Dienstag, 9. Februar 2016

Nun zeige ich euch euer Land

Oh, dieses Österreich! Oh, diese Kulturförderung!
Sie registrieren spätestens ab Sommer keine Flüchtlinge mehr und bis dahin nur in „Tageskontingenten“, sie regieren ganze Länder blau und scheuen vielerorts auch nicht die offensiv geäußerte Menschenfeind-
lichkeit. Aber sie geben Geld für Kultur aus. Nicht nur für die bereits erwähnte vergoldete Hochkultur, sondern für lebendige Subkultur.

So ist die Frauenabteilung der Stadt Wien 2012 hingegangen und hat Musikerinnen eingeladen, eine Neuinterpretation von Arbeiterinnen- und Kampfliedern vorzunehmen. Mit der durchaus einsichtigen Überlegung, dass selbige kein Mensch mehr kenne, geschweige denn singe, und das doch irgendwie schade sei – aber auch mit der Frage, ob denn das Lied noch eine politische Artikulation sei? Fuck yeah!

Das Resultat ist eine Doppel-CD, trocken betitelt „re:composed“, mit einem ausführlichen Booklet dabei – und das Ganze gibt es UMSONST zu bestellen unter frauen@wien.gv.at. Dank der emsigen Kollegin Niki Matita ist dieser interessante Tonträger - wenn auch mit einiger Verspätung - im Renfield-Hauptquartier gelandet. Kuratiert hat Ulrike Mayer, die Wiener Initiatorin des Girls Rock Camp ist und Kulturarbeit als ein „Einmischen in gesellschaftliche, politische und kulturelle Debatten“ versteht. Da es sich um Extrem-Intertextualität handelt, also um Neuerfindungen, die sich in mehrfacher Weise auf andere Texte beziehen, ist es interessant, die Geschichten zu lesen, wie die jeweiligen Musikerinnen mit ihren Stücken umgegangen sind. Aber die Stücke überzeugen auch unmittelbar völlig ohne Kontext, musikalisch, textlich und, fuck yeah, politisch.

„Es hat sich was getan im Land, zumindest was Musik betrifft“, stellt Mieze Medusa lakonisch fest, „wir brauchen neue Lieder, die alten singen wir nicht mehr.“ Sie hat die Internationale recomposed – das heißt, abgeschafft. An ihre Stelle setzt sie einen Spoken Word Appell, nicht an die internationale Solidarität, sondern an Schneewittchen, ob sie wisse, wie man den gläsernen Sarg zerschlägt: „Hast du da Erfahrungswert, gilt der auch für Decken?“ Schlag nicht zu zaghaft, rät Schneewittchen, wart nicht zu lange. Bisher gibt es nur „Worte als Hülsen, Erklärung als Absicht, Vertröstung auf morgen... das geht sich halt leider in diesem Jahr wieder nicht aus...“

Das Original ganz fallen zu lassen ist ein Extrem der Interpretationen, andere Künstlerinnen haben 'ihren' Song einfach nachgespielt, etwa Stefanie Sourials „Bella Ciao“. Dazwischen gibt es jede Menge Variation. Cherry Sunkist und Ana Threat setzen experimentell-elektronisch um, auch das „Wiedner Spital“ von Laminadyz, ursprünglich eine Grusel-Moritat über Prostitution und Geschlechtskrankheit, wird zur Klanginstallation. Mika Vember lässt das von KZ-Gefangenen geschriebene „Ravensbrücklied“ vielstimmig durcheinander sprechen.

Angie Domdeys „Unter dem Pflaster liegt der Strand“ aus den 70ern wird von Vera Kropf, der Frontfrau der Wiener-Berliner Indie-Kapelle Luise Pop, hingegen originalgetreu interpretiert. Auch „Drei rote Pfiffe“ stammt aus den 70ern und erzählt die wahre Geschichte der Partisanin Helena „Jelka“ Kucher. Sie tritt als alte Dame im Kreis ihrer Enkel auf, die sagt: „Nun zeige ich euch euer Land.“ Am Ende fordert sie sie auf: „Jetzt trampeln sie wieder auf euren Rechten herum – erinnert euch meiner Geschichte.“

Auf auf zum Kampf“ schließlich war erst ein Soldatenlied, wurde dann etwa 1919 von Linken umgeschrieben und 1930 von der SA okkupiert. Was macht man wohl damit? Na klar, die „Biedermeierversion“! Der Zeitgeist wird optimal eingefangen von Mimu mit dem neuen Text: „Auf auf zum Kampf, zum Kampf... weiß jemand, worum es geht?“ Mit Piepsstimme und kindlichem Händeklatschen flöten sie: „Ich bleibe gern und viel bequem bei mir daheim... Der Glaube an Veränderung ist verloren, und die moderne Zeit, die ist mir zu komplex.“

Alissa Wyrdguth

Mittwoch, 27. Januar 2016

This is Bombay not Mumbay

Bombay – Show your teeth

Das Jahr 2016 fängt an und es fängt laut an. Flüchtlingskrise, immer mehr Fremdenfeindlichkeit in Deutschland, die Silvesternacht in Köln, europaweites Nach-rechts-Gekippe, immer schriller werdender Populismus, Syriengraus wie seit Jahren, Bowie tot, Colin Vearncombe tot und mittendrin, als wäre gar nichts: Indierock. Geht das? Anscheinend ja. Wenn man Indierock als das sieht, was es mittlerweile nun einmal ist – eben auch nur eine Art von Unterhaltungsmusik. Und dass seit allerspätestens zehn Jahren.

Ein Rückblick auf die Bands, (The Libertines, The Babyshambles, Franz Ferdinand, The Rakes und wie sie alle heißen), die vor knapp einem Jahrzehnt groß geworden sind, war vor einiger Zeit mal Titelstory eines Musikmagazins, das etwas größer ist als das Renfield. 2015 musste da zum 10-jährigen noch mal ein Porträt der damals angesagten Bands generiert werden. Als es zumindest noch einmal ganz aufregend und neu war, seiner Lieblingsband ein THE vorne an den Namen zu kleben. Zumindest in GB, vorzugsweise London. Bombay aus Amsterdam passen da prima rein, nun ja, bis auf die tatsache, dass es mittlerweile 2016 ist. Aber ansonsten findet sich auf Bombays zweitem Album „Show your teeth“ vieles, was in der Indie-Rock-Klasse von 2005 schon mal durch genommen wurde.
Diese verhuschten Gitarren. Der etwas nöhlige bis unterkühlte Gesang. Der Beat, wie ihn schon die ersten 80er-Post-Punk-Bands hinbekommen haben. Oder jene Bands, die seit Anfang des Jahrtausends unter dem Begriff Indie vermarktet werden. Dass dieses Indie eben mittlerweile schlicht eine Musikbezeichnung ist, und eben keine Methode mehr – das muss ich nicht nochmal durchkauen, sondern akzeptieren, genau wie U-Bahnen, die immer zu spät kommen.
Vom Namen mal abgesehen (kein The am Start) kriegt man das, was man sich darunter vorstellt, wenn deine Freundin sagt „Die machen so Indierock.“ Vielmehr ist gar nicht zu sagen. Auch keine Kifferwitze wegen der niederländischen Herkunft dieses Trios. Zumindest klingen sie nicht so vernebelt, wie es zu befürchten wäre. Nunja, höchstens beim jingel-jangeligen „Love your enemies“ - da kann man sich schon gut vorstellen, wie die Band mit riesigen Sonnenbrillen auf dem Kopf und Joints im Format einer Panzerfaust total breit durch ein Kornfeld hüpfen.

Ansonsten gibt man sich leicht kauzig wie die Pixies oder Jesus and Mary Chain, etwas spackig wie die Gorillaz, packt eine gewisse Garage-Reminiszenz dazu, sowie etwas Pop und ganz viel Melancholie. Wird dabei aber nie zu direkt, nie zu unreflektiert. Und zu gut produziert (also Lo-Fi, für den Kenner) auch nicht.

Bei Songs wie „Slow Motion“ oder „Sea“ geht das alles ganz erstmal flott nach vorn. Stücke wie „Bleach“ und „Friendly fire“, die in der Mitte der Platte versteckt wurden, kommen dagegen etwas verspielter rüber. Davon ab beherrschen BOMBAY die Kunst, einen griffigen, melodischen Indie-Rock-Song zu schreiben. Es hilft natürlich eine Menge, dass sie ihr Zeug schon mal auf dem Reeperbahn-Festival oder beim SXSW live ausprobieren konnten. Üben übt bekanntlich. Deshalb klingen sie nicht wirklich schlecht, es mangelt aber an der zündenden Idee, um aus dem Meer ähnlich klingender Bands raus zustechen. Aber was red ich? Das Problem hat jede zweite Band, die irgendwie in die überquellende Schublade der frischen Indie-Socken gequetscht wird.

Welcher Anlass also für diese Platte? „Show your teeth“ kannst du dir gut geben, wenn du nach einem erfolgreich abgeschlossenen Semester deines Bachelorstudiums mal wieder eine Nacht durchfeiern willst. Und wenn Mathias, Gijs und Lisa Ann nächstes Jahr vielleicht auf dem Haldern-Pop (da würden sie ganz gut hinpassen) ihren Nachmittags-Slot spielen, findest du sie auch richtig dufte. Am nächsten Tag sollte man dich allerdings nicht nach dem Namen fragen, denn so viel ist dann doch nicht hängengeblieben.

(K) Gary Flanell

Show your teeth von Bombay erscheint am 05.02. auf V2/H'art bombaybombaybombay.com

Dienstag, 12. Januar 2016

The Power of Moonlit (Bang Bang)

Phall Fatale - Moonlit Bang Bang
Vielleicht sollte diese Rezension aus tagesaktuellem vielleicht doch die Worte "David" und "Bowie" enthalten. Also dann soviel: David Bowie hätte an dieser Platte sicher aufgrund ihrer Vielfalt und nicht eindeutigen Zuordnung sicher seinen Spaß gehabt. Das ist wohl die Kunst.

Bei der Frage „Ist das Kunst oder kann das weg?“ kann der verhandelte Gegenstand eigentlich nur verlieren. Es gab eine Zeit, da fand ich diese Frage recht witzig. Jetzt nicht mehr so.
Denn die Herabwürdigung dem gegenüber, was da gemacht wird, steckt schon in der Frage. „Kann weg.“ lautet meistens die Antwort und wird unterschwellig gleich mitgeliefert. Meist aus Unverständnis heraus. Unverständnis.
Das war auch das, was mir beim ersten Hören von Phall Fatale durch den Kopf ging. Aber mit Interesse verbunden. „Was machen die da eigentlich?“war das erste, was mir durch den Kopf schoß, als ich schon beim fünften Song „Ring the bell“ angekommen war. Diese Frage so schnell zu beantworten, wie heutzutage alle Fragen schnell beantwortet werden sollen, weil alle schnelle Antworten auf schwierige Fragen erwarten, ist aber fast nicht möglich. Auch das Infoblatt hilft mir nicht bei der Wort-Und Urteilsfindung. Keine Chance, die Ahnungslosigkeit hinter harten Fakten zu kaschieren,weil außer der Titelliste keine Info da ist. Könnte ja im Netz gucken, wer und was hinter dieser Band steckt, das weiß ja alles. Will ich aber nicht, lieber erhalte ich mir für einige Zeit den Charme des Mysteriösen.

Bei einer Punkplatte mit drei Akkorden wäre alles kein Ding, aber das hier ist nun mal keine 3-Akkordeplatte. Dabei geht alles mit „The girl, the Beat“ recht einfach los. Der Bass spielt kommt ziemlich rhythmisch rüber, die Perkussion erinnern an irgendwas afrikanisches und dazu spricht Joy Frempong ihre Texte mehr als dass sie sie singt. Danach nimmt „Moonlit bang bang“ eine ziemlich wilde Fahrt auf. Es bleibt nicht bei der irgendwie netten aber auch vorhersehbaren Kontrabass-Elektro-Gesang-Kombination. Vielmehr blitzen hier schon bald so viele verschiedene Genres auf, ohne dass man aber sagen könnte: „Ha, das ist es. Steck sie doch in die Schublade mit der und der Aufschrift.“ Erinnert die eine Sequenz latent an Massive Attack, folgt darauf irgendwas, das die Slits auch so drauf hatten.
Aber nur, damit kurz darauf ein Hardcore-Gitarrenteil reindreschen kann, den man vielleicht bei Fugazi, aber an dieser Stelle so gar nicht erwartet hätte. Ähnlich schaffen – um doch mal eine Referenz zu bringen – The Ex ab und an mal. Vielleicht auch Antibalas auf ihrer Securityplatte. Aber das alles sind nur vage Anhaltspunkte. Phall Fatale bleiben schillernd, nicht greifbar zwischen Punk, Indie-Pop (gerade bei der Single "The girl the beat", Noise, Improvisation, Jazz (Jazz? Ja irgendwie auch.) und Dichtung.

Das einzige, was hier mit Sicherheit zu sagen ist: Es groovt. Und bleibt durchgehend spannend. Trotz all der Unvorhersehbarkeiten, die diese Platte so mit sich bringt, wippt mein Kopf die ganze Zeit mit. Bei den ruhigeren Passagen ebenso wie bei den krachigen Ausbrüchen. Vielleicht schon jetzt eine der spannendsten Platten 2016, ui. Mit Genres ist das, was Phall Fatale so treiben, eher ungenau zu beschreiben. Das in einer Zeit zu schaffen, in der doch vermeintlich alles schon mal da war und auch alles schon mal zusammengewürfelt und fusioniert wurde, ist mal Kunst. Und die kann bleiben.

(C) Gary Flanell

Moonlit Bang Bang erscheint am 15. Januar auf Slowfoot und Quilin Records.

Dienstag, 5. Januar 2016

Sex&Drugs&Fensterreiniger - Ein letztes Wort für Lemmy

Um meine persönliche Lemmy-Kilmister-Gedenkwoche abzuschließen, habe ich mir die Dokumentation "Lemmy" von Wes Orshowski angeschaut. Gibt es derzeit noch in der Arte-Mediathek zu sehen. Eine gute Gelegenheit, mal mein Lemmy-Bild posthum zu überprüfen. Naja, als ob das jetzt noch relevant wäre. Es klingt wie ein Klischee, aber glaubt man dem Film, waren das wichtigste der Person Lemmy wohl wirklich die drei Backzutaten Sex, Drugs and Rock'n'Roll. Nicht mehr. Aber eben auch nicht weniger. Ok, eventuell noch Nazi-Nippes sammeln und Daddelautomaten aller Art. Viel mehr Wichtiges erfährt man nicht über Mister Ian K. Vielleicht war da auch nicht mehr.

Ich dachte, das geht ja gar nicht. Da muss doch mehr sein. Das sind doch so drei hohe Worte, die ja gar nicht reichen, um einen Menschen zu porträtieren. Im Falle von Lemmy reicht es aber komplett. Sex. Drugs. Rock'n'Roll. Keine Hobbies, keine altersmilden Ersatzbeschäftigungen wie sie andere Rocker ähnlichen Kalibers der Gesundheit zuliebe irgendwann mal ausprobieren. Kein Yoga, kein Golf, keine Pferdezucht. Bei Lemmy muss man S., D und R'n'R als Lebensinhalt sehen. Und eben, bei aller Selbstironie, die der Mann hatte, doch als ernste Sache. Das war kein Karneval, der nach dem Gig in der Backstage-Garderobe abgegeben wurde.

Einige der interessantesten Szenen des Films sind die in Lemmys Wohnung. Zu sehen, wie Lemmy wirklich gewohnt hat, war so ziemlich das spannendste an dem ganzen Film. Auch die Tatsache, dass es nur ein kleines gemietetes Apartment ist, unweit vom Sunset Boulevard und quasi nur 2 Schritte vom Rainbow, Lemmys Stammkneipe entfernt.
Er hätte sich sicher was größeres, exzentrischeres leisten können. So wie andere Rockstars, die in den Hügeln Hollywoods ausladende Anwesen bevölkern. Lemmy nicht. Der lebte bis zum Schluß in seiner kleinen Quasi-Junggesellenbude. Alles größere wäre aber vielleicht finanziell immer ein Wagnis gewesen, nicht nur in der Anschaffung, sondern auch im Unterhalt. Und dann wäre er schnell bei Sex, Drugs and Eigenheim statt Rock'n'Roll gewesen. Ein weiser Mann also, der sich auf die wichtigen Dinge in seinem Leben konzentrieren konnte.

Stattdessen war da: Eine winzige Bude mit allerlei... nunja, Zeug. Andenken. Fangeschenken. Nazidevotionalien en masse. Goldene Schallplatten. Krimskrams. Und ziemlich unaufgeräumt. Eine alterslose Wohnung, es könnte auch das das Zimmer eines halbwüchsigen Kuttenträgers aus den 70ern, 80ern, 90ern sein. Ok, bis auf die Goldenen Schallplatten. Eigentlich habe ich die ganze Zeit gedacht, dass irgendwann eine Mutter reinschneit und ihrem Sprössling sagt, er soll erstmal lüften und dann die Bude aufräumen, sonst würde es bald mal klatschen. Aber keinen Beifall.

Ich habe mich gefragt, wie es wohl für das Kamerateam war, dieses Zwei-Zimmer-Motörhed-Museum zu erforschen. Kommt man sich blöd vor, wenn man einer Kultfigur so nahe tritt? Blättert da was von dem ganzen Mythos ab? Steht auch bei Lemmy irgendwo ungewaschenes Geschirr rum? Sieht man irgendwo seine alte Unterwäsche rumliegen? Trug der Mann in seinen handgeschneiderten Lederboots vielleicht keine glamourösen Rock'n'Roll-Strümpfe, sondern eventuell stinknormale weiße Tennissocken? War Lemmy also unter all den langen Haaren, der Lederweste, den Koteletten und den Fibromen einfach nur ein gesetzter Herr, gar nicht so anders wie die, die man in beigem Windbreaker durch die Fußgängerzonen der Welt zuckeln sieht?

Ich will's mir gar nicht vorstellen, wie die Aktivitäten des alltäglichen Lebens (Waschenkochenspülenusw) von Herrn Ian Kilmister ausgesehen haben. Lieber erhalte ich mir dafür das Bild vom beinharten Rocker, der einfach nur gestählt vom ewigen Tourleben, den unzähligen Studioaufentahlten und wilden Groupieorgien bis ins hohe Alter Rock'n'Roll aus jeder Drüse schwitze. Und den ganzen Schnaps auch noch. Dieses Bild will ich mir nicht dadurch nehmen lassen, dass ich mir vorstelle, wie Lemmy in Downtown L.A. In einem Billo-Shop Socken und Unterhosen kauft. Würde irgendwie nicht passen.

Davon ab habe ich mir vorgestellt, wenn ich anstelle des Kameramanns in Lemmys Appartment rumtun würde. Würde ich irgendwas anrühren? Würde ich verstohlen in Ecken gucken, die gar nicht für meine Augen bestimmt wären? Vielleicht in Lemmys Schuhregal? Hinter seine Waschmaschine ?(Hatte Lemmy eine Waschmaschine? Oder ging er in den Waschsalon? Oder ließ er waschen? Bei solchen Fragen ist die Kilmisterforschung noch nicht wirklich weit gekommen, fürchte ich). Würde ich mit dem Finger unauffällig über eins der mit Andenken vollgestopften Regale fahren, um festzustellen, ob der Herr Motörhead regelmäßig Staub wischt? Gibt es da einen Motörhead-Staubfeudel mit Snaggletooth-Griff? Vielleicht hätte ich auch einen schnellen Blick unter Lemmys Sofa geworfen. Nur um mal zu sehen, ob es da genauso unordentlich aussieht wie unter allen Sofas der restlichen Non-Rock'n'Roll-Helden-Menschheit. Oder hätte ich vielleicht… was geklaut? Nein, Klauen ist schlecht fürs Karma. Mach ich nicht. Aber die Versuchung wäre schon groß gewesen.

Die nächste Frage, die sich dann für mich auftut ist:
Warum wäre ich so neugierig gewesen auf die Banalitäten in des Rockers Haushalt? Warum so begierig darauf, was stinknormales bei einer fast schon mythischen Gestalt zu finden? Es ist etwas komplex. Denn einerseits soll der Mythos Lemmy gar nicht demontiert werden, also warum diese Suche nach den banalen Dingen? Andererseits wäre es schon faszinierend, wenn man in der Bude eines Mannes, der über Jahrzehnte ein wirklich ausschweifendes Leben geführt hat, etwas total normal-bürgerliches zu finden, und sei es nur die Feststellung, dass er seine Fenster mit dem gleichen Glasreiniger putzt wie ich.

Vielleicht ist gerade die kleine Lemmy-Wohnung der Dreh, der die Kultfigur Lemmy Kilmister noch begehrenswerter macht:
Wenn man feststellt, dass er eben kein der Realität enthobener Rocker ist, der wie beispielsweise Ozzy Osbourne in einer gigantischen Villa residiert, fernab von den Nöten ganz normaler Menschen. Dass er eben nicht im selbstgedrechselten Hardrock-Elfenbeinturm hockt – wie man es von anderen Musikkollegen kennt und wie es ihm bestimmt auch möglich gewesen wäre, sondern dass er unerwarteterweise einfach in so einer Zweizimmerküchebad-Butze haust. Und genau durch diese Bodenständigkeit noch ein bißchen weiter an seinem Mythos gebastelt hat.

Was hätte ich nun also getan, wenn ich mit dem Kamerateam in Lemmys privatestes eindringen hätte dürfen? Natürlich hätte ich nichts geklaut, nicht mal einen alten Pizakarton. Wahrscheinlich hätte ich mich kurz entschuldigt und wäre mal eben aufs Klo verschwunden. Um mal zu sehen, ob Lemmys Lokus genauso säkular ist wie der in allen Haushalten der westlichen Welt oder ob dieser Ort auch vollgestopft mit Motörhead-Memorabilien wäre. Ich hätte mich gefreut, einmal Motörheadklopapier zu benutzen. Einmal den Thron mit dem König zu teilen, wäre wohl das höchste der Gefühle gewesen. Und ein Andenken, das kein Film dokumentieren könnte.

Gary Flanell



P.S.: Lemmys Beerdigung steht ja noch an. Wer nicht live mit dabei sein kann, hat die Möglichkeit, sich dieses Ereignis am Samstag um 23.30 Uhr in einer Liveübertragung auf Youtube anzuschauen. Ich werd's tun.

Montag, 28. Dezember 2015

Den Bon, bitte...

Ach, vergiss es! Wenn jetzt irgendeiner denkt, hier kommt noch so ein Ranking von den besten tollsten oder blödesten Musik-Buch-Konzert-Sonstwas-Ereignissen des Jahres 2015, dann liegt hier ein großer Irrtum vor.

Nein. Keine Hit- und Shitlisten. Auch keine Wertung des Jahres 2015 an sich. Ob's das beste oder doofste oder langweiligste Jahr unter zweitausendundfünfzehn anderen war - nach der Zeitrechnung, die wir im Renfield-HQ gewohnt sind - ist komplett egal.
Eine persönliche Jahresendabrechnung lohnt im besten Fall nur, wenn 31.12. die Frage der Kassiererin im Supermarkt nach dem Treueherz mit einem schüchternen "Ja" beantwortet wird. Und man danach draussen mal einen kurzen Blick auf seinen Bon wirft. Und auf den EC-Kartenbeleg. Den ich immer mitnehme, im Gegensatz zum Bon. Der Bon ist mir kotegal, den EC-Beleg vernichte ich lieber in meinen eigenen vier Wänden. Nie im Supermarkt selber. Das ist meine kleine Datenklau-Paranoia, die ich pflege, wie eine seltene Zimmerpflanze. Welche Farbe hat Irrsinn? Muss ich raus finden, damit ich demnächst, analog zum grünen Daumen für Blumenfreunde, damit prahlen kann, dass ich einen so-und-so-farbigen Finger habe, mit dem ich meine Kauzigkeiten pflege.
Was allerdings immer geht, ist ein Blick nach vorn. Deshalb hier die 5 Renfield-relevanten Ereignisse, die ich mir für 2016 erhoffe:

1. Das Post-Popkulturelle Performance-Wunderwerk URS GROB BOOTSBETRIEB spielt die erste Platte ein. Darauf zu hören: Die Hits "Michel Piccoli", "Alter Mann" und die Refugee-Solihymne "Zäune Runter, Gläser hoch". Vielleicht sogar als Split-Veröffentlichung mit den Artrockern von TURBOBIER.
2. LITBARSKI und RASKOLNIKOFF tanzen gemeinsam Klammerpogo in meinem Hinterhof.
3. THE SHITPHONES ändern ihren Plan und gehen doch so spießige Bandaktivitäten wie Proben und Livespielen an. Damit die bereits existierenden Aufnahmen dieser Band endlich auf Vinyl rauskommen.
4. GISM liefern auf dem Roadburn-Festival einen Gig ab, an den ich mich noch vollsenil im Altersheim erinnere.
5. Mark Zuckerberg spendet 1 Prozent der Kohle der 99 gespendeten Prozente seiner Facebook-Anteile für die nächsten zehn bis 20 Renfield-Ausgaben. Damit die Welt eine besser wird...

Nach soviel Kristallkugel-Futur kommen hier nun die letzten Rezensionen des Jahres 2015 auf dem Renfield-Blog. Alles Platten und Hefte, die der Renfield-Crew zum Ende des Jahres noch soviel Aufmerksamkeit wert waren, dass sie nicht im Limbo der massenhaften Veröffentlichungen verschwinden sollten.

Beton-Zine Nr. 1 – Lügen/Mentir
Das hier ist die erste Ausgabe dieses Comic-Zines und wenn die Herausgeber es schaffen, das hier regelmäßig und weiterhin durchzuziehen, dann freu ich mich über ein neues hübsch abwechslungsreiches Comic-Heft auf diesem Planeten. Zig verschiedene Zeichner stellen 1-2 Seiten-Strips zum Oberthema „Lügen“ zur Verfügung. Gutes Thema und auch richtig gut umgesetzt, grafisch wie haptisch (dieses Papier!). Da dies eine deutsch-französische Koop ist, sind die Comics zweisprachig, dem Original wird jeweils noch unauffällig ein Untertitel in der anderen Sprache zugesetzt. Wer alles dabei ist? Base23, Yellow G, Tine Fetz, Laetitia Graffart, Stéphane Hirlemann, Romain Malauzat, Mono Max, Point, Punker Donald, Schikkimikki Wandrille und Toine. Kannte ich bisher alle gar nicht. Sind aber ausnahmslos gut. Und fleißig wird hier weitergemacht. Im Januar kommt schon Nummer 5 raus.
Gary Flanell

Inside – Artzine #17 (A4, 48 S., INSIDE Artzine, PO Box 2266, 54212 Trier, artscum.org)
Ich geb‘s zu: Am liebsten schau ich mir das Inside-Zine wegen der Bilder an. Ist wohl der umgekehrte Playboy-Effekt. Ganz appetitlich ist das, was Herausgeber Jenz immer zusammenstellt nicht, soll es aber auch gar nicht sein. Viel Splatter-Art von Künstlern aus der ganzen Welt, alles sehr farbenprächtig. Zwischendurch immer wieder ein Text (z.B. über Marcelo Vasco), bei dem man oft nicht weiß, ob das gruselige Kurzgeschichte oder doch ein wirkliches Interview sein soll. Angenehmer Grusel überkommt mich beim Betrachten. Aber ich schau mir ja auch Geistervideos auf Youtube an. Kommt wie immer auf bestem handschmeichelndem Papier und komplett durchgehend farbig, was bei den Grafiken auch Sinn macht. Wären die Wartezimmer in den Arztpraxen dieser Welt mit Lesezirkelexemplaren des INSIDE-Zines ausgestattet, wäre die Welt sicher eine andere. Vielleicht eine bessere, gewiss eine mit weniger Patienten.
Gary Flanell

NAIROBI FIVE DEGREE #4 (A5, 40 S.)
Der Titel besagt, seine Herkunft sei … Dass es ein Zine ist, besagt … Alles falsch außer, dass es tatsächlich bereits die Ausgabe #4 des Leipschen mehr oder minder Alleingangs ist, der sich nun gar nicht mehr um Heftchenstandards wie Interviews, Besprechungen, Kritzeleien oder lachend verhökerten Werbeplatz schert. Ein Lit-Zine? Nimmt man sich genügend Zeit und vor allem Unabgelenktheit, kann es gelingen, sich satzweise durch die anstrengende Setzung zu arbeiten und je nach Tagesform vielleicht sogar die die Einzeltexte unterbrechenden frustrierenden Photos zu erreichen. Keine leichte Kost, auch wenn es inhaltlich überwiegend nur um den Alltag geht. Kein echtes Entertainment, aber eine respektable Entscheidung, Schreibe nicht in einem unbeachteten Blog verschimmeln zu lassen, sondern sie haptisch zu machen und den Massen zu geben. Keine Veröffentlichung im Sinne des Pressegesetzes, so stehts hinten drin. Davon wiederum gibt’s ohnehin zu viele.
Philip Nussbaum

PERSEVERANCE # 7 (A5, Zine, spxdiscos@gmail.com)
Was gibt es über Hardcore eigentlich noch zu sagen? … Richtig. Also tarnen wir die informative Sinnlosigkeit ein wenig und machen ein Entwicklungshilfeprojekt aus dem Vakuum. Hauptsache Durchhalten. Stehvermögen ist alles, nicht nur im Pit, sondern auch auf Surfbrettern oder beim Date mit der Trulla aus der Abteilung von oben. Hardcore in Südostasien, Hardcore in Thüringen, Hardcore, so eben hier, in Südamerika. Acht doppelseitig vollkopierte, selbstgetackerte DIN A4-Blätter erzählen nicht viel Neues, geben aber immerhin einige musikalische Surftipps und, das ist die Hauptsache, stehen als Blätter selbst für Ausdauer. Nomen est omen est nomen. Schön augengeschädigter, gnadenlos tonerfressender Köter hinten drauf übrigens.
Philip Nussbaum

Schlammrock #7 (A5, 48 S., hoeppi77@web.de)
Im Schlammrock-Team gibt es immer wieder ein paar Überschneidungen zum Renfield. Andrecu ist mit Texten und Comics hier wie da zu finden und Höppi selber treffe ich auch immer wieder mal an derselben Bar, allerdings bei unterschiedlichen Getränken. Auch wenn der Schnipsel-Stil vom Schlammrock nicht mehr so ganz meins ist, gefällt mir die 7. Ausgabe inhaltlich sehr gut. Keine drögen Bandinterviews langweilen den Leser, stattdessen konzentriert David sich auf selbstgeschriebenes wie seinen Rad-Reisebericht durchs Baltikum, der fast die Hälfte vom Heft einnimmt. Ist aber kein Lückenfüller, sondern wirklich unterhaltsam. Drei Kurzgeschichten aus der Visconte’schen Schreibwerkstatt und einen Bericht über eine Fahrraddemo gegen die Abschiebung von Flüchtlingen gibt‘s obendrauf. Wenn man das alles gelesen hat, ist man schon fertig mit dem Heft und kann sich aufs nächste freuen. Oder bei unterschiedlichen Getränken von vorn anfangen.
Gary Flanell

OSKA WALD – Dreaming of Babylon (32 S., 17x15 cm, Krill Verlag)
Welch Verdichtung! Die Comicinterpretation eines leidlich bekannten Ami-Literaten, der sich in den Achtzigern angesichts Suffs und Perspektivlosigkeit suizidiert hat, gezeichnet vom Sänger eines leidlich bekannten Staatsakt-Akts (noch am Leben!) und nun beachtet von einem leidlich bekannten Zine, das usw. usf. Alles ist deprimierend und sinnlos, also ab mit den Gedanken nach Babylon, wo alles schön und eitel und sorgenfrei ist. Brautigans traurig-linkischer Postwirtschaftskrisendetektiv rettet, improvisiert und bescheißt sich von Tag zu Tag durchs Leben, Oska Wald fängt die Tristesse treffend krakelig ein. Klasseding. Spannend ist, ob sich tatsächlich welche finden, die, wie angeboten, in dem Fortsetzungsteil dann Werbung schalten wollen. Für Stricke vielleicht? Oder für BHs für die göttliche Vermieterin der Hauptfigur?
Philip Nussbaum

Kommen wir nun zu den zwei Jahresabschlußplatten, die den Rezensionsreigen in diesem Jahr, ehm, abschließen...

Paulas letzte Chance – Dieser Mist läuft auf jedem Kanal (Mini-LP)
B.E.F.I.N.D.L.I.C.H.K.E.I.T – schreibt man das so? Dachte zuerst, Markus Wiebusch hätte jetzt ein neues Akustikprojekt. Ist er aber gar nicht. Sondern der Trommler von Berlins aufstrebender Punklegende LITBARSKI mit Unterstützung. Klingt trotzdem ziemlich nach Kettcar. Akustikgitarrenriffs kuscheln sich an deutschsprachige Texte der melancholischen Art . Meine Freundin würde das ganz süß finden, zumindest die sehr nachdenklichen jungen Männer, die sowas machen und bestimmt nur sehr wenige Sachen im Leben lustig finden. Auch wenn sie wortkarg am Tresen stehen das zehnte Bier nuckeln. Vielleicht sind sie einfach nur … schüchtern? Also Paula, pass gut auf: Wäre das meine letzte Chance, dann würde ich mich mal locker machen. Wenn ich das jetzt verkacke, dann öffnet sich halt eine andere Tür im Universum. Wird schon alles mit dem Leben und so. Eigentlich die perfekte Platte für die Tage zwischen den Jahren, um bei einer Tasse Kaffee in die Fenster vom Knast auf der anderen Straßenseite zu starren.
(G) Gary Flanell

ROOM FULL OF STRANGERS – Bad vacation
Immer wenn ich seit ein paar Monaten in einem Berliner Club Musik auflege, nehme ich diese CD mit. Ich denke nämlich immer, das könnte was für das Publikum in einem sogenannten Indie/Alternative-Club sein. Es kam aber nie dazu, dass ich die RFoS aufgelegt habe. Das liegt daran, dass die Clubbesucher immer Rage against the Machine, The Cure oder The Smiths hören wollen. Nichts anderes. Immer nur Rage against the Machine, The Cure oder The Smiths, die ganze Nacht. Wenn was anderes läuft, werden sie böse. Dabei wären ROOM FULL OF STRANGERS (denn genau das ist ja ein, eigentlich jeder Club: Ein Raum voller fremder Menschen.) für diesen Club genau richtig: Sie haben ordentliche Punkrockgitarren, eine schicke Orgel. Sind aber nicht zu krachig, sondern erinnern eher an die frühen DEAD Boys oder an die NEW YORK DOLLS. Und das wichtigste: Tanzen kann man dazu auch gut. Wenn alle fremden, die man s in einem Club trifft, wie diese band wären, dann hätten wir alle einen angenehmen Abend. Dass RFoS eine gute Band ist, sollte eigtnlich die ganze Welt wissen. Aber ich bin kein Musikmissionar. Deshalb kriegen die Clubmenschen nur „Panic“ von dem Smiths. Oder zum 100sten Mal „Boys don’t cry“ von The Cure. Sie wissen ja nicht, was ihnen entgeht.
(F) Gary Flanell

Mittwoch, 2. Dezember 2015

California Über alles

Die Biografie der Dead Kennedys von Alex Ogg

Bücher über Punk gibt es mittlerweile sehr viele. Wahrscheinlich lässt sich damit ein ganzes Archiv füllen. Aber das gibt’s ja schon. Auch über einzelne Bands wurde ja auch schon einiges , mehr oder minder interessantes zusammengeschrieben.Nicht, dass ich sagen würde, jetzt reicht's mal, aber wenn ich mich so umschaue, ist die Dokumentatin doch recht ungleich verlaufen. Massenweise Literatur gibt es über die RAMONES, die SEX PISTOLS, THE CLASH, CRASS undsoweiterundsofort gibt es ja schon massenweise. Seltsamerweise wurde aber bisher eine der erfolgreichsten Punkbands ever biografisch noch nicht aufgearbeitet – die DEAD KENNEDYs. Bis jetzt.

Zeit wurde es ja mal. Vielleicht hat Alex Ogg, der Verfasser der DK-Biographie „California über alles“ einen kleinen masochistischen Hang. Denn so einflußreich die Band war, umso schwieriger dürfte es gewesen sein, die Mitglieder über die gemeinsame Zeit berichten zu lassen. Es ist vielleicht eine ganz besondere Tragik, dass diese Band, die für viele ein Inbegriff der coolen, „guten“ Punkband war, die für DIY steht wie sonst keine Anfang der 80er, dass diese Band mittlerweile heillos zerstritten ist und sich jahrelang gegenseitig ohne zu zögern den sprichwörtlichen Schlamm um die Ohren gehauen hat.

Wegen Tantiemen, Rechteverwertungen und Abrechnungen. Ich gebe zu, dass meine Sympathien lange Zeit komplett auf der Seite von Jello Biafra lagen. Vielleicht aus dem Grund, dass der ja nach dem Ende der DKs regelmäßig neue Projekte startete, von denen eigentlich alle immer sehr erfrischend und spannend waren. Wiederholung oder Rückschau waren nie Jellos Ding. Statt sich auf den Kennedys-Lorbeeren auszuruhen, und sich eventuell eine Band zusammen zu suchen, mit der er bis ans Ende seiner Tage die alten Hits spielen könnte, ging er immer neue Projekte an. Mal Punk, mal Country (mit Mojo Nixon), mal spoken word Performances, mal Elektro-Industrial-Rock (LARD), mal einfach eine neue Punk/Rockband mit verschiedenen Buddies. Nicht zu vergessen wäre dann noch Alternative Tentacles, jenes Label, das auch abseits der Dead Kennedys immer für interessante Platten gut war.

Von seinen ehemaligen Mitstreitern Klaus Flouride, East Bay Ray und D.H. Peligro kam dazu im Vergleich in den 30 Jahren nach der Auflösung wenig. Ein paar Touren mit einem Ersatzsänger – wobei ich mich frage, was einen Punkrocker dazu treiben kann, zu versichen, Jello Biafra in dieser Band glaubwürdig ersetzen zu können – das war's.

Wie das alles so kam, vom Anfang bis zur Auflösung 1986, nach der letzten LP Bedtime for Democracy und danach zu dem fiesen Zwist um das Erbe der Band, ist also schon spannend.
Alex Ogg behandelt in seinem Buch gar nicht auf die ganze Geschichte der Dead Kennedys. Dann wäre es wahrscheinlich ein 6-bändiges Werk geworden und Alex hätte die nächsten Jahre in einem Sanatorium zubringen müssen. Aber die Fronten zwischen den Bandmitgliedern waren zutiefst verhärtet, wie Ogg anschaulich im Vorwort erklärt. Ursprünglich waren Teile des Buchtextes als Liner-Notes für eine Neuauflage der ersten DK-LP „Fresh Fruit for rotten vegetables“ vorgesehen. Biafra vs. the rest of the band, hauptsächlich East Bay Ray, waren die Kontrahenten. Es ist fast absurd zu lesen, wie Oggs Interviewtranskriptionen, die er für das Manuskript verwendete von der jeweiligen Gegenseite komplett auseinander genommen wurden. Wie man sich um einzelne Formulierungen stritt. Wie es seitenweise Anmerkungen gab. Wie aus ursprünglich 5000 Wörtern CD-Beilagentext auf einmal 64.000 wurden.

Leider habe ich Alex Ogg bei seinen Lesungen in Berlin verpasst, ich könnte mir aber vorstellen, dass er ein Mensch mit einem sehr langen Atem sein muss, um zwischen diesen beiden Streitparteien hin und herswitchen zu können. War da Buddhismus und Meditation im Spiel? Keine Ahnung, wieviel Geld es für dieses Buch gegeben haben wird, aber das allein kann Arbeitsleistung nicht aufwiegen.
Von daher ist es verständlich und im Sinne der seelischen Gesundheit des Autors, dass in „California über alles“ nur die Anfänge der Band in der frühen Punkszene von San Francisco Anfang der 80er, bis nach der Veröffentlichung von „Fresh fruit...“.
Für diesen Zeitraum bekommt man allerdings alles, was man von einer guten Punk-Bio erwartet. Viele Livefotos, Comics über die Bandgeschichte, zahlreiche Bilder vom Artwork der Platten, das ja bei den DKs immer eine sehr wichtige Rolle spielte und natürlich viele Hintergrundinfos zum Werdegang der Band. Die gehen mir allerdings manchmal zu sehr ins Detail. Ich meine, ist es wirklich wichtig, welche Bandmaschine die DKs bei den Aufnahmen zu ihrem ersten Album benutzt haben? Trägt es wirklich zum Verständnis des Debutalbums bei, wenn man weiß, dass es das große lolliförmige Sonymikro war, mit dem aufgenommen wurde? Davin ab liefert „California...“ 177 Seiten viele Infos über eine der einflussreichsten Punkbands ever. Sagte ich 177 Seiten? Aber das Buch hat doch 240, was ist da los?

Die Wahrheit ist: Nach knapp 180 ist merkwürdigerweise schon Schluß mit dem eigentlichen Text. Die anschließenden 60 Seiten sind gefüllt mit Anmerkungen, Zitaten von Musikerkollegen zum Einfluß der Platte, weiterem Artwork, einer Timeline und einer Discographie. Das mag alles Sinn machen, trotzdem war ich ein wenig überrrascht über das abrupte Ende. Und irgendwie auch ein wenig enttäuscht, denn Alex Ogg hat, abgesehen von dem Hang zu vielen Details (s.o.), eine gute Schreibe. Stell dir vor, du erwartest als Kind eine geile lange Gute-Nacht-Geschichte von deinem Großvater und das was er dir erzählt, ist nach 10 Minuten schon vorbei, und du bis noch gar nicht müde. So ungefähr war das, als ich „California über alles“ zuklappte. Ich hätte also gern noch erfahren, wie es weiterging nach der ersten DK-Platte. Wäre schön gewesen, wenn da noch mehr wäre. Aber andererseits... bleibt so ja noch die Möglichkeit der Fortsetzung.

Alex Ogg: California über alles Dead Kennedys – wie alles begann 240 Seiten Ventil Verlag ISBN 978-3-95575-008-4



Gary Flanell

Donnerstag, 26. November 2015

Renfield - The reviews Pt. 2758

26. November 2015. Renfield-Magazin Nummer 31 ist gerade knapp eine Woche raus. Das Fest zur Veröffentlichung war rauschend, auch dank der netten Bands KÜKEN und RAZOR CUNTS Und , nicht zu vergessen, dank des famosen DJs Angelika und seinem spontan eingerittenen Sidekick. Weil das Heft so picke-packevoll mit geilen Stories geworden ist, wurden ein paar Rezensionen auseelagert. Aber nicht auf dem Müllhaufen der in Ehren vergessenen Tonträger, sondern hier und jetzt - auf den Blog.

ACID BABY JESUSSelected Recordings (Slovenly)
Yeah, du. Voll verdrogte Hippiekacke mit übersteuerten Höhen, die dir mal echt einen fetten Horrortrip verpassen, man. Morgens vor der Arbeit eine echte Herausforderung für den Biorhythmus. Aber: Nach Feierabend und in entgrenzter Runde, in der man sich unbekleidet nachrennt und versucht, die anderen mit den primären oder sekundären Geschlechtsmerkmalen abzuklatschen, ist das tatsächlich recht kurzweilig zum einen, nicht unerheblich hypnotisch defokussierend für die dann erforderlichen Verschnauf- und Inhalierpausen zum anderen. Ein wenig aus der Zeit gefallen, ein ganz kleines bisschen zu plakativ, aber yeah, du, wenn wir erst alle verschmolzen sind wie die Klumpen in der Lavalampe doch immer noch so easy, du. Philip Nussbaum

DER FEIND - 7inch (Bleeding Heart Nihilist)
Herr Harley, es ist mir eine Ehre. Der werte Chef schickt mir die erste 7“ ever, und dann ist es nicht irgendetwas, sondern eben das Ihre Machwerk. Rumms. Noch Fragen nach dem Abspielen? Nö. Danke, weitermachen. Da gibts mit Anlauf auf die Fresse und das unglaublicherweise gleich acht Mal auf einer popeligen Single, so lässt es sich leben in all der ankotzenden Unlebbarkeit. Faster faster! Kill kill kill! Zum Beispiel eine Pussycat, aber nur zum Beispiel und/ oder als Anfang. Herr Harley, ich ziehe meinen Hut vor Ihrer vehementen Kriegsführung, Gefangene sind tatsächlich überbewertet und stehen eh meistens nur im Weg herum. Sehr gerne biete ich eine Koalition an, denn als Feind möchte ich Sie gerade nicht so gerne. Philip Nussbaum

East Ends – What’s the furthest place from here? (Homebound Records)
Auch in Menden weiß man: Eine Zwei-Mann-Kapelle muss nicht unbedingt billigen Garage-Trash dudeln. Vielleicht sind die East Ends Deutschlands erstes Emocore-Duo. Oder einfach ein Duo, das Popsongs schreibt, denn eigentlich ist es Popmusik. Einfach nur schlichte, von Gitarren getragene, gute Popmusik. Sowas wie Jimmy eat World oder die Get-Up-Kids oder wer sich sonst so ins Emo-Diary eingetragen hat, in den 90ern gemacht haben. Nur halt zu zweit. Da klingt natürlich alles ein bisschen reduzierter, aber schlecht ist das nun nicht. Auch der Schulband-Alarm bleibt nach dem Textstudium seltsamerweise ganz aus. Sowas wie „Is it light depression or just some dark days?” kann man durchaus mal schreiben. Und singen. (G) Gary Flanell

Loser Youth – Livin‘ la vida loca – LP (amsa-records.de)
Der Trend geht zum einseitigen, warum auch nicht? Deshalb hat Hamburgs Verlierernachwuchs alle ihre neun Songs auf eine Seite einer neongrünen Vinylplatte gepackt. Reicht ja auch, wenn man ultraschnelle Deutschpunkhacker spielt. Ist aber nicht der klassische, schon etwas miefige Asi-Dicke-Männer-Deutschpunk, sondern eher so eine hektische HC-Kante. Man ist hörbar sauer auf alles und jeden und hält nicht hinterm Berg damit. So schnörkellos hingerotzt gefällt mir das besser als manche Band, die den hundertsten Turbostaat-Abklatsch liefert. Der Titel in Zusammenhang mit dem Cover (Band auf Spielplatzschaukeln, gelangweilt guckend) zeigt, dass die Herren auch im GK Humorverständnis fleißig mitgemacht haben. Und ein Refrain wie „Astrologie ist wichtiger als Geld“ sowieso. (F) Gary Flanell

METEORIT - Tape (Greatberry Tapes, Kassette)
Beim Zivi haben wir einen Typen gefahren, der sich die Augäpfel rausgedrückt hat, um Farben zu sehen. Er konnte „Kassette“ und eine Zusammenschleifung von „Ivona“ (seine Mutter) und „Tischlampe“ sagen. Ich hätte auf ihn hören sollen. METEORITs Best of wäre in anderen Bewertpostillen unzweifelhaft die „Schönheit der Ausgabe“. Ein kopfstehendes Reh als Cover, lustige Stickerchen der Band als Gimmick und zwölf deutschsprachige Poppereien aus den beiden für Ömme kriegbaren Alben der Musikanten. Gewinnerding für Die Sterne- und Geschichtenmittieren-Möger. Und sicher auch für Augäpfelrausdrücker. Philip Nussbaum

MOVIE STAR JUNKIESEvil Moods (Voodoo Rhythm Records)
Nick Cave goes "Die Straßen von San Francisco" und meets there ein paar Typen, die mit ihren Instrumenten das eine oder andere Noisige anstellen. Draußen ist's grad was kühl, also geht man mal zusammen irgendwohin und haut sich da ein paar Flaschen Kaffee in den Kopp. Großstadtinderspätsommersonnesoundtrack. Mit deutschen Landschaften leider irgendwie inkompatibel, so dass vorzuschlagen ist, den musikalischen Film um sieben Uhr im abgedunkelten Verwaltungsbüro oder kurz nach Mitternacht während einer Autofahrt auf einer Pottbundesstraße laufen zu lassen und sich die passende Beleuchtung vorzustellen. Philip Nussbaum

PRECIOUS FEWTales (Tumbleweed Records)
Wäre es ein etwas hochstimmiger Sänger, dann hätte es vielleicht sogar etwas. Vielleicht wenigstens. Tatsächlich ists aber eine etwas tiefstimmige Sängerin, und es fehlt etwas. Textlich einfach drauf los, überwiegend in schön sperrigem und reimfreiem Denglisch, hauptsächlich ohne relevante Story, aber was solls. Das ist nicht der Punkt. Das musikalische Gesamtpaket ist nicht wirklich sympathisch, was folkigem Singer-/ Songwriterkram mit seiner Lagerfeuernähe doch recht leicht fallen könnte. Spröde? Hm. Ja? Nö. Beim Drübernachdenken und Nichtseinfallen zum schön schick verpackten und klanglich völlig okayen Promoteil aus dem Hause Tumbleweed bleibt’s bei einem leidlich interessierten Vielleicht. Philip Nussbaum

Resolutions/Up for Nothing –Split 7” (Homebound Records)
Eine Band aus Hannover (nein, nicht die Scorpions incognito) und eine aus Brooklyn (nein, nicht die Beastie Boys incognito) teilen sich diese schneeweiße 7inch. Je zwei Songs gibt es und auch gewisse Gemeinsamkeiten – ist nämlich alles Punkrock mit Herz. Also Emo-Core und das um Viertel nach 9 am Montag. Ebendie Art, wie man sie oft auf No-Idea-Releases oder beim FEST in Gainesville hören kann. Bißchen rauh, bißchen melancholisch und nachdenklich. Up For Nothing haben ein bißchen mehr Bums, sogar bei ihrem Akustikgitarrentrack. Resolutions sind dagegen fast so poppig wie Samiam. Das Credibility-Salz in der Suppe kommt durch den Mix, den hat nämlich Descendent Stephen Egerton besorgt. Beides sehr solide, aber nicht besonders aufsehenerregend. (J) Gary Flanell

Sand.IGStill–EP (Lautfrosch Records)
Vor ungefähr 10 Jahren war ich sehr angetan von einer Platte mit dem Titel “Waren des täglichen Bedarfs”. Die lief in unserer WG rauf und runter und war von den Berlinern Sand.IG. Die Texte sorgten jedenfalls für gute Assoziationen und „Kopfschwanger“ haben wir alle gerne mitgesummt. Auch musikalisch war das ziemlich gut. Abwechslungsreich, nicht zu nerdig und mit dem ordentlichen Noise-Rock-Wumms dabei. Danach sind Sand.IG aus meinem Blickfeld verschwunden, ich glaube sogar etwas von einer temporären Auflösung gehört zu haben. Nach all der Zeit traf ich sie wieder, bei einem Konzert in meinem liebsten Trinker-Souterrain. Nach 10 Jahren Pause wirkt manches auf mich auf die Distanz etwas zu theatralisch. Klangen Sand.IG schon damals die Skeptiker auf dem Krautrock-Trip? Wie die Neubauten als Post-Rock-Barden? Muss mal wieder die “Waren des täglichen Bedarfs” rausholen. Ein zweites Mal Kopfschwanger werde ich bei dieser EP leider nicht. (G) Gary Flanell

TEAR THEM DOWN Ett liv i härlighet (F. A. M. E. D. Records)
Deutsch, Englisch, Swaheli – völlig irrelevant. Also mal keine Sorge, ihr Schweden, ihr. Euer kurzes Dingelchen wird natürlich betrachtet, und dann (Tubenausquetschgeräusch) Senf dazu, da brauchts keine Devotie oder Herkunftskoketterien im Begleitschreiben. Komischer Ansatz. Wenn ihr ein teutsches Heftchen für sowieso borniert haltet, warum schickt ihr euren Mist überhaupt dahin? Alte Freunde verprellt man so, neue gibt’s dafür dann nicht. So. Kurzeentfernungsratatata auf Schwedisch. Ich könnte meine Tante fragen, wovon die da skatepunkig erzählen, aber der geht’s gerade nicht passend. Und leider interessiert’s mich auch nicht brennend genug. Das Video zu „En Insikt“ hilft wohl denen, die da anders aufgestellt sind, und glänzt noch dazu durch angenehme Abwesenheit der Band. Philip Nussbaum

Van Ursts/t (Rookie Records)
Es kommt selten vor, dass ich eine Platte mehr als fünfmal höre und dann immer noch nicht weiß, welche Band das gerade ist. So ein Fall liegt bei Van Urst vor. Vor einigen Jahren hätten sie mit diesem Sound allen aufgefallen, die auf Fugazi, Rites of Spring und ähnliches Dischord-Zeug stehen. Also eben nicht doof, sondern ganz gut durchdacht. Leider zünden V.U. bei mir nicht so urst, wie es sein könnte. Dazu ist die Gitarre manchmal etwas zu dünn und auch dieser Wechsel zwischen deutschen und englischen Texten erscheint mir etwas zu ambitioniert. Vielleicht besser für eins entscheiden. Bis dahin leg ich meine alte Jim-Croce-Platte auf. (H) Gary Flanell

The YolksDon’t cry anymore – 7inch (Bachelor Records)
Gerade schwelgte ich noch in der Verträumtheit der LP von Yolks-Sänger Spike mit den Sweet Spots, da kommt mir die erste Seite der neuen Yolks-7inch zum Aufwachen ganz recht. Flotter als sein Solowerk geht Spike hier auf alle Fälle zur Sache. Wobei sich der echte Hit auf der B-seite versteckt. „I wanna be dumb“ hat das Zeug, einer meiner Lieblingsauflegesongs zu werden und kommt deshalb sofort in die allzeit griffbereite DJ-Handwerkskiste. Knackiger Beat, gute Geschwindigkeit und eingängige Melodien - what do you wanna mehr from a Band out of San Francisco ohne Flowers in their Haare? (F) Gary Flanell

Dienstag, 17. November 2015

Graz ohne Texte, Wien ohne Socken, Salzburg ohne Technik



Die SCHABEN KANNS NICHT Periplaneta-Tour Österreich 2015

„Wer ist denn dieser Österreich? Wie heißt der denn?“, so soll mein Kind genervt ausgerufen haben, als sein Vater ihm erklärte, warum Mama immer noch nicht wieder da ist. Denn Mama war, so berichtet also die Legende, in Österreich. Auf Lesetour. In Graz, Wien und Salzburg. Zusammen mit zwei leicht schäbigen Stars der DIY-Punk-Avantgarde: dem HC Roth und dem Gary Flanell, auch bekannt als URS GROB BOOTSBETRIEB.
Dass Mama vorliest, sah mein Kind noch ein, denn das tut sie ja tagein, tagaus. Warum sie das aber in Österreich mit den schäbigen Bootsbetreibern tut und nicht zu Hause, wollte sich ihm nicht erschließen. Jetzt ist er aber wieder bester Dinge, obwohl ich vergessen habe, ihm eines dieser psychedelischen Plüschmonster vom Salzburger Flughafen mitzubringen, wie ich es eigentlich vorhatte. Aber der Gary Flanell wurde hektisch und so durfte ich nur eine Riesentafel Schokolade erwerben, für mehr war keine Zeit mehr übrig.

„Laaangweilig nach der Tour! Und dabei war es nur eine ganz kleine Tour!“ jammerte ich. „das rockstarsyndrom. die gähnende leere nach dem grossen narzisstischen rausch“, spottete mein guter Freund Freak Ass E, der es wissen muss. „hotelzimmer zerlegen soll helfen, oder charity“. Nun hatten wir aber die Gage längst für Grazer Schweinebraten, Salzburger Nockerln und Allerorten Krainer auf den Kopp jehauen (sorry HC, der das täglich mit ansehen musste), und für die Hotelzimmer hatte es denn nun doch nicht ganz gereicht. Also tue ich statt dessen, wofür man mich meist nicht bezahlt, und schreibe.

Es folgt das Tour-Tagebuch.

1. GRAZ OHNE TEXTE

Eine Tour spielt sich, das liegt in der Natur der Sache, an anderen Orten ab. In diesem Fall in Graz. Dort erstmal hinkommen, heißt verdammt früh aufstehen, sogar noch früher, als es zwei Drittel der Tourenden auf Grund von Versorgungsarbeit ohnehin gewohnt sind. Der HC ist dafür in Graz schon vor Ort und holt uns netterweise bei strahlendem Wetter vom Flughafen ab, und es ist immer noch erst zehn oder so. In Graz übrigens, so werden wir informiert, ist das Wetter immer strahlend, während es in Wien immer regnet, so ist das da geregelt. Unsere Erfahrung bestätigt dies.
Im Explosiv können wir erstmal unser Zeug abladen. Wir können das nur, weil ein selbstloser Mensch uns extra erwartet, um uns die Türen aufzuschließen. Kaum begrüßt er uns, befallen mich massive Selbstzweifel. Wie können wir es schaffen, Menschen zu bespaßen, die selber schon so ungeheuer putzig sind, sobald sie nur den Mund aufmachen? Es tut mir leid, dass ich hier Klischees reproduziere, was ich sonst zumindest bemüht bin zu vermeiden. Aber dieser österreichische Akzent! Egal wo! Ich kann das eh nicht auseinanderhalten! (Obwohl der HC mich darin zu unterrichten versucht.) Wie niedlich ist das denn! Der selbstlose Mensch begrüßt die Jungs und wendet sich dann charmeoffensiv an mich: „Küss die Hand, Madame.“ Und das nennt sich hier Subkultur.

Leider muss uns der HC erstmal verlassen, da seine Versorgungsaufgaben für diesen Tag noch nicht abgeschlossen sind. Doch der selbstlose Mensch führt uns im Explosiv herum und wir erfahren dabei das volle Maß seiner Selbstlosigkeit: Er ist nicht etwa zeitig aufgestanden, um uns zu begrüßen, er ist noch gar nicht ins Bett gegangen. Dementsprechend bewegt er sich vielleicht etwas langsamer als sonst, doch seine Gastfreundschaft ist davon nicht beeinträchtigt. Zwischendurch dreht er sich zu uns um und vermerkt besorgt: „Aber nicht gleich drüber schreiben, ja?“


Das Explosiv befindet sich in einer ehemaligen Bonbonfabrik (Zuckerln!“) in der Nähe vom Grazer Bahnhof und erinnert uns an eine Großversion unseres eigenen Wohnzimmers in Kreuzberg. Dem entsprechend fühlen wir uns auch gleich zu Hause. Nach einiger Zeit brechen wir dennoch Richtung Innenstadt auf, aufgemuntert und angeregt und des Sprechens kurzfristig kaum mehr mächtig, denn der selbstlose Mensch, welcher anonym zu bleiben wünscht und nun endlich mal schlafen gegangen ist, hat uns selbst angebaute Chilis kredenzt, aus denen er thai-style Köstlichkeiten zu zaubern pflegt.

Unterwegs dämmert uns etwas. Nämlich, dass wir gegen Abend eine Lesung veranstalten sollen, falls wir bis dahin trotz chilitauber Zunge wieder artikuliert sprechen können. Die bereits publizierten Periplaneta-Autoren sind natürlich im Besitz diverser selbstgeschriebener Bücher, die sie stets hoffnungsvoll mit sich führen, um sie unter die Leute zu bringen. Ich aber habe so etwas nicht und auch der Flanell will eigentlich neue Texte lesen, die noch nicht im Flanell-Kanon offiziell enthalten sind. Wir haben also Bedarf an moderner Technologie, namentlich einem Drucker und einer Internetverbindung.

In den nächsten Stunden stellen wir fest, dass wir arrogante, selbstgefällige, privilegierte, hochnäsige Großstädter sind, die sich einbilden, der Rest der Welt sei ein einziges Internetcafe. Nachdem unsere Selbstreflexion abgeschlossen ist, gehen wir erstmal fürstlich essen. Dann muss der Flanell unbedingt unter einer Uhr fotografiert werden, was ihm hinterher selber peinlich ist, denn Tourist zu sein ist das eine und so auszusehen etwas anderes. Zum Glück habe ich aber eh irgendeinen Finger versehentlich davor gehalten und die Fotos sind ruiniert, so dass das entwürdigende Schauspiel ganz fruchtlos geblieben ist.

Dann wenden wir uns an eine Bevölkerungsgruppe, die am ehesten unsere Bedürfnisse zu verstehen scheint: fünfzehnjährige Schulmädchen. Und siehe da, mitleidig nehmen sie sich unser an und erklären uns, wo wir vielleicht hoffentlich unsere Texte ausdrucken können: in einem schicken Schreibwarenladen, in dem selbst die Notizbücher zehn Euro kosten. Echt? Ja, echt, versichern sie uns. Wir also hin und ja, tatsächlich, im Obergeschoß erlaubt man mir, an einem Rechner meine Texte runterzuladen und auszudrucken. Die progressiven Verkäuferinnen werden dabei missbilligend von ihrem Chef beäugt. OK, nächstes Mal werde ich einen Datenträger mit mir führen, damit die Mädels nicht wegen mir Ärger kriegen. Endlich habe ich Texte.

Wir besichtigen noch ein bisschen und essen Krainer und touristen so rum, um dann noch eine Runde zu schlafen. Zur Abendveranstaltung tauchen wir verpennt wieder auf und treffen den HC am Tresen an. Die Massen strömen und wir beginnen vor vier Gästen zu lesen, die zwar allesamt sehr freundlich sind, sich ihre Begeisterung über unsere Kunstfertigkeit jedoch nicht anmerken lassen. Das verunsichert etwas am ersten Abend, doch tapfer stürzen wir uns ins Gefecht, aufgelockert durch das Krokodil mit Schwimmflügeln und die Gesangseinlagen des HC.

Leider sind meine Texte verschwunden, was daran liegt, dass der Flanell sie geklaut hat, um darauf die Zeilen seines epischen Poems „Michel Piccoli“ für die Performance von URS GROB BOOTSBETRIEB zu notieren. Ich finde sie wieder und beglücke Graz mit kreuzbergspezifischer Alltagserfahrung zu begrenzter Resonanz. UGBB aber retten schließlich noch den Abend und bringen sogar die überaus höflichen, doch bisher emotionsfreien Gäste zum Rocken. Ich bin erstmal erschöpft und schaue ihnen zufrieden zu, wie sie nach den Meisterwerken „Alter Mann“ und „Michel Piccoli“ letzteres nochmal als Soul-Version spontan intonieren. Ich bin nachhaltig und ernsthaft beeindruckt, und die Grazer sind es auch. Dann gehen alle, schließlich ist es Donnerstag. Nur Flanell und ich irren noch ein Weilchen durch die Nacht auf der Suche nach weiteren fünfzehnjährigen Schülerinnen, die unsere Bedürfnisse verstehen. Ersatzweise finden wir ebenso hilfreiche auszubildende Mädels in Feierlaune, die uns in die Richtung der Drei Goldenen Kugeln weisen. Wir händigen dieser Grazer Institution unsere Gage aus und erhalten dafür eine unglaubliche Essensmenge, die man uns allerdings am Tisch direkt verpackt überreicht als zarten Hinweis darauf, dass wir eigentlich auch gleich wieder gehen könnten. Also schleppen wir die Beute nach Hause und nennen es erstmal einen Tag, nämlich den ersten.

2. WIEN OHNE SORGEN/SOCKEN

Am zweiten Tag haben wir ausgeschlafen, das ist eine unglaubliche Erfahrung, vor allem für mich. Im folgenden wird sich allerdings erweisen, dass ich ein Weichei bin, weil der HC sonst immer genauso früh aufstehen muss, auf Tour dann aber gleich so gut wie gar nicht mehr schläft. Wenn das Punk ist, bin ich zu schwach. Aber ist wahre Faulheit nicht auch irgendwie Punk? Jeder ihr Punk, beschließe ich und penne allnächtlich episch, während ich dem HC die biertrinkende Zusammenrottung mit den jeweiligen Veranstaltern überlasse, die dazu tendiert, bis gegen sechs Uhr früh anzudauern.

Den Besten unter diesen selbstlosen Menschen treffen wir als erstes an, wie er rapunzelmäßig aus seinem Wohnzimmerfenster hinaus ruft, um uns anzuzeigen, wieviele Wiener Stockwerke wir in seinem turmähnlichen Treppenhaus erklimmen müssen. Es handelt sich um den Betreiber von Schall & Rauch Platten, aka der Klaus. Wir werden in Wien empfangen mit Regen und Polizeikontrollen am Bahnhof auf Grund einer hohen Zahl ominöser Flüchtlinge, die angeblich den Wiener Westbahnhof nahezu lahmgelegt haben sollen, von denen aber absolut nichts zu sehen ist. Es sei denn, man würde die sehr sichtbaren Polizisten epistemologisch als Spuren der unsichtbaren Flüchtlinge einstufen, sinniere ich und fühle mich trotzdem gleich wohler, weil bunthaarige Mädchen sich zur Begrüßung zärtlich knutschen und eine Beth-Ditto-Kopie ihren wonnig voluminösen Hintern in schwarzweiß gestreiftem Stretch und schön zerlöcherten Strumpfhosen vor uns hin und her swingt. Wien ist auf sympathische Art nicht Graz.

Der nächste kleine Urghs-Moment nach der Polizeieskorte folgt aber dennoch auf dem Fuße, als wir erwägen, bis zu Klausens Haus mal eben rasch schwarz zu fahren, und feststellen, dass uns diese Aktion schlimmstenfalls dreihundertundneun Euro kosten würde. Für uns alle drei. Also hundertunddrei Euro Strafzahlung verhängen die Wiener Linien, falls wir uns in direkter Demokratie ihrer Transportmittel bedienen würden. In leichter Schockstarre ob dieser drakonischen Massnahmen erwerben wir ganz brav Fahrkarten und fahren stumm durch den Regen. In Klausens Haus hebt sich indessen die Stimmung wieder, wir verteilen rasch das Dosenbier und ziehen bester Laune zum Avalon.

Diese treffend benamste Insel der Seligen wird an diesem Abend zum Platz einer leidenschaftlich abgelieferten Schaben-Schau, die im Vergleich zu gestern deutlich an Schwung gewonnen hat. Vor lauter Freude bewerbe ich mich spontan um den Posten der Gast-Percussionista bei UGBB und nutze zu diesem Zwecke einen Kugelschreiber, meine Haarbürste und die zum Glück stabilen Biergläser des Avalon, sowie die unterliegende Tischplatte. Der Erfolg ist überwältigend, der HC liegt am Boden und die Innereien des Kugelschreibers fliegen irgendwann durch die Gegend. Überlebt haben die Gäste, die Haarbürste und die Biergläser, was mich zu zwei Anmerkungen verleitet.

Erstens: Es ist ein Zeichen für die wahrhaft große Seele des Betreibers vom Avalon, mit welcher fröhlichen Gelassenheit er den Missbrauch seiner Gläser beobachtete, und ein Zeichen für die Harmonie des Universums, dass keines davon kaputt gegangen ist. Zweitens: Douglas Adams, sonst in jeder Hinsicht vertrauenswürdig, irrte in der Angelegenheit der weit überschätzten Handtücher. Merke: Ein Handtuch, das du mit dir führst, ist nach einem Gebrauch schon nass und wird nie mehr ordentlich trocken, müffelt nervig in deinem Gepäck herum und ist eh überflüssig, denn Handtücher gibt es überall. Entscheidend ist dagegen das Mitführen einer Haarbürste. Es sei denn, du hast keine Haare. In diesem Fall empfehle ich einen Löffel.

3. SALZBURG OHNE TECHNIK



Wild und wüst, wie wir sind, riskieren wir alles und werfen unsere jeweiligen Existenzen in die Waagschale, um in heroischer Manier die eine Station zum Westbahnhof für 309,- Euro zu fahren. Nur der Klaus, heroisch bis zum Letzten aber nicht komplett bescheuert, verzichtet darauf, uns zu begleiten, bringt uns aber bis zur U-Bahn und winkt uns noch nach, um dann nach Hause zurückzukehren und einzusammeln, was wir vergessen haben: die DEAD KENNEDYS-Biografie von Alex Ogg mit reingekritzelten Songtextideen und Flanells stinkige Socken. Daher: Wien ohne Socken.

In gehobener Stimmung, weil wir unsere Gage NICHT an die Wiener Linien abgeben noch unsere Familien in Schuldknechtschaft schicken mussten, erledigen wir noch rasch den obligatorischen Kaffeehausbesuch in Gesellschaft wunderbarer kleiner und großer Menschen, die der Flanell von früher kennt und die extra vorbeigekommen sind, um mit uns zu frühstücken. Dann schnappen wir uns im letzten Moment den Zug nach Salzburg, obwohl uns die Nina vor der katholisch-vergoldeten Hochkultur bereits gewarnt hat. Und recht hat sie, die Stadt ist eine einzige Mozartkugel. Wir stellen ethnologische Betrachtungen an und kommen zu dem Schluß: Während in Wien die Bohème in langer Wiener Tradition in Kaffeehaus und Avalon als Wiege der Zivilisation fungiert, klafft in einer Stadt wie Salzburg, die recht klein ist und sich auf ökonomisch äußerst hochwertige Hochkultur konzentriert, ein nahezu unüberbrückbarer Abgrund zwischen dieser und der von uns zu frequentierenden Subkultur.

Wir nagen uns also mit erhobenen Fühlern durch die Mozartkugel und glauben, dass der tapfer voranmarschierende HC deswegen dauernd auf sein Telefon guckt, weil er den Weg zur Subkultur zu finden versucht. Später stellt sich heraus, dass er in Wahrheit Billy Pinguin und Brigitte Brillenpinguin im Schaufenster des Steiff-Ladens entdeckt hat und diese seine Protagonisten abfotografiert auf FB posten muss. Auch ist er ständig bestrebt, uns Mozarts Geburtshaus zu zeigen, welches er an jeder Ecke aufzufinden behauptet. Wir wollen das aber nicht sehen, sondern essen. Zwar finden wir ohne allzu viel Mühe die Salzburger Subkultur in Gestalt des SUB, doch ist dort noch niemand und wir sind hungrig. Wir treffen auf ein bürgerliches Gasthaus (geschlossen), eine Pizzeria (geschlossen) und eine Bushaltestelle (geöffnet), welche genutzt wird von Trägern schwerer Stiefel mit weißen Schnürsenkeln. Gerade als uns Beklemmung beschleicht, entdecken wir das freundliche Licht einer Gaststätte, die uns zukünftig als Hertas Mäusebude im Gedächtnis bleiben wird.

Herta ist eine schmerbäuchige bärtige Kapitänsgestalt, die uns Würste kocht, nachdem der HC für uns übersetzt hat. Ansonsten hat sich Herta auf den örtlichen Schlager-Sender spezialisiert und trägt stolz eine für besondere Dienste um das Hotelgewerbe verliehene Urkunde an der Wand. Während wir die schmackhaften Würste und Pommes verzehren, kommt eine kleine Stammkundin zur Tür hereingewieselt und besucht ohne Eile ihre Freundinnen unter der Friteuse. Ganz entspannt verlässt sie Hertas Räumlichkeiten dann wieder und verschwindet unter dem Rinnstein. Wir entspannen uns auch. Wenn schon die Mäuse hier in der Gegend dermaßen angstfrei sind, vermute ich, brauchen wir uns vor den weißen Schnürsenkeln auch nicht zu fürchten.

Wir genehmigen uns noch etwas Dosenbier auf der Bank am Fluß, wie sich das gehört, und suchen dann das SUB auf. Ganz sicher bin ich mir ja nicht, ob meine bürgertumskritischen (und daher eigentlich auch nur bürgertumslustigen) Texte hier Anklang finden werden, aber immerhin haben sie ein süßes buntes Einhorn an die Wand gemalt – auch wenn jemand gleich streng daneben gekritzelt hat: „Infantilisierung ist scheiße!“ Wir bewegen uns definitiv auf hohem kritischem Niveau, was wir auch daran merken, dass eine Diskussion über Gewerkschaft, Streiks und Finanzkrisen noch nicht zu Ende gegangen ist und mit großem Ernst betrieben wird. Insgesamt ein sehr sympathischer Laden.

Die nun folgende Lesung der Schaben-Crew wird weitaus freundlicher aufgenommen als vermutet und spielt sich zwar in technik-austeren Verhältnissen ab, macht aber um so mehr Spaß. Nachdem beim HC das Mikro schon andauernd ausgegangen ist, verzichte ich ganz und stelle fest, dass man es nicht braucht. Nach der Lesung stellt der fleißig daran herumtuende Technikmensch seinerseits fest, dass das Mikro sehr wohl funktioniert, nur für uns nicht. Das macht aber nichts. Inzwischen mag man uns im SUB und für den HC hat man sogar schon laut vorgelesen (das Publikum ihm, nicht umgekehrt, ist das Outsourcing?) und sich im Kreise gedreht. Dabei flatterten weiße Schnürsenkel fröhlich im Wind. (Viele Stunden später werden der HC und ich den Fehler begehen, nach den weißen Schnürsenkeln zu fragen, was einen empörten Monolog über kulturelle Aneignung zur Folge hat – und warum man in der Schule nichts über GG Allin lernt.)

Wir schließen mit einer nunmehr eingespielten Performance von UGBB nebst Gast-Percussionista, der diesmal mehrere herumliegende Kleiderbügel zum Opfer fallen. Die Flaschen erweisen sich jedoch auch hier als erstaunlich stabil, das Publikum als erfreulich begeisterungsfähig, und als wir durch sind und die übrigens großartige Band angekündigt wird, zu der wir dann noch einige Schnäpse vertanzen, ruft es irgendwo aus dem Haufen: „Aber das war doch schon die Band!“ Vielen Dank für diesen letzten Satz, unbekannter SUB-Gast. Wir lieben euch.

Alissa Wyrdguth

Donnerstag, 22. Oktober 2015

Picknick at The Boulevard - Neulich in Casablanca



Casablanca? Da bringen die Synapsen oft nicht viel mehr als Assoziationen zu Humphrey Bogart und Ingrid Bergman zustande. Was aber heutzutage dort los ist, dass diese Stadt nicht nur die größte des Landes, sondern auch das wirtschaftliche und kulturelle Zentrum Marokkos ist, das haben seltsamerweise nicht allzu viele auf dem Schirm.

Denn Touristen verirren sich gar nicht so viele dorthin, obwohl die Stadt eine ähnlich lebendige Atmosphäre wie viele Metropolen in Südeuropa hat – und mittlerweile eben auch eine vielfältige, subkulturelle Szene, in deren Mittelpunkt das Kulturnetzwerk EAC L’Boulevard steht. Dazu gehört auch das gleichnamige Open-Air-Festival auf dem seit 15 Jahren marokkanische neben international bekannten Bands (SEPULTURA und NAPALM DEATH waren auch schon mal dabei) am Start sind. Aber wie funktioniert ein Rockfestival eigentlich in einer von Islam geprägten Monarchie, die als eines der wenigen Länder der Region die letzten Jahre recht stabil überstanden hat? Höchste Zeit also, sich das geballte Musikprogramm im dicken C mal genauer anzuschauen.

Wer sich 15 Jahre lang nicht davon abbringen lässt, ein Projekt voran zu treiben, hat entweder einen ausgeprägten Knall oder viel Hingabe für seine Sache. Sowas kennen und schätzen wir ja im Hause Renfield besonders und deshalb war ich besonders neugierig, das L’BOULEVARD-Festival mal genauer unter die Lupe zu nehmen. Inklusive Rahmenprogramm erstreckt sich das Festival mittlerweile über 10 Tage. Die ersten sechs Tage gehören größtenteils dem Nachwuchswettbewerb Tremplin, dessen Gewinner unterschiedlicher Stile dann an den letzten vier Tagen nochmal beim eigentlichen Festival auftreten dürfen.

Drei Mal war ich bisher in Marokko, und jedes Mal war ich ausschließlich in Casablanca. Zu einer Einladung zu einem der größten Festivals des Landes sage ich also nicht Nein. Gegen zehn Uhr abends schlage Ich an einem warmen Mittwochabend im September am Flughafen in Casablanca auf. Nach kurzer hektischer Suche finde ich mit Adir den richtigen Mann, der mich ins Hotel bringen soll. Auf der Fahrt über die leere Autobahn entpuppt er sich als überzeugter Fan des VfL Bochum und so quatschen wir entspannt über marokkanische Spieler beim VfL und über die Musik, die da gerade aus dem Radio läuft.

Adir lässt es sich nicht nehmen, während der Fahrt auf der dreispurigen Straße im Handschuhfach zu kramen, um die CD-Hülle zu suchen. Weil die sich so schnell nicht finden lässt, hält er mal eben auf der rechten Spur, macht den Warnblinker an und sucht genauer. Mitten auf der Autobahn. Kann man auch mal machen.

Das Hotel, in dem ich einquartiert werde, liegt so zentral, wie es besser kaum geht. Beste Lage heißt das wohl, direkt gegenüber der Medina, an der vielbefahrendsten Kreuzung der Innenstadt erhebt sich eine sehr schmucke weißgetünchte edel wirkende Fassade. Von innen versprüht es einen charmanten Charme wie das Etablissement in „Shining“. Abgewetzte Teppiche, leicht muffiger Geruch, Putz bröckelt von den Wänden, der zweite Stock ist komplett abgesperrt. Geil. Der lange dunkle Flur im dritten Stock wird nur von zwei kahlen Glühbirnen erhellt, und am Ende von einer überdimensionalen Spiegelwand beherrscht, auf der ich manchmal Schatten hin und her huschen sehe. Ich hoffe, es ist die Putzfrau.

Ankommen, auch auf dem Festival, ist nicht ganz so einfach. Schon das Festivalgelände zu finden, stellt mich vor Herausforderungen. Eigentlich ist es ja ganz leicht: Einfach in die einzige Straßenbahn der Stadt und bis zur angegebenen Haltestelle. Wenn es in einer Stadt nur eine Straßenbahn gibt, und man weiß, in welche Richtung man muss, sollte verfahren eigentlich ausgeschlossen sein. Ich schaffe es trotzdem, da die Bahn irgendwann aus mir unerklärlichen Gründen einen Abzweig nimmt. So fahre ich erst tief bis in wenig besiedelte Außenbezirke Casablancas, um dort festzustellen, dass ich komplett falsch bin. Dabei findet das Boulevard-Festival nicht irgendwo auf einer kleinen Wiese statt, sondern im Stade COC, dem Stadion des Sportclubs Olympique Casablanca.

Da das Open-Air mittlerweile in einem Fußballstadion residiert, lässt schon ein bisschen auf die Größe dieser Veranstaltung schließen. Der Einlass wird von Polizei und Miliz geregelt, die das recht junge Publikum durch zwei Gassen aus Absperrgittern leitet. Vielleicht liegt es an meinem grauer werdenden Bart, aber als ich mich in die Masse einreihen will, winkt mich ein Polizist zu sich und lässt mich auf einer dritten komplett freien Bahn ins Stadion. Gefilzt werde ich zwar nicht, muss aber den Schraubdeckel meiner Wasserflasche abgeben. Die Flasche selber allerdings nicht.

Bei Eintritt ins Stadion wird mir eine Sache klar, die ich so bisher noch gar nicht bedacht hatte: Das komplette Boulevardfestival kostet keinen Eintritt. Bei einer Veranstaltung dieser Größenordnung hatte ich eigentlich damit gerechnet, an irgendeiner Kasse Geld lassen zu müssen, Künstler wie ASIAN DUB FOUNDATION, LOUDBLAST, GNAWA DIFFUSION oder DJ Vadim müssen ja schließlich irgendwie bezahlt werden, ebenso die Acts, die aus Frankreich, Spanien, Dänemark oder dem Senegal kommen. Mit INWI, der drittgrößten Telekommunikationsgesellschaft Marokkos, hat das Festival allerdings einen sehr zahlungskräftigen Sponsoren an der Hand. Dazu kommen weitere Firmen und Kultureinrichtungen, mit denen man zusammenarbeitet, wie das Institut Francaise, das British Council oder das Goetheinstitut. Auch von seitens des marokkanischen Königs könnte Geld kommen, schließlich hat das EAC vor einigen Jahren in schwierigen Zeiten schon mal eine großzügige finanzielle Unterstützung vom Königshaus erhalten.

Der erste Festivaltag steht ganz im Zeichen von HipHop. Erster Eindruck vom Publikum: Das ist hier eine Sache für junge männliche Marokkaner. Frauen sind an diesem warmen Spätnachmittag fast keine zu sehen. Mit den Gigs der Lokalhelden SHAYFEEN und SA3ERMAN erlebe ich mein erstes HipHop-Konzert auf afrikanischem Boden. Während beide von der einheimischen Crowd angemessen gefeiert werden, schlendere Ich etwas ziellos rum und schaue mir dieses Spektakel neugierig aus der Distanz an. Kurz darauf stehen ALO WALA aus Dänemark auf der Bühne, ein echter erster Höhepunkt, was nicht nur an der sehr charismatischen Sängerin Shivani Ahlowalia liegt. Die Mische aus Hip Hop, Electro, Dancehall und Crunk bringt sogar den etwas fremdelnden Festivalbesucher aus Berlin zum Tanzen. Mit „Little Lotto“ haben sie mindestens einen einprägsamen Hit am Start, was die wie die jungen Hunde zappelnden Casablancanesen genauso sehen.

Letzter Gast auf der Boulevardbühne am HipHop-Donnerstag ist Yassii Bey. Nie gehört? Kennt man aber doch, denn früher nannte sich dieser Mann Mos Def. Ich habe eigentlich nicht viel Ahnung von HipHop, aber Mos Def sagt sogar mir was. Hip Hop scheint in Casablanca recht groß zu sein, denn kaum steht Yassii auf der Bühne, wird er furios abgefeiert. Und das obwohl er entweder in eine Coladose, einen Akkuschrauber oder ein knallrotes Elvis-Mikro singt. Das ist nicht so genau zu erkennen. Klar erkennbar ist allerdings, dass dem Herrn im Laufe der Jahre seiner langjährigen Karriere die Energie nicht abhandengekommen ist. Munter hüpft er über die Bühne, rappt mit Hilfe der Beats und Samples seines DJs, der sich ganz galant im Hintergrund hält, ganz flüssig seine Hits runter. Die Meute liebt’s und kann so manches sogar mitsingen. Mitsprechen. Wie auch immer. Sauber abgeliefert, Yassii.

Ein Pluspunkt des Boulevards ist definitiv, dass die Veranstalter das Tagesprogramm nicht bis zum Anschlag mit Bands vollgeknallt haben, sondern den Zeitplan recht entspannt gestalten. Vier, höchstens sechs Bands/Acts sind pro Tag angesetzt. Das kommt meiner eh nicht sehr ausgeprägten Aufmerksamkeitspanne sehr entgegen und man ist auch nicht gleich nach zwei Festivaltagen total zermürbt. Was auch sehr Anti-Zermürbend wirkt, ist die Tatsache, dass auf dem Festivalgelände kein Alkohol ausgeschenkt wurde. Ist in islamischen Ländern im öffentlichen Raum eh nicht so angesagt, bei einem Open-Air-Festival wie diesem fällt mir aber die Abwesenheit von torkelnden Druffis oder wild überall hin ausscheidenden Alko-Zombies doch eklatant auf. Gefällt mir eigentlich ganz gut. Wie das wohl wäre, hierzulande ein komplett Alk-freies Festival abzuziehen? Wahrscheinlich ein komplettes Desaster.

Recht früh tauche ich am zweiten Tag beim Boulevard auf, um endlich mal die bekannten Gesichter vom EAC Boulevard-Kulturzentrum zu treffen. Vorher bekomme ich noch das Set von Gee Bayss aus dem Senegal mit, der einen recht geilen Mix aus alten Afro-Beat-Hits zusammenmischt. Kein Wunder, macht er ja auch schon seit 1993 und ist seitdem auch als Mitglied von PEE FROIS unterwegs, einer der bekanntesten senegalesischen Hip-Hop-Crews. Im Zelt der Freunde vom Festivalradio des Boulevard abhängend, läuft der zweiten Act des Tages, ACID ARAB etwas an mir vorbei.
Da war freudiges Wiedersehen mit allen Freunden vom Boulevard doch wichtiger als die etwas nervige Mische aus Kirmes-Techno und Flicker-Electro. Festivalradio geht übrigens in diesem Fall so: Alle Konzerte werden live im Web-Radio übertragen und in den Umbaupausen finden sich immer 3-4 Moderatoren am großen gemeinsamen Tisch zusammen und interviewen jeden Gast, der vorher noch auf der Bühne gestanden hat. Dabei werden Unmengen von Red Bull getrunken, ein bisschen gekifft oder auch hübsche Aschenbecher aus den eben geleerten Red-Bull-Dosen gebastelt.

Danach ASIAN DUB FOUNDATION. Die verbinde ich immer spontan mit den Zeiten, in denen es beim VISIONS noch eine Tape-Beilage gab. Lange her das alles und deshalb bin ich ehrlich überrascht zu sehen, dass die noch am Start sind und immer noch eine sehr energiegeladene Show abliefern können. Interessant auch, dass sie sehr nach, nunja, elektronischer Musik klingen, nach Drum’n‘Bass, nach Dub Step, nach Dancehall, aber all das live mit einer kompletten Bandbesetzung sehr souverän hinkriegen. Davon ab kriegt man einen Querflöten-Spieler, der gleichzeitig auch noch Beatboxen kann, eben nicht in jeder 08/15-Rockkapelle zu sehen.

Auch wenn man das denken könnte, waren ADF nicht der Headliner des Abends. Als sich die Nacht über das Stadion senkt, betritt mit Hamid El Kasri, einer der bekannteste Gnawa-Musiker des Landes, die Bühne und wird aufs Unglaublichste abgefeiert. Gnawamusik gehört zu Marokko wie das Couscous am Freitag.

Ursprünglich handelt es sich dabei um die Musik des gleichnamigen Volksstammes der Gnawa. Gnawa ist der marokkanische Begriff für die Nachfahren der schwarzafrikanischen Sklaven in Marokko. Auch Angehörige des in Westafrika beheimateten Stammes der Hausa wurden in Marokko so bezeichnet. Das Wort leitet sich ursprünglich von dem Wort für die Bewohner der früheren Hausa-Hauptstadt Kano, den Kanawa, ab. Musikalisch war Gnawa anfangs etwas gewöhnungsbedürftig für meine mit Rockmusik zugekleisterten Ohren. Die Rhythmen sind ebenso ungewöhnlich wie die Instrumentierung. Charakteristisch für Gnawamusik ist der Einsatz der Gimbri, einer dreisaitigen, ziemlich tiefen Laute, die aus einem Holzkorpus und Saiten aus Schafsdarm besteht, und großen schweren Kastagnetten aus Metal, den Qaraqib.

Lässt man sich allerdings länger darauf ein, stellt sich eine ähnliche Stimmung, wie bei ganz ursprünglichen Bluesaufnahmen oder alten Reggae-Tracks ein. Das ist alles reduziert, sehr repetitiv, hat aber dadurch einen fast schon meditativen Charakter. Da ist es dann wenig erstaunlich, dass Gnawasessions teilweise die ganze Nacht dauern können. Hamid El-Kasri hat Gnawa vielleicht nicht revolutioniert, aber er hat es soundmäßig so aufgepimpt, dass es auch auf einer großen Bühne funktioniert. Ergänzend zu Gimbri und Qaraquib und einem sechs-köpfigen Chor kommen live gleich zwei Schlagzeuge, E-Bass, Gitarre und ein Bläsersatz dazu. So kann man mit Gnawa schnell mal ein ganzes Stadion beschallen und ganze Familien, Frauen, Männer, Kleinkinder und aufmüpfige Teenager dazu bringen, komplett abzutanzen.



Samstag ist Metaltag beim Boulevard. Den Anfang machen IMPULSE aus Rabat mit recht gefälligem Alternative/Psychedelic-Rock, der als Aufwärmübung für die kommenden Lärm gar nicht schlecht daherkommt. Interessant ist dabei, dass IMPULSE die einzige Band des Festivals sind, bei der eine Gitarristin auf der Bühne steht. Die lokalen Helden HINDERMINDS und VISCIOUS VISIONS werden beim Publikum ohne Ende abgefeiert, inklusive Mosh und Pogopit. So recht vom Hocker hauen sie mich allerdings live nicht. Vielleicht sind es auch eher Bands für einen kleineren Club, VISCIOUS VISIONS haben zumindest auf Platte ein paar gute Songs am Start.

Interessant beim Pogomob vor der Bühne ist, dass die Security sich beim Durchgreifen anscheinend was von der FIFA abgeschaut hat. Passt ja, schließlich sind wir ja in einem Fußballstadion. Wenn sich einer im Publikum beim Abtanzen das Shirt vom Leib reißt, ist ganz fix die Sicherheit da und begleitet ihn, tja, wohin? Erstmal raus. Soviel bekomme ich mit. Ob man dann nach einer Fünf-Minutensperre wieder rein darf? Oder ist man dann für den Rest des Abends gesperrt? Größere Revolten oder Aufstände gegen die Staatsgewalt gibt es aufgrund dieses Eingreifens aber interessanterweise nie. Vielleicht auch eine Folge, dass hier kein Alkohol im Spiel ist.

Dritte Band des Abends sind die Spanier ANGELUS APATRIDA, die ich in meinem Kleinhirn unter dem Namen ANGELUS ASPARAGUS abspeichere. Metalbands so, scheint es Gesetz zu sein, müssen auf einem Festival immer ein bisschen lauter als die vorherige Combo sein. Der Speed/Thrash-Stiefel aus der Slayer/Metallica/Pantera-Schule von diesen Spargelengeln ist schon höllisch laut, die darauffolgenden LOUDBLAST, die einen eher Deathmetal-lastigen Sound fahren, legen aber noch eine Schippe drauf. Meine Ohren fiepen wie kleine ängstliche Mäuse und so ziehe ich mich erschöpft ins gemütlich erscheinende Pressezelt zurück. Irgendwann sind LOUDBLAST fertig, Stille folgt und kein DJ legt mehr auf. Gut so.

Auf dem Heimweg erwarte ich nicht mehr viel, werde aber noch von den schon erwähnten IMPULSE aufgegabelt, die mich noch mit in einen kleine Bar unweit meines Hotels schleppen, in der zwei DJs fröhlich simple Elektromusik auflegen. Zwei Bier, etwas Whiskey-Cola später ist es zwei Uhr und der Laden macht zu. Reicht auch.

Der letzte Boulevard-Tag ist vom Line-Up her wieder um einiges bunter gemischter. Mit Khansa Bathma steht eine marokkanische Rockröhre auf der Bühne, allerdings viel unpeinlicher als Doro Pesch oder Konsorten. Bin ich anfangs noch etwas unbeeindruckt von dem Hardrock der dazugehörigen Band, bekommt das Ganze im Laufe des Sets doch mehr Schwung und Originalität, besonders dann, wenn Khansa zeigt, dass sie an den richtigen Stellen auch sehr eindrucksvoll schreien kann.

DJ Vadim sorgt mit seinem Balkan-Beat-Dub-Funk-Set für die bis dahin ausgelassenste Stimmung des Tages. Beim Interview später im Radio-Zelt wirkt er dann mit seiner Riesen-Brille und der Basecap mit dem hochgeklappten Schirm wie ein sympathischer Nerd, der sich auf dem Weg vom Plattenladen mal eben auf eine Festival-Bühne verirrt hat.

Die Straße von Gibraltar ist an ihrer engsten Stelle 14 Kilometer breit. 14 KM macht da als Name für ein kontinentübergeifendes Kooperations-Projekt von drei marokkanischen und drei spanischen Musikern auf alle Fälle schon Sinn. Musikalsich treffen sich dabei HipHop, Funk und Reggae und werden sehr souverän miteinander gemischt und vom Publikum bestens angenommen. Nur verstanden habe ich mal wieder keine einzige Zeile.

Der allerletzte Slot bleibt natürlich dem absoluten Highlight vorbehalten – und das sind GNAWA DIFFUSION aus Grenoble. Hatte Hamid El Kasri zwei Tage vorher eine eher traditionelle Gnawa-Version abgeliefert, gehen GNAWA DIFFUSION einen Weg, der sich schon bei vielen anderen Bands als besonders interessant erwiesen hat: Die Kreuzung zweier vorher so nicht verbundener Stile. Ursprünglicher Gnawasound wird hier mit Reggae und Dancehall gekreuzt und was dabei raus kommt, ist ein sehr cooler Crossover. Gegründet hat Sänger Amazigh Kateb, der auch die Gimbri spielt, schon 1992. Bis 2007 wurden acht Platten veröffentlicht, die auch in Europa auf viel Beachtung gestoßen sind. Danach war fürs erste Schluss, allerdings fand man 2012 wieder zusammen.



Von der Idee fühlte ich mich ein wenig an diversen Kooperationen erinnernd, die Fermin Muguruza zuweilen auf die Beine stellt, nur halt eben ohne Punkrock-Faktor dabei. Live sind GNAWA DIFFUSION jedenfalls eine großartige Band, die lustigerweise auch ein paar beinharte Casablanca-Punks in ihren Ramones/Misfits-Kutten zum Tanzen bringt. Und dann? Dann ist es vorbei, das ganze Festival. Draußen herrscht wieder Stille in einer warmen Septembernacht. Nur im Radiozelt wird noch lange Zeit bei Red Bull und Kif mit Amazigh Kateb über GNAWA DIFFUSION geredet. Das Stadion leert sich, die Crew macht sich langsam an den Abbau. Und ich? Mache mich, das Lied von Grizzly Adams pfeifend, angesichts des frühen Flugs am nächsten Morgen ganz brav zeitig auf den Weg ins Hotel.

www.boulevard.ma

Gary Flanell