Sonntag, 24. April 2016

Glückwunsch!


Mit Fanzines lassen sich eher schwer Preise gewinnen. Daran haben wir uns fast schon gewöhnt. Mit Hörspielen geht das schon eher.
Große Freude war deshalb im Renfield-HQ, als SubCult-Moderatorin Niki Matita, die auch regelmäßig für das Fachorgan für Krims&Krams&Rock'n'Roll schreibt, für ihr Hörspiel "LUX" den Publikumspreis in der Kategorie "Mikroflitzer" beim Berliner Hörspielfestival im Theaterdiscounter gewonnen hat.
Und sich gleich gegen die 14 von der Jury ausgewählten Mitbewerber durchgesetzt hat.

Zwei Bedingungen gab es für die Beiträge zum Mikroflitzer.
1. Durfte das Hörspiel maximal 60 Sekunden lang sein
und zweitens
2. musste es eine Schlagzeile der Titelseite der taz vom 1. April enthalten.

Anhören kann man sich "LUX" auf der Seite vom ersten Tag des Hörspielfestivals.
Haben die beiden hier auch schon gemacht...



Montag, 4. April 2016

Baboo, baboo!

The Baboons - The World is bigger than you

Alles Scheiße.
Wenn eine Rezension so beginnt, kann es eigentlich nur in zwei Richtungen gehen: Entweder ist die zu besprechende Platte wirklich totaler Mist und es fällt einem wirklich nichts anderes dazu ein. Oder man baut als Leser auf das retardierende Moment. Hofft, dass der Schreiber sich einen coolen Spannungsbogen ausgedacht hat. Einen Bogen, der von dem miesepetrigen Anfang zu einer total guten Kritik führt. Eine, in der sich am Ende alle lieb haben, in die Arme fallen und dazu läuft, als fiktiver oder ganz realer Soundtrack, die Platte, aus den Boxen, um die es im Text geht.

Bei THE BABOON SHOW, dieser Punkrock gewordenen Version von ABBA, ist es schwer, einen spannenden Rezensionsplot aufzubauen, der bis zum Ende durchhält. Dazu sind sie einfach zu nett und ihre Platten sind nie wirklich schlecht. Dafür werden sie ja auch geliebt. Sieben Platten haben sie seit 2005 draussen, Respekt vor soviel Output in recht kurzer Zeit. Denn die letzte Platte ist gerade mal zwei Jahre raus, dazwischen wurde nicht wenig getourt. Den Schwung der letzten Platte hat man dann mitgenommen und ist fix wieder ins Studio gegangen.



Und wie das bei schwedischen Bands so ist, sind sie alle so wirklich gut. Gut an ihren Instrumenten, gut im Songwriting, gut bei den Konzerten, sympathisch in den Interviews, selbstverständlich besteht die Band zur Hälfte aus Frauen (und es wird nicht mit dem peinlichen Spruch "Punk with female vocals" geworben) und die Videos zeigen, wie viel Energie in dieser Band steckt.
Sie sind also gut in allem. Damit reihen sie sich eigentlich in die Generationen von Punkbands ein, die eigentlich schon immer aus Schweden hier rüber schwappten.
Ihr seht, ich suche wie ein Wilder nach einem Makel an "The World is yours", aber es findet sich keiner. Gäbe es den Punkrock-ESC, THE BABOON SHOW wären sicher immer heiße Anwärter auf den Sieg.



Einzige wichtige Prämisse, um diese Platte gut zu finden: Man muss halt auf Rockmusik stehen. Denn das ist es nun mal, was sie machen. Punkrock mit Betonung auf Rock. Simpel und fix gerade aus, mit einer Sängerin, die Cecilia heißt und eine gut röhrendes Organ hat. Wäre Bonnie Tyler in den 80ern im besetzten Haus großgeworden, würde es genauso klingen. Es soll nicht der Eindruck entstehen, dass THE BABOON SHOW simpel gestrickt sind. Aber das Problem, das ich mit ihnen und auch anderen Punkrockbands habe, ist: Es wird nicht viel Neues ausprobiert.

Die Songs sind kämpferisch und bringen live bestimmt den gesamten Club zum Beben. Aber es ist auch schnell klar, wie der Hase läuft, bzw. wie all diese Songs angelegt sind. Im fast immer gleichen Tempo und Rhythmus peitscht die Band durch die Songs, ebenso wie es Rockbands machen. Beim ersten Song "Class War " ist es noch ganz hübsch anzuhören, dass er in 1:47 durchgeknattert wurde. Beim darauffolgenden "I will go on" bleibt noch der kämpferische Refrain hängen, danach folgt solide Nicht-Unterscheidbarkeit. Aber genau das wird als Qualitätsmerkmal verkauft. Da ist es schon ein Point of interest, dass der Björn von MANDO DIAO dieses "schnörkellose und pure Punkrockalbum" (Zitat Infoschreiben) produziert hat und beim finalen Countdown "Lost you in a second" mit Cecilia ins Duett geht.



Was mich zum nächsten Punkt bringt: Die zitierte Schnörkellosigkeit. Warum ist das ein Qualitätsmerkmal und seit wann? Und sollte man als Band wie THE BABOONSHOW nicht nach sieben Platten mal Bock haben, ein paar Schnörkel einzubauen? Ich liebe Schnörkel im Punkrock. Deshalb sind einige meiner Lieblingspunkplatten die späten Werke von KINA, die "Grand Fury"Platte von den BELLRAYS, oder die "Get better"-LP von LEMURIA.

Das sind Punkplatten, die nicht so ganz simpel rüberkommen, bei denen immer noch eine gewisse Vielfalt am Start ist. Ich erwarte von keiner Punkband, dass sie bei der zweiten Platte gleich auf Krautrock umsteigt, aber seit wann schließen sich Punk und die Offenheit, mal was neues auszuprobieren so dermaßen aus? Vielleicht doch schon seit dem Ende der SEX PISTOLS? Ich befürchte schon.



John Lydon hat in seiner 2015 erschienenen Biografie "Anger is an energy" die Frage aufgeworfen, warum er denn die RAMONES brauche. Schließlich hätte er ja schon STATUS QUO. Etwas ketzerisch könnte man ähnlich fragen, wozu man 2016 noch zig Punkrockbands braucht, denn man hat ja schon die RAMONES. Eventuell weil immer neue junge Punkrocker nachwachsen und für die sind eben jetzt gerade THE BABOON SHOW die Punkrockerweckung sind. Sollen sie haben. Denn zum Abfeiern und SichmaldenKopfdurchpustenlassen ist dieses siebte BABOON SHOW-Platte definitiv gut geeignet. Nuff said.

(H wie Hatten was schon mal, aber schlecht ist das nicht, auf der von A bis Z reichenden Renfield-Rezensions-Skala)

"The world is bigger than you" ist am 11.03. 2016 auf Kidnap Music erschienen.

Gary Flanell

Donnerstag, 31. März 2016

Es war einmal … ein Interview mit Safi

Endlich wieder Berliner? Keine Ahnung, ich habe SAFI und Safi zunächst im städtischen Hexenhaus vom niederrheinischen Viersen erlebt. Wo auch immer sie und ihre unwirkliche Musik herkamen – dass aus einer Märchenwelt, schien noch am wahrscheinlichsten. 2015 nun „Janus“, und nichts wird realer.
Flüsternd und schreiend durch die Wälder, an Haaren die Wände hinauf, auf Flügeln wieder hinab und mit einem mächtigen Sprung ins sirenen- und buttbewachte Schwarz. Ein Lied dann. Donner?
Ist Safi ist SAFI ist Safi.

Philip: Es war einmal … Ja, was denn eigentlich? Heute schon irgendwelchen Hexen, Zwergen oder Prinzen begegnet?

Safi: Heute, Montag Morgen, in der U-Bahn sind zwei Riesen aufgetaucht. Die wollten meine Fahrkarte sehen – sie kamen quasi aus dem Nichts …

P.: Neue Platte am Start, und es soll hier um Märchen gehen.
S.: Ein schönes Thema! Die Welt ist ein Märchen, ständig passieren unglaublich gruselige und brutale Dinge. Aber auch Wunderbares, Erhebendes. Jeder Mensch entscheidet nach seiner Herkunft und Bildung, was Gut und was Böse ist. Und muss als einsamer Held bestehen, gegebenenfalls mit Unterstützung von Lebensphilosophien, Vorstellungen, starken Wünschen, kleinen Freuden oder Freunden, die ihm übermenschliche Kräfte verleihen.
Der Janus-Titel des Albums symbolisiert den Blick in die Welt, der in alle Richtungen gleichzeitig schaut und alles ungefiltert und ohne zu werten oder einzuschränken wiedergibt, was er wahrnimmt.
Janus kann aber auch der kleine Held sein, der in uns wohnt und uns erinnert, die Dinge aus allen möglichen Blickwinkeln zu betrachten, um klüger, vielleicht zum Besten des Umfeldes, handeln zu können. In diesem Moment tritt der Held in den Schatten, er tritt zurück während er seinem Umfeld etwas gibt.

P.: Spielten Märchen früher bei dir eine Rolle? Wer hat wem erzählt, vorgelesen, von Kassette, Platte, Festplatte vorgespielt?
S.: Meine Ma musste mir, ganz wichtig, jeden Abend Märchen vorlesen. Ich habe völlig in der Märchenwelt gelebt und war sämtliche Prinzessinnen und Feen. Das war sehr prägend für mich. Ich habe jeden einzelnen Satz wiederholt, den sie mir vorgelesen hat. Ich konnte alle Märchen bereits auswendig und habe sofort jeden Fehler bemerkt, der sich beim Lesen eingeschlichen hat. Sie hat mir neulich erzählt, als sie mir ein Versprechen abnehmen musste, etwas Bestimmtes nie wieder zu tun, versprach ich ihr mein erstes Kind, wenn ich Königin werde.

P.: Favorisierte Story oder Figur? Und wer oder was war Garant für Grusel und schlechte Gefühle?
Safi: Favoriten waren unwirkliche Gestalten wie Feen, die zaubern und fliegen konnten und so eine Art Lichtwesen waren. Andersrum aber auch die Räubertochter im Wald, die mit Messern spielt und die kleine Gerda beschützt, die auf Suche nach dem verschollenen Kay ist.
Sie schenkt Gerda dann ihr liebstes Rentier und so kann es Gerda bis an den Nordpol zum Palast der Schneekönigin schaffen, wo sie Kay findet, der damit beschäftigt ist, das Wort „Ewigkeit“ zusammenzusetzen.
Und da ist auch der Grusel – das Ungreifbare, Unterschwellige, Unausweichliche, etwas, was immer vorhanden ist, eine Bedrohung, aber auch kalte Abwesenheit von Liebe, unbestimmte dunkle Kraftfelder, denen man sich nicht ohne Weiteres entziehen kann. Und genauso beängstigend fand und finde ich in Märchen wie im echten Leben körperliche Gewalt und Mord. Nicht aber den Tod selber.

P.: Zumeist ist die Märchenzielgruppe arg minderjährig und sehr empfänglich für die Bilderwelten und Spinnereien. Hexen, Drachen, brrrrr. Zauberer, Einhörner, oooooh. Mord und Totschlag, Sex and Crime, Missgestaltete und Besessene. Alles eigentlich Fälle für die Bundesprüfstelle?
S.: Nicht gut, auf diese Weise kleine Menschen zu beeindrucken, damit sie später besser spuren. Interessant, dass gleich damit in den kleinen Köpfen jeweilige Moral- und Wertevorstellungen eingraviert werden. Mich würde mal interessieren, wie verbreitet die klassischen Märchen heute noch sind. Inwieweit mündliche Überlieferung aus der Vergangenheit in die Zukunft heute noch anhält. Inzwischen explodieren ja die Möglichkeiten der Verbreitung von Inhalten.
Die märchenhafte Darstellung von Vorgängen durch übersteigerte Charaktere, die ganz klar nicht menschlich sind, finde ich aber längst nicht so schlimm wie unkontrollierter Genuss aller gängigen Medien, denen Kinder überall ausgesetzt sind, wo flache Ablenkung angereichert mit Gewalt, ungefiltert und ohne sinnvollen Input dargeboten werden.

P.: Ist die Zeit der Märchen am Ende vorbei? Niemand berichtet wem anders noch bei Kerzenschein, alles ist bis ins Letzte erklärt und verplausibilisiert, und bevor es einem gewesen sein könnte, ists schon überholt und vorbeigeupdatet.
S.: Ich denke, die Offenheit für Märchen ist immer da. Leider ist sie ja auch da für all den Quatsch, der den großen und kleinen Leuten um die Ohren geschleudert wird. Bedürfnis nach Sinn, Übersinn, Sehnsucht nach einem Etwas, was alle Probleme beseitigt, der Wunsch nach Geborgenheit und Gerechtigkeit werden immer da sein, und so könnten Märchen immer wieder Comebacks erleben, auch wenn sie neue Formen annehmen. Hallo Superhelden?

P.: Pazonk! Eine Welt aufgeteilt in Unverkennbar-Gut und Unverkennbar-Böse, und der Ausgang ist immer derselbe Beruhigende – das täte so kissengut! Endlich mal kein Dauerausloten von Schattierungen und Interpretieren von Zwischentönen, plötzlich alles so einfach …
S.: Natürlich langweilig. Aber in der Vorstellung wichtig! Der Mensch braucht seine Probleme. Und die Hoffnung, Probleme und Aufgaben zu lösen, um zu wachsen und innere Grenzen zu durchbrechen. Aber sollte sich die Welt irgendwann sehr friedlich entwickeln und alles im Einklang sein, so kann es sein, dass es den Menschen so nicht mehr gibt, weil er sich selbst abgeschafft hat...

P.: Märchen geht mit Bild geht mit Schauspiel geht auch mit Musik. Geht mit SAFI?
S.: Klar. Weil wir beim Hervorrufen von Klängen in dem Moment eine Welt erschaffen, so wie wir auch beim Hören von Klanggebilden eine Welt empfinden. Deshalb ist Musik wie Theater, Tanz, wie Malerei oder Literatur oder Märchen. Nur eben konzentriert auf akustischer Ebene mit mehr oder weniger Optik.
Ich moralisiere zwar nicht, aber nehme eine Art Schwebeposition ein und gebe assoziativ wieder, was ich beobachte. Dabei entstehen oft Wort- und Satzkombinationen, die vielleicht logisch nicht zusammen passen, aber beim Empfänger doch etwas auslösen.
Mit Hilfe einer Art Collagetechnik erschaffe ich emotionale Bilder, die beim Hörer eher übers Empfinden als über den Verstand aufgenommen werden. Märchen bestehen ebenso aus emotional aufgeladenen Bildern, denen aber jeweils eine logische Erzählstruktur zugrunde liegt. Die Gemeinsamkeit besteht darin, Inhalte an einen Empfänger zu übermitteln und das mit Hilfe von Sinnbildern.



P.: Safi schreibt selbst ein Märchen. Bitteschön:
S.: Es war einmal ein Land. Mit Feldern, Wiesen und Kühen darauf und und mit Dörfern und Städten und Menschen. Alle waren fleißig und jeder auf seine eigene Weise unzufrieden. Eines Tages verdunkelte sich der Himmel und am Horizont stieg ein gewaltiger Riese empor.
Sein Blick war furchtbar und entschlossen. Kein Einzelner konnte sich seiner Macht entgegenstellen.
Jeder Unglückliche, der das versuchte, musste sterben. So schlossen sich die Menschen des Landes fest zusammen und ersonnen einen Plan, wie sie des Monsters Herr werden könnten.
Sie bildeten ein Heer und stürmten wie Ameisen auf den Riesen zu, kletterten an seiner zerklüfteten Haut empor, drangen in seine Poren ein, besetzten jede Zelle seines Körpers, verschmolzen mit seinem Körper.
Der Riese wankte, fiel beinahe, aber die Menschen hatten ihn fest in ihrer Gewalt, denn sie WAREN jetzt der Körper.
Das gefiel den Menschen so gut, dass sie nichts anderes mehr wollten, als den Riesen zu steuern. Sie vergaßen ihre kleinen Sorgen und Wünsche und ergötzten sich an ihrer neuen gemeinsamen Übermacht.
Und gerade so als ob der Riese, der hinter dem Horizont hervor gestiegen war, keine merkliche Veränderung erfahren hatte und auch nicht für einen Moment zum stehen gekommen war, bewegte er sich immer weiter in Richtung des nächsten Horizontes.
Dahinter lag ein Land. Mit Feldern, Wiesen und Kühen darauf und und mit Dörfern und Städten und Menschen. Alle waren fleißig und jeder auf seine eigene Weise unzufrieden...

P.: Unbenommen dessen, dass alle noch heute leben, wenn sie nicht gestorben sind – letzte Worte?
S.: Aufeinander aufpassen und Verantwortung übernehmen, im Zweifel nachdenken statt mitlaufen.


Ist SAFI ist Safi ist SAFI.
Und es ist Donner, übertönt von Liedern, auseinander berstend und sich zusammenrollend, ein Streicheln, ein Schlag, dann Stille. Alsbald in deinen Ohren, dann und wann auch vor deinen Augen auf einer Bühne um eine Ecke.



safimusic.com


Text: Philip Nussbaum
Fotos: Stephanie von Becker, Steve Viezens, Robert Soujon

Dienstag, 22. März 2016

Der Sound des Troglodyten

Alles im Dienste der Informationspflicht...

Die erste Split-Single auf Troglodyt Records klingt so (Man beachte das Ein-Akkord-Schema).



und die Seite von den Cockbirds so:

Plattenbosse sind unter uns!

Troglodyten. Klingt wie etwas unangenehmes, das dir in den Nebenhöhlen wächst und alle paar Jahre vom HNO-Arzt per Laser weggeschnitten werden muss. Ach, nee, das waren ja Polypen. Nur mit viel Mühe kann ich mich davon abhalten, nun darüber zu philosophieren, warum der Begriff "Polyp" für Polizisten ein wenig aus der Mode gekommen ist.

Konzentriere ich mich also auf die Troglodyten. Die haben auch was mit Höhlen zu tun. Meine Annahme, dass es sich dabei um kleine Höhlentierchen handelt, die ebenso blass wie penisförmig wie hässlich sind, wurde verworfen. Musste also Tante Wiki um Rat fragen. Troglodyten sind entweder lustige Tierchen oder sagenhafte Höhlenbewohner der Antike. Tauchen in Platons Höhlengleichnis auf. Wenn ich also alles zusammennehme - Affen, putzige Vögel, Höhlenbewohner passt das Wort Troglodyt sehr gut, um damit eine Firma im Musikgeschäft aufzumachen.

Und Teufel noch eins, das hat sogar jemand gemacht. Troglodyt Records ist ein kleines One-man-Wunderwerk mit Sitz in Prenzlauer Berg. Die Kollegen von Staatsakt haben den Labelbetreiber quasi als Praktikant eingestellt (ist im Jahr 2016 mit fertigem Psychologiestudium in der Tasche und Erfahrung als Clubbetreiber gesellschaftlich komplett akzeptiert) und ihn unter ihre wärmenden Fittiche genommmen. Cool.

Die erste Troglodyt-Veröffentlichung kam mir unter, als vor einiger Zeit, Hercules Rockefeller, der Ex-Sänger der COCKBIRDS in der SubCult-Radioshow zu Gast hatte. Thema der Show war eigentlich die neue Band von The Herc, THE PROBLEMS. Davon haben wir natürlich auch fleißig was gespielt. Aber irgendwann bekam Hercules diesen etwas verträumten Blick in den Augen. Er sagte dann einen Moment lang gar nichts und zog etwas aus der Tasche. Eine 7inch. Mit einem Cover wie aus dem Linoleum-Musterkatalog eines westfälischen Teppichhauses der 70er-Jahre.

Diese kleine Platte war in zweierlei Weise gleich interessant. Zum einen war es die allererste Veröffentlichung auf Troglodyt Records. Patrick Catani, das Hirn hinter diesem aufgehenden Stern am Labelhimmel, hat in seiner grenzenlosen Businessplan-Weitsicht nicht irgendeiner schlecht gekleideten Newcomerband den Platz auf der Platte eingeräumt. Stattdessen wurde noch einmal der größte Hit der COCKBIRDS ausgegraben. "Suche Kontakt" war nur eine von vielen Perlen der C-Birds (Vögel. Schon wieder). Wenn ich diese Zeilen schreibe ist es 10 Jahre her, seit der Veröffentlichung ihrer "Superdanke"-LP. Vielleicht waren die Cockbirds die beste, weil unkonventionellste Punkband Berlins zu beginn des neuen Jahrtausends.

Eine, die eher im Umfeld von den TÜREN auftauchte und somit eher aus einem Punkrock-fernen Umfeld kam. Und eben deshalb nicht die übliche Punkrock-Sauce zum 1000mal aufkochte. So entstehen dann aber die besten Platten. Wie eben die Cockbirds-LP. HAMMERHEAD trifft auf TURBONEGRO trifft auf ABBA, um den schnellen Checkern von heute mal eine Idee zu geben, was sie unter dem Namen bei Spotify finden werden.

Das besondere an "Suche Kontakt" war zum einen der irre dufte Discopart mitten im Song, inklusive der schmierig-geilen Keyboardmelodie, die sich über den Gröhlrefrain legt. Und zum anderen das hübsche Video. Fünf Herren in Jogginganzügen beim Singledating mit jungen Asiatinnen in einer Karaokebar. Großes Kino in kleinem Format, Baby. Gedreht von niemand geringerem als Jörg Buttgereit, der dem Clip die nötige Absurdität verpasst und die C-Birds damit endgültig ins immaterielle Gedächtnis der Popkultur gehievt hat.

Soviel zur einen Seite der ersten Troglodyt-Single. Die Band auf der anderen war mir bisher unbekannt, ROCKET FREUDENTHAL mussten mir erst nahe gebracht werden. Kommen irgendwoher aus dem Südwesten. Macht aber nix. Ich hätte jetzt gern einen von den Plattenspielern, die Platten von oben und unten abspielen können. Dann müsste ich nicht immer umdrehen. Denn "Ich bau Scheiße" ist so ein simpler wie geiler Song, der mit genau einem Akkord auskommt. Das hat nicht mal Hank Williams geschafft. Drei Töne, ein Hit, wunderbar. So ganz viel passiert also musikalisch gar nicht, aber das ist ja bei AC/DC nicht anders. Und deswegen kann ich mich bei den Rockets ganz auf den Text konzentrieren. Scheiße auf Stapelweise zu reimen, traut sich auch nicht jeder. Vielleicht der Herr SEDLMEIR, dazu würden sie auch gut passen. Oder eben die Cockbirds.

Die Cockbirds/Rocket-Freudenthal-Single war aber nur der Anfang, vom Treiben der Troglodyten. Nachschub für die Split-Abteilung der Jukebox gab es dann in Form des Gemeinschaftswerks von DOC SCHOKO und SCHNUFFEL, DAS TOTAL SÜSSE EICHHÖRNCHEN (Bei solchen Namen weiß man, das hier nur echte Profis am Werk sind. Alles gut in dieser Hinsicht.). Und im April, da darf man jetzt schon mal die Groschen ins Sparschwein werfen, kommt der nächste heiße Scheiß: Die Split-Single von ILL TILL & The Xberg Dhirty6 Crew mit einem hübschen Nix-Kohle-Hip-Hop-Track und dem französischen Electro-Punk-Wundertierchen ELECTRONICAT.

Also, fragt der Musikinteressierte, wie lässt sich denn stilistisch beschreiben, was auf Troglodyt rauskommt? Punk, HipHop, Electro, NDW-Trash und einen guten Löffel Hedonismus. Menschen, die sich tendenziell nur an einem Genre erfreuen, dürfte das verwirren. Vielleicht gibt es musikalisch keinen gemeinsamen Nenner, sondern eher einen der Haltung. Laut und grell muss es sein. Und immer eine Platte für zwei bands. Split it, baby.

Billo, Asso et Provo könnte man als Idiotenlatein schön als Motto auf eine wie auch immer geartetes Label-Wappen sticken lassen. Dazu soll der Art Director bitte noch ein paar Ritterhelme, Drachen und Pimmelmöhren einpflegen.

Da ist es dann egal, ob da kernig-analog gerockt wird oder Beats und Gefiepe aus dem Rechner kommen. Passt alles. Und davon ab ist eine stilistische Offenheit in Zeiten, in denen überall innerliche und äußerlich immer mehr Zäune hochgezogen werden, ja nicht schlecht.

Noch was vergessen?
Ja! Das dritte Troglo-Baby wird natürlich auch ordentlich gefeiert. Und zwar am 08.04. im Urban Spree.
Da gibt's dann ILL TILL & ELECTRONICAT live - und natürlich die Möglichkeit für alle Plattengierer, ihre Troglodyt-Record-Sammlung zu komplettieren. Möglicherweise sehen wir uns da - unter Höhlenmenschen.

Gary Flanell

Dienstag, 15. März 2016

Wüste Vielfalt

Die größte Wüste Deutschlands liegt 95 Kilometer südöstlich von Berlin bei Lieberose. Sie ist gerade mal fünf Quadratkilometer groß. Somit gar kein Vergleich, was man an Wüste in der Sahara, der Mongolei oder Nordamerika zu sehen bekommt. Man lebt hierzulande also eher selten in der Wüste. Trotzdem gibt es auch hierzulande jede Menge Bands, die sich ohne weiteres dem Genre Desert-Rock zuordnen würden.

Um ein bestimmtes Konzept von dieser Landschaftsform zu haben, muss man also nicht zwangsweise in einer Wüste leben. Vielmehr scheint der Begriff der Wüste eine Dimension zu haben, deren Eigenschaften oft genug in Filmen und Songs vermittelt wird. Hitze bei Tag, Kälte bei Nacht, Dürre, wenig Vegetation, Fata Morgana, insgesamt eher lebensfeindliche Bedingungen, die sich schnell mal auf Bewusstsein und Wahrnehmung auswirken können. Und natürlich das Bild des schweigsamen Desperados, der auf seinem klapprigen Gaul durch diese unwirtliche Landschaft trottet. Um das Bild in den Kopf zu bekommen, braucht es keine Wüste vor der eigenen Haustür.
Aber wie machen Menschen Musik, wenn sie dauerhaft in solcher Umgebung leben? Klingt das doch anders, vielleicht sogar authentischer? XIXA stammen aus Tucson, Arizona und da ist man täglich garantiert mit mehr Wüste konfrontiert als hierzulande. Weshalb es kein großes Wunder ist, dass die aride Atmosphäre ihrer Heimatstadt auch eine große Rolle im Konzept ihrer erste Platte „Bloodline“ spielt. Diese Atmosphäre lässt sich allerdings oft nur recht unscharf nachzeichnen. Viel konkreter ist dagegen als Einfluss die räumliche Nähe zur Mexiko (Tucson ist gerade mal 40 Meilen von der mexikanischen Grenze entfernt) sowie die Herkunft der Bandmitglieder zu benennen.

Als Musiker mit mexikanischen Wurzeln, die in der 2. und 3. Generation auf der US-amerikanischen Seite der Grenze leben, kennen XIXA vieles, was auf sich auf beiden Seiten der Grenze abspielt. Da treffen Psychedelic und Indierock auf das, was mexikanische Einwanderer schon seit Generationen als musikalischen Background mit hinüber in den Norden transportiert haben: Cumbia, das dazugehörige Subgenre Chicha, Latino-Sounds, Mariachi und Tex-Mex. Für einen aggressiven Clash der Kulturen ist es wahrscheinlich viel zu heiß, also erfolgt der Austausch auf subtilere Art.

Im Falle von Bloodline ist dabei keine kitschig-trashige Tex-Mex-Platte im Sinne von Freddy Fender rausgekommen, sondern eins, dass in seiner Art eher an Calexico erinnert. An Calexico, die sich im Peyoterausch ein paar Rocky-Ericsson-Platten anhören und dabei alles mögliche ausprobieren. Mal verfällt die Band in einen Cumbiarhythmus, der mit einer gewissen Indie-Slackerhaftigkeit verkleidet wird (Golden Apparition, Nena Linda). Mal zieht das Tempo so an, dass man sich vergewissern muss, ob man nicht eine Platte von Tito&Tarantula eingelegt hat (Pressures of Mankind). Auch als Soundtrack zu einem Jim-Jarmusch-Film oder dem etwas vergessenen Drogenwestern Blueberry und der Fluch der Dämonen, der auch mit allerlei grenzüberschreitenden Sinneserfahrungen hantiert, würde sich ein Song wie Living on the Line gut machen.

In all diesen Puzzlestücken steckt diese soundtrackhafte und unheimliche Atmosphäre, wie sie auch Käuze wie Nick Cave oder Hugo Race besonders gut hinbekommen. Und wo kommen diese beiden her? Aus Australien. Was gibt es da en masse? Wüste. Vielleicht ist es Zufall, andererseits auch schon interessant, dass sich die Atmosphären doch ähneln.
Ganz gezielt haben die Band der Giant-Sand-Mitglieder Brian Lopez und Gabriel Sullivan die Kooperation mit einem Musiker gesucht, dessen Musik ebenso vom Leben in der Wüste geprägt ist – nur in ganz anderen Breiten Als Bruder im Geiste steuert Sadam Iyad Imarham von der Tuareg-Band Tinariwen die Lyrics zu der musikalisch etwas schächelnden Ethnoballade „World goes away“ bei. Das passt aber immer noch so gut ins Gesamtbild, dass es scheint, als wäre die Wüstenmentalität über Kontinente hinweg kompatibel.

Angesichts der gegenwärtigen Lage hierzulande, könnte man mal ein Gedankenspiel starten und dabei vergleichen, was in zwei bis drei Generationen an Musik rauskommt, wenn die Kinder der jetzt in Deutschland ankommenden Flüchtlinge ihre eigene musikalische Identität entwickeln: Zwischen der Musik, die ihre Eltern aus dem Nahen Osten mitgebracht haben und dem was ihnen hier musikalisch und kulturell begegnet. Ganz neu ist diese Idee natürlich nicht, schaut man auf die Nachfolgegenerationen der Migranten, die seit den 60er-Jahren hier hergekommen sind und seitdem auf ihre Weise alle möglichen kulturellen Einflüsse rezipieren.

Auch lässt sich argumentieren, dass dank Internet und diverser weltumspannender Videokanäle eh alles nur noch ein Brei ist und sich somit jeder dank der immer gegebenen Verfügbarkeit alle möglichen Einflüsse ultra-authentisch draufschaffen kann. Wenn es aber den, in den letzten Jahren hier Angekommenen gelingen sollte, ihre musikalischen Wurzeln mit den Einflüssen der Umgebung zu sein, in der sie jetzt nun einmal leben, dann könnte es vielleicht in ein paar Jahren auch hierzulande ähnlich vielfältige Gruppen wie XIXA geben. Und das kann eigentlich nur spannend werden.

(D - auf der alphabetisierten Plattenbewertungs-Skala des Renfield-Zines)

„Bloodline“ von XIXA ist auf Glitterhouse Records erschienen.

Gary Flanell

xixamusic.com glitterhouse.com

Dienstag, 8. März 2016

Tortuga!

Hamburg

Heimspiel für Abel Gebhardt. Auf der Hinfahrt bekommen wir noch eine private Rundfahrt über die Elbbrücken samt phänomenalem Ausblick auf den Hamburger Hafen spendiert. „Container love“ von Philipp Boa geht mir durch den Kopf, aber nur kurz. Das Navi führt uns zum gesperrten Elbtunnel und weiß nicht, dass der gesperrt ist. Erst nachdem wir einen kilometerlangen Umweg gefahren sind, gibt es auf und weist uns den richtigen Weg. Hätten wir auf das Ding gehört, wären wir zehnmal bis zu dem Tunnel gefahren, immer und immer wieder.

Dann St. Pauli. Ist wohl 10 Jahre her, dass ich mal hier war und als wir jetzt so durch den Kiez cruisen, bin ich doch ziemlich aufgeregt. Tagsüber sieht das alles noch ganz nett und entspannt aus, aber nachts ist die Ecke um die Reeperbahn sowas wie Ballermann und Allerheiligenkirmes in einem. So ganz war mir nicht klar, dass das jedes Wochenende so läuft. Könnte anstrengend sein, so als Anwohner. Anstrengender als auf der Oranien- oder Skalitzer Straße zu wohnen.

Wer hier wohnt und sich das leisten kann, zieht sich gern ein wenig vom wöchentlichen Feier-Sex-Saufirrsinn zurück. Wie das geht, erfahren wir direkt bei einem guten Freund, der uns netterweise das nur als Messietraum zu bezeichnenden Zimmer seines Mitbewohners überlässt.
Unser Schlafplatz ist zwar direkt im Kiez, aber in einem Innenhof, der durch Tore, Zäune und Zahlenkombinationen vom wilden St.Pauli geschützt wird. Eine kleine gated Community, mitten im Kiez. Wer rein will, muss die Nummern kennen, muss bescheid wissen und ist somit privilegiert, mitten auf St. Pauli in einer echten Hinterhofruhe-Oase leben zu dürfen. Was diese Ruhe mitten im Feierkiez kostet, habe ich nicht gefragt. Ich bin mir aber sicher, dass sie für das sogenannte Prekariat nicht zu bezahlen wäre.

Bis es Zeit ist, in die Tortugabar einzufallen, flanieren HC und ich am Hafen rum und besuchen das Ubootmuseum, welches sich – quelle surprise – in einem richtigen U-Boot befindet. Eine Erkenntnis des Besuchs: Sollte ich jemals mit dem Gedanken gespielt haben, Ubootmatrose zu werden, ist die Idee jetzt vom Tisch. Tage- oder wochenlang in einer engen und zugestopften Röhre unter Wasser rum zu fahren lässt meine Klaustrophobie nur sprießen. Andererseits träume ich danach, mal eine Urlaubstour durch alle U-Boot-Museen Deutschlands zu machen. Kann man da Lesungen machen? Ich wäre am Start. Eine monothematische Renfield-Nummer zum Thema U-Boote klingt auch sehr verlockend.

Als die Nacht sich über St. Pauli senkt, ist deutlich mehr los auf den Straßen. Die Zahl der Nutten (immer erkennbar an den scheinbar als Berufsbekleidung vorgeschriebenen Moonboots) hat sich von einem Moment auf den anderen vervielfacht. Um durch das Gedränge auf den Straßen durchzukommen, ohne angequatscht oder angefasst zu werden, muss man einen beharrlichen Tunnelblick aufsetzen. Kriegen wir bis zur Tortugabar ganz gut hin.

Tortugabar – das klingt schon nach Piratennest und es ist auch eins. Dekoriert wird mit allem, was piratentechnisch zu einer Hamburger Kiezkneipe und Piratenatmo passt. Da hängen dann auch mal die Haifische aus Plastik von der Decke. Dass Abel hier ein und ausgeht, ist für unsere Lesung ein Glücksfall, denn der Laden ist rappelvoll und die Leute wollen wirklich was vorgelesen bekommen. HC ist jetzt gut in Fahrt, vielleicht musste Bremen einfach das Warm-Up sein, Abel kennen und lieben hier eh alle und weil hier alles so schön nach Seemannsgarn aussieht, gebe ich den Seehund zum besten.

Ein optimaler Abschluß für so eine kleine Lesereise, auch wenn ich hinterher, als wir noch durch Läden wie Cobra, Komet und Koralle ziehen, feststelle, dass mir St. Pauli in einer Samstagnacht doch recht anstrengend vorkommt. Vielleicht werde ich einfach alt. Zumindest älter. reden wir nicht mehr davon.
Zumindest war Zeit und Gelegenheit für eine strukturelle Beobachtung im Vergleich der Clubszenerie von Berlin und Hamburg. In der Nachbetrachtung fällt auf, dass es da schon einen signifikanten Unterschied gibt. In Berlin gibt es entweder reine Kneipen jeglicher Couleur oder "echte" Clubs, in denen nur getanzt oder Livekonzerte laufen. In Hamburg scheint die Unterscheidung nicht ganz so strikt zu sein. Es gibt Läden, die nicht größer als eine Kneipe sind, und auch so eine Atmosphäre haben, in denen aber trotzdem irgendwie eine Tanzfläche am Start ist und ein DJ mit dem ganz klaren Ziel auflegt, diese zu füllen.

In Berlin gehst du entweder raus zum Feiern bzw. um eine Band live zu sehen oder eben in eine Kneipe deines Vertrauens, um dort am Tresen abzuhängen. Eine Mischung von beidem gibt es eher selten. Warum das in Hamburg so funktioniert und hier eben nicht, wäre noch zu rauszufinden. Vielleicht liegt es an irgendwelchen Regelungen vom lokalen Ordnungsamt, was die Größe oder die Art eines Unterhaltungsbetriebes angeht oder an der historisch gewachsenen Partykultur. Aber das sind nur Mutmaßungen. Mutmaßungen, wie sie an einem Tresen an Spree oder elbe gleichermaßen weiter gesponnen werden können. Vielleicht bei der nächsten Lesung in Hamburg.

Gary Flanell

Montag, 7. März 2016

Auszeit! Tortuga!

Bremen

Relativ unspektakulär verläuft die Fahrt durch Norddeutschland. Ist mir ganz recht so, denn der alkoholbedingte Elektrolytmangel hat mich immer noch gut im Griff. Abel beweist mit den Skatalites und Element of Crime eine gute Wahl für den Soundtrack auf der Autobahn. Irgendwelches Punk-Geballer hätte mir wahrscheinlich die Birne zerrissen. So schunkeln wir gemächlich übers Land. Frage mich mit meinem Körnerbrötchen in der Hand, ob ich der einzige bin, der findet, dass Sven Regeners Stimme wie die von Hildegard Knef klingt.

In Bremen lädt mich Abel direkt am Hostel ab. Er selber hat sich durch geschicktes Netzwerken ein Zimmer in einem Edelhotel klargemacht. Sei ihm zu gönnen, aber auch die Low-Budget-Variante im Ostertorsteinviertel ist nicht schlecht. Gibt zwar keine Sauna, keinen Roomservice (der nachts um halb vier noch ein Gläschen Wein hochbringt) und keinen Entspannungsraum, aber ein bequemes Doppelstockbett im Vierbettzimmer. Wer das andere Stockbett belegt hat, weiß ich zum Zeitpunkt meiner Ankunft noch nicht. Eine dieser Personen hat jedoch ein Bukowskibuch auf der Bettdecke liegen. Wer immer es ist, er/sie hat zumindest keinen ganz blöden literarischen Geschmack. So beruhigt verbringe ich die nächsten Stunden in der Koje, bis HC Roth für die nächsten beiden Lesungen stößt.

Abends laufen wir gemütlich zum Auszeit Rock'n'Rollclub – ein Name, der gut zum Laden passt. Hat man nämlich mal eine Rast vom ständigen Rumturnen als wilder Rocker nötig, ist eine Einkehr in diese kleine Bar nicht das schlechteste. Abel ist schon seit 1-2 zwei Bierchen da, die Frau hinterm Tresen ist nett, die Getränke angenehm gekühlt und auch die Lesebühne ist vorbereitet. Was jetzt noch fehlt, wäre etwas zu essen. „Nebenan gibt’s die größte Pizza Bremens“ erfahren wir. Schon klar. besonders beeindruckt sind wir von so einer Empfehlung erstmal nicht. Sowas lässt sich schnell mal behaupten. HC und ich sind aber doch erstaunt, weil die Pizza wirklich unglaublich riesig und lustigerweise nach europäischen Ländern benannt ist. Die Belegung hat allerdings wenig mit kulinarischen Klischees der jeweiligen Länder zu tun. Pizza Deutschland ist weder mit Sauerkraut noch mit Bratwurst belegt. Schade. Auf Pizza England gibt es als Minireferenz etwas crossen Frühstücksschinken. Ohne Bohnen. Auf Pizza Österreich auch kein Wiener Schnitzel oder Kaiserschmarrn. Lustig ist allerdings, dass HC, der einzige Österreicher im Raum, tatsächlich diese Variante bestellt, weil es - warum auch immer die einzige vegetarische Pizza des Hauses.

Die Lesung im Auszeit Rock'n'Roll ist um einiges besser besucht als in Hannover. Was ein bisschen Werbung schon ausmachen kann. Wir wechseln uns munter beim Lesen ab, HC scheint noch etwas mürbe von der 12stündigen Zugfahrt, aber insgesamt ist der Abend ein Erfolg. Gegen drei streicht Abel die Segel, gerüchteweise war der Wein vom Roomservice im Hotel doch zu verlockend. HC und ich verlassen wir die Auszeit kurz später. Wir begeben uns noch auf eine mehr oder weniger sinnfreie Fototour durchs nächtliche Bremen (inklusive belämmert gucken an einer Holzstatue der bekannten Stadtmusikanten) und steuern unser Hostel im Viertel an. Im Schlepptau haben wir noch einen jungen Iropunk aus Südtirol, der gerade sein Irgendwas-mit-Medien-Praktikum in Bremen absolviert. Ein Absacker, so beschließen wir, muss aber noch sein. Der Ostersteintorweg ist Freitags nachts ähnlich belebt wie die Oranienstraße in Kreuzberg.

Der Laden, den wir schlussendlich ansteuern hat die interessante Atmo einer Absturzkneipe. Vor den Fenstern hängen riesige Jägermeisterflaggen, überm Tresen schweben Plastikskelette, die wirken, als wären sie nach der Halloweenparty 2001 einfach vergessen worden. Riesige gesichtstätowierte Typen mit Iro und Anti-Religion-Slogans auf der Lederweste tanzen mit schwarzafrikanischen Homies zu Rage against the machine und iron Maidenrum, dazu gesellen sich ein paar verlebt aussehende Tresenfliegen jeglichen Alters und Bewusstseinszustandes. Ich bin recht froh, hier nicht mittrinken zu müssen. Ansonsten wäre ich wohl nicht so leicht aus dem Gespräch mit der Frau im Karohemd neben mir raus gekommen. Sie wirkt nicht besonders anziehend auf mich, will mir aber um fast jeden Preis meine Kapuzenjacke abkaufen. Später wird sie mir noch erzählen, dass heute ihr Hund gestorben ist, wie süß sie mein Kinn findet und will wissen, warum der HC sie die ganze Zeit so komisch anschaut. Ich habe keinen Bock auf diese etwas seltsame Anmache. Am Ende knutscht sie mit unserem Kumpel aus Tirol rum. Nachdem ich mir bei der Wirtin noch zwei Songs gewünscht habe (Pennywisens „Bro hymn“ und die „Bratwurstzange“ von Rummelsnuff scheinen mir für das Ambiente und die Stimmung passend zu sein), geht es zurück ins Doppelstockbett.

Sonntag, 6. März 2016

Havanna! Auszeit! Tortuga!

Eine Lesereise durch Norddeutschland (Teil 1)
Als ich Sonntagabend meine Wohnungstür aufschloß, fühlte ich mich wie ein Seemann. Wie ein Bambuse dritten Grades, der nach langer Fahrt zurück in den Hafen, zu seinen Lieben und der heimischer Kate kommt. Hatte Vielleicht hatte es was damit zu tun, dass die Orte dieser Lesereise bei mir gewisse nautische Assoziationen weckten. Hannover, Bremen, Hamburg. Alles Nordwestdeutschland. Das Meer immer in Riech- und manchmal auch in Sichtweite. Meer haben wir zwar nie gesehen – trotzdem war das Seemanns-Abenteuergefühl in diesen drei Tagen präsent.

Hannover
Der Sprung ins kalte Wasser. Besser gesagt ins kalte Bier. Vom Busbahnhof geht’s direkt nach Linden in die Havana Bar. Dort direkt auf die Bühne. Ich bin ein bißchen stolz, weil ich, der noch nie in Hannover war, den Laden ohne GPS-Support schnell finde. Hinterm Kraftwerk rechts rein und dann links auf der Ecke.
Passt.

Die Veranstaltung ist, als ich mit Rollkoffer und Rucksack in der ganz auf niedersächsisches Südseeflair getrimmten Bar aufschlage, schon im Gange. Die Zuschauerzahl leider überschaubar. Abel sitzt gerade gemütlich beim Bier, auf der Bühne spielen zwei ältere und ein junger Herr mit Gitarre und Cajon die Moritat vom Hannoveraner Serienmörder Fritz Haarmann und ein paar Slimesongs.
Silver-Blitz nennen die sich, verrät mir Abel. Bevor ich mich näher mit dem Sinn dieses Namens auseinandersetzen kann, steht schon das erste Bier vor mir. Das wäre nicht weiter interessant, wäre da nicht die Tatsache, dass ich seit gut drei Jahren so gut wie kein Alkohol en masse trinke. In der Havanabar musste das aber mal sein.
Nach der Musikeinlage macht Abel macht nochmal den Einsteiger, für mich also nochmal zehn Minuten Zeit zur Akklimatisierung. Das, was er da aus seinen Roman „Die Reise zur Grünen Fee“ liest, gefällt mir gut und er hat auch eine unterhaltsame Art, seine Texte vorzutragen. Dann sitze ich da oben und habe einen längeren Slot.
Die ersten Abende einer Lesereise finde ich oft schwierig. Da weiß man nie, nach mehr oder minder langen Bahn- und Busfahrten und sonstigen Anreisestrapazen, wie fit man ist. Muss erstmal reinkommen in die Situation. Um die Unsicherheit hier etwas zu umschiffen, setze ich auf inhaltlich auf Sicherheit und lese ich die Hits aus dem Seemann. So viele Geschichten wie sonst selten auf einer Lesereise. Den Seehund, die kleine Spinne Pup-meets-Darth-Vader, das schönste Geräusch des Tages, die Revolverzähne.
Die fünf Anwesenden sind interessiert, die Gestalten im Raucherraum und am Geldspielautomaten weniger. Aber zumindest vom Gefühl her stimmt's. Und davon ab: Solche widrigen Umstände (kaum Publikum, schlechte Bewerbung, nervige Daddel-Geräuschkulisse) mag ich zwar nicht, ertrage es mittlerweile aber. Macht wohl die Erfahrung und die Tatsache, dass nicht die Vortragenden Schlechtes geben, sondern die Umstände suboptimal sind.

Ein paar Bier nach dem Vortrag machen die Sache noch ganz rund, besonderes weil der Havannawirt sich im Laufe des Abends eine komplette Flasche Jack Daniels alleine reinpfeift und somit von sich aus schon sehr unterhaltsam ist.
Als er das gesamte Sortiment des Flanell'schen Medienimperiums (Renfield-Zine, Stuntman-Buch, Osekre&TheLucky Bastards-7inch) aufkauft, sage ich natürlich nicht nein. Mittlerweile sind auch Aeneas und Max aufgetaucht. Das sind für heute abend unsere Gastgeber. Die wir vorher gar nicht kannten. Klingt jetzt, als hätten die beiden uns nach der Lesung total breit fürwasauchimmer abgeschleppt, aber der Deal stand schon vorher. Alte Couchsurferhasen, die wir sind, wurde das ganze vorher per Mail klar gemacht. Während Aeneas schnell wieder von der Bildfläche verschwindet, hängt Max bis zum Ende mit uns rum. Irgendwann packen wir unser Geraffel zusammen und wanken bei Nacht durch Hannover-Linden. Natürlich mit Wegbier und auch nicht, ohne nochmal in irgendeiner kleinen Kneipe einzukehren, wo ich, ganz enthusiastisch mit dem Wirt eine Lesung klar machen will.

Bei Max angekommen, sind wir erstmal beeindruckt von der partytauglichen Wohnzimmerausstattung: komplettes DJ-Deck dazu diverse Lichtspielereien und Effekte im ganzen Raum – und noch mehr Bier. Sehen heute so die durchschnittlichen Studentenbuden aus? Max kündigt an, erstmal ein wenig Techno aufzulegen. Abel und ich sind recht skeptisch, ob das jetzt so die richtige Musik für uns ist, aber glücklicherweise hat der DJ ein gutes Händchen dafür, was der Situation angemessen ist. Und so gibt es kein mörderisches Geballer, sondern ganz sanfte Beats. In Kombination mit den Lichteffekten im Wohnzimmer wirkt das ganze so entspannend auf mich, dass ich gar nicht mehr von der Couch wegkomme, sondern dort einfach einpenne.

Der nächste Morgen ist... scheiße. Ich weiß, warum ich Alkohol in rauen Mengen hasse. Mir ist schlecht und ich habe Kopfschmerzen und liege komplett in den gleichen miefigen Klamotten wie gestern auf der Couch. Techno gibt es nicht mehr, auch keine Hannoveraner Wohnzimmerlichtspiele. Mein Kater ist ein ziemlich ausgewachsener, ich hoffe inständig, dass ich jetzt nicht kotzen muss. Auftritt Abel, der sieht einigermaßen fit aus, zumindest fitter, als ich mich fühle. Auch Max wirkt, als hätte, der Exzess kaum Spuren bei ihm hinterlassen. Leider kann ich das angebotene und unglaublich gesund wirkende Brötchen nicht wirklich schätzen und mümmele unmotiviert daran rum. Wir lassen den ersten Tourabend nochmal Revue passieren, bewerten ihn trotz der mauen Zuhörerschaft als gelungen und machen uns auf zum nächsten Lesehafen.

Fortsetzung folgt.

Donnerstag, 25. Februar 2016

So mok wi dat



Schneidige Ox- und Renfield-Autoren geben Vollgas auf der Lesebühne!

Hell yeah! Wieder eine Gegend weniger auf Herrn Flanell persönlicher "Da will ich mal eine Lesung machen"-Liste. Da gab's ja schon einiges. Die Pfalz, Rheinland, das Ruhrgebiet, Österreich, Schweiz - und jetzt:
Norddeutschland! Juhu, ab ins Warme!

Da alleine lesen aber nicht soviel Spaß macht wie in der Gruppe, sind in den nächsten Tagen drei Absolventen der Ox-Schreibschule für gepflegten Rock'n'Roll-Journalismus unterwegs. Alles weitere - jetzt!
Wenn es schon mal einen Newsletter aus dem Renfield-HQ gibt, dann auch mit ganz handfesten Informationen.
Denn heute starte die kleine, aber feine Ox-Lesetour durch Norddeutschland. Lars "Abel" Gebhardt, HC Roth und Gary Flanell reisen drei tage durchs Land und lesen aus ihren Werken. Wer is nu dit? fragt sich der/die eine oder andere vielleicht und was schreiben die überhaupt? der oder die nächste. Und wo kann ich mir das alles überhaut anschauen.
Alle diese Infos - gibt es jetzt:
Ox-Lesetour mit Lars Gebhardt, HC Roth und Gary Flanell

LARS GEBHARDT
wurde 1973 in Unna / Westfalen geboren. Er studierte Germanistik und Medienwissenschaften in Hamburg, wo er noch heute lebt und als Fotoredakteur arbeitet. Seit seiner Jugend schreibt er für diverse Musik-Magazine wie Ox, Mind The Gap oder Pankerknacker. In den 90er Jahren war Gebhardt Herausgeber und Chefredakteur des „Stay Wild“ Fanzines. 2013 erschien sein Debüt-Roman „Ein Goldfisch in der Grube“, dessen Nachfolger nun mit „Die Reise zur grünen Fee“ vorliegt.

H.C. ROTH (Graz)

Ox-Kolumnist, Radiomoderator, Buch-Autor (Der Flug des Pinguins – Edition Subkultur z.B.). Schreibt und liest allerhand seltsamen Kram, beispielsweise über besoffene Staubsauger, den Tod, Gitarre spielende Pinguine, das Leben, die Jugend. Auf dieser Tour wird er Auszüge aus seinen letzten Büchern sowie seinen noch titellosen im Mai 2016 erscheinenden Episoden-Roman lesen.
GARY FLANELL (Berlin)

Das Hirn hinter dem Renfield-Fanzine, der Gitarrenmann bei Ella Chord & Gary Flanell, Buchautor von „Stuntman unter Wasser“ (2014), Labelmogul bei der Kreuzberger Hinterhofplattenkaschemme John Steam Records und eine der Stimmen der SubCult-Radioshow auf dem Berliner Sender Pi-Radio. Im Übrigen schreibt er auch für das Ox. http://renfield-fanzine.blogspot.de/


Und wo genau?

Do 25.2. Hannover, Havana Cuba-Linden – ohne H.C. Roth aber mit Musik von Tom & Passi (Elisenstr. 27, 30451 Hannover)
Fr. 26.2. Bremen, Auszeit Rock'n'Roll Couchclub (Kleine-Annen-Str. 21, 28199 Bremen)
Sa 27.2. Hamburg, Tortuga Bar (Bleicherstraße 27, 22767 Hamburg)

Dienstag, 23. Februar 2016

2016 - was bisher geschah

Nachdem der Herr Flanell den Januar damit verbracht hatte, fußkrank, selbstmitleidig und dahinsiechend aus dem Fenster auf den Verwaltungstrakt eines Frauengefängnisses zu starren, brachte der Februar einiges neues. Zum Beispiel eine geschlossene graue Wolkendecke. Tagelang kein Sonnenstrahl, nicht beim Aufstehen und nicht beim ZuBettgehen. Eine Regelmäßigkeit, die ihresgleichen suchte und den Herrn Flanell tief beeindruckte. Ähnlich bedeckt hielten sich auch Flanells Aktivitäten in der ersten Hälfte des zweiten Monats.

Erst die letzte Februarwoche brachte Schwung, wenn auch nicht am Himmel. Da war zunächst das Konzert von J. ROBBINS und DARIA in jenem Schnapsloch, das der Herr Flanell am liebsten frequentiert, ohne selber Schnaps zu trinken. Wenn der Herr Flanell eines Tages mal an dieses Konzert zurückdenken wird, dann wird ihm sicher eine Sache in Erinnerung beiben: Wie lieb und nett und sympathisch die anwesenden Menschen waren. Zunächst einmal die Musiker, egal ob es die Franzosen aus Angers oder der weithin bekannte Plattenproduzent und Gitarrist aus Baltimore war – alle fielen durch eine extreme Höflichkeit und Freundlichkeit auf.

Das gibt’s nicht oft, dachte der Herr Flanell. Oder – vielleicht gibt es das oft, aber nicht auf den Konzerten, auf denen der Herr Flanell so rumhängt. Da herrscht oft ein rauer Ton, weil alle glauben, wenn man in einer Rock-oder Punkband spielt, muss man auch gleich mal fordernd und unfreundlich sein.
Jedenfalls nicht so freundlich, wie die Bands an diesem Abend waren. Das scheint auch irgendwie auf das anwesende Publikum abgefärbt zu haben. Richtig viele Menschen waren es nicht, aber die, die da waren und teilweise extra 250 Kilometer aus Thüringen angereist kamen, waren ebenso respektvoll und nett wie die Musiker. Und dürfen sicher sein, einen Konzertabend erlebt zu haben, den es so nicht häufig gibt.

Einige waren sicher beeindruckt von den Las-Vegas-würdigen Lichtspielen, die aufgebaut wurden. Mit Lichterketten ausgestattete Verstärker und Boxen, die im Rhythmus der Musik flackern und blinken, haben bisher wohl kaum Musikgruppen ins Schnapsloch geschleppt. Vielleicht KISS, aber als die da waren, war der Herr Flanell leider nicht da. Das bedauert er aber nicht, denn bei DARIA und Mr. ROBBINS war es mindestens genauso gut.

Drei Tage später kam es zum nächsten Konzert, dem der Herr Flanell beiwohnen durfte. Da kam er schon ein bißchen aus der Puste. Aber nur ein bißchen, denn dieses Konzert fand zum Glück nicht tief in der Nacht statt, sondern am hellichten Samstagnachmittag. Das war gut, denn es hat sich herausgestellt, dass der Herr Flanell nachts lieber schläft. Es war auch zuvörderst gar kein Konzert, sondern eine Veröffentlichungnsparty für ein Expertenmagazin aus dem Bereich Fußball. Amateurfußball und die unteren Lifen des Landes, um genau zu sein.

AUF JAHRE UNSCHLAGBAR heißt das Heft – einem dieser unvergessenen Franz-Beckenbauer-Zitate folgend, die quasi in Stein gemeißelt auch jedem Bestechungsskandal standhalten werden. Ein Magazin, das den Interessierten über die Niederungen des Amateurfußballs informiert, immer mit dem Fokus auf dem Lieblingsverein der Herausgeber, Tennis Borussia Berlin.

Davon ab war es auch eine Premiere, denn zum ersten Mal, seit der Herr Flanell das neue Renfield-Hautquartier bezogen hat, gab es ein Konzert von, nunja, Bands mit Gitarrenverstärkung in dem hübschen Haus im Hinterhof. Das war spannend, fand der Herr Flanell. Denn wie sowas klingt, wusste keinerr so recht. Klar gabe s da schon Parties mit Verstärkung, aber große Verstärker und verzerrte Gitarren bisher noch nicht. Und eigentlich war ja alles ganz anders geplant, als es dann hinterher stattgefunden hat. Geplant war nämlich ein Auftritt einer Musikgruppe namens LITBARSKI und der einer Gruppe namens RASKOLNIKOFF. Beide Gruppen sind so heiß und neu, dass es nicht mal irgendwelche Links zu Webseiten gibt, auf denen man sich was von ihnen anhören kann. Gespielt haben dann allerdings nicht LITBARSKI,sondern eine Gruppe namens WEIGHTS aus dem benachbarten Proberaumkomplex. Weil LITBARSKI krank waren. Einer von dreien zumindest. Da kann man ja nicht spielen. Umso schöner, dass WEIGHTS dann spontan eingesprungen sind und so zu der Ehre gekommen sind, an einem Tag zwei Konzerte spielen zu dürfen – eins in der Lichtenberger Remise und abends eins im Prenzlauer Berger Kastanienkeller.

Ist das Rock'n'Roll? Könnte man diskutieren. Nicht zu diskutieren ist die Tatsache, dass man durchaus mal am Nachmittag ein Punkkonzert in Berlin veranstalten und dazu Kaffee und ein Solikuchenbuffet für die Flüchtlingshilfe anbieten kann. Funktioniert prima und nicht nur für ehrenhaft ergraute Menschen, denen für das übliche Konzerteinerlei in den Nächten des Wochenendes zu anstrengend ist.

Das alles ging dem Herrn Flanell durch den Kopf, als er nach dem WEIGHTS/
RASKOLNIKOFF-Konzert abends wieder in sein liebstes Schnapsloch einfiel und dort vom Tresen noch ein Konzert, und zwar von den Kindern aus der Krachmacher-
straße BALG und ANTIHAIRBALL, erleben durfte. Da war ihm noch nicht ganz klar, dass es das mittlerweile dritte Konzert innerhalb von vier Tagen war. Ob das zuviel oder zuwenig oder sonst irgendwie von Belang sein könnte, hat sich dem Herrn Flanell auch nicht am nächsten Sonntag erschlossen, als er, ein Käsebrot kauend, versuchte, sein derzeitiges Lieblingslied „Shining light“ von ASH, mitzupfeifen.

Was ihm aber sehr belangvoll erschien, war der Plan, die Rezension der neuen Platte von DRESSY BESSY mit dem Titel „KINGSIZED“ auf diesen Blog zu stellen...

Aus der Abteilung „Wir wollten schon anrufen und nachfragen, ob das noch was wird“: Sieben Jahre ist es her, seit DRESSY BESSY eine Platte rausgebracht haben. Davor ging es eigentlich immer recht flott bei Tammy Ealom und ihren Bandkollegen. Seit 1997 wurde alle zwei-drei Jahre eine EP oder eine LP rausgehauen. Bis 2008 „Holler and Stomp“ erschien. Und dann acht Jahre lang wenig passierte.

Im Hause Yep Roc Records scheint die Geduld gegenüber der Band aber groß zu sein, denn wer wartet schon sieben Jahre, bis eine Band mal mit neuen Aufnahmen rüberkommt? Und auf wen würde man warten? Gut, bei Guns'n'Roses haben einige noch länger gewartet. Aber DRESSY BESSY sind ja keine schmierige Sleaze-Rentnerkapelle und zur regelmäßigen Befüllung der Gossip-Seiten des Internets taugen sie auch nicht. Zum Glück. Dafür kommen DRESSY BESSY aus Denver. Dafür können sie nichts. Ich weiß auch gar nicht, ob das schlimm ist, aus Denver zu kommen. Vielleicht ist es ja besser als Los Angeles, wo man den ganzen Tag surfen, braun werden und tätowiert sein muss, um im Schnellrestaurant mal eine Fettbemme zu bekommen. Wo liegt das eigentlich, dieses Denver? Ich werde es rausfinden und wenn ich Joan Collins anrufen muss. Wenn ich das getan habe, kann ich vielleicht der Frage, warum es acht Jahre gedauert hat, bis ein neues DB-Album erschienen ist, noch eher auf den Grund gehen. An der Musik liegt es nicht so recht.

Auf der Platte findet sich nämlich nicht allzuviel revolutionäres, das eine 2920-tägige Wartezeit rechtfertigt. Wäre der Begriff Pop-Punk nicht bis in alle Ewigkeit von irgendwelchen Green-Day-Klonen besetzt, dann würde das KINGSIZED am besten beschreiben. Zeitliche Einordnung: Ende der 80er/Anfang der 90er. THE BANGLES klingen da durch, die RUNANWAYS ebenso wie die EYELINERS. Bei „These modern guns“ sogar ein wenig was von GARBAGE und bei „Cup O' Bang bang“ sind es latent die PIXIES. Alles keine schlechten Referenzen, aber eben auch keine, die mich mehr als eine Augenbraue hochziehen lassen. Da hilft auch die ganze Armee von semi-prominenten Gästen nicht, die fast auf jedem Song von KINGSIZED mitgespielt haben.

Peter Buck von R.E.M hat für zwei Songs vorbei geschaut, Andy Shernoff von den DICTATORS auch, sowie der ein oder andere Kollege diverser anderer Indiebands. So richtig spannend ist das alles also leider nicht geworden. Dafür sehr solide, wie man es einer Band, die seit den 90ern unterwegs ist und nunmher sieben Alben in ihrem Werk zählne kann, durchaus zutrauen kann.

Aber vielleicht sollte man insgesamt keine melodischen Indie-Schrammel-Pop-Platten hören, wenn man innovative Musik sucht. Dafür könnten DRESSY BESSY ganz souverän den Soundtrack zu einem Remake von Filmen wie Reality Bites oder Singles liefern. Komödien, in denen die junge Winona Ryder rehäugig in die Kamera schaute und mit denen vor zwanzig Jahren all die Grungemädels und ihre holzfällerhemdtragenden Kinnbartfreunde ins Kino gelockt werden sollten. Ist ja schon mal was.

(K) Gary Flanell

Dienstag, 9. Februar 2016

Nun zeige ich euch euer Land

Oh, dieses Österreich! Oh, diese Kulturförderung!
Sie registrieren spätestens ab Sommer keine Flüchtlinge mehr und bis dahin nur in „Tageskontingenten“, sie regieren ganze Länder blau und scheuen vielerorts auch nicht die offensiv geäußerte Menschenfeind-
lichkeit. Aber sie geben Geld für Kultur aus. Nicht nur für die bereits erwähnte vergoldete Hochkultur, sondern für lebendige Subkultur.

So ist die Frauenabteilung der Stadt Wien 2012 hingegangen und hat Musikerinnen eingeladen, eine Neuinterpretation von Arbeiterinnen- und Kampfliedern vorzunehmen. Mit der durchaus einsichtigen Überlegung, dass selbige kein Mensch mehr kenne, geschweige denn singe, und das doch irgendwie schade sei – aber auch mit der Frage, ob denn das Lied noch eine politische Artikulation sei? Fuck yeah!

Das Resultat ist eine Doppel-CD, trocken betitelt „re:composed“, mit einem ausführlichen Booklet dabei – und das Ganze gibt es UMSONST zu bestellen unter frauen@wien.gv.at. Dank der emsigen Kollegin Niki Matita ist dieser interessante Tonträger - wenn auch mit einiger Verspätung - im Renfield-Hauptquartier gelandet. Kuratiert hat Ulrike Mayer, die Wiener Initiatorin des Girls Rock Camp ist und Kulturarbeit als ein „Einmischen in gesellschaftliche, politische und kulturelle Debatten“ versteht. Da es sich um Extrem-Intertextualität handelt, also um Neuerfindungen, die sich in mehrfacher Weise auf andere Texte beziehen, ist es interessant, die Geschichten zu lesen, wie die jeweiligen Musikerinnen mit ihren Stücken umgegangen sind. Aber die Stücke überzeugen auch unmittelbar völlig ohne Kontext, musikalisch, textlich und, fuck yeah, politisch.

„Es hat sich was getan im Land, zumindest was Musik betrifft“, stellt Mieze Medusa lakonisch fest, „wir brauchen neue Lieder, die alten singen wir nicht mehr.“ Sie hat die Internationale recomposed – das heißt, abgeschafft. An ihre Stelle setzt sie einen Spoken Word Appell, nicht an die internationale Solidarität, sondern an Schneewittchen, ob sie wisse, wie man den gläsernen Sarg zerschlägt: „Hast du da Erfahrungswert, gilt der auch für Decken?“ Schlag nicht zu zaghaft, rät Schneewittchen, wart nicht zu lange. Bisher gibt es nur „Worte als Hülsen, Erklärung als Absicht, Vertröstung auf morgen... das geht sich halt leider in diesem Jahr wieder nicht aus...“

Das Original ganz fallen zu lassen ist ein Extrem der Interpretationen, andere Künstlerinnen haben 'ihren' Song einfach nachgespielt, etwa Stefanie Sourials „Bella Ciao“. Dazwischen gibt es jede Menge Variation. Cherry Sunkist und Ana Threat setzen experimentell-elektronisch um, auch das „Wiedner Spital“ von Laminadyz, ursprünglich eine Grusel-Moritat über Prostitution und Geschlechtskrankheit, wird zur Klanginstallation. Mika Vember lässt das von KZ-Gefangenen geschriebene „Ravensbrücklied“ vielstimmig durcheinander sprechen.

Angie Domdeys „Unter dem Pflaster liegt der Strand“ aus den 70ern wird von Vera Kropf, der Frontfrau der Wiener-Berliner Indie-Kapelle Luise Pop, hingegen originalgetreu interpretiert. Auch „Drei rote Pfiffe“ stammt aus den 70ern und erzählt die wahre Geschichte der Partisanin Helena „Jelka“ Kucher. Sie tritt als alte Dame im Kreis ihrer Enkel auf, die sagt: „Nun zeige ich euch euer Land.“ Am Ende fordert sie sie auf: „Jetzt trampeln sie wieder auf euren Rechten herum – erinnert euch meiner Geschichte.“

Auf auf zum Kampf“ schließlich war erst ein Soldatenlied, wurde dann etwa 1919 von Linken umgeschrieben und 1930 von der SA okkupiert. Was macht man wohl damit? Na klar, die „Biedermeierversion“! Der Zeitgeist wird optimal eingefangen von Mimu mit dem neuen Text: „Auf auf zum Kampf, zum Kampf... weiß jemand, worum es geht?“ Mit Piepsstimme und kindlichem Händeklatschen flöten sie: „Ich bleibe gern und viel bequem bei mir daheim... Der Glaube an Veränderung ist verloren, und die moderne Zeit, die ist mir zu komplex.“

Alissa Wyrdguth

Mittwoch, 27. Januar 2016

This is Bombay not Mumbay

Bombay – Show your teeth

Das Jahr 2016 fängt an und es fängt laut an. Flüchtlingskrise, immer mehr Fremdenfeindlichkeit in Deutschland, die Silvesternacht in Köln, europaweites Nach-rechts-Gekippe, immer schriller werdender Populismus, Syriengraus wie seit Jahren, Bowie tot, Colin Vearncombe tot und mittendrin, als wäre gar nichts: Indierock. Geht das? Anscheinend ja. Wenn man Indierock als das sieht, was es mittlerweile nun einmal ist – eben auch nur eine Art von Unterhaltungsmusik. Und dass seit allerspätestens zehn Jahren.

Ein Rückblick auf die Bands, (The Libertines, The Babyshambles, Franz Ferdinand, The Rakes und wie sie alle heißen), die vor knapp einem Jahrzehnt groß geworden sind, war vor einiger Zeit mal Titelstory eines Musikmagazins, das etwas größer ist als das Renfield. 2015 musste da zum 10-jährigen noch mal ein Porträt der damals angesagten Bands generiert werden. Als es zumindest noch einmal ganz aufregend und neu war, seiner Lieblingsband ein THE vorne an den Namen zu kleben. Zumindest in GB, vorzugsweise London. Bombay aus Amsterdam passen da prima rein, nun ja, bis auf die tatsache, dass es mittlerweile 2016 ist. Aber ansonsten findet sich auf Bombays zweitem Album „Show your teeth“ vieles, was in der Indie-Rock-Klasse von 2005 schon mal durch genommen wurde.
Diese verhuschten Gitarren. Der etwas nöhlige bis unterkühlte Gesang. Der Beat, wie ihn schon die ersten 80er-Post-Punk-Bands hinbekommen haben. Oder jene Bands, die seit Anfang des Jahrtausends unter dem Begriff Indie vermarktet werden. Dass dieses Indie eben mittlerweile schlicht eine Musikbezeichnung ist, und eben keine Methode mehr – das muss ich nicht nochmal durchkauen, sondern akzeptieren, genau wie U-Bahnen, die immer zu spät kommen.
Vom Namen mal abgesehen (kein The am Start) kriegt man das, was man sich darunter vorstellt, wenn deine Freundin sagt „Die machen so Indierock.“ Vielmehr ist gar nicht zu sagen. Auch keine Kifferwitze wegen der niederländischen Herkunft dieses Trios. Zumindest klingen sie nicht so vernebelt, wie es zu befürchten wäre. Nunja, höchstens beim jingel-jangeligen „Love your enemies“ - da kann man sich schon gut vorstellen, wie die Band mit riesigen Sonnenbrillen auf dem Kopf und Joints im Format einer Panzerfaust total breit durch ein Kornfeld hüpfen.

Ansonsten gibt man sich leicht kauzig wie die Pixies oder Jesus and Mary Chain, etwas spackig wie die Gorillaz, packt eine gewisse Garage-Reminiszenz dazu, sowie etwas Pop und ganz viel Melancholie. Wird dabei aber nie zu direkt, nie zu unreflektiert. Und zu gut produziert (also Lo-Fi, für den Kenner) auch nicht.

Bei Songs wie „Slow Motion“ oder „Sea“ geht das alles ganz erstmal flott nach vorn. Stücke wie „Bleach“ und „Friendly fire“, die in der Mitte der Platte versteckt wurden, kommen dagegen etwas verspielter rüber. Davon ab beherrschen BOMBAY die Kunst, einen griffigen, melodischen Indie-Rock-Song zu schreiben. Es hilft natürlich eine Menge, dass sie ihr Zeug schon mal auf dem Reeperbahn-Festival oder beim SXSW live ausprobieren konnten. Üben übt bekanntlich. Deshalb klingen sie nicht wirklich schlecht, es mangelt aber an der zündenden Idee, um aus dem Meer ähnlich klingender Bands raus zustechen. Aber was red ich? Das Problem hat jede zweite Band, die irgendwie in die überquellende Schublade der frischen Indie-Socken gequetscht wird.

Welcher Anlass also für diese Platte? „Show your teeth“ kannst du dir gut geben, wenn du nach einem erfolgreich abgeschlossenen Semester deines Bachelorstudiums mal wieder eine Nacht durchfeiern willst. Und wenn Mathias, Gijs und Lisa Ann nächstes Jahr vielleicht auf dem Haldern-Pop (da würden sie ganz gut hinpassen) ihren Nachmittags-Slot spielen, findest du sie auch richtig dufte. Am nächsten Tag sollte man dich allerdings nicht nach dem Namen fragen, denn so viel ist dann doch nicht hängengeblieben.

(K) Gary Flanell

Show your teeth von Bombay erscheint am 05.02. auf V2/H'art bombaybombaybombay.com

Dienstag, 12. Januar 2016

The Power of Moonlit (Bang Bang)

Phall Fatale - Moonlit Bang Bang
Vielleicht sollte diese Rezension aus tagesaktuellem vielleicht doch die Worte "David" und "Bowie" enthalten. Also dann soviel: David Bowie hätte an dieser Platte sicher aufgrund ihrer Vielfalt und nicht eindeutigen Zuordnung sicher seinen Spaß gehabt. Das ist wohl die Kunst.

Bei der Frage „Ist das Kunst oder kann das weg?“ kann der verhandelte Gegenstand eigentlich nur verlieren. Es gab eine Zeit, da fand ich diese Frage recht witzig. Jetzt nicht mehr so.
Denn die Herabwürdigung dem gegenüber, was da gemacht wird, steckt schon in der Frage. „Kann weg.“ lautet meistens die Antwort und wird unterschwellig gleich mitgeliefert. Meist aus Unverständnis heraus. Unverständnis.
Das war auch das, was mir beim ersten Hören von Phall Fatale durch den Kopf ging. Aber mit Interesse verbunden. „Was machen die da eigentlich?“war das erste, was mir durch den Kopf schoß, als ich schon beim fünften Song „Ring the bell“ angekommen war. Diese Frage so schnell zu beantworten, wie heutzutage alle Fragen schnell beantwortet werden sollen, weil alle schnelle Antworten auf schwierige Fragen erwarten, ist aber fast nicht möglich. Auch das Infoblatt hilft mir nicht bei der Wort-Und Urteilsfindung. Keine Chance, die Ahnungslosigkeit hinter harten Fakten zu kaschieren,weil außer der Titelliste keine Info da ist. Könnte ja im Netz gucken, wer und was hinter dieser Band steckt, das weiß ja alles. Will ich aber nicht, lieber erhalte ich mir für einige Zeit den Charme des Mysteriösen.

Bei einer Punkplatte mit drei Akkorden wäre alles kein Ding, aber das hier ist nun mal keine 3-Akkordeplatte. Dabei geht alles mit „The girl, the Beat“ recht einfach los. Der Bass spielt kommt ziemlich rhythmisch rüber, die Perkussion erinnern an irgendwas afrikanisches und dazu spricht Joy Frempong ihre Texte mehr als dass sie sie singt. Danach nimmt „Moonlit bang bang“ eine ziemlich wilde Fahrt auf. Es bleibt nicht bei der irgendwie netten aber auch vorhersehbaren Kontrabass-Elektro-Gesang-Kombination. Vielmehr blitzen hier schon bald so viele verschiedene Genres auf, ohne dass man aber sagen könnte: „Ha, das ist es. Steck sie doch in die Schublade mit der und der Aufschrift.“ Erinnert die eine Sequenz latent an Massive Attack, folgt darauf irgendwas, das die Slits auch so drauf hatten.
Aber nur, damit kurz darauf ein Hardcore-Gitarrenteil reindreschen kann, den man vielleicht bei Fugazi, aber an dieser Stelle so gar nicht erwartet hätte. Ähnlich schaffen – um doch mal eine Referenz zu bringen – The Ex ab und an mal. Vielleicht auch Antibalas auf ihrer Securityplatte. Aber das alles sind nur vage Anhaltspunkte. Phall Fatale bleiben schillernd, nicht greifbar zwischen Punk, Indie-Pop (gerade bei der Single "The girl the beat", Noise, Improvisation, Jazz (Jazz? Ja irgendwie auch.) und Dichtung.

Das einzige, was hier mit Sicherheit zu sagen ist: Es groovt. Und bleibt durchgehend spannend. Trotz all der Unvorhersehbarkeiten, die diese Platte so mit sich bringt, wippt mein Kopf die ganze Zeit mit. Bei den ruhigeren Passagen ebenso wie bei den krachigen Ausbrüchen. Vielleicht schon jetzt eine der spannendsten Platten 2016, ui. Mit Genres ist das, was Phall Fatale so treiben, eher ungenau zu beschreiben. Das in einer Zeit zu schaffen, in der doch vermeintlich alles schon mal da war und auch alles schon mal zusammengewürfelt und fusioniert wurde, ist mal Kunst. Und die kann bleiben.

(C) Gary Flanell

Moonlit Bang Bang erscheint am 15. Januar auf Slowfoot und Quilin Records.

Dienstag, 5. Januar 2016

Sex&Drugs&Fensterreiniger - Ein letztes Wort für Lemmy

Um meine persönliche Lemmy-Kilmister-Gedenkwoche abzuschließen, habe ich mir die Dokumentation "Lemmy" von Wes Orshowski angeschaut. Gibt es derzeit noch in der Arte-Mediathek zu sehen. Eine gute Gelegenheit, mal mein Lemmy-Bild posthum zu überprüfen. Naja, als ob das jetzt noch relevant wäre. Es klingt wie ein Klischee, aber glaubt man dem Film, waren das wichtigste der Person Lemmy wohl wirklich die drei Backzutaten Sex, Drugs and Rock'n'Roll. Nicht mehr. Aber eben auch nicht weniger. Ok, eventuell noch Nazi-Nippes sammeln und Daddelautomaten aller Art. Viel mehr Wichtiges erfährt man nicht über Mister Ian K. Vielleicht war da auch nicht mehr.

Ich dachte, das geht ja gar nicht. Da muss doch mehr sein. Das sind doch so drei hohe Worte, die ja gar nicht reichen, um einen Menschen zu porträtieren. Im Falle von Lemmy reicht es aber komplett. Sex. Drugs. Rock'n'Roll. Keine Hobbies, keine altersmilden Ersatzbeschäftigungen wie sie andere Rocker ähnlichen Kalibers der Gesundheit zuliebe irgendwann mal ausprobieren. Kein Yoga, kein Golf, keine Pferdezucht. Bei Lemmy muss man S., D und R'n'R als Lebensinhalt sehen. Und eben, bei aller Selbstironie, die der Mann hatte, doch als ernste Sache. Das war kein Karneval, der nach dem Gig in der Backstage-Garderobe abgegeben wurde.

Einige der interessantesten Szenen des Films sind die in Lemmys Wohnung. Zu sehen, wie Lemmy wirklich gewohnt hat, war so ziemlich das spannendste an dem ganzen Film. Auch die Tatsache, dass es nur ein kleines gemietetes Apartment ist, unweit vom Sunset Boulevard und quasi nur 2 Schritte vom Rainbow, Lemmys Stammkneipe entfernt.
Er hätte sich sicher was größeres, exzentrischeres leisten können. So wie andere Rockstars, die in den Hügeln Hollywoods ausladende Anwesen bevölkern. Lemmy nicht. Der lebte bis zum Schluß in seiner kleinen Quasi-Junggesellenbude. Alles größere wäre aber vielleicht finanziell immer ein Wagnis gewesen, nicht nur in der Anschaffung, sondern auch im Unterhalt. Und dann wäre er schnell bei Sex, Drugs and Eigenheim statt Rock'n'Roll gewesen. Ein weiser Mann also, der sich auf die wichtigen Dinge in seinem Leben konzentrieren konnte.

Stattdessen war da: Eine winzige Bude mit allerlei... nunja, Zeug. Andenken. Fangeschenken. Nazidevotionalien en masse. Goldene Schallplatten. Krimskrams. Und ziemlich unaufgeräumt. Eine alterslose Wohnung, es könnte auch das das Zimmer eines halbwüchsigen Kuttenträgers aus den 70ern, 80ern, 90ern sein. Ok, bis auf die Goldenen Schallplatten. Eigentlich habe ich die ganze Zeit gedacht, dass irgendwann eine Mutter reinschneit und ihrem Sprössling sagt, er soll erstmal lüften und dann die Bude aufräumen, sonst würde es bald mal klatschen. Aber keinen Beifall.

Ich habe mich gefragt, wie es wohl für das Kamerateam war, dieses Zwei-Zimmer-Motörhed-Museum zu erforschen. Kommt man sich blöd vor, wenn man einer Kultfigur so nahe tritt? Blättert da was von dem ganzen Mythos ab? Steht auch bei Lemmy irgendwo ungewaschenes Geschirr rum? Sieht man irgendwo seine alte Unterwäsche rumliegen? Trug der Mann in seinen handgeschneiderten Lederboots vielleicht keine glamourösen Rock'n'Roll-Strümpfe, sondern eventuell stinknormale weiße Tennissocken? War Lemmy also unter all den langen Haaren, der Lederweste, den Koteletten und den Fibromen einfach nur ein gesetzter Herr, gar nicht so anders wie die, die man in beigem Windbreaker durch die Fußgängerzonen der Welt zuckeln sieht?

Ich will's mir gar nicht vorstellen, wie die Aktivitäten des alltäglichen Lebens (Waschenkochenspülenusw) von Herrn Ian Kilmister ausgesehen haben. Lieber erhalte ich mir dafür das Bild vom beinharten Rocker, der einfach nur gestählt vom ewigen Tourleben, den unzähligen Studioaufentahlten und wilden Groupieorgien bis ins hohe Alter Rock'n'Roll aus jeder Drüse schwitze. Und den ganzen Schnaps auch noch. Dieses Bild will ich mir nicht dadurch nehmen lassen, dass ich mir vorstelle, wie Lemmy in Downtown L.A. In einem Billo-Shop Socken und Unterhosen kauft. Würde irgendwie nicht passen.

Davon ab habe ich mir vorgestellt, wenn ich anstelle des Kameramanns in Lemmys Appartment rumtun würde. Würde ich irgendwas anrühren? Würde ich verstohlen in Ecken gucken, die gar nicht für meine Augen bestimmt wären? Vielleicht in Lemmys Schuhregal? Hinter seine Waschmaschine ?(Hatte Lemmy eine Waschmaschine? Oder ging er in den Waschsalon? Oder ließ er waschen? Bei solchen Fragen ist die Kilmisterforschung noch nicht wirklich weit gekommen, fürchte ich). Würde ich mit dem Finger unauffällig über eins der mit Andenken vollgestopften Regale fahren, um festzustellen, ob der Herr Motörhead regelmäßig Staub wischt? Gibt es da einen Motörhead-Staubfeudel mit Snaggletooth-Griff? Vielleicht hätte ich auch einen schnellen Blick unter Lemmys Sofa geworfen. Nur um mal zu sehen, ob es da genauso unordentlich aussieht wie unter allen Sofas der restlichen Non-Rock'n'Roll-Helden-Menschheit. Oder hätte ich vielleicht… was geklaut? Nein, Klauen ist schlecht fürs Karma. Mach ich nicht. Aber die Versuchung wäre schon groß gewesen.

Die nächste Frage, die sich dann für mich auftut ist:
Warum wäre ich so neugierig gewesen auf die Banalitäten in des Rockers Haushalt? Warum so begierig darauf, was stinknormales bei einer fast schon mythischen Gestalt zu finden? Es ist etwas komplex. Denn einerseits soll der Mythos Lemmy gar nicht demontiert werden, also warum diese Suche nach den banalen Dingen? Andererseits wäre es schon faszinierend, wenn man in der Bude eines Mannes, der über Jahrzehnte ein wirklich ausschweifendes Leben geführt hat, etwas total normal-bürgerliches zu finden, und sei es nur die Feststellung, dass er seine Fenster mit dem gleichen Glasreiniger putzt wie ich.

Vielleicht ist gerade die kleine Lemmy-Wohnung der Dreh, der die Kultfigur Lemmy Kilmister noch begehrenswerter macht:
Wenn man feststellt, dass er eben kein der Realität enthobener Rocker ist, der wie beispielsweise Ozzy Osbourne in einer gigantischen Villa residiert, fernab von den Nöten ganz normaler Menschen. Dass er eben nicht im selbstgedrechselten Hardrock-Elfenbeinturm hockt – wie man es von anderen Musikkollegen kennt und wie es ihm bestimmt auch möglich gewesen wäre, sondern dass er unerwarteterweise einfach in so einer Zweizimmerküchebad-Butze haust. Und genau durch diese Bodenständigkeit noch ein bißchen weiter an seinem Mythos gebastelt hat.

Was hätte ich nun also getan, wenn ich mit dem Kamerateam in Lemmys privatestes eindringen hätte dürfen? Natürlich hätte ich nichts geklaut, nicht mal einen alten Pizakarton. Wahrscheinlich hätte ich mich kurz entschuldigt und wäre mal eben aufs Klo verschwunden. Um mal zu sehen, ob Lemmys Lokus genauso säkular ist wie der in allen Haushalten der westlichen Welt oder ob dieser Ort auch vollgestopft mit Motörhead-Memorabilien wäre. Ich hätte mich gefreut, einmal Motörheadklopapier zu benutzen. Einmal den Thron mit dem König zu teilen, wäre wohl das höchste der Gefühle gewesen. Und ein Andenken, das kein Film dokumentieren könnte.

Gary Flanell



P.S.: Lemmys Beerdigung steht ja noch an. Wer nicht live mit dabei sein kann, hat die Möglichkeit, sich dieses Ereignis am Samstag um 23.30 Uhr in einer Liveübertragung auf Youtube anzuschauen. Ich werd's tun.

Montag, 28. Dezember 2015

Den Bon, bitte...

Ach, vergiss es! Wenn jetzt irgendeiner denkt, hier kommt noch so ein Ranking von den besten tollsten oder blödesten Musik-Buch-Konzert-Sonstwas-Ereignissen des Jahres 2015, dann liegt hier ein großer Irrtum vor.

Nein. Keine Hit- und Shitlisten. Auch keine Wertung des Jahres 2015 an sich. Ob's das beste oder doofste oder langweiligste Jahr unter zweitausendundfünfzehn anderen war - nach der Zeitrechnung, die wir im Renfield-HQ gewohnt sind - ist komplett egal.
Eine persönliche Jahresendabrechnung lohnt im besten Fall nur, wenn 31.12. die Frage der Kassiererin im Supermarkt nach dem Treueherz mit einem schüchternen "Ja" beantwortet wird. Und man danach draussen mal einen kurzen Blick auf seinen Bon wirft. Und auf den EC-Kartenbeleg. Den ich immer mitnehme, im Gegensatz zum Bon. Der Bon ist mir kotegal, den EC-Beleg vernichte ich lieber in meinen eigenen vier Wänden. Nie im Supermarkt selber. Das ist meine kleine Datenklau-Paranoia, die ich pflege, wie eine seltene Zimmerpflanze. Welche Farbe hat Irrsinn? Muss ich raus finden, damit ich demnächst, analog zum grünen Daumen für Blumenfreunde, damit prahlen kann, dass ich einen so-und-so-farbigen Finger habe, mit dem ich meine Kauzigkeiten pflege.
Was allerdings immer geht, ist ein Blick nach vorn. Deshalb hier die 5 Renfield-relevanten Ereignisse, die ich mir für 2016 erhoffe:

1. Das Post-Popkulturelle Performance-Wunderwerk URS GROB BOOTSBETRIEB spielt die erste Platte ein. Darauf zu hören: Die Hits "Michel Piccoli", "Alter Mann" und die Refugee-Solihymne "Zäune Runter, Gläser hoch". Vielleicht sogar als Split-Veröffentlichung mit den Artrockern von TURBOBIER.
2. LITBARSKI und RASKOLNIKOFF tanzen gemeinsam Klammerpogo in meinem Hinterhof.
3. THE SHITPHONES ändern ihren Plan und gehen doch so spießige Bandaktivitäten wie Proben und Livespielen an. Damit die bereits existierenden Aufnahmen dieser Band endlich auf Vinyl rauskommen.
4. GISM liefern auf dem Roadburn-Festival einen Gig ab, an den ich mich noch vollsenil im Altersheim erinnere.
5. Mark Zuckerberg spendet 1 Prozent der Kohle der 99 gespendeten Prozente seiner Facebook-Anteile für die nächsten zehn bis 20 Renfield-Ausgaben. Damit die Welt eine besser wird...

Nach soviel Kristallkugel-Futur kommen hier nun die letzten Rezensionen des Jahres 2015 auf dem Renfield-Blog. Alles Platten und Hefte, die der Renfield-Crew zum Ende des Jahres noch soviel Aufmerksamkeit wert waren, dass sie nicht im Limbo der massenhaften Veröffentlichungen verschwinden sollten.

Beton-Zine Nr. 1 – Lügen/Mentir
Das hier ist die erste Ausgabe dieses Comic-Zines und wenn die Herausgeber es schaffen, das hier regelmäßig und weiterhin durchzuziehen, dann freu ich mich über ein neues hübsch abwechslungsreiches Comic-Heft auf diesem Planeten. Zig verschiedene Zeichner stellen 1-2 Seiten-Strips zum Oberthema „Lügen“ zur Verfügung. Gutes Thema und auch richtig gut umgesetzt, grafisch wie haptisch (dieses Papier!). Da dies eine deutsch-französische Koop ist, sind die Comics zweisprachig, dem Original wird jeweils noch unauffällig ein Untertitel in der anderen Sprache zugesetzt. Wer alles dabei ist? Base23, Yellow G, Tine Fetz, Laetitia Graffart, Stéphane Hirlemann, Romain Malauzat, Mono Max, Point, Punker Donald, Schikkimikki Wandrille und Toine. Kannte ich bisher alle gar nicht. Sind aber ausnahmslos gut. Und fleißig wird hier weitergemacht. Im Januar kommt schon Nummer 5 raus.
Gary Flanell

Inside – Artzine #17 (A4, 48 S., INSIDE Artzine, PO Box 2266, 54212 Trier, artscum.org)
Ich geb‘s zu: Am liebsten schau ich mir das Inside-Zine wegen der Bilder an. Ist wohl der umgekehrte Playboy-Effekt. Ganz appetitlich ist das, was Herausgeber Jenz immer zusammenstellt nicht, soll es aber auch gar nicht sein. Viel Splatter-Art von Künstlern aus der ganzen Welt, alles sehr farbenprächtig. Zwischendurch immer wieder ein Text (z.B. über Marcelo Vasco), bei dem man oft nicht weiß, ob das gruselige Kurzgeschichte oder doch ein wirkliches Interview sein soll. Angenehmer Grusel überkommt mich beim Betrachten. Aber ich schau mir ja auch Geistervideos auf Youtube an. Kommt wie immer auf bestem handschmeichelndem Papier und komplett durchgehend farbig, was bei den Grafiken auch Sinn macht. Wären die Wartezimmer in den Arztpraxen dieser Welt mit Lesezirkelexemplaren des INSIDE-Zines ausgestattet, wäre die Welt sicher eine andere. Vielleicht eine bessere, gewiss eine mit weniger Patienten.
Gary Flanell

NAIROBI FIVE DEGREE #4 (A5, 40 S.)
Der Titel besagt, seine Herkunft sei … Dass es ein Zine ist, besagt … Alles falsch außer, dass es tatsächlich bereits die Ausgabe #4 des Leipschen mehr oder minder Alleingangs ist, der sich nun gar nicht mehr um Heftchenstandards wie Interviews, Besprechungen, Kritzeleien oder lachend verhökerten Werbeplatz schert. Ein Lit-Zine? Nimmt man sich genügend Zeit und vor allem Unabgelenktheit, kann es gelingen, sich satzweise durch die anstrengende Setzung zu arbeiten und je nach Tagesform vielleicht sogar die die Einzeltexte unterbrechenden frustrierenden Photos zu erreichen. Keine leichte Kost, auch wenn es inhaltlich überwiegend nur um den Alltag geht. Kein echtes Entertainment, aber eine respektable Entscheidung, Schreibe nicht in einem unbeachteten Blog verschimmeln zu lassen, sondern sie haptisch zu machen und den Massen zu geben. Keine Veröffentlichung im Sinne des Pressegesetzes, so stehts hinten drin. Davon wiederum gibt’s ohnehin zu viele.
Philip Nussbaum

PERSEVERANCE # 7 (A5, Zine, spxdiscos@gmail.com)
Was gibt es über Hardcore eigentlich noch zu sagen? … Richtig. Also tarnen wir die informative Sinnlosigkeit ein wenig und machen ein Entwicklungshilfeprojekt aus dem Vakuum. Hauptsache Durchhalten. Stehvermögen ist alles, nicht nur im Pit, sondern auch auf Surfbrettern oder beim Date mit der Trulla aus der Abteilung von oben. Hardcore in Südostasien, Hardcore in Thüringen, Hardcore, so eben hier, in Südamerika. Acht doppelseitig vollkopierte, selbstgetackerte DIN A4-Blätter erzählen nicht viel Neues, geben aber immerhin einige musikalische Surftipps und, das ist die Hauptsache, stehen als Blätter selbst für Ausdauer. Nomen est omen est nomen. Schön augengeschädigter, gnadenlos tonerfressender Köter hinten drauf übrigens.
Philip Nussbaum

Schlammrock #7 (A5, 48 S., hoeppi77@web.de)
Im Schlammrock-Team gibt es immer wieder ein paar Überschneidungen zum Renfield. Andrecu ist mit Texten und Comics hier wie da zu finden und Höppi selber treffe ich auch immer wieder mal an derselben Bar, allerdings bei unterschiedlichen Getränken. Auch wenn der Schnipsel-Stil vom Schlammrock nicht mehr so ganz meins ist, gefällt mir die 7. Ausgabe inhaltlich sehr gut. Keine drögen Bandinterviews langweilen den Leser, stattdessen konzentriert David sich auf selbstgeschriebenes wie seinen Rad-Reisebericht durchs Baltikum, der fast die Hälfte vom Heft einnimmt. Ist aber kein Lückenfüller, sondern wirklich unterhaltsam. Drei Kurzgeschichten aus der Visconte’schen Schreibwerkstatt und einen Bericht über eine Fahrraddemo gegen die Abschiebung von Flüchtlingen gibt‘s obendrauf. Wenn man das alles gelesen hat, ist man schon fertig mit dem Heft und kann sich aufs nächste freuen. Oder bei unterschiedlichen Getränken von vorn anfangen.
Gary Flanell

OSKA WALD – Dreaming of Babylon (32 S., 17x15 cm, Krill Verlag)
Welch Verdichtung! Die Comicinterpretation eines leidlich bekannten Ami-Literaten, der sich in den Achtzigern angesichts Suffs und Perspektivlosigkeit suizidiert hat, gezeichnet vom Sänger eines leidlich bekannten Staatsakt-Akts (noch am Leben!) und nun beachtet von einem leidlich bekannten Zine, das usw. usf. Alles ist deprimierend und sinnlos, also ab mit den Gedanken nach Babylon, wo alles schön und eitel und sorgenfrei ist. Brautigans traurig-linkischer Postwirtschaftskrisendetektiv rettet, improvisiert und bescheißt sich von Tag zu Tag durchs Leben, Oska Wald fängt die Tristesse treffend krakelig ein. Klasseding. Spannend ist, ob sich tatsächlich welche finden, die, wie angeboten, in dem Fortsetzungsteil dann Werbung schalten wollen. Für Stricke vielleicht? Oder für BHs für die göttliche Vermieterin der Hauptfigur?
Philip Nussbaum

Kommen wir nun zu den zwei Jahresabschlußplatten, die den Rezensionsreigen in diesem Jahr, ehm, abschließen...

Paulas letzte Chance – Dieser Mist läuft auf jedem Kanal (Mini-LP)
B.E.F.I.N.D.L.I.C.H.K.E.I.T – schreibt man das so? Dachte zuerst, Markus Wiebusch hätte jetzt ein neues Akustikprojekt. Ist er aber gar nicht. Sondern der Trommler von Berlins aufstrebender Punklegende LITBARSKI mit Unterstützung. Klingt trotzdem ziemlich nach Kettcar. Akustikgitarrenriffs kuscheln sich an deutschsprachige Texte der melancholischen Art . Meine Freundin würde das ganz süß finden, zumindest die sehr nachdenklichen jungen Männer, die sowas machen und bestimmt nur sehr wenige Sachen im Leben lustig finden. Auch wenn sie wortkarg am Tresen stehen das zehnte Bier nuckeln. Vielleicht sind sie einfach nur … schüchtern? Also Paula, pass gut auf: Wäre das meine letzte Chance, dann würde ich mich mal locker machen. Wenn ich das jetzt verkacke, dann öffnet sich halt eine andere Tür im Universum. Wird schon alles mit dem Leben und so. Eigentlich die perfekte Platte für die Tage zwischen den Jahren, um bei einer Tasse Kaffee in die Fenster vom Knast auf der anderen Straßenseite zu starren.
(G) Gary Flanell

ROOM FULL OF STRANGERS – Bad vacation
Immer wenn ich seit ein paar Monaten in einem Berliner Club Musik auflege, nehme ich diese CD mit. Ich denke nämlich immer, das könnte was für das Publikum in einem sogenannten Indie/Alternative-Club sein. Es kam aber nie dazu, dass ich die RFoS aufgelegt habe. Das liegt daran, dass die Clubbesucher immer Rage against the Machine, The Cure oder The Smiths hören wollen. Nichts anderes. Immer nur Rage against the Machine, The Cure oder The Smiths, die ganze Nacht. Wenn was anderes läuft, werden sie böse. Dabei wären ROOM FULL OF STRANGERS (denn genau das ist ja ein, eigentlich jeder Club: Ein Raum voller fremder Menschen.) für diesen Club genau richtig: Sie haben ordentliche Punkrockgitarren, eine schicke Orgel. Sind aber nicht zu krachig, sondern erinnern eher an die frühen DEAD Boys oder an die NEW YORK DOLLS. Und das wichtigste: Tanzen kann man dazu auch gut. Wenn alle fremden, die man s in einem Club trifft, wie diese band wären, dann hätten wir alle einen angenehmen Abend. Dass RFoS eine gute Band ist, sollte eigtnlich die ganze Welt wissen. Aber ich bin kein Musikmissionar. Deshalb kriegen die Clubmenschen nur „Panic“ von dem Smiths. Oder zum 100sten Mal „Boys don’t cry“ von The Cure. Sie wissen ja nicht, was ihnen entgeht.
(F) Gary Flanell