HC, Sandro und ich noch an der Kinobar und kippen ein Bier nach dem nächsten in uns rein. Der Unglücksrabe Roth muss leider schon um fünf oder so den Zug Richtung Graz erwischen. Ich bin froh, dass ich mich diesmal ausschlafen kann. Denn am Montag war noch eine Lesung in Basel geplant. Die entfällt aber aufgrund diverser Fehlplanungen und so habe ich nun einen Off-Day am Ende der Reise.
Heißt: gemütlich auspennen, dann mit einer Wienerin im Berner Exil noch einen Kaffee schlürfen (liebe Nina, schön war‘s!) und dann so langsam, wie es das Klischee von den Schweizern vorgibt, auf den Weg nach Basel.
Dort verziehe ich mich fix ins Hostel, und verlasse es nur kurz, um im verschlafenen Kiez hinterm Bahnhof irgendwas zu essen zu kriegen. Meine Tourabschlußmahlzeit ist die wohl teuerste Bratwurst mit Pommes der Welt. 22 Restfranken ist sie wert, puh. „Hauptsache satt“, denke ich und lege mich in mein Hostelbett. Jetzt will ich nur noch nach Hause.

Vor dem Rückflug am nächsten Tag betrete ich den örtlichen Plattenladen – verlasse ihn mit zwei 7inches von Jonathan Richman und den Oblivians. Abends Aufschlag in Schönefeld. Als wäre es nicht anders zu machen, fällt dort draußen die S-Bahn auf unbestimmte Zeit aus. Mit Tram und Ersatzverkehr kämpfe ich mich zwei Stunden lang durch den Moloch Berlin. Beim dritten Umstieg an irgendeiner verlassenen dunklen Tramstation denke ich noch eimal an die Sonne am Bodensee und sehne ich mich kurz, nur ganz kurz, nach der beschaulichen Pünktlichkeit der Schweizer Bahn zurück.

Gary Flanell

Dienstag, 24. März 2015

Ox-Schreiber-Tour 2015 Schweiz

Part II: Punkrock, Mätel und Möhre und Bregenz-Riedenburg

Kennt ihr eigentlich Bregenz-Riedenburg? Diesen Vorort der Vorarlberger Hauptstadt Bregenz, dieser Stadt also, die da majestätisch am Bodensee liegt und die berühmte Seebühne beheimatet? Also ich kenne jetzt beides, von Bregenz selbst halt nur den Bahnhof (mit Minimalblick auf die Bühne) und von Riedenburg alles. Den Interspar und den DM und den Engelshop, wo ich meine Seele mit Hilfe von Engelsenergie meine Seele heilen kann.
Und Foto Meier natürlich (geiler Bandname übrigens). Und das Wirtshaus, das Samstagnachmittag zu hat und den Kaufmannladen, der ebenso um 16:00 schließt und es Gary Flanell und mir damit unmöglich macht in diesem trostlosesten aller Hauptstadtvororte ein Bier zu kriegen. Ja, und den Bahnhof natürlich auch.

Warum ich das erzähle? Na, wegen diesem Bahnhof eben und weil man dadurch muss, wenn man mit dem Zug von Rorschach nach Hohenems fährt. Gut, St. Margrethen, dieser letzte Ort im Schweizer Staatsgebiet, den wir betreten, bevor es für gut vierundzwanzig Stunden in österreichisches Hoheitsgebiet geht, ist da auch noch. Aber da gibt’s zumindest Bäckerinnen mit Dreadlocks, Berliner mit Aprikosenfüllung (sogar wenn Gary Flanell einmal nicht da ist) und natürlich die Ox-Bar.


Wir hätten ja auf einen Sprung reingeschaut, „Grüazi mitanond“ gesagt, ein Schützengartenbier getrunken und gefragt, ob die Bar einem gewissen Joachim Hiller gehört, aber wir sind ja nicht auf Urlaub, sondern auf Tour und der Zug wartet nicht einmal auf Literatur-Rockstars wie uns. Denn wie gesagt die Schweizer Bahn ist pünktlicher als die österreichische Post und die Zeit fließt nur so dahin, sogar in der Schweiz.
Ja, Riedenburg eben, da muss man durch, gesehen haben muss man es aber nicht.

Rorschach schon, Rorschach ist geil, das hat euch aber Gary Flanell schon erzählt. Und Hohenems gefällt mir auch ziemlich gut. Klar, eine Großstadt ist das nicht, muss es auch nicht sein. Kleinstadtidylle pur, Jugendstilkrankenhaus, gerne mal ein Bauernhof zwischen drinnen oder eine Wiese. Und egal wo du hinsiehst, irgendwo lacht dir immer ein Riese von einem Berg entgegen. Bier kriegst du hier auch keines, aber egal, wir wollen jetzt auch gar kein Bier mehr und schlendern lieber gemütlich, kaum sind wir raus aus dem Zug und haben beim Fragen nach dem Weg eine Ehe zerstört.
Sie: „So finden’s aber leichter“; Er: „Ja, aber der Weg ist schneller“; Sie: „Aber die kennen sich hier ja nicht aus“; Er: „Ja, aber der Weg ist schneller“; Sie: „Aber so ist es doch viel leichter zu finden“ , Er: „Aber der Weg ist doch schneller“ usw.

Das ProKontra sieht schon mal schick punkig aus, obwohl es eigentlich ein Einfamilienhaus ist und wir haben etwas Zeit, uns das alles genau anzusehen, die Hausfassade, die Bergkulisse etc., denn die Veranstalter sind noch nicht da. Wenig später biegt aber ein Benz um die Ecke und Punkrock Weiner und Mätel steigen gut gelaunt Säcke voller Lebensmittel und Bierflaschen schwingend aus. Möhre, die Kitesurflehrerin auf Urlaub kommt später auch noch. Dass Punkrock eigentlich Pascal heißt, erfahren wir später. Wie Mätel und Möhre heißen, ist uns nicht bekannt und im Folgenden auch nicht von Belang.
Wäre dies hier ein Kinderbuch mit dem Namen „Punkrock, Mätel und Möhre“ würde das nächste Kapitel jedenfalls „„Punkrock, Mätel und Möhre kochen Lasagne“ heißen. Später gibt es noch „Punkrock, Mätel und Möhre zeichnen eine Lesung auf“ oder „Punkrock, Mätel und Möhre reden über Berge“. Nicht zu vergessen: „Punkrock, Mätel und Möhre trinken Bier und hören Punkrock“.
Die Lasagne schmeckt übrigens hervorragend und die Zubereitung läuft charmant-chaotisch ab. Ich lasse mir währenddessen vom hiesigen W-LAN die gesamten Emails eines ganzen Monats fressen, während Gary Flanell, der ja doch schon über vierzig ist, erst einmal eine Runde schlafen geht.
Später siedeln wir vom einmal mehr großartig großen und komfortablen Backstagebereich ins „Beisl“, also die Kneipe, wo die Lesung stattfinden wird und ansonsten Punkrockkonzerte über die Bühne gehen. Der Sound ist schnell gecheckt und dann heißt’s erst einmal „Punkrock, Mätel und Möhre sowie Gary und H.C. warten auf Publikum“.

Das kommt dann auch in Form von fünf zwielichtigen Gestalten mit kurzen Haaren, die niemand so richtig zu kennen scheint. Es riecht nach Ärger, der aber ausbleibt, ob das jetzt die hiesigen Dorfnazis, Kleinstadtprolls oder einfach nur harmlose Betrunkene sind, erfahren wir nicht. Wir starten dann aber dennoch den Abend. Ich beginne mit Schwänken aus meiner Schulzeit, von den fünf Gästen schlafen zwei, zwei unterhalten sich, einer hört wirklich interessiert zu. Zumindest bis ihre Biere leergetrunken sind und die fünf wieder von dannen ziehen und nicht mehr hören, wie Gary Flanell von der Geburt der leibreizenden Spinne Pup erzählt.

Punkrock, Mätel und Möhre bleiben aber da, hören interessiert zu und zeichnen die ganze Sause für Radio Proton, dem im Haus ansässigen Radiosender des den Laden führenden Vereins Transmitter, auf. Nach einer kurzen Pause geht’s weiter, die Spinne Pup trifft Darth Vader und Billy Pinguin wird Rockstar.

Und dann, dann ist es endlich soweit, die Live-Premiere der großartigen URS GROB BOOTSBETRIEB. Da spazierst du noch am Vormittag am Bodensee, sagst ohne nachzudenken mit Fingerzeig auf ein gelbes Hüttchen: „Haha, geil, Urs Grob Bootsbetrieb, geiler Bandname“, weil du sowieso immer und überall nur in Bandnamen denken kannst und schon stehst du am Abend in einem Kulturzentrum in Vorarlberg und performst mit Gary Flanell unter diesem Namen einen Song, der früher einmal ein Text war, übers Polizistenessen. Gary spricht und rappt, ich klopfe und schreie Background und Mätel drischt auf die Drums ein. Geil. So geht Punkrock.

Später wird dann noch ein bisschen was, aber nicht viel - wir sind ja keine zwanzig mehr - getrunken und mit den sympathischen GastgeberInnen getratscht und so einiges gelernt: Das es in Sri Lanka keinen Leberkäse (also Fleischkäse) und auch keinen Salat gibt beispielsweise und dass das „L“ in „Radio L“ für „Liechtenstein“ steht. Irgendwann fährt Mätels letzter Zug nach Feldkirch, Möhre lässt sich auf das Sofa fallen, Punkrock auf ein anderes und Gary und ich uns in die Betten oben im großen Schlafraum.

In der Früh gibt’s hammermäßiges Frühstück und die vereinbarte Fixgage (da wären wir also wieder beim Geld), was uns ein weiteres Mal sehr freut. Das sollte selbstverständlich sein, sagt du, die vereinbarte Fixgage zu bekommen? Na, dann geh du mal auf Punkrocklesereise ohne Vertrag.
Egal, geile Stadt, geile Location, super Leute, spaßige Lesung (gut gelesen haben wir auch, wie ich finde), finanziell alles wunderbar und sowieso ein super Abend. Hohenems war ein voller Erfolg. Ja. Publikum wäre natürlich auch kein Fehler gewesen. Aber lieber lese ich vor „Punkrock, Mätel und Möhre und dem Aufnahmegerät“ und habe dabei Spaß und Aufmerksamkeit, als ich lese vor fünfzig laut plappernden Kneipengästen, die eh nur wegen dem Localsupport da sind – hatten wir doch auch schon, letztens in Köln, Sie erinnern sich, Herr Flanell?.
Ja, Punkrock, Mätel und Möhre, danke!

H.C. Roth

Verpassen Sie nicht die folgenden packenden Abenteuer von Bern: *** HC Roth und Gary Flanell und der freundlichste Taxifahrer von Bregenz** Wein kaufen in Bern mit einem Mann, den sie Lepra nannten*** Und dazu: Gags und Gäste und strahlende Lesende*** nächste Woche im dritten Teil des Ox-Schreiber-Tourtagwebuchs 2015!!!

Mittwoch, 18. März 2015

Ox-Schreiber-Tour 2015 Schweiz

Part I: Backpulver und Bodensee

Was bisher geschah:
Nachdem das Ox-Trio Gaffory, Parkinson und Flanell im letzten Herbst schon einige Abenteuer im Südwesten Deutschlands erlebt hatte, ging es nun etwas tiefer. Nicht qualitätsmäßig, sondern geografisch. Aber die Reihen der Teilnehmenden hatten sich gelichtet und verändert. Die ursprünglich geplante Quartettbesetzung Gaffory, Parkinson, Flanell und Roth schmolz im Laufe der Planungen zu einem dynamischen Duo zusammen. Von den vier anvisierten Lesungen blieben am Ende drei übrig. Zartbesaitete Persönlichkeiten würden sich angesichts solcher Entwicklungen in der Projektplanung in Panik von allen Aktivitäten zurückziehen. Die beiden übriggebliebenen, HC Roth und Gary Flanell, tun sowas nicht. Vielleicht ist es Wagemut oder Fatalismus im Oberstübchen, der dir sagt, dass man das trotz solcher Widrigkeiten jetzt erst recht durchziehen müsse. Vielleicht auch nur eigene Blödheit.

Die Schweiz stand ehrlich gesagt nicht wirklich ganz oben auf meiner Lesereise-Wunschländer-Liste. Einen Grund dafür gibt es nicht. Vielleicht dachte ich bisher, da ist es ja ganz nett, aber ein vielleicht auch ein bißchen langweilig. Ok, tolle Berge haben sie, davon nicht zu knapp, aber die lösen bei mir keine Begeisterungsstürme aus. Welche Landschaftsform das überhaupt könnte, ist unklar. Meer und Küste und Wasser vielleicht. Endlose Wasserflächen, die sich am Horizont verlieren und ich mich in Gedanken mit ihnen. Eventuell.

Dabei musste ich feststellen, dass es so was ja auch in der Schweiz gibt. Wasserflächen, die absurd groß erscheinen. Aber der Reihe nach. Komm ich in Basel am Flughafen an, spaziere ich aus dem Ding raus. Frage mich, warum ich so Angst hatte, vom Zoll wegen meiner mitgeführten Stuntmänner unter Wasser (Da! Wieder eine Wasser-Referenz!) befragt zu werden, Und dann war da kein Zoll. Gar nix war da. Alles ganz unkompliziert. Bus fährt vom Flughafen zum Bahnhof. Zug fährt vom Bahnhof Basel zum Bahnhof Zürich. Dort verlasse ich nicht mal das Gleis, um den Anschlußzug zu bekommen, sondern purzele auf die andere Seite rüber. Zug steht schon da, als wollte er schon anrufen und fragen, wo ich bleibe. So reibungslos läuft das auch in St. Gallen und auch bei der Ankunft in Rorschach. Das auf der einen Seite hohe Berge und auf der anderen die erwähnten unendlichen Wasserflächen des Bodensees zur Begrüßung auffährt.

Und überall scheint die Sonne, das ist natürlich etwas, womit man jeden Berlinbewohner sofort locken kann. Ein bißchen fühle ich mich, als würde ich mit einer real gewordenen Modelleisenbahn durch die Gegend fahren. So blitzeblank kann die Realität gar nicht sein. Irgendwo da hinter den schneebedeckten Hängen, so vermute ich, da muss er stehen: Der große Märklin-Trafo, der das hier alles, die ganze Schweiz, in Betrieb hält. Geht gar nicht anders.

In Rorschach dann mit dem Aufzug in die Stadt. Liegt ja alles am Hang. Zum Treppenhaus, der Ort in dem wir lesen werden, muss ich wieder runter Richtung See. Hatte schon Befürchtungen, das Treppenhaus wäre ein zugiger Flur, vollgepisst, siffig, eng und kalt und wir würden da im Kerzenlicht unter der Kellertreppe den einzigen beiden Rorschach-Punks was vorlesen. Aber nein. Das Treppenhaus ist ein wunderschönes Gebäude im Herzen Rorschachs, das seinen Namen von der gestuften Form seines Giebels hat.

HC Roth trifft auch irgendwann ein und ungläubig nehmen wir wahr, wie wir hier aufgenommen werden. Bekommen ein eigenes Schlafzimmer für die Übernachtung! An der Tür steht sogar „Künstler“ dran! Es gibt echte Betten, kuschelige Kissen und weiche Decken und alles! Nebenan die Ludothek für Rorschachs Kinder. Oben drüber die kleine heimelige Bibliothek und unten das kleine gemütliche Café, nur durch den Vorhang getrennt vom Konzertsaal, wo wir abends dann lesen. Großes Erstaunen unsererseits, als wir den Eintrittspreis für die Veranstaltung wahrnehmen. 15 Franken, really? Kein Einspruch, aber soviel Geld erscheint uns, nach den bisherigen Lesetour-Erfahrungen mit rumgehenden und schlecht gefüllten Hüten, doch etwas surreal. 15 Franken für eine Veranstaltung von zwei Künstlern, die ehrlich gesagt niemand kennt, scheint aber hier normaler Tarif und keineswegs überzogen zu sein. Na, dann wollen wir auch nichts gesagt haben.

Zu unserer allerersten Lesung in Rorschach City verkneife ich mir allerlei schlechte Witze, die was mit der Stadt zu tun haben. Kein Geblödel über a) TEST-Personen oder b) über Watchmen-Charaktere oder c) Strategiespiele im Klempnermilieu. Nein, nein, nein. Das haben unsere sechs Gäste nicht verdient. Dazu haben sie zu aufmerksam unserem Vortrag gefolgt. Und weil der einzige Schweizer, den ich persönlich kenne (Hallo Odessa-Oliver!) eine zweistündige Zugfahrt auf sich nimmt, um zur Lesung zu kommen, freue ich mich umso mehr.
HC startet mit Auszügen seinem Pinguin-Rockstar-Opus, den Frosch-mit-Socken-Geschichten und der neuen Story mit dem Hundekoch. Ich schiebe die Story der kleinen Spinne Pup und dem Seehund hinterher. Am Anfang sind wir also etwas tierlastig. Nach der Pause dann nicht mehr, soll ja keiner sagen, wir würden nur Tiergeschichten schreiben. Zu unserer großen Freude sind nach dem Break noch alle sechs Zuschauer da. Das freut uns so sehr, dass wir ihnen von der Bühne aus einen donnernden Applaus spendieren.

Nach der Lesung hängen wir noch am Tresen im Treppenhaus rum, werden mit reichlich Bier und Nussschnaps bewirtet. Man kommt leider nicht umhin, in der Schweiz immer mal wieder das Geld zu erwähnen. 15 Franken schien uns schon als Eintritt irreal viel. Wie sich rausstelt, haben aber nur drei Gäste wirklich gezahlt, weil die anderen ein Jahreabo für alle Treppenhaus-Veranstaltungen haben. Bleiben also 45 Franken, die an HC und mich gehen sollen. Was wir schon ganz ok finden und noch ein Bier ordern.
„Wir legen euch noch ein bisschen was drauf“, sagt dann der nett zurückhaltende Kneipier und verschwindet hinter der Bar. Kurz darauf kriegt jeder von uns einen nicht unerträglichen Batzen Geld in die Hand, der zumindest schon mal die Fahrtkosten gut abdeckt. Würde gern mal wissen, wie zwei etwas zerknautscht wirkende Literaten aus Österreich und Deutschland so auf die Schweizer wirken, wenn sie ungläubig so viel Geld entgegennehmen, wie sie noch nie, never, jemals für irgendeine Lesung bekommen haben. Fühle mich an diesem Abend wirklich wie ein Künstler. Und das liegt nicht nur am Nussschnaps und der geruhsamen Nacht im Künstlerzimmer.

Morgen danach. Wieder Sonnenschein, hinten ruhen die Berge, vorne ruht Bodensee. Wie halten die Rorschacher so viel Idyll eigentlich aus, wenn sie es Tag für Tag haben? Zerfließt man dann nicht irgendwann hinten im Wald einfach vor Ausgeglichenheit? Rorschach ruht am Samstagmorgen. Auch als wir am Ufer des Sees rumflanieren und, ohne es zu ahnen, die Gemeindegrenze zu Goldach überqueren, bricht keine Revolution aus. Wir treiben uns am Goldacher Hafenbecken rum und kommen uns ziemlich gefährlich vor. Irgendein anonymer Rebell hat die weisen Worte „Gott Furzt“ auf einen Mülleimer gekritzelt. Voll Punk, das. Für HC und mich ist dieser Tag die ideale Vorlage, um den ersten Song unseres neuen Electro-Punk-Spoken-Beat-Word-Electro-Projekt „URS GROB BOOTSBETRIEB“ zusammen zu dichten. Da werden noch große Dinge kommen. Zwei Männer, zusammen Mitte 70, aber körperlich fit wie Pippi Langstrumpf, werden die Popkultur stärker beeinflussen als Sonny & Cher, Milli Vanilli und Modern Talking zusammen. Könnt ihr glauben.

Weil wir echte Punkrocker sind, MÜSSEN wir natürlich auch ins einzig auffindbare Musikgeschäft von Rorschach. Dort verwickelt uns der Besitzer, ein blondhaariger Rocker, auf den das etwas altmodische Etikett „Bluesmucker“ wohl am besten passt, in ein Gespräch über all die Bands, mit denen er früher in Österreich unterwegs war. Mit dem Wilfried und den STS und wer weiß noch alles. Er kennt sie alle und hat mit allen gespielt. Eigentlich unterhält sich der Eric-Clapton-Verehrer mehr mit HC, weil er dessen Grazer Akzent so sympathisch findet. Kann ich mit leben. Gitarren oder reduzierte Effektgeräte kaufen wir aber nicht, dafür reicht die üppige Gage aus dem Treppenhaus dann doch nicht.

Im Supermarkt um die Ecke starten wir unter dem Eindruck der für unsere Verhältnisse interessanten Preisgestaltung den Wer-findet-den-billigsten-Artikel-im-Sortiment-Wettbewerb. Klarer Sieger diesmal: HC Roth, der mit Triumphgeschrei ein Päckchen Backpulver für 30 Rappen entdeckt. Das ist es also. Falls der absolute worst case von Hunger und Geldnot eintreffen sollte, könnten wir uns bis zur Rückkehr nach Berlin und Graz zumindest mit einem vollstopfen: Gutem Schweizer Backpulver. Könnten wir auch mit über die Grenze schmuggeln und in Bregenz-Riedenburg als schlechtes Koks verkaufen. Denn am Nachmittag geht es für uns weiter nach Österreich. Next Stop: Hohenems in Vorarlberg.

Gary Flanell


Nächste Woche auf dem Renfield-Blog:
Ox-Schreiber-Tour 2015 Schweiz Teil II – von HC Roth
Verpassen Sie nicht die folgenden packenden Abenteuer on Hohenems:
Berliner Aktion in St. Margareten*** Showdown in der Ox-Bar***HC Roth und Gary Flanell und die unbekannte Fünferbande***Metäl, Punkrock Weiner und die heimwehkranke Kitesurferin von Hohenems*** und viele weitere Abenteuer von Europas neuer Electro-Beatitude-Hoffnung URS GROB BOOTSBETRIEB!!!

Dienstag, 3. März 2015

No. Stage. For. Rapists.


„Also ihr meint, ihr wollt das nicht hinterfragen...“ Eine nachdenkliche, irgendwie zaghafte Stimme. „Das versteh ich, ja... Aber sind wir denn ganz sicher, dass es nicht...“ Die Stimme verstummt kurz, obwohl man ihr angehört hat, dass sie noch etwas auf dem Herzen hat.
„Dass es nicht... was?“ fragt eine andere Stimme aus der Runde nach, freundlich, aber auch schon mit einem etwas unglücklichen Unterton. Alle wissen natürlich, was jetzt kommt und dass das Problem prinzipiell nicht zu lösen ist. Die Stimme nimmt ihren Mut zusammen. „Dass es nicht auch Missverständnisse geben kann?“

Es ist eine allgemein anerkannte Wahrheit, dass ein junger Mann im Besitz einer Gitarre, einer Band und einer Bühne Anspruch auf die Aufmerksamkeit von Frauen hat. So oder so ähnlich schrieb schon Jane Austen. Und auch wenn Groupietum inzwischen deutlich weniger zeitgemäß ist als Jane Austen, hält sich selbst in der subkulturellsten aller Untergrundszenen irgendwie hartnäckig die Vorstellung, dass da doch was gehen MUSS mit irgendeiner dieser jungen, manchmal sehr jungen Frauen im Publikum. Müssten sich die Mädels nicht irgendwie, na ja, sagen wir doch mal, geehrt fühlen? Ist nicht der Typ auf der Bühne irgendwie ein bisschen auch ein Star? Und wenn das nun zu Missverständnissen führt?
Neben dieser allgemein anerkannten Wahrheit gibt es da eine Geschichte. Die Geschichte wurde zwei Musikerinnen erzählt, die gemeinsam in einer Band spielen. Die beiden Musikerinnen waren in Tel Aviv unterwegs und trafen dort auf eine junge Frau, die den Kontakt zu ihnen über ein beliebtes soziales Medium gesucht und gefunden hatte. Die junge Frau hatte festgestellt, dass die Band der beiden Musikerinnen auf dem Online-Sampler eines kleinen Berliner Indie-Labels vertreten war. Auf diesem Sampler befand sich auch eine andere Band, die der jungen Frau persönlich bekannt war. Sie erzählte den beiden Musikerinnen, dass sie von einem Musiker dieser anderen Band zwei Jahre zuvor in Tel Aviv vergewaltigt worden sei.

Vergewaltigung und sexuelle Übergriffe sind im Verständnis vieler Menschen von einem Nebel des Unbehagens umgeben. Es sollte nicht so sein, aber schon beim ersten Erfahren von einer solchen Geschichte spaltet sich die Zuhörerschaft in zwei: in solche Menschen, die sich selbst vorstellen können, dass ihnen etwas derart Verletzendes widerfährt, die vielleicht auch wissen, wie es sich anfühlt. Und in solche, die es sich nicht vorstellen können und nicht wissen, wie es sich anfühlt.
Diese Menschen wissen natürlich, dass es sich um eine ernste, wichtige, schmerzhafte, ja existenzielle Angelegenheit handelt. Aber sie wissen es eben nur, sie fühlen es nicht. Sie fühlen, dass sie gezwungen werden, sich mit etwas zu befassen, womit sie sich ganz und gar nicht befassen wollen. Viele von ihnen werden nun versuchen, da sie ja zu der Auseinandersetzung gezwungen sind, möglichst gerecht und vernünftig zu sein. Wie urteilt man gerecht und vernünftig über ein Ereignis, von dem man erzählt bekommt? Wie kann eine Zuhörerschaft ein Urteil über einen Bericht fällen? Gibt es Zeugen? Nein, meistens und auch in diesem Fall gibt es keine Zeugen. Es gibt nur die Person, die sprechen will, und die Person, die schweigen will.


Natürlich hätte auch das ein Missverständnis sein können. Denn der junge Mann wollte ja nichts Böses. Er war, so sagte er auf die Frage eines Freundes hin, unter dem Einfluss euphorisierender Substanzen. Gewiss könnte er die junge Frau missverstanden haben, der er im Dunkeln gefolgt ist. Er könnte missverstanden haben, dass ihm eine eigenständige Person mit einem eigenen Willen gegenüber steht. Vielleicht hat er sie verwechselt mit einer Art belebter Puppe, die von einem fröhlichen, gutmütigen Marionettenspieler zu seinem ganz persönlichen Vergnügen bereitgestellt worden ist.
Die junge Frau hat selbst lange Zeit geschwiegen. Es gab dann aber einen Punkt, an dem sie entschieden hat, dass es ihr helfen wird und dass es ihr möglich ist, zu sprechen. Anfangs tat sie das im Rahmen einer subkulturellen Szene in Tel Aviv. Dort wurden die Anschuldigungen tot geschwiegen. Man wollte die Szene schützen. Dennoch tauchten hier und da noch andere, ähnliche Geschichten auf. Die Band ist inzwischen aus Israel verschwunden. Sie lebt und spielt jetzt in Berlin.

Heute ist die Band nicht mehr auf dem Online-Sampler des kleinen Berliner Indie-Labels vertreten. Denn die beiden Musikerinnen, die als erstes selbst mit ihrer Band von dem Sampler zurückgetreten sind, haben mit einer Gruppe von Gleichgesinnten zusammen ein Schreiben aufgesetzt und sind damit an die Öffentlichkeit getreten. Das heißt, an einen Teil derjenigen Öffentlichkeit heran, die sich ihrer Meinung nach für das Sprechen und das Schweigen über sexuelle Gewalt interessiert – und für Bands und ihre Bühnen. Diese Gruppe von Gleichgesinnten nennen sich No Stage For Rapists.

Eine Bühne geben, heißt, jemandem Raum für eine Performance zu geben und damit auch Macht. Denn es gibt tatsächlich eine Art der intensiven, fast erotischen Beziehung zwischen einer Band auf der Bühne und ihrem Publikum. Die Band kann die Aufmerksamkeit dieser Menschen beanspruchen und nutzen, ihre Gefühle bewegen, sie vielleicht sogar begeistern. In einer kapitalistisch geprägten Verwertungskultur zählt dabei nur, wie sich die Band so vermarkten lässt, dass sie möglichst viele Menschen vor die Bühne bringt.
Wenn es eine Alternative zu dieser Kultur gibt, kann sie nicht nur darin bestehen, dass wir die Musik zu schätzen wissen. Denn die Beziehung zu einer Band ist mehr als nur Musikkonsum. Von einer Band, der wir Bühne geben, dürfen wir eine gewisse Haltung erwarten, nennen wir es ein Bemühen um Integrität. „Es war bloß ein Missverständnis“ reicht da irgendwie nicht ganz aus.
Niemand wird jemals genau wissen, was sich zwischen der jungen Frau und dem jungen Mann damals abgespielt hat außer den beiden Beteiligten. Wir brauchen es auch nicht zu wissen. Wir sind nicht aufgerufen, eine solche Geschichte zu bewerten und zu urteilen, aber wir dürfen erwarten, dass sie nicht einfach totgeschwiegen wird mit dem Verweis darauf, dass ja eigentlich nur die Musik zähle. Das wäre nun wirklich ein Missverständnis.

Alissa Wyrdguth

Fragen? Gerne an no.stage.for.rapists@googlemail.com.

Dienstag, 24. Februar 2015

Ballad of the homeless Art director

Wut und Zorn steigen in mir hoch.
Je weiter ich die Manteuffelstraße zum Görlitzer Park runterlaufe, um so schlimmer wird es. Mit jedem Stromkasten und jedem Laternenpfahl, den ich passiere, nehmen Flüche und Verwünschungen zu. Denn an jedem dieser Pfeiler und Flächen klebt ein Aushang. Es ist immer der gleiche Zettel. Man findet jeden Tag ähnliche Zettel an den Strom- und Postkästen dieser Stadt. Es sind Wohnungsgesuche. Da ich derzeit keine Wohnung zu vermieten habe, ignoriere ich die meisten. Oft schaue ich auch interessehalber mal drauf, was sich der/diejenige denn so preislich vorstellt. Manche von den Zetteln sind auch überaus sympathisch geschrieben, bei den meisten denke ich, wenn ich die preisliche Einordnung für eine „dringend benötigte“ 1-Zimmer-Suche sehe: Armer Irrer.

Viele von denen, die diese Zettel in der Stadt verteilen, hängen immer noch der romantischen Vorstellung nach, dass es in Kreuzberg reihenweise billigen Mietraum gibt. Dass die Vermieter und Makler und Hausverwaltungen dieser Stadt einen Endorphinausstoß kriegen, wenn sie endlich, endlich, endlich die auf dem Zettel vermerkte Nummer wählen dürfen, um mal jemandem ihre Wohnung andrehen zu können. Vielleicht war das mal so in Kreuzberg. Es muss lange her sein. Die Erinnerungen an solche Zeiten wird in meinem Kopf von einem grauen Nebel der Depression verpackt. „Ach, was waren das für Zeiten, lalalalala…“ pfeife ich dann innerlich die Melodie eines alten Ton-Stene-Scherben-Songs daher, in dem es primär ums Kiffen geht. Vielleicht glauben heute nur noch ein paar verträumte Provinzkiffer, das die Mieten in Kreuzberg so billig sind, wie eine Tonne Haschisch im marokkanischen Bergland.
Wenn ich diese Wohnungszettel also normalerweise wahrnehme, überkommt mich Mitleid ob all dieser Illusionen, die die Verfasser dieser Zettel habenn. Am liebsten würde ich ihnen dann das harte Nudelholz der Realität über den Kopf ziehen. „Billige Wohnungen in Kreuzberg?“ würde ich dann am liebsten schreien. „Vergiß es! Wach einfach mal auf! Hier ist nix mehr billig, nicht mal der Döner, den du gerade in dich reinstopfst.“, würde ich brüllen. Und gleichzeitig rot anlaufen. Multitasking kann ich.


Die Zettel, an denen ich heute vorbeigelaufen bin, sind anders. Die hier verhandelten Wohnungsgesuche wurden von einem Art director aufgehangen. So betitelt er sich selber auf seinem Aushang. Der Art Director ist bereit, für eine 60qm-Wohnung bis zu 900 Euro zu zahlen. Das wäre ein Quadratmeterpreis von knackigen 15 Euro. Dazu ist der junge Mann auch bereit, jedem, der ihm eine Wohnung vermittelt, 1000 Euro Vermittlungsgebühr zu zahlen. Mein Puls fährt langsam in die Höhe, nachdem ich das alles gelesen und realisiert habe. 900 Euro für eine Wohnung. Für eine! Nicht für ein Luxusapartment in Charlottenburg oder ein Hausboot in Flugzeugträgerformat am Müggelsee, sondern für eine stinknormale Wohnung in Kreuzberg. Auf einmal bin ich richtig sauer. Ich würde gern was kaputt treten.

Aber warum werde ich eigentlich so wütend, wenn ich diese Zettel da sehe, auf denen mich auch noch das eigentlich ganz nette Gesicht von dem Art director angrinst? Ist es nur Wut? Ist es Neid, weil der solche Preise zahlen kann? Oder bin ich verärgert, weil ich mich so hilflos fühle? Neid ist es eher nicht, soviel wird mir schnell klar. Es ist eher die Wut darüber, hier am ganz konkreten Beispiel zu sehen, wie Gentrifizierung die Mieten in die Höhe schnellen lässt und somit den Kiez für weniger betuchte Leute unbewohnbar macht. Ich kenne persönlich niemanden, der 900 Euro für eine 60-qm-Wohnung hier zahlen kann. Zwar warm, aber dieses Detail lässt mich gerade kalt.

Der smarte Art Director weiß sicherlich, wie die Mietpreise hier sind. Das Problem ist, dass er 1.) diese Preise wohl zahlen kann und 2.) auch bereit ist, das zu bezahlen. Ich glaube aber nicht, dass er weiß, dass er mit dieser Bereitschaft, einkommensschwächeren Kiezbewohnern die Möglichkeit hier (weiterhin) bzu leben, verbaut. Wenn die Mieten erst mal oben sind, dann werden sie da auch bleiben. Denn in Kreuzberg will man ja auch gern leben. Ist ja schön hier. „Geh doch nach München, Art Director,“ denke ich, während ich auf den Zettel schaue, „da ist es auch schön“. Oder weniger nett gesagt: „Verpiss dich doch, Alter.“
Was kann ich also dagegen tun, dass Menschen, ohne Nachzudenken bereit sind, jeden Preis für eine Wohnung hier im Quartier zu zahlen? Leider überwiegt meine Hilflosigkeit. Zu der Wut gesellt sich jetzt am Spätnachmittag auch eine gewisse Verbitterung, die sich lautmalerisch nur mit „Grmpf“ ausdrücken lässt.
Mir fallen spontan zwei Möglichkeiten ein.

Möglichkeit eins: Ich hole Nägel und Hammer und rufe dann den wohnungssuchenden Art Director an. Gebe vor, eine Wohnung zum aufgerufenen Preis in bester Lage anzubieten und verabrede ein Treffen mit ihm. Beim vereinbarten Termin nagele ich ihm dann seine gesammelten Wohnungsgesuche auf die Stirn und setze ihn ohne Fahrkarte in den nächsten Zug der U1, in dem gerade fünf schlechtgelaunte BVG Kontrolleure unterwegs sind. Das wäre bestimmt machbar, aber das würde das Problem ja nur kurzfristig lösen. Es werden nämlich immer neue Art Directoren kommen; mit dem gierigen Verlangen hier wohnen zu wollen und mit der Bereitschaft, dafür immer absurdere Summen zu zahlen. Und ich kann ja nicht jedem von diesen jungen Leuten was auf die Stirn nageln. Oder doch?

Möglichkeit zwei: Den Informationsfluss unterbrechen. Das ist ganz einfach. Der Typ soll nie eine Wohnung hier im Kiez bekommen, weil niemand weiß, dass er eine sucht. Also reiße ich alle seine Zettel einfach ab. Systematisch von jeder Straßenlaterne, jedem Stromkasten und jedem schwarzen Brett, wo ich sie finde. Damit verhindere ich zwar auch nicht, dass die Mieten weiter steigen, aber mit jedem abgerissenen Zettel, den ich mit Lust zusammenknülle und auch noch draufspucke, geht es mir etwas besser.

Gary Flanell

P.S.: Lieber unbekannter obdachloser Art Director: Ich hoffe, die Wohnungssuche hier frustriert dich trotz deiner unglaublichen Zahlungswilligkeit schon bald so sehr wie alle anderen Umzugswilligen. Und ehrlich, München ist doch auch ganz hübsch.

Mittwoch, 18. Februar 2015

Kinky, Sarah und Freddy


Nachdem hier unter dem Eindruck des gestrigen Kinky-Friedman-Konzerts der virtuelle Cowbyhut aufgesetzt und in den Sonnenuntergang geritten wurde...

(Kleine Konzertrezi gefällig? Kinky Friedman ist ein Spitzentyp. Und mit 70 unterhaltsamer als manch 25-jähriger-Post-Bachelor-Prä-Burnout-Indiespacken. Dazu auch sehr stilvoll, so ganz in Schwarz mit großem Cowboyhut und großem texanischem Akzent und ganz allein auf der großen Lidobühne. Es gibt Witze aus dem Stand und Songs aus der Akustikgitarre und eine kurze Lesung aus Kinkys neuestem Buch. Manchmal ist der Humor recht schenkelklopfrig, aber das stört aber keinen der Anwesenden im gut gefüllten Lido. Wir sind halt alle Cowboys, die auch mal einen derberen Scherz vertragen. Auf Deutsch wäre manches doch zu sehr in die Mike-Krüger-Ecke gedriftet, aber einem älteren legendären Schriftsteller mit Countrybackground, der sich auch gut in einer Big-Lebowski-Fortsetzung machen würde, verzeiht man einiges. Am Ende lasse ich mir von Kinky einen Fünf-Euro-Schein signieren, der noch in der Nacht seinen Platz auf meinem Altar findet.)

...empfiehlt die Renfield-Crew eine Ausstellung zweier Künstler, die wir hier im Renfield-HQ sehr schätzen:


"Teacup Storms" - An exhibition from Freddy Fudd Pucker & Sarah Steiner. @ Let it be, Treptower Straße 90, 12059 Berlin

Freddy Fudd Pucker a.k.a. Tom Young wird hier eh immer geknuddelt und gelobhudelt. Nicht zuletzt seit er das wirklich wunderbare Cover zur aktuellen Renfield-Ausgabe geschaffen hat und den Herrn Flanell auch bei der Buchpräsentation seiner Kurzgeschichtensammlung "Stuntman unter Wasser" musikalisch unterstützt hat. Sarah Steiner kennt man als eine der treibenden Kräfte hinter den 40-Sekunden-Pop-Wunderwerk ON ON ON und dem Tapelabel TRIM TAB TAPES.
Letzteres wurde in Renfield No. 27 von LRTT* schon einmal vorgestellt - und gibt es jetzt auch hier zum nachlesen.

Als meine Anlage abgeraucht ist, die ich seit meinen Jugendjahren habe, bin ich in einen Laden gegangen, dessen verstaubter Name den Subtext: „Reparaturen & Unterhaltungselektronik“ hatte. In diesem kleinen chaotischen Geschäft habe ich mir einen Technics Amp und ein dazu gehöriges Doppeltapedeck gekauft. Das war 2006. Zum einen weil ich dachte, dass CDs auch in mein Laufwerk passen und zum anderen, weil ich doch noch das eine oder andere Tape habe.

Nachdem ich peu à peu viele der Tapes (und auch Platten) entsorgt hatte, blieben doch bis heute zumindest noch diejenigen, die ich selbst zusammen kompiliert habe oder die mir geschenkt wurden. Und da ist genau der Punkt. Im klassischen Fall, hat man mit einer leeren Kassette Radio-Bootlegs aufgezeichnet und Mixtapes für andere gemacht. Meistens für Menschen, die einem etwas bedeuten. „Home Taping is Killing Music“ sagt für mich demnach genau das Gegenteil aus! Es hat lediglich den kommerziellen Erfolg von Tapes „gekillt“. Derselbe Fluch wurde ein paar Jahre später auch der mp3 nachgesagt. Naja! Mittlerweile befindet sich das kleine Plastikding in irgendeiner Nische und traut sich langsam wieder hervor. Erlebt das Tape ein Comeback?


Die Kassette wird sicher nicht in den Genuss kommen eine Art Renaissance wie das Vinyl zu erfahren. Der Umsatz von Vinyl stieg allein im ersten halben Jahr 2013 um ca. 30%. Ein ähnlicher Erfolg ist bei dem Tape nicht zu erwarten, aber es gibt heute zweifellos eine neue Faszination an diesem Format. In den Statistiken der großen Musikvertriebe wird das Tape weiterhin ignoriert werden, weswegen wir hier nur über Dunkelziffern spekulieren können. Tatsächlich wurden um die Jahrtausendwende über 70 Millionen Musikkassetten in den USA ausgeliefert, während die offiziellen Zahlen behaupten, dass im Wesentlichen keine Tapes vertrieben wurden. Die Kassette macht also den Eindruck etwa so verbreitet zu sein wie Mini-Discs oder DAT. Wenn sich eine Band dazu entscheidet ihre Musik (auch) auf Tape zu veröffentlichen, dann nehmen sie das oft selbst in die Hand, übernehmen die Gestaltung und verkaufen sie auf Tour, was so viel heißt, dass Tapes oft nur gegen Bares über einen improvisierten Merchandise-Tisch gehen.

Zwei Menschen, die die neue Popularität von Tapes gut kennen sind Clooos On und Sarahhh On. Ziemlich genau 50 Jahre nach dem Erscheinen des ersten Tapes auf der Bildfläche haben die beiden in Berlin ein kleines DIY-Tapelabel namens TrimTabTapes gegründet. Irgendwie aus Versehen und nicht beim Anblick des letzten Kontoauszugs. Beide haben zwar nie so ganz mit dem Tape-Hören aufgehört, doch seit sie selbst in die Produktion gegangen sind, ist das Format mehr in den Fokus ihres Lebens gerückt. Die Leute sollen wieder Tonträger kaufen (können). Sie selbst sagen: CDs sind scheiße und unsexy und Vinyl ist leider nicht so „leicht und billig“ wie das Tape. Nach dem 2007 gegründeten „Record Store Day“, der internationale Tag unabhängiger Plattenläden, gab es am 07. September 2013 den ersten, von Burger Records initiierten „Cassette Store Day“. Kassetten werden auf jeden Fall immer noch verkauft, wenn auch nicht vergleichbar mit anderen Formaten.

Ein Tapelabel zu betreiben ist keine "Hipster"-Sache. Es geht nicht darum, ein Analog-Heini zu sein. Das Medium ist ein Artefakt aus dem Ursprung der Szene, denn tatsächlich sind Kassetten aus der Noise-, Punk- und generell Schrubb-Gitarren-Szene nie verschwunden. Hier konzentriert man sich eher auf eine Art Gesinnung und das Individuelle einer Band, die man heutzutage auch in keine Genreschublade mehr packen kann. CDs sind Einwegware; Zwischenlager für Musik, bevor man sie nach dem Kauf auf den Rechner lädt, so man sie denn überhaupt noch kauft.

Mit einem Tape verbindet einen etwas anderes. Es altert mit dir und ist wie ein akustisches Fotoalbum oder ein Tagebucheintrag. Es ist fast, als wäre das entschleunigte Musikhören ein Protest gegen die Digitalisierung, die alles leicht verfügbar und dadurch scheinbar wertloser macht.

Während CD-Produktionen immer mehr dieser Wertlosigkeit verfallen (es gibt CDs im Rossmann zu kaufen) und LP-Fertigungen lange und kostspielige Großvorhaben sind, kann man ein Tape in kurzer Zeit und mit geringem finanziellen Aufwand produzieren. TrimTabTapes machen das zu Hause. Ihr Kosten belaufen sich auf etwa 1€ pro Stück. Das hängt natürlich davon ab, wie aufwändig das Artwork werden soll, wie ausgefallen die Farben des Tapes und der Snapbox und wie viele Exemplare sie in ihrer Manufaktur überspielen müssen. Vor allem durch das Internet war es noch nie einfacher, ein Label zu starten. Kassetten-Unternehmen sind oft Schlafzimmer-Projekte von Einzelpersonen, die irgendwelche Jobs haben. Da ist es klar, dass sie es sich nicht leisten können, PR-Agenten zu sein oder außerordentliche Label-Promo zu machen.

Bei Clooos On und Sarahhh On ist es genau so. Beide sind nicht hauptberuflich „Tape-Label-Owner“, aber um auch ihr Label etwas wahrnehmbarer zu machen, ist der sogenannte Tapetresen entstanden, der im Grunde ein gemütlicher Kneipenabend ist, der einmal im Monat in einem Berliner Kellerloch stattfindet und zu dem sie selbst und die kommenden Gäste ihre Lieblingstapes hören. Mixtapes, Alben, Aufnahmen eigener Bands werden da von dem Tonkopf abgetastet.

Die Auswahlkriterien der TTT-Crew für die Sachen, die sie auf ihrem Label veröffentlichen, sind simpel und einleuchtend. Die Musik muss gefallen und die Leute, die die Musik machen, müssen coole Säue sein. Im Idealfall kommt die Musik exklusiv nur bei TrimTabTapes raus, das ist aber natürlich nicht zwingend. Es wird kein Vertrag unterschrieben, sondern gemeinsam Hand angelegt. Die Instrumente werden mal kurz zur Seite gestellt und die Bandmitglieder selbst helfen beim Etiketten kleben und Cover schneiden. Alle setzen sich zusammen und basteln gemeinsam am Layout. Meistens verlieben sich Clooos und Sarahhh On in die Musik und lassen sich zu einem bestimmten Artwork inspirieren. Gemeinsam werden dann Entscheidungen über die Kassetten- und Casefarbe, so wie Cover getroffen.

Die beiden kümmern sich dann um die Bestellung der Rohlinge, die fast ausschließlich Ferrochrombänder sind, das Duplizieren, die Werbung und ein wenig um den Vertrieb. Demnach kann man davon ausgehen, dass, wenn man ein TrimTabTape in der Hand hält, es sich hierbei um Musik von KünstlerInnen handelt, die die beiden begeistert. Neben den regulären Musikalben werden aber auch beispielsweise Hörspiele produziert, die zumeist aus der eigenen Feder stammen.

Das Tape-Revival ist natürlich auch ein bisschen nostalgisch. Das ist zwar scheiße, meint Clooos, aber da kommt man irgendwie nicht drum herum, wobei es nicht das Tape an sich ist, so Sarahhh, sondern der Hype der darum gemacht wird. Retromanie ist also nicht ganz das richtige Wort, wenn es um das Interesse an Tapes geht. Das Interesse könnte eher als Beweis für die Unzufriedenheit mit dem aktuellen Musik-Markt gedeutet werden. Musik ist mehr als nur eine Information, die man in eine Cloud lädt oder von DJ Shuffle durch Billigkopfhörer um die Ohren geschleudert kriegt.

Wir haben sie alle schon gesehen, die iPhone-Schutzhüllen im Tapelook oder Tape-Nachbauten, die einen USB-Stick enthalten. Tape ist schick, aber diese Attrappen sind eben keine Tapes! Sarahhh stellt richtig fest, wenn sie sagt, dass Tapes nicht ersetzt werden können, genauso wie das Tape nie das Vinyl oder die CD ersetzen wird. Diese Formate koexistieren und haben lediglich ein unterschiedliches Zielpublikum. Doch die Herausforderung der Gestaltung eines Tapes liegt für sie in dem Format. Es ist kleiner als LP oder CD und nicht quadratisch. Die Möglichkeiten sind vielfältig – da geht es um die Kassette selbst, die Hülle, Sticker, das Inlay und so weiter. Jedes neue Release fordert eine neue Bastel-Session, an der die beiden Freude haben und die natürlich auch Zeit fordert, die sich die meisten Menschen nicht mehr nehmen.

Wir haben uns daran gewöhnt, dass vermeidlich „jeder“ Song auf den einschlägigen Plattformen, wie Youtube, Spotify und iTunes verfügbar ist. Die meisten betrachten dies als einen Segen. Indem ein Großteil unserer Musikbibliothek auf unseren Smartphones ist und zu allen Zeiten abrufbar, scheinen wir befreit zu sein von der Zufälligkeit der Stimmung, des Orts und der Zeit. Wir haben es unter Kontrolle, welches Gefühl in uns erzeugt werden soll. Das gibt uns Sicherheit und wir werden zum Radiogott. Ich habe festgestellt, dass dies oft dazu führt, dass ich nie weiß, was ich hören soll, obwohl ich mehr als zwanzig tausend Songs auf meinem iPod haben kann. Ich höre selten Radio, aber es löst eine kleine Euphorie aus, wenn zufällig ein Lied, das ich mag, gespielt wird.

Die Kassette, noch mehr als die LP, fokussieren unser Musikhörverhalten, weil es schlicht nicht möglich ist, zu skippen. Wenn du das letzte Lied auf einem Tape hören willst, musst du dir erstmal ein paar Minuten das Vorspulgeräusch anhören und hoffen, dass du den richtigen Zeitpunkt triffst. Vergleichsweise ist es einfach in fünf Minuten zehn verschiedene Filme zu sehen.

Wenn du aber ins Kino gehst, bleibst du bis zum Schluss sitzen – meistens zumindest. Ähnlich ist der Vergleich einer Bilddatei mit einem Ölgemälde. Das Hören einer Kassette ist wie eine Gegenbewegung zur immer kürzer werdenden Aufmerksamkeitsspanne, die sich im Zuge der Menge an ständig verfügbaren Inhalten, entwickelt hat. Tapes verleiten dazu, dass man konzentrierter zuhört und im Gegensatz zu Vinyl, kann man sie auch unterwegs hören. Zwar wurde die Produktion des Walkman 2010 eingestellt, aber das findet Clooos On richtig scheiße und sicher nicht nur er. Für Sarahhh On, die noch einen Walkman hat, war das absehbar, nachdem die Produktion von Tapes in mehreren Ländern eingestellt wurde. Da setzen sich kleinere und leichtere digitale Gerät mit mehr Speicherplatz durch. Außerdem kann man mit denen auch telefonieren und fotografieren und was weiß ich noch für noch andere dolle Sachen machen.

Ein Tape-Label sollte doch irgendwie ernster genommen werden, da nicht nur Inhalte, sondern auch Gefäße für die Inhalte produziert werden, die ebenfalls eigenständige Kunstwerke sind. Selbst wenn es ein Nischen-Produkt ist, das produziert wird und unvereinbar mit den Musikabspielgeräten, die die breite Masse benutzt. Im Vergleich zu einer Datei auf dem Computer ist es etwas ganz anderes, den Tonträger in den Händen halten zu können. Musik geht dann über sich selbst hinaus, denn man ist bei der Produktion gezwungen sich über Dinge wie die Reihenfolge und Dramaturgie oder gar das Konzept eines Albums Gedanken zu machen, was oft nicht irrelevant für die Musik ist. Ist ein Album doch mehr als die Menge seiner einzelnen Songs.

Kassetten sind nicht nur für Audiophile, aber sie zielen auf die Spürbarkeit der DIY-orientierten Künstler ab und stellen handgezeichnete Albumcover über Computergeneriertes. Ein Tape ist irgendwie näher an der ursprünglichen Aufnahme, macht sie greifbar und der Künstler war meistens direkt an dem Look des Tonträgers beteiligt. Ein Tape wird dann irgendwann verbeult und zerkratzt, die Farbe wird verblichen sein, aber wie bei einem Buch, sind die Spuren an den Ecken, die beim Benutzen nun einmal entstehen, ein Zeugnis des eigenen Bezugs zum jeweiligen Werk.

Dies ist am deutlichsten beim Mixtape zu erkennen. Individuelle Mixes gibt es ja nach wie vor. Zum Beispiel DJ-Sets bei Sound- oder Mixcloud, doch das Mixtape hat den Namen gepachtet. Die Wahrscheinlichkeit jemandem das Herz mit einem Mixtape zu erweichen, ist heute größer als je zuvor. Es dient nicht dem bloßen Musikaustausch, sondern enthält vermeintlich verborgene Botschaften, die nur für eine Person bestimmt sind.

Sarahhh On verweist in diesem Zusammenhang auf „Tapetausch“. Eine Online-Plattform, an die jeder Mixtapes schicken kann und bei denen jeder Mixtapes „bestellen“ kann. Hier werden im wahrsten Sinne Tapes getauscht. Clooos und Sarahhh On haben im Laufe der Zeit, die sie nun schon ihre TrimTabTapes produzieren diverse andere Tape-Nerds kennen gelernt, die keiner bestimmten Szene angehören. Es gibt bislang noch kein offizielles Netzwerk, dennoch haben ein paar andere Tapeliebhaber ihren Weg gekreuzt, wie beispielsweise Mustard Mustache, Kill all Human oder Kick Ass Tapes. Bei TrimTabTapes selbst sind bereits Anfragen aus Washington oder Frankreich eingegangen, wobei sie nicht wissen, wie diese auf sie aufmerksam geworden sind.

Für die Zukunft wünschen wir Clooos On und Sarahhh On das, was sie sich selbst wünschen und zwar, dass sie noch viele geile Veröffentlichungen machen, durch die sie noch viele tolle Musik und tolle Menschen kennen lernen und uns hoffentlich weiterhin daran Teil haben lassen.

trimtabtapes.blogspot.de

tapetausch.blogspot.de

LRTT*

Dienstag, 10. Februar 2015

Ella and Gary and four girls with a golden tape

Das Datum mag - je nach Weltanschauung - ein böses oder ein gutes Omen sein. Oder gar keins. Ella Chord & Gary Flanell werden am Freitag, dem 13.02. jedenfalls eine Menge charmanter Songs spielen, die man so kennt oder eben nicht.
Mit dabei ist außerdem der nicht minder charmante Till The Morninglight, den man derzeit eher selten live in Berlin sieht. Also noch ein Grund mehr in unser favourite Schnapsloch zu kommen.
Und hier nochmal Fakten und Flyer:


Live:
Ella Chord & Gary Flanell (Charming covers, Berlin)
soundcloud.com/gary-flanell
Till The Morninglight (Singer/Songwriter),
tillthemorninglight.com
Aftershow Gaudi by DJ DC Reverend (East India Fading Company, Soulcat)

Freitag, 13.02.2015
ab 21 Uhr

at Planet Trickstopia somewhere in your backyard...(you know where it is, if you know where it is)

Bis dahin ist ja noch etwas Zeit, in der man sich den weiteren Teil dieses Postings geben kann. In Renfield Nummer 28 erschienen, hier noch eimal das Feature über die BRUNETTEZ, den girls with the golden Tape.



„Weil wir wissen, dass Leben viel mehr ist als bloß Überleben, und weil Punk Rock heißt, dass wir alles machen können: deswegen machen wir wütenden Grrrl Rock […] für die Kultur und Seele aller Mädchen und Frauen, so wie sie es wollen, nicht wie wir es wollen.“

Diese Erklärung aus dem Riot Grrrl Manifest erschien 1991 in der zweiten Ausgabe des Bikini Kill Zines. Wenn wir über 20 Jahre später hier in Berlin nach einer Band suchen würden, auf die Bikini Kills Ideen passen wie die Faust durch die Wand, dann wären es die BRUNETTEZ aus Kreuzberg. Wütend sind sie ziemlich oft, und das hört man auch. Ihre Texte geben keine Anweisungen, wie Feminismus auszusehen hat, sondern üben Kritik am Repressiven. Die Schärfe dieser Kritik trifft sich mit einer liebevollen Grundhaltung, die Verständnis hat für menschliche Fehler und Schwächen, aber kein Verständnis für Gleichgültigkeit und Anbiederung an patriarchale Strukturen. Sie sind ironisch, witzig, subtil, und manchmal erzählen sie einfach nur skurrile Geschichten.
Dass Punk Rock heißt, dass wir alles machen können, haben die BRUNETTEZ bewiesen, indem sie sich einfach Instrumente schnappten und anfingen zu spielen, ein Mikro schnappten und anfingen hineinzuschreien. Kommt schon beim Spielen, dachten sie sich, und so war es auch. Drei Jahre nach der Gründung haben die BRUNETTEZ ihr erstes Album herausgebracht – auf einem goldenen Tape. Gleichzeitig sind sie mit einem Song auf dem Soli-Sampler „Screaming for a better future Vol. 4“ dabei und hinterlassen einen Knutschfleck auf Vinyl.


Der DIY-Ansatz ist wichtig für die Mädels. Ihre Instrumente haben sie sich selbst beigebracht, das Songschreiben haben sie gemeinsam ausgetüftelt und auch Produktion und Vertrieb des goldenen Tapes machen sie natürlich selbst, zusammen mit ihrem Berliner Label, TrimTabTapes. Musikalisch hat ihr dilettantisch-dynamischer Punk Rock verschiedene Wurzeln, denn Malwi, Lorena, Tabea und Carine bringen ganz unterschiedliche Hintergründe in die Band ein.
Carine, die singt und Texte schreibt, liebt die Beatles, Stoner Rock und Psychedelica. Aber sie hat auch eine Metal-Seite und hat aus Brasilien den Punksong „Papai Noel“ mitgebracht, der auf Portugiesisch vorschlägt, jetzt endlich mal den Weihnachtsmann zu erschlagen, der auf die Armen doch nur spuckt.
Schlagzeugerin Malwi dagegen liebt Bands wie Pascow und Düsenjäger. Nachdem sie sich das Schlagzeugspielen innerhalb einer Woche selbst beigebracht hat, angefangen mit einem Bikini Kill Song, hat sie den Brunettez-Sound erst einmal mit ordentlichen Drum-Wirbeln versorgt.
Außerdem hat sie Bassistin und Songschreiberin Lorena an die Ramones herangeführt. Man hört das schon in „Ice Cream Man“, mehr aber noch in einem phantastischen neuen Song, der leider noch nicht auf dem Tape ist: „Oh what a Gentleman“.
Tabea ist Gitarristin und Grafikerin, sie zeichnet verantwortlich für das Design des goldenen Tapes, für Sticker, Kühlschrankmagneten und die Webseite. Ihr Gitarrenspiel und auch ihr Outfit sind geprägt von 70s Punk und Wave – Gun Club, The Slits, X-Ray Spex – und von den schicksten Strumpfhosen der Stadt.


Sexy Outfits und schicke Strumpfhosen können Teil des BRUNETTEZ -Stils sein, müssen aber nicht – mal gehen die Mädels in roten Minikleidern auf die Bühne, mal in schlabberigen Hoodies. Ihre feministischen und kapitalismuskritischen Texte bestärken Frauen in ihrer Sexualität und auch darin, sie offen zu äußern. „Everybody is having sex but me tonight – all I want to do is fuck!“ in dem Song „Full Moon“ wird von einer Stöhn-Inszenierung untermalt, an der Lorena und Carine hörbar Spaß haben. „Swallow“ liefert eine boshafte Auflistung ironischer Benimmregeln für Frauen und empfiehlt ihnen, bloß nicht aufzumucken, nicht selber zu denken, sich als Ware zu vermarkten und gerne noch ein bisschen abzunehmen, denn: „Less of you will look so nice!“

Den Mythos, dass Frauen sexuelle Objekte seien und nicht aktive Subjekte, attackiert auch „Ice Cream Man“, denn die Erzählerin hat absolut keine Lust, sich für einen Mann oder eine Eiskugel zu entscheiden. „Be happy with what you got, my mum would say... But I don't want to live this way!“ Zugleich ist der Song durchaus konsumkritisch, denn sie ist auch gehemmt durch ihren Zwang, selbst zu wählen: „If I pick one – the rest I lose...“
Die Kreuzbergerinnen spielen sich durch die Läden und besetzten Häusern in Kreuzberg und Friedrichshain: Liebigstraße und Schererstraße, im Tiefgrund, Cortina Bob, SO 36 und zuletzt im Supamolly.
Als lokale Band kommentieren sie auch ihre Umgebung, zum Beispiel die Unsinnigkeit der riesigen O2-Arena am Spreeufer im „O2-Song“, oder empfehlen den stumpfen Partymassen: „You want a boy? You want a girl? You want another line? You want to stand in line forever? So go to Berghain!“


Ob sie bald auf Tour gehen, eine Platte herausbringen, weiter ganz viele Konzerte spielen? Ist zu hoffen. Aber die Mädels lassen sich da auch nicht festnageln. Wie sie selbst sagen: „You and me can be free together, let go of your fear, there is no forever...“ Schade. Aber sehr wahr.

Das in der Überschrift erwähnte Golden Tape gibt es übrigens bei Trim Tab Tapes - aber wer weiß wie lange noch. Also ranhalten!
www.brunettez.de

Alissa Wyrdguth

Freitag, 6. Februar 2015

Damals in Mitte und Kreuzberg...

war das Leben trist, kalt und grau. Jetzt aber nicht mehr. Denn wer immer noch kein Renfield hat, kriegt es jetzt ganz problemlos in zwei weiteren Läden, ohne die Berlin um einiges langweiliger wäre:

1. Kunstkabinett 451 - Fachgeschäft für Bücher, Fanzines, Poster, Siebbdrucke und mehr D.I.Y.-Kunst

und auch im

2. Ramones-Museum auf der Krausnickstraße

Dienstag, 3. Februar 2015

Von Lesungen und Geschlechtsorganen



In ganz eigener Sache ist zu Anfang des dienstäglichen Renfield-Posts auf eine Veranstaltung im Herzen Kreuzbergs hinzuweisen - die natürlich unmittelbar was mit der Renfield-Crew zu tun hat...

Am 07.02.2015 findet im Kremanski, Adalbertstraße 96, direkt am Kotti am Durchgang zur Dresdener Straße (an dieser Stelle bitte keine PEGIDA-Witze) eine Lesung von Gary Flanell und Alissa Wyrdguth statt. Gary liest Geschichten und Gedichte aus seinem (demnächst vergriffenen) Bestseller STUNTMAN UNTER WASSER. Alissa liest Geschichten und Gedichte,die noch kein Zuhause haben. Vielleicht gibt es sogar MUSIK!
Lassen wir uns überraschen.
Hier nochmal die grundlegenden Fakten:

SEID MAL STILL. UND HÖRT GUT ZU.
Lesung mit Gary Flanell & Alissa Wyrdguth
07.02.2015, ab 21 Uhr
@ Café Kremanski,
Adalbertstraße 96,
Berlin-Kreuzberg

Das an sich ist natürlich schon so geil, dass man's kaum bis zum Wochenende aushalten kann.
Noch viel geiler, sozusagen hyper-hyper-geil, ist aber die folgende Kolumne zu einem Thema, das uns alle angeht. Verfasst von einer Expertin, die sich im Rahmen ihrer akademischen Arbeit mit Schwänzen beschäftigt hat. Mit Penissen. Dem männlichen Glied. Schwengeln, Dödeln, Fleischpeitschen, Pimmeln, Beidln, Latten, Lümmeln, Piepmätzen, Schniedeln, Pullermännern, Muttermundkontaktbolzen, erhobenen Zeptern der Liebe und wie ihr es sonst noch nennen wollt.
Ursprünglich in RENFIELD Nummer 27 erschienen, packen wir dieses Highlight der letzten Ausgaben für alle Zu-Spätgekommenen nochmal hier auf den Blog.

All you ever wanted to know about circumcision but never dared to ask.
Von der Fachfrau für den Kenner.

Der Penis: Gegenstand pubertärer und postpubertärer Vergleiche und Kompensationen, Lieblingskritzelei auf Schulheften und fast jeder hat einen - so oder so.
Ich habe vor etwa einem halben Jahr angefangen, mich intensiv mit Penissen zu befassen. Quasi beruflich. Das ist nicht halb so anstößig wie es klingen mag, denn tatsächlich: der Anlass war eine wissenschaftliche Arbeit. Meine Masterarbeit.
Dieser Arbeit verdanke ich den weltbesten Partygesprächs-Opener: „Was machst du so?“ „Ich beschäftige mich mit Penissen“. Wer ein Faible für irritierte Gesichtsausdrücke hat, sollte das probieren. Frauen sind neugierig, Männer verunsichert. Aber jeder kann sofort einsteigen und mitreden (und wird das auch tun)! Ganz im Gegenteil zu meiner Bachelorarbeit, in der es um eine Kambodschanische Diktatur in den 1970er Jahren ging. Khmer Rouge? Kennt kein Mensch. Penis kennt jeder.


Doch dass meine Arbeit von Penissen handelt, ist nur die halbe Wahrheit. Denn das eigentliche Thema meiner Masterarbeit ist die Beschneidung. Ist die erste Irritation meiner Gesprächspartner verflogen, wähnen sie sich beim Penisthema wieder auf sicherem Boden, BÄÄM, bringe ich die Beschneidung ins Spiel. Während bei Frauen die Neugier in echtes, persönliches Interesse umschlägt (Was ist denn nun besser: Beschnitten oder unbeschnitten?), setzen die meisten Männer eine schmerzverzerrte Miene auf, als wollte ich ihnen höchstpersönlich mit einem scharfen Gegenstand zu Leibe rücken.

Besonders interlinguistische Gespräche fördern hier die absurdesten Geschichten zutage:
Ein amerikanischer Künstler, den ich von gelegentlichen Zusammentreffen kenne, fragte mich bei einem solchen Treffen, nach dem Thema meiner Masterarbeit. Ich war mir nicht ganz sicher, ob ich die richtige englische Bezeichnung kenne und fragte ihn, ob es im Englischen den Begriff „Circumcision“ gebe. Sein irritierter Blick und die vorsichtige Antwort „There is. But I really dont’t know if you mean what you’re saying....“ bestätigten, dass ich goldrichtig lag. Inspiriert von diesem Wortwechsel verstrickten wir uns in einen Diskurs über sprachliche Missverständnisse. Dieser gipfelte in der Geschichte, wie er in seiner Anfangszeit in Berlin nach einem Fahrradunfall in eine Bar stolperte und in gebrochenem Deutsch fragte, ob er einmal die Toilette benutzen dürfe. Mit wirrem Haar, völlig verdreckt und wild gestikulierend erklärte er, er habe „bis zum Ellenbogen in eine Fotze gefasst“. Was er eigentlich sagen wollte war: er war bis zum Ellenbogen in einer Pfütze gelandet.
Zurück zur Beschneidung. Die kann, wie gesagt, unterhaltungstechnisch so einiges. Nach einer halbjährigen Probezeit, in der sie sich auf Partys wirklich gut bewährt hat, könnte ich es nun einmal mit Familienfeiern versuchen. Aber das ist eine andere Geschichte. Wer das auch mal ausprobieren möchte: Ich habe eine Liste mit 10 interessanten Fakten zur Beschneidung zusammengestellt, mit denen man auf dem Event seiner Wahl wunderbar glänzen kann. There you go.

10 Fakten zum Thema Beschneidung mit hohem Partygesprächspotential:
1. Etwa ein Drittel der männlichen Weltbevölkerung ist beschnitten.
2. Bei Neugeborenen wird die Beschneidung oftmals ohne Betäubung durchgeführt.
3. Zu den Nebenwirkungen der Beschneidung gehören unter anderem Penis-deformation, Zeugungsunfähigkeit, Spaltung oder Amputation der Eichel und Tod.
4. Die Vorhautverengung, die von Ärzten oft als Indikation zur Beschneidung angegeben wird, bildet sich oftmals bis zum 13. Lebensjahr von ganz alleine vollständig zurück.
5. Bereits die alten Ägypter praktizierten die Beschneidung.
6. Einige indigene Volksstämme in Australien praktizieren neben der Beschneidung auch die Subinzision – die Spaltung der Unterseite des Penis, inklusive der Harnröhre.
7. Muslime stellen mit knapp 70 % die größte Gruppe beschnittener Männer dar – obwohl die Beschneidung im Koran nirgends als religiöse Pflicht erwähnt wird.
8. In Deutschland ist die Beschneidung die bei Jungen am häufigsten durchgeführte Operation 9. Das 2012 erlassene Beschneidungsgesetz ist verfassungswidrig.
10. Es verstößt gegen Art. 3 des GG, nachdem alle Menschen vor dem Gesetz gleich, und Frauen und Männer gleichberechtigt sind. Da die Beschneidung der männlichen Vorhaut per Gesetz erlaubt wurde, müsste demnach gleiches für die weibliche Klitorisvorhaut gelten.

Text: Nora Zu Pan